In den Plenarversammlungen des Bundestages war das Protokoll so
geführt worden, daß Bismarck sich öfter zu Beschwerden veranlaßt
sah. Einmal zwang er Herrn von Prokesch sogar zu einer Änderung
des Protokolls, auf das sich dieser in einer Versammlung mit den
Worten berufen hatte: »Wenn das nicht wahr wäre, so hätte ich ja
im Namen der Kaiserlich Königlichen Regierung gelogen.« Dabei sah
er Bismarck an, dieser sieht ihn wieder an und sagte gelassen:
»Allerdings, Exzellenz.« Prokesch war offenbar erschrocken, und als
er sich umblickte und lauter niedergeschlagenen Augen begegnete
und einem tiefen Schweigen, das Bismarck recht gab, wendete er
sich still ab und ging ins Speisezimmer, wo gedeckt war. »Nach
Tisch hatte er sich erholt«, erzählt Bismarck den Vorfall weiter.
»Da kam er auf mich zu — mit einem gefüllten Glase — sonst hätte
ich gedacht, er wolle mich fordern — und sagte: ›Na, lassen Sie
uns Frieden machen.‹ — ›Warum denn nicht?‹ sagte ich. ›Aber das
Protokoll muß doch geändert werden!‹ — ›Sie sind unverbesserlich‹,
erwiderte er lächelnd, und damit war’s gut. Das Protokoll wurde
geändert und damit anerkannt, daß es die Unwahrheit enthalten
hatte.«
Die Frankfurter Zeit ist vielfach durch große Reisen unterbrochen
worden, die Bismarck nicht nur zur Erholung, sondern auch aus
dienstlichen Gründen unternahm. Sie führten ihn auch nach Wien und
Pest und so zur intimen Kenntnis all der Persönlichkeiten, die in
der Doppelmonarchie eine Rolle spielten. Auch diese Reisen mußten
den Blick des Staatsmannes, der stets die Psychologie, die Kenntnis
der Menschen zur Grundlage seines politischen Handelns machte, nach
jeder Richtung erweitern. Seine Briefe, besonders von diesen Reisen
in den Kaiserstaat, atmen aber alles andere als politische Sorgen.
Sie zeigen vielmehr eine außerordentliche Beobachtung der Dinge, eine
kräftige Erfassung des Lebens und eine Plastik der Darstellung, die
das Urteil rechtfertigt, daß Bismarck einer der größten Meister der
deutschen Sprachkunst war. In Wien hatte Bismarck den Auftrag, statt
des Zollvereins einen Handelsvertrag mit Österreich zu vereinbaren.
Es gelang ihm, durch Offenheit und Entgegenkommen in der Form, bei
unerschütterlicher Festigkeit in der Sache, die Stellung Preußens
gegenüber den österreichischen Ansprüchen in sicherer Weise zu wahren
und auch hier dem Ziele näher zu kommen, das ihm für die Zukunft
überaus klar vor Augen stand: Preußen nicht nur gleichwertig neben
den Kaiserstaat zu stellen, sondern diesem Lande selbst durch einen
blutigen Konflikt mit Österreich die Führung in Deutschland zu
sichern. Schon hier hat er bewirkt, daß der Widerstand, den man in
Potsdam nur zögernd zu leisten wagte, gefestigt und die Gefahr einer
schwächlichen Nachgiebigkeit beseitigt wurde. Allerdings geriet er
hierdurch in Konflikt mit der Kreuzzeitungspartei, mit seinen eigenen
alten Freunden, die seine Tätigkeit in einer Weise kritisierten, als
ob der Staat durch ihn an den Rand des Verderbens gebracht worden sei.
Bald genug sah sich Bismarck genötigt, auch sonst den konservativen
Heißspornen, die an Österreich hingen und am liebsten zu einem Bruch
mit dem revolutionären Kaisertum Napoleons gedrängt hätten, mit aller
Schärfe entgegenzutreten. Er hege zwar keine Sympathien für ein
französisches Bündnis, aber er sehe nur dann die Möglichkeit gegeben,
sich von dem östlichen Nachbarn unabhängig zu erhalten, wenn man
möglichst freundliche Beziehungen nach Westen hin pflege; man dürfe
die Möglichkeit, unter Umständen ein Bündnis mit Frankreich als das
kleinere von zwei Übeln zu wählen, sich nicht abschneiden, wenn man
auch niemals Gebrauch davon machen sollte. Vor allem warnte Bismarck,
durch eine Pressepolemik gegen die Heirat Napoleons mit der Gräfin
Eugenie von Montijo nicht unnütze Bitterkeit zu erregen. Napoleon möge
heiraten, wen oder wie er Lust habe; auch wenn er seinen verliebten
Gelüsten den Mantel der Volkstümlichkeit umzuhängen suche, so sei das
für Preußen gleichgültig. Es ist schon hier »die Politik der zwei Eisen
im Feuer«, die Bismarck später mit so gewaltigem Erfolge zur Grundlage
seines Systems erwählte.
Mehr und mehr gewann überhaupt der Frankfurter Bundesgesandte Einfluß
auf die Grundlinien der Berliner Politik. Immer wieder ließ ihn
der König nach Potsdam kommen: »Ich habe auf den Reisen zwischen
Frankfurt und Berlin über Guntershausen in einem Jahre zweitausend
Meilen gemacht, damals stets die neue Zigarre an der vorhergehenden
anzündend oder gut schlafend.« Der König verlangte von ihm nicht nur
ein Urteil über Fragen der deutschen und der auswärtigen Politik,
sondern beauftragte ihn auch mit der Ausarbeitung von Gegenprojekten
gegen die Entwürfe des Auswärtigen Amtes. In der Zeit, als der Konflikt
zwischen Frankreich und Rußland drohte, der zum Krimkriege führte, war
es Bismarck vor allem, der davor warnte, den langjährigen Frieden mit
Rußland für andere als preußische Interessen in Frage zu stellen.
Warum nicht nach Leipzig und Roßbach?
Über diese Haltung und den Einfluß Bismarcks auf den König war der
Vertreter Frankreichs natürlich in hohem Maß erbittert. Marquis
Moustier, so hieß er, ließ sich bei einem Besuche, den Bismarck
ihm machte, durch die Lebhaftigkeit seines Temperamentes zu der
bedrohlichen Äußerung hinreißen: »=La politique que vous faites, va
vous conduire à Jena=«, worauf Bismarck erwiderte: »=Pourquoi pas
à Leipzig ou à Roßbach?=« Moustier war eine so unabhängige Sprache
in Berlin nicht gewohnt und wurde stumm und bleich vor Zorn. Nach
einigem Schweigen setzte Bismarck hinzu: »=Enfin toute nation a
perdu et gagné des batailles. Je ne suis pas venu pour faire avec
vous un cours d’histoire.=« Die Unterhaltung kam nicht wieder in
Fluß. Der Gesandte beschwerte sich bei dem Minister von Manteuffel,
der die Beschwerde an den König brachte. Aber dieser lobte Bismarck
laut wegen der richtigen Antwort, die er dem Franzosen gegeben habe.
Auch den Landtagsverhandlungen mußte Bismarck wiederholt beiwohnen. Von
einer dieser Reisen berichtet er in einem amüsanten Brief aus Halle.