Mit aufrichtiger Hochachtung bin ich

Ew. Exzellenz

ganz ergebenster

B., 23. März 1859. Levinstein.‹

Ich ließ den Brief unbeantwortet und erhielt im Laufe des Tages

vor meiner Abfahrt zum Hotel Royal, wo ich logierte, den Besuch

des Herrn Levinstein. Nachdem er sich durch Vorzeigung eines

eigenhändigen Einführungsschreibens des Grafen Buol legitimiert

hatte, machte er mir den Vorschlag zur Beteiligung an einem

Finanzgeschäft, welches mir ›jährlich 20000 Taler mit Sicherheit‹

abwerfen würde. Auf meine Erwiderung, daß ich keine Kapitalien

anzulegen hatte, erfolgte die Antwort, daß Geldeinschüsse zu dem

Geschäft nicht erforderlich seien, sondern daß meine Einlage

darin bestehen würde, daß ich mit der preußischen auch die

österreichische Politik am russischen Hofe befürwortete, weil die

fraglichen Geschäfte nur gelingen könnten, wenn die Beziehungen

zwischen Rußland und Österreich günstig wären. Mir war daran

gelegen, irgendwelches schriftliches Zeugnis über dieses Anerbieten

in die Hand zu bekommen, um dadurch dem Regenten den Beweis zu

liefern, wie gerechtfertigt mein Mißtrauen gegen die Politik des

Grafen Buol war. Ich hielt deshalb dem Levinstein vor, daß ich

bei einem so bedenklichen Geschäft doch eine stärkere Sicherheit

haben müßte als seine mündliche Äußerung auf Grund der wenigen

Zeilen von der Hand des Grafen Buol, die er an sich behalten

habe. Er wollte sich nicht dazu verstehen, mir eine schriftliche

Zusage zu beschaffen, erhöhte aber sein Anerbieten auf 30000 Taler

jährlich. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß ich schriftliches

Beweismaterial nicht erlangen würde, ersuchte ich Levinstein, mich

zu verlassen, und schickte mich zum Ausgehen an. Er folgte mir auf

die Treppe unter beweglichen Redensarten über das Thema: ›Sehen

Sie sich vor, es ist nicht angenehm, die Kaiserliche Regierung zum

Feinde zu haben.‹ Erst als ich ihn auf die Steilheit der Treppe und

auf meine körperliche Überlegenheit aufmerksam machte, stieg er vor

mir schnell die Treppe hinab und verließ mich. Dieser Unterhändler

war mir persönlich bekannt geworden durch die Vertrauensstellung,

welche er seit Jahren im Auswärtigen Ministerium eingenommen,

und durch die Aufträge, welche er von dort für mich zur Zeit

Manteuffels erhielt. Er pflegte seine Beziehungen in den unteren

Stellen durch übermäßige Trinkgelder. Als ich Minister geworden war

und das Verhältnis des Auswärtigen Amts zu Levinstein abgebrochen

hatte, wurden wiederholt Versuche gemacht, dasselbe wieder in

Gang zu bringen, namentlich von dem Konsul Bamberg in Paris, der

mehrmals zu mir kam und mir Vorwürfe darüber machte, daß ich

einen ›so ausgezeichneten Mann‹, der eine solche Stellung an den

europäischen Höfen habe, wie Levinstein, so schlecht behandeln

könnte.«

[Illustration: ~Bismarck in Petersburg kaltgestellt~ 1858

Auf der Flasche, deren Hals Bismarck darstellt, steht geschrieben:

»Geist der Wahrheit«, und auf den Sternen: »Einigkeit, Gerechtigkeit,

Treue, Moral«. Der alte deutsche Bund, Österreich und die heilige

Allianz tanzen um den Kübel. (Vignette von Daelen aus: »Bismarcks

Himmelfahrt«)]

Am 23. März trat Bismarck seine beschwerliche Reise nach Petersburg

an. Die Verbindungen in jener Zeit waren nicht gerade erfreulich. Denn

die Eisenbahn führte nur bis Königsberg, von wo aus die Fahrt im Wagen

fortgesetzt werden mußte. Aber an der neuen Stätte seines Wirkens hat

sich Bismarck doch schnell zurechtgefunden. Er war bald ein ständiger

Gast des Zaren, der mit ihm eine Reihe von vertraulichen Gesprächen

führte und ihm vor allen anderen Vertretern der fremden Mächte den

Vorzug gab. Auch führte ihn Jagdlust und das Bedürfnis, Land und

Leute kennen zu lernen, immer wieder tiefer in das Innere des Landes.

»Geschäftlich«, so schrieb er einmal, »ist meine Stellung hier sehr

angenehm, habe viel zu tun mit vierzigtausend Preußen, deren Polizei,

Advokat, Richter, Aushebungsbehörde und Landrat man ist, täglich

zwanzig bis fünfzig Unterschriften, ohne Pässe. Ich bin noch immer wie

im Biwak, mit einigen in der Eile gekauften Betten, Handtüchern und

Tassen, ohne Koch und Küche, weil alles Geschirr fehlt, und bei der

Hitze ohne Sommerzeug.« Aber auch manches artige Erlebnis hatte der

Staatsmann zu verzeichnen. So erzählte er später:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 108 / 334 题