Der renitente Schriftführer

Auf der Journalistentribüne des Erfurter Volkshauses saßen u. a.

zwei Journalisten, deren österreich-feindliche Berichte Bismarcks

besonderes Mißfallen erregt hatten. Der eine dieser Herren war

der Braunschweiger Ludwig v. Rochau, der begeisterte nationale

Kämpfer und spätere Historiker, der wegen seiner Beteiligung

an den burschenschaftlichen »Umtrieben« und namentlich an dem

Frankfurter Attentat zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurteilt,

aber nach Paris entflohen und erst im Jahre 1848 nach Deutschland

zurückgekehrt war, wo er bis 1851 für Zeitungen schrieb. Er war

damals in Erfurt ein ebenso untadeliger deutscher Patriot wie

später, da er als Historiker und Abgeordneter des norddeutschen

Reichstags für Bismarcks Politik in trefflichen Schriften und Reden

eintrat. Der Name des anderen Urhebers von Bismarcks Mißvergnügen

ist von keiner Bedeutung. An diese beiden Herren richtete nun

Bismarck ein amtliches Schreiben, welches unterzeichnet war: »Das

Schriftführeramt des Volkshauses zu Erfurt, von Bismarck.« In

diesem Schreiben zeigte er den Herren an, daß ihnen die Plätze auf

der Journalistentribüne entzogen würden, wenn sie fortführen, ihre

Berichte in einem Österreich feindlichen Sinne zu schreiben. Der

eine Betroffene mit dem minder bekannten Namen wandte sich einfach

an =Dr.= Simson mit der Anfrage, ob denn dieser erstaunliche Erlaß

mit Wissen des Präsidenten des Volkshauses ergangen sei. Rochau

dagegen hielt diese Frage für überflüssig, da er in dem Ukas

des »Schriftführeramtes« nur eine unzweifelhaft ganz ungehörige

Eigenmächtigkeit des ihm damals wenig sympathischen Abgeordneten

von Bismarck-Schönhausen erblickte. Er schrieb daher dem Herrn

von Bismarck einen recht scharfen und beleidigenden Brief. Fast

zu gleicher Zeit empfing Präsident Simson die Nachricht von dem

ungewöhnlichen Vorfall, nämlich durch das Schreiben des minder

Berühmten und durch das persönliche Verlangen Bismarcks, ihm selbst

volle Genugtuung gegen den frechen Rochau zu verschaffen. Simson

richtete darauf an Bismarck vorläufig nur die Frage, ob dieser im

Namen des »Schriftführeramtes des Volkshauses zu Erfurt« die beiden

Schreiben an die beiden Gentlemen gerichtet habe, was Bismarck

mit der Zuversicht einer guten und gerechten Tat bejahte. Darauf

wurde der »Schriftführer des Volkshauses«, der zugleich anklagte

und verklagt war, vom Präsidenten auf eine frühe Abendstunde zu

einer Unterredung unter vier Augen eingeladen. Von dem, was dann

hier weiter vorgegangen ist, war Präsident Simson noch nach fast

zwanzig Jahren, da er dem Verfasser dieses Ereignis erzählte,

einigermaßen erregt: »Bis nach Mitternacht rangen wir förmlich

gegeneinander in Worten, so daß die Wände erdröhnten«, berichtete

er etwa von dieser Szene. »Sie müssen sich eben diesen gewaltigen

Mann um fast zwanzig Jahre jünger denken.« Schließlich fügte sich

aber Bismarck doch den Vorstellungen Simsons, indem er seinen Ukas

zurücknahm. Simson dagegen entzog Herrn v. Rochau den Sitz auf der

Berichterstattertribüne, da er sich zu einem Widerruf der an Herrn

von Bismarck-Schönhausen gerichteten Beleidigungen nicht verstehen

wollte.

[Illustration: ~Die Kaiserdeputation.~ Karikatur aus der

Revolutionszeit]

Noch ein anderer Scherz aus jener Zeit ist für Bismarck bezeichnend:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 76 / 334 题