Seltsame Bälle

»Ich besinne mich, obwohl ich damals noch sehr klein war, es muß

im Jahre 1821 oder 1822 gewesen sein — da waren die Minister noch

sehr große Tiere, angestaunt, geheimnisvoll. Da war einmal bei

Schuckmann große Gesellschaft, was man damals Assemblée nannte. Was

war der als Minister für ein schrecklich großes Tier! Da gingen

meine Eltern auch hin. Ich weiß noch wie heute. Meine Mutter hatte

lange Handschuhe an, bis hierher (er zeigte es am Oberarm), ein

Kleid mit kurzer Taille, aufgebauschte Locken zu beiden Seiten

und auf dem Kopfe eine große Straußenfeder. — Später war da ein

Gesandter in Berlin, der gab auch solche Bälle, wo bis um drei Uhr

getanzt wurde, und wo es nichts zu essen setzte. Da weiß ich, daß

ich und ein paar gute Freunde oft hingingen, zuletzt lehnten wir

jungen Leute uns auf. Als es spät wurde, zogen wir Butterbrote aus

der Tasche und verzehrten sie. Hernach, das nächstemal, gab es zu

essen, aber wir waren nicht wieder eingeladen.«

[Illustration: Aus einem Schönschreibheft des Knaben (Aus einer

humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)]

Reicher quellen schon die Erinnerungen aus der Zeit, die Otto von

Bismarck in dem Plamannschen Institut zu Berlin verlebte, wohin man

ihn in seinem sechsten Jahre brachte. Dieses Institut war nach den

Grundsätzen Pestalozzis begründet; in dem Hause Wilhelmstraße 139

lebten etwa dreißig Schüler in der strengen Zucht ihrer Lehrer, nach

den Erziehungsgrundsätzen der eben vergangenen eisernen Zeit. Hier

sollte der Körper gestählt, die Persönlichkeit nach allen Seiten

ausgebildet und zur Selbständigkeit erzogen werden. Hier hat der

Knabe, vielfach vom Heimweh nach den Pferden und Kühen und der freien

Luft der Heimat gefoltert, die erste Lehrzeit des Lebens verbracht.

Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war jede Stunde des Tages

geregelt. Unterricht, Gymnastik, einfache Mahlzeiten, Arbeitsstunden

wechselten miteinander, und am Sonntag zog man wohl mit den Lehrern

auf die Wanderfahrt. Aber ganz froh ist der Knabe hier nie geworden.

Das Gärtchen mit Kresse und türkischem Weizen und dem einen Baum,

der breitgeästet im Winkel stand, konnte ihm nicht die Freiheit des

heimatlichen Lebens ersetzen. Noch in späten Jahren hat Bismarck

oft bitter von dieser Zeit seiner Kindheit gesprochen und in einer

vielleicht allzusehr gesteigerten Bitterkeit die Anstalt als ein

Zuchthaus geschildert. So hat er noch im Jahre 1872 geklagt:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 37 / 334 题