Die alte Karkasse

»Bei dem gemeinsamen Abendessen an jenem historischen Tage«, so

erzählt Bismarck, »waren beide sehr niedergeschlagen und machten

mir indirekt Vorwürfe, daß ich die im Vergleiche mit ihnen größere

Leichtigkeit des Rückzuges aus dem Dienste egoistisch benutzte.

Ich vertrat die Meinung, daß ich mein Ehrgefühl nicht der Politik

opfern könne, daß sie beide als Berufssoldaten wegen der Unfreiheit

ihrer Entschließung nicht dieselben Gesichtspunkte zu nehmen

brauchten als ein verantwortlicher Auswärtiger Minister. Während

der Unterhaltung wurde mir gemeldet, daß ein Ziffertelegramm, wenn

ich mich recht erinnere, von ungefähr zweihundert Gruppen, aus

Ems, von dem Geheimrat Abeken unterzeichnet, in der Übersetzung

begriffen sei. Nachdem mir die Entzifferung überbracht war,

welche ergab, daß Abeken das Telegramm auf Befehl Seiner Majestät

redigiert und unterzeichnet hatte, las ich dasselbe meinen

Gästen vor, deren Niedergeschlagenheit so tief wurde, daß sie

Speise und Trank verschmähten. Bei wiederholter Prüfung des

Aktenstückes verweilte ich bei der einen Auftrag involvierenden

Ermächtigung Seiner Majestät, die neue Forderung Benedettis und

ihre Zurückweisung sogleich sowohl unseren Gesandten als in der

Presse mitzuteilen. Ich stellte an Moltke einige Fragen in bezug

auf das Maß seines Vertrauens auf den Stand unserer Rüstungen,

respektive auf die Zeit, deren dieselben bei der überraschend

aufgetauchten Kriegsgefahr noch bedürfen würden. Er antwortete, daß

er, wenn Krieg werden sollte, von einem Aufschub des Ausbruches

keinen Vorteil für uns erwarte; selbst wenn wir zunächst

nicht stark genug sein sollten, sofort alle linksrheinischen

Landesteile gegen französische Invasion zu decken, so würde unsere

Kriegsbereitschaft die französische sehr bald überholen, während

in einer späteren Periode dieser Vorteil sich abschwächen würde;

er halte den schnellen Ausbruch im ganzen für uns vorteilhafter

als eine Verschleppung ... Nachdem ich die Depesche redigiert

hatte, bemerkte Moltke: ›So hat das einen anderen Klang, vorher

klang es wie Schamade, jetzt wie eine Fanfare in Antwort auf

eine Herausforderung.‹ Ich erläuterte: ›Wenn ich diesen Text,

welcher keine Änderungen und keinen Zusatz des Telegramms

enthält, in Ausführung des Allerhöchsten Auftrages sofort nicht

nur an die Zeitungen, sondern auch telegraphisch an alle unsere

Gesandtschaften mitteile, so wird er vor Mitternacht in Paris

bekannt sein und dort nicht nur wegen des Inhaltes, sondern auch

wegen der Art der Verbreitung den Eindruck des roten Tuches auf

den gallischen Stier machen. Schlagen müssen wir, wenn wir nicht

die Rolle des Geschlagenen ohne Kampf auf uns nehmen wollen.

Der Erfolg hängt aber doch wesentlich von den Eindrücken bei

uns und anderen ab, die der Ursprung des Krieges hervorruft; es

ist wichtig, daß wir die Angegriffenen seien, und die gallische

Überhebung und Reizbarkeit wird uns dazu machen, wenn wir mit

europäischer Öffentlichkeit, soweit es uns ohne das Sprachrohr

des Reichstags möglich ist, verkünden, daß wir den öffentlichen

Drohungen Frankreichs furchtlos entgegentreten ...‹ Diese meine

Auseinandersetzung erzeugte bei den beiden Generalen einen Umschlag

zu freudiger Stimmung, dessen Lebhaftigkeit mich überraschte. Sie

hatten plötzlich die Lust zu essen und zu trinken wiedergefunden

und sprachen in heiterer Laune. Roon sagte: ›Der alte Gott lebt

noch und wird uns nicht in Schande verkommen lassen.‹ Moltke trat

so weit aus seiner gleichmütigen Passivität heraus, daß er sich,

mit freudigem Blick gegen die Zimmerdecke und mit Verzicht auf

seine sonstige Gemessenheit in Worten, mit der Hand vor die Brust

schlug und sagte: ›Wenn ich das noch erlebe, in solchem Krieg

unsere Heere zu führen, so mag gleich nachher ›die alte Karkasse‹

der Teufel holen.‹ Er war damals hinfälliger als später und hatte

Zweifel, ob er die Strapazen des Feldzugs überleben werde.«

[Illustration: ~Bismarck im Parlament~

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 171 / 334 题