Frankfurt

Es ist psychologisch merkwürdig, daß gerade der unentschlossenste aller

preußischen Könige es war, der den entschlossensten Charakter seiner

Zeit entdeckte und zu sich heranzog. Schon bei der ersten Begegnung

hat Friedrich Wilhelm =IV.= den tapferen Junker aus der Altmark

ausgezeichnet; das treue und mannhafte Verhalten während der schweren

Tage der Revolution ließ in ihm die beste Stütze der staatlichen

Grundlagen ahnen. Und schon damals hatte man ihm geraten, den jungen

Deichhauptmann zum Minister zu machen. Aber der König mochte fürchten,

durch die Berufung eines solchen Mannes die herrschende Erregung noch

zu schüren. »Roter Reaktionär! Riecht nach Blut! Vielleicht später zu

gebrauchen« oder, wie Bismarck versichert: »Nur zu gebrauchen, wenn das

Bajonett schadenlos waltet«, so lautete das Urteil des Königs. Bismarck

stand damals, so schreibt Sybel, in der vollen Blüte des kräftigsten

Mannesalters. Eine hohe Gestalt, welche die Mehrzahl der Menschenkinder

um eine Kopfeslänge überragte, ein gesundheitsstrahlendes Antlitz,

ein von Intelligenz belebter Blick, in Mund und Kinn der Ausdruck

unbeugsamen Willens, in jedem Gespräch erfüllt von originellen

Gedanken, farbigen Bildern, frappanten Wendungen, von gewinnender

Liebenswürdigkeit im geselligen, von schneidender Überlegenheit im

geschäftlichen Verkehr. Sein Bildungsgang war großenteils der eines

Autodidakten; die frische Ursprünglichkeit hatte er weder durch

mechanische Schulung noch durch äußerlichen Dienstzwang einschnüren

oder umschleifen lassen. Eine freigebige Natur hatte ihn mit allen

Erfordernissen des Herrscherberufes ausgestattet, mit rascher und

durchdringender Auffassung aller Verhältnisse, mit scharfer Erkenntnis

der Stärken und Schwächen jeder Position, mit sicherem Blick für die

Brauchbarkeit der verschiedensten Menschen zur Förderung seiner Zwecke.

Mit einer unerschütterlichen Willenskraft in der Verfolgung seiner

Absichten verband er eine niemals versagende Elastizität des Geistes in

der wechselnden Anwendung des jedesmal zweckmäßigen Verfahrens; ohne

jemals einen systematischen Unterricht durchgemacht zu haben, besaß er

die Fähigkeit, die Thucydides von Themistokles rühmt, durch die Macht

seiner Natur in kurzem Nachdenken das Erforderliche sofort zu treffen.

In der Tat erinnerte Bismarck durch die Frühreife des Talentes und

die Beherrschung der Vorgesetzten lebhaft auch an das Auftreten des

Generals Bonaparte im Jahre 1796. Aber statt der kolossalen, jedes

andere Gefühl erdrückenden Selbstsucht des korsischen Imperators

zeigt sich bei Bismarck die patriotische Hingabe an den Staat, die

unbedingte Pflichttreue gegen König und Vaterland. Aus dem Bedürfnis

heraus, Preußen zu Macht und Blüte zu erheben, wird er, der bisher

nur Parteimann war, im prägnantesten Sinne des Wortes der Diener des

Staates.

Über die entscheidende Unterredung mit dem König berichtet Bismarck:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 79 / 334 题