Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, und von de

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Norwegische Volksmährchen.

1.

Norwegische

Volksmährchen,

gesammelt

von

P. Asbjörnsen und Jörgen Moe.

Deutsch von Friederich Bresemann.

Mit einem Vorworte

von

Ludwig Tieck.

Erster Band.

Verlegt

von

M. Simion in Berlin.

1847.

Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.

_Vorwort._

Vor funfzig Jahren etwa waren bei vielen ernsthaften, selbst gebildeten

Leuten die Mährchen, Erzählungen von Feen und seltsamen Erscheinungen

von Gespenstern und Geistern in üblem Ruf. Die Geschichten der Tausend

und Einen Nacht genossen bei poetischen Gemüthern einige Achtung, sie

waren wenigstens von den Leihbibliotheken nicht ausgeschlossen. Die

Erzählungen meiner Mutter Gans waren über ganz Europa verbreitet, doch

nur in den Händen der Kinder. Einige Jahre früher hatte unser deutscher

Musäus seine humoristischen Volksmährchen fast als stärkendes Mittel in

die damals überfluthende weichliche Sentimentalität hineingeworfen, und

sie fanden allgemeinen Beifall, den sie auch bis jetzt sich erhalten

haben, obgleich das poetische Element dieser alten Volks-Sagen und

Dichtungen nicht selten durch Anspielungen auf ganz moderne Dinge und zu

prosaische Zustände verfinstert ist. Man rechnete aber diese exotischen

Pflanzen und Blumen nicht zur eigentlichen Literatur, und als ich um

1796 meine Versuche in dieser Art herausgab und uralte Geschichten in

ein andres Gewand kleidete, wurde ich von vielen meiner Freunde und

Wohlwollenden sehr ernsthaft getadelt.

Wie hat sich seitdem diese Gegend der Bücherwelt verwandelt! Eine ganze

reiche Literatur dieser Mährchen ist entstanden und aus allen Ländern

der Erde zusammengetragen.

Viele von diesen Volks- und Kindermährchen sind durch Tradition

und viele Jahre verwandelte und verderbte epische Gedichte, und es

ist interessant und rührend überraschend, wenn von Zeit zu Zeit im

verschütteten Grunde der alte Baum noch grünend wiedergefunden wird, den

gedächtnißlose Jahre in ein unkenntliches Sträußchen zusammengetrocknet

haben. Ergeht man sich in diesen Forschungen, so wird unser Sinn endlich

verwirrt und schwindelnd, weil bei zu genauer Untersuchung Indien

und Frankreich, Deutschland und Italien mit Island und dem Nordpol

zusammenfließen. Alle Völker, alle Kinder haben sich von je an größeren

und kleineren Mährchen ergötzt, Kinder selbst haben manche erfunden,

oder die sie hörten auf ihre Art nachgeahmt, andre, alte und junge

Frauen haben diese auf ihre Art wieder umgebildet, und so findet der

Suchende jetzt in allen Ländern zum Theil dieselben Sagen wieder, mehr

oder minder vom Clima, dem Süden oder Norden gefärbt.

Und so nehme man auch diese Sammlung freundlich auf, diesen nordischen

Strauß von Spätblumen und einigen seltsamen Pflanzen. Die interessantesten

möchten wohl die Erzählungen sein, die von einem leichten, gutmüthigen

Humor angefärbt sind. Wenn Aschenbrödel, Blaubart, und manche ganz

allgemein verbreitete Legenden oft und unter mancherlei Gestalten

vorkommen, so lasse man sich auch die oft nicht bedeutende Variation

gefallen, und bei einfachen, natürlichen Kindern müßten die meisten

dieser Geschichten Eingang und eine freundliche Aufnahme finden.

Immer in ähnlicher Gestalt mit zwei bis neun Köpfen erscheint der

ungeschlachte, boshafte Riesengeist _Troll_. Um 1790, als W. v. Schlegel

noch in Göttingen lebte, und sehr befreundet war mit unserm deutschen

Dichter Bürger, ergingen sich Lehrer und Schüler auch oft in den Wäldern

nordischer Poesie. Damals war selbst unter Gelehrten in Dänemark und

Schweden nicht viel Kunde von dieser Region, und so bildete sich der

poetische Bürger ein, unser deutsches Wort _drollig_ sei von diesem

schadenfrohen Nordgeiste abgeleitet, und in diesem Glauben bildete

Schlegel nachher in seinem Sommernachtstraum den Kobold _Droll_, statt

des englischen alt-nationalen _Puck_, welcher freilich ein ganz anderer

und mehr komischer Gesell ist, als diese Trollgeister sich zeigen.

Schon vor vielen Jahren stritt ich mit Schlegel über diesen (vielleicht

unbedeutenden) Punkt, bis denn zu Maria Weber's Oberon ein Engländer

selbst seinem Puck ungetreu geworden ist, und diesen neu beförderten

Geist _Droll_ singen und sprechen läßt.

Meinen Dank dem kundigen Übersetzer, der mich diese Sagen hat kennen

lernen, und dessen Wunsch ich gern genügt habe, ein kleines einleitendes

Wort dieser Sammlung vorzusehen.

L. TIECK.

POTSDAM in den letzten Tagen des

October 1846, unmittelbar nach einer

schweren Krankheit.

Inhalt:

Seite

1. Von Aschenbrödel, welcher die silbernen Enten, die

Bettdecke und die goldne Harfe des Trollen stahl 1

2. Der Gertrudsvogel 8

3. Der Vogel Dam 10

4. Die wortschlaue Prinzessinn 27

5. Der reiche Peter Krämer 29

6. Aschenbrödel, der mit dem Trollen um die Wette aß 45

7. Von dem Burschen, der zu dem Nordwind ging und

das Mehl zurückforderte 49

8. Die Jungfrau Maria als Gevatterinn 54

9. Die drei Prinzessinnen aus Witenland 61

10. Es giebt noch mehr solche Weiber 70

11. Einem Jeden gefallen seine Kinder am besten 78

12. Eine Freiergeschichte 79

13. Die drei Muhmen 80

14. Der Sohn der Wittwe 86

15. Die Tochter des Mannes und die Tochter der Frau 100

16. Hähnchen und Hühnchen im Nußwald 113

17. Der Bär und der Fuchs 118

#a#) Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat 118

#b#) Wie der Fuchs den Bären ums Weihnachtsessen

prellt 119

18. Gudbrand vom Berge 122

19. Kari Trästak 128

20. Der Fuchs als Hirte 146

21. Vom Schmied, den der Teufel nicht in die Hölle lassen

durfte 148

22. Der Hahn und die Henne 157

23. Der Hahn, der Kukuk und der Auerhahn 158

24. Lillekort 159

25. Die Puppe im Grase 179

26. Das Kätzchen auf Dovre 183

27. Soria-Moria-Schloß 185

28. Der Herr Peter 200

29. Aase, das kleine Gänsemädchen 208

30. Der Bursch und der Teufel 213

1.

Von Aschenbrödel,

welcher die silbernen Enten, die Bettdecke und die goldne Harfe des

Trollen stahl.

Es war einmal ein armer Mann, der hatte drei Söhne. Als er starb, wollten

die beiden ältesten in die Welt reisen, um ihr Glück zu versuchen;

aber den jüngsten wollten sie gar nicht mit haben. »Du da,« sagten sie:

»taugst zu nichts Anderm, als in der Asche zu wühlen. Du!« -- »So muß

ich denn allein gehen,« sagte _Aschenbrödel_. Die beiden gingen und

kamen zu einem Königsschloß; da erhielten sie Dienste, der eine beim

Stallmeister, und der andre beim Gärtner. Aschenbrödel ging auch fort

und nahm einen großen Backtrog mit, das war das Einzige, was die Ältern

hinterlassen hatten, wonach aber die andern beiden nichts fragten; der

Trog war zwar schwer zu tragen, aber Aschenbrödel wollte ihn doch nicht

stehen lassen. Als er eine Zeitlang gewandert war, kam er ebenfalls zu

dem Königsschloß, und dort bat er um einen Dienst. Sie antworteten ihm

aber, daß sie ihn nicht brauchen könnten; da er indeß so flehentlich

bat, sollte er zuletzt die Erlaubniß haben, in der Küche zu sein und

der Köchinn Holz und Wasser zuzutragen. Er war fleißig und flink, und

es dauerte nicht lange, so hielten Alle viel von ihm; aber die beiden

Andern waren faul, und darum bekamen sie oft Schläge und wenig Lohn und

wurden nun neidisch auf Aschenbrödel, da sie sahen, daß es ihm besser

ging.

Dem Königsschloß grade gegenüber, an der andern Seite eines Wassers,

wohnte ein Troll, der hatte sieben silberne Enten, die auf dem Wasser

schwammen, so daß man sie von dem Schloß aus sehen konnte; die hatte

sich der König oft gewünscht, und deßhalb sagten die zwei Brüder zu dem

Stallmeister: »Wenn unser Bruder wollte, so hat er sich gerühmt, dem

König die sieben silbernen Enten verschaffen zu können.« Man kann sich

wohl denken, es dauerte nicht lange, so sagte der Stallmeister es dem

König. Dieser sagte darauf zu Aschenbrödel: »Deine Brüder sagen, Du

könntest mir die silbernen Enten verschaffen, und nun verlange ich es

von Dir.« -- »Das habe ich weder gedacht, noch gesagt,« antwortete der

Bursch. »Du hast es gesagt,« sprach der König: »und darum sollst Du sie

mir schaffen.« -- »Je nun,« sagte der Bursch: »wenn's denn nicht anders

sein kann, so gieb mir nur eine Metze Rocken und eine Metze Weizen; dann

will ich's versuchen.« Das bekam er denn auch und schüttete es in den

Backtrog, den er von Hause mitgenommen hatte, und damit ruderte er über

das Wasser. Als er auf die andre Seite gekommen war, ging er am Ufer auf

und ab und streu'te und streu'te, und endlich gelang es ihm, die Enten

in den Trog zu locken und nun ruderte er, all was er nur konnte, wieder

zurück.

Als er auf die Mitte des Wassers gekommen war, kam der Troll an und ward

ihn gewahr. »Bist Du mit meinen sieben silbernen Enten davongereis't,

Du?« fragte er. »Ja--a!« sagte der Bursch. »Kommst Du noch öfter, Du?«

fragte der Troll. »Kann wohl sein,« sagte der Bursch. -- Als nun

Aschenbrödel mit den sieben silbernen Enten zurück zu dem König kam,

wurde er noch beliebter im Schloß, und der König selbst sagte, es wäre

gut gemacht. Aber darüber wurden seine Brüder noch aufgebrachter und

noch neidischer auf ihn und verfielen nun darauf, zum Stallmeister zu

sagen, jetzt hätte ihr Bruder sich auch gerühmt, dem König die Bettdecke

des Trollen mit den silbernen und goldnen Rauten verschaffen zu können,

wenn er bloß wolle; und der Stallmeister war auch diesmal nicht faul, es

dem König zu berichten. Der König sagte darauf zu dem Burschen, daß seine

Brüder gesagt hätten, er habe sich gerühmt, ihm die Bettdecke des Trollen

mit den silbernen und goldnen Rauten verschaffen zu können, und nun

solle er es auch, oder sonst solle er das Leben verlieren. Aschenbrödel

antwortete, das hätte er weder gedacht, noch gesagt; da es aber nichts

half, bat er um drei Tage Bedenkzeit. Als die nun um waren, ruderte

Aschenbrödel wieder hinüber in dem Backtrog und ging am Ufer auf und ab

und lauerte. Endlich sah er, daß sie im Berge die Bettdecke heraushängten,

um sie auszulüften; und als sie wieder in den Berg zurückgegangen waren,

erschnappte Aschenbrödel die Decke und ruderte damit zurück, so schnell

er nur konnte. Als er auf die Mitte gekommen war, kam der Troll an und

ward ihn gewahr. »Bist Du es, der mir meine sieben silbernen Enten

genommen hat?« rief der Troll. »Ja--a!« sagte der Bursch. »Hast Du nun

auch meine silberne Bettdecke mit den silbernen und goldnen Rauten

genommen?« -- »Ja--a!« sagte der Bursch. »Kommst Du noch öfter, Du?« --

»Kann wohl sein,« sagte der Bursch. Als er nun zurückkam mit der goldnen

und silbernen Decke, hielten Alle noch mehr von ihm, denn zuvor, und er

ward Bedienter beim König selbst. Darüber wurden die andern Beiden noch

mehr erbittert, und um sich zu rächen, sagten sie zum Stallmeister: »Nun

hat unser Bruder sich auch gerühmt, dem König die goldne Harfe verschaffen

zu können, die der Troll hat, und die von der Beschaffenheit ist, daß

Jeder, wenn er auch noch so traurig ist, froh wird, wenn er darauf

spielen hört.« Ja, der Stallmeister, der erzählte es gleich wieder dem

König, und dieser sagte zu dem Burschen: »Hast Du es gesagt, so sollst

Du es auch. Kannst Du es, so sollst Du die Prinzessinn und das halbe

Reich haben; kannst Du es aber nicht, so sollst Du das Leben verlieren.«

-- »Ich habe es weder gedacht, noch gesagt,« antwortete der Bursch:

»aber es ist wohl kein andrer Rath, ich muß es nur versuchen; doch sechs

Tage will ich Bedenkzeit haben.« Ja, die sollte er haben; aber als sie

um waren, mußte er sich aufmachen. Er nahm nun einen Lattenspiker, einen

Birkenpflock und einen Lichtstumpf in der Tasche mit, ruderte wieder

über das Wasser und ging dort am Ufer auf und ab und lauerte. Als der

Troll herauskam, und ihn gewahr ward, fragte er: »Bist Du es, der mir

meine sieben silbernen Enten genommen hat?« -- »Ja--a!« antwortete

der Bursch. »Du bist es, der mir auch meine Decke mit den goldnen und

silbernen Rauten genommen hat?« fragte der Troll. »Ja--a!« sagte der

Bursch. Da ergriff ihn der Troll und nahm ihn mit sich in den Berg.

»Nun, meine Tochter,« sagte er: »nun hab' ich ihn, der mir meine

silbernen Enten und meine Bettdecke mit den silbernen und goldnen Rauten

gestohlen hat; setz' ihn jetzt in den Maststall, dann wollen wir ihn

schlachten und unsre Freunde bitten.« Dazu war die Tochter sogleich

bereit, und sie setzte ihn in den Maststall, und da blieb er nun acht

Tage lang und bekam das beste Essen und Trinken, das er sich wünschen

konnte, und so viel er nur wollte. »Geh nun hin,« sagte der Troll zu

seiner Tochter, als die acht Tage um waren: »und schneide ihn in den

kleinen Finger, dann werden wir sehen, ob er schon fett ist.« Die

Tochter ging sogleich hin. »Halt mal Deinen kleinen Finger her!«

sagte sie; aber Aschenbrödel steckte den Lattenspiker heraus, und

in den schnitt sie. »Ach nein, er ist noch hart wie Eisen,« sagte die

Trolltochter, als sie wieder zu ihrem Vater kam: »noch können wir ihn

nicht schlachten.« Nach acht Tagen ging es wieder eben so, nur daß

Aschenbrödel jetzt den Birkenpflock heraussteckte. »Ein wenig besser ist

er,« sagte die Tochter, als sie wieder zu dem Trollen kam: »aber noch

war er hart zu kauen, wie Holz.« Acht Tage darnach sagte der Troll

wieder, die Tochter solle hingehen und zusehen, ob er jetzt nicht

fett genug wäre. »Halt mal Deinen kleinen Finger her!« sagte die

Tochter, als sie zum Maststall gekommen war. Nun hielt Aschenbrödel den

Lichtstumpf hin. »Jetzt geht's an,« sagte sie. »Haha!« sagte der Troll:

»so reise ich fort, um Gäste zu bitten; inmittlerweile sollst Du ihn

schlachten und die eine Hälfte braten und die andre Hälfte kochen.« Als

der Troll nun gereis't war, fing die Tochter an, ein großes langes

Messer zu schleifen. »Sollst Du mich damit schlachten?« fragte der

Bursch. »Ja, Du,« sagte die Trolltochter. »Aber es ist nicht scharf,«

sagte der Bursch: »ich muß es Dir nur schleifen, damit Du mich desto

leichter ums Leben bringen kannst.« Sie gab ihm nun das Messer, und

er fing an zu schleifen und zu wetzen. »Laß es mich jetzt an Deiner

Haarflechte probiren,« sagte der Bursch: »ich glaube, es wird nun gut

sein.« Das erlaubte sie ihm denn auch; aber sowie Aschenbrödel die

Haarflechte ergriff, bog er ihr den Kopf zurück und schnitt ihr den Hals

ab -- und kochte dann die eine Hälfte und bratete die andere und trug es

auf den Tisch. Darauf zog er die Kleider der Trolldirne an und setzte

sich in die Ecke hin. Als der Troll mit den Gästen nach Hause kam, bat

er die Tochter -- denn er glaubte, daß sie es wäre -- sie möchte doch

auch kommen und mitessen. »Nein,« antwortete der Bursch: »ich will kein

Essen haben, ich bin so betrübt.« -- »Du weißt ja Rath dafür,« sagte der

Troll: »nimm die goldne Harfe und spiele darauf.« -- »Ja, wo ist die

nun?« sagte der Bursch wieder. »Du weißt es ja wohl, Du hast sie ja

zuletzt gebraucht; dort hangt sie ja über der Thür,« sagte der Troll.

Der Bursch ließ sich das nicht zweimal sagen; er nahm die Harfe und ging

damit aus und ein und spielte; aber wie er so im besten Spielen war,

schob er plötzlich den Backtrog hinaus ins Wasser und ruderte damit

fort, daß es nur so saus'te. Nach einer Weile däuchte es dem Trollen,

die Tochter bliebe gar zu lange draußen, und er ging hin, sich nach ihr

umzusehen; da sah er aber den Burschen in dem Trog weit weg auf dem

Wasser. »Bist Du es, der mir meine sieben silbernen Enten genommen hat?«

rief der Troll. »Ja!« sagte der Bursch. »Du bist es, der mir auch meine

Decke mit den silbernen und goldnen Rauten genommen hat?« -- »Ja!« sagte

der Bursch. »Hast Du mir nun auch meine goldne Harfe genommen, Du?«

schrie der Troll. »Ja, das hab' ich,« sagte der Bursch. »Hab' ich Dich

denn nicht gleichwohl verzehrt?« -- »Nein, das war Deine Tochter, die Du

verzehrtest,« antwortete der Bursch. Als der Troll das hörte, ward er so

arg, daß er barst. Da ruderte Aschenbrödel zurück und nahm einen ganzen

Haufen Gold und Silber mit, so viel der Trog nur tragen konnte, und

als er nun damit zurückkehrte, und auch die goldne Harfe mitbrachte,

bekam er die Prinzessinn und das halbe Reich, so wie der König es ihm

versprochen hatte. Seinen Brüdern aber that er immer wohl; denn er

glaubte, sie hätten nur sein Bestes gewollt mit Dem, was sie gesagt

hatten.

2.

Der Gertrudsvogel.

Als unser Herr Christus und St. Petrus noch auf Erden einherwandelten,

kamen sie einmal zu einer Frau, die bei ihrem Backtrog stand und den

Teig knetete. Sie hieß _Gertrud_ und hatte eine rothe Mütze auf. Da

beide den Tag über schon weit gegangen und daher sehr hungrig waren, bat

der Herr Christus die Frau um ein Stückchen Brod. Ja, das sollte er

haben, sagte sie und nahm ein Stückchen Teig und knetete es aus; aber

da ward es so groß, daß es den ganzen Backtrog anfüllte. Nein, das war

allzu groß, das konnte er nicht bekommen. Sie nahm nun ein kleineres

Stück; aber als sie es ausgeknetet hatte, war es ebenfalls zu groß

geworden; das konnte er auch nicht bekommen. Das dritte Mal nahm sie ein

ganz ganz kleines Stück; aber auch das Mal ward es wieder zu groß. »Ja,

so kann ich Euch Nichts geben,« sagte Gertrud: »Ihr müsst daher ohne

Mundschmack wieder fortgehen; denn das Brod wird ja immer zu groß.« Da

ereiferte sich der Herr Christus und sprach: »Weil Du ein so schlechtes

Herz hast und mir nicht einmal ein Stückchen Brod gönnst, so sollst Du

zur Strafe dafür in einen Vogel verwandelt werden und Deine Nahrung

zwischen Holz und Rinde suchen, und nicht öfter zu trinken sollst Du

haben, als wenn es regnet.« Und kaum hatte er die Worte gesprochen,

so war sie zum Gertrudsvogel verwandelt und flog oben zum Schornstein

hinaus; und noch den heutigen Tag sieht man sie herumfliegen mit einer

rothen Mütze auf dem Kopf und schwarz über dem ganzen Leib; denn der Ruß

im Schornstin hatte sie geschwärzt. Sie hackt und bickt beständig in den

Bäumen nach Essen und piept immer, wenn es regnen will; denn sie ist

beständig durstig.

3.

Der Vogel Dam.

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, und von denen hielt

er so viel, daß er sie nie aus den Augen ließ; aber jeden Mittag, wenn

der König schlief, gingen die Prinzessinnen spazieren. Einstmals, da

der König wieder seinen Mittagsschlummer hielt, und die Prinzessinnen,

wie gewöhnlich, spazieren gegangen waren, geschah es, daß sie nicht

zurückkehrten, sondern ausblieben. Da entstand große Sorge und Betrübniß

im ganzen Land; aber am betrübtesten von Allen war der König. Er sandte

Boten aus durch sein ganzes Reich und in viele fremde Länder und ließ

sie nachsuchen und ihnen nachläuten mit allen Glocken über das ganze

Land; aber die Prinzessinnen waren fort und blieben fort, so daß Niemand

wußte, wo sie gestoben oder geflogen waren. Da konnte man denn wohl

begreifen, daß sie von irgend einem Trollen entführt sein mußten. Das

Gerücht hievon verbreitete sich bald von Stadt zu Stadt, von Land zu

Land, und endlich gelangte es auch zu einem König, der in einem Lande

weit weit weg wohnte und zwölf Söhne hatte. Als die Söhne von den zwölf

Königstöchtern erzählen hörten, baten sie ihren Vater um Erlaubniß,

reisen zu dürfen, um die Prinzessinnen aufzusuchen. Der alte König aber

wollte anfangs Nichts davon wissen; denn er fürchtete, daß er dann die

Söhne niemals wiedersehen möchte; aber die Prinzen fielen ihm zu Füßen

und baten ihn so lange, bis er endlich nachgab und sie reisen ließ.

Er rüstete nun ein Schiff für sie aus und setzte zum Steuermann über

dasselbe den Ritter _Röd_, der zu Wasser wohl erfahren war. Lange Zeit

segelten sie nun umher und forschten in allen Ländern, wohin sie kamen,

nach den Prinzessinnen; aber sie entdeckten keine Spur von ihnen. Es

fehlten jetzt nur noch wenig Tage, so hatten sie schon sieben Jahre

gesegelt. Da entstand eines Tages ein heftiger Sturm und ein solches

Unwetter, daß sie glaubten, sie würden nimmer wieder an's Land kommen,

und Alle mußten in einem fort arbeiten, so daß kein Schlaf in ihre Augen

kam, so lange das böse Wetter anhielt. Aber am dritten Tage legte sich

der Sturm, und es ward auf einmal ganz still. Alle waren nun von der

Arbeit und dem schlimmen Wetter so müde geworden, daß sie sogleich

einschliefen; nur der jüngste Prinz hatte keine Ruhe und konnte nicht

schlafen. Während er nun auf dem Verdeck hin- und herging, trieb das

Schiff an eine Insel, und auf der Insel lief ein Hündchen am Ufer und

bellte und winselte gegen das Schiff an, als ob es hinauf wolle. Der

Königssohn pfiff und lockte das Hündchen an sich; aber es konnte nicht

zu ihm kommen und bellte und winselte nur um so mehr. Dem Prinzen

däuchte, es wäre Sünde, das Hündchen dort umkommen zu lassen, das, wie

er glaubte, von einem Schiff sei, welches in dem Sturm untergegangen

wäre; aber er wußte nicht, wie er ihm helfen sollte, da er sich nicht

im Stande glaubte, das Boot allein auszusetzen; denn alle die Andern

schliefen, und er wollte sie nicht gern wegen des Hundes aufwecken. Aber

das Wetter war so klar und so still; da dachte er denn, du musst es doch

versuchen, ob du das Thierchen nicht retten kannst, und er machte sich

daran, das Boot auszusetzen, und es ging damit leichter, als er geglaubt

hatte. Er ruderte nun ans Land und ging auf das Hündchen zu; aber so

oft er es greifen wollte, sprang es zur Seite und lockte so den Prinzen

immer weiter fort, bis dieser, eh' er es gewahr ward, sich in einem

großen prächtigen Schlosse befand. Da verwandelte sich das Hündchen

plötzlich in eine schöne Prinzessinn. Auf der Bank aber saß ein Mann, so

groß und so häßlich, daß der Prinz darüber erschrak. »Du brauchst nicht

bange zu sein,« sagte der Mann; -- aber der Prinz erschrak noch mehr,

als er seine Stimme hörte -- »ich weiß wohl, Was Du willst: Es sind

Eurer zwölf Prinzen, die suchen die zwölf verloren gegangenen

Prinzessinnen. Ich weiß aber wohl, wo sie sind: sie sind bei meinem

Herrn; da sitzen sie jede auf ihrem Stuhl und läusen ihn, denn er hat

zwölf Köpfe. Nun seid Ihr sieben Jahre lang umhergesegelt, aber Ihr

werdet noch sieben Jahre dazu segeln müssen, eh' Ihr sie findet. Was

Dich betrifft, so könntest Du gern hier bleiben, und meine Tochter

bekommen; aber Du musst erst meinen Herrn tödten, denn er ist sehr

strenge gegen uns, so daß wir seiner längst überdrüssig sind; und wenn

er todt ist, werde ich König an seiner Stelle. Versuche aber nun, ob Du

dieses Schwert zu schwingen vermagst,« sagte der Troll. Der Königssohn

wollte ein rostiges Schwert ergreifen, das an der Wand hing, aber er

konnte es nicht vom Fleck rühren. »So musst Du Dir einen Schluck aus

dieser Flasche nehmen,« sagte der Troll. Als der Prinz das gethan hatte,

konnte er das Schwert von der Wand nehmen, und als er noch einen Schluck

genommen hatte, konnte er es aufheben; und als er endlich noch einen

Schluck genommen hatte, konnte er es mit solcher Leichtigkeit schwingen,

als wär' es sein eignes gewesen. »Wenn Du nun wieder an Bord kommst,«

sagte der Trollprinz: »so musst Du das Schwert in Deine Koje verstecken,

damit der Ritter _Röd_ es nicht zu sehen bekommt. Er ist zwar nicht im

Stande, es zu schwingen, aber er wird Dich dann hassen und Dir nach dem

Leben trachten. Wenn sieben Jahre um sind, bis auf drei Tage,« sagte er

weiter: »dann wird es wieder eben so gehen, wie jetzt; es kommt dann

wieder ein gewaltiges Unwetter mit Sturm und Hagel über Euch, und wenn

das vorüber ist, werden Alle müde sein und sich in ihre Kojen legen; Du

aber musst dann das Schwert nehmen und ans Land rudern; alsdann gelangst

Du zu einem Schloß, wo lauter Wölfe, Bären und Löwen als Schildwachen

stehen; aber Du brauchst Dich nicht vor ihnen zu fürchten, denn sie

werden Dir alle zu Füßen kriechen. Sobald Du darauf in das Schloß

gekommen bist, siehst Du den Räuber in einem prächtig geschmückten

Zimmer sitzen; aber zwölf Köpfe hat er, und die Prinzessinnen sitzen

jede auf ihrem Stuhl und läusen ihn, und da kannst Du Dir wohl vorstellen,

daß ihnen solche Arbeit nicht gefällt. Darnach musst Du Dich beeilen

und ihm den einen Kopf nach dem andern abhauen, eh' er aufwacht; denn

geschieht das, so frisst er Dich lebendig auf.« Der Königssohn ging

nun mit dem Schwert wieder an Bord und vergaß nicht, Was ihm der Troll

gesagt hatte. Die Andern lagen noch alle und schliefen; er aber versteckte

das Schwert in seine Koje, so daß weder der Ritter _Röd_, noch sonst

Jemand von ihnen es bemerkte. Nun fing es wieder an zu wehen; da weckte

der Prinz die Andern auf und sagte, es könne nicht angehen, daß sie noch

länger da lägen und schliefen, da sie jetzt einen so guten Wind bekommen

hätten. Niemand von ihnen hatte bemerkt, daß er weg gewesen war. -- Die

Zeit verstrich allmählich, und der Prinz dachte immer an das Abenteuer,

das er bestehen sollte, zweifelte aber an dem glücklichen Ausgang. Als

nun die sieben Jahre bis auf drei Tage um waren, geschah es ganz, wie

der Trollprinz ihm gesagt hatte. Es entstand ein heftiges Unwetter, das

hielt drei Tage lang an, und als das vorüber war, wurden Alle von der

anstrengenden Arbeit müde und legten sich in ihren Kojen schlafen. Der

jüngste Königssohn aber ruderte ans Land, und die Wachen krochen ihm

zu Füßen, und so gelangte er ins Schloß. In einem der Zimmer saß der

König und schlief, wie ihm der Trollprinz gesagt hatte, und die zwölf

Prinzessinnen saßen jede auf ihrem Stuhl und läus'ten jede ihren Kopf.

Der Königssohn winkte den Prinzessinnen, daß sie sich entfernen sollten;

sie zeigten aber auf den Trollen und winkten ihm wieder, er solle

schnell fortgehen; der Königssohn aber gab ihnen durch Mienen und

Geberden zu verstehen, daß er sie befreien wolle; endlich merkten sie

denn seine Absicht und entfernten sich leise eine nach der andern. Nun

sprang der Prinz schnell hinzu und hieb dem Trollkönig die zwölf Köpfe

ab, so daß das Blut wie ein großer Bach strömte. Als der Troll getödtet

war, ruderte der Prinz wieder nach dem Schiff zurück und verbarg das

Schwert. Es däuchte ihm, daß er jetzt Genug gethan hätte, und da er den

Leichnam nicht allein aus dem Schloß schaffen konnte, so wollte er daß

die Andern ihm helfen sollten. Er weckte sie daher auf und sagte, es

wäre eine Schande, daß sie da liegen sollten und schlafen, während er

die Prinzessinnen gefunden und sie von dem Trollen befrei't hätte. Da

lachten die Andern über ihn und sagten, er hätte wohl eben so gut

geschlafen, als sie alle, und es hätte ihm bloß geträumt, daß er ein

solcher Held wäre; denn wenn irgend Jemand die Prinzessinnen sollte

befrei't haben, so wäre es doch weit wahrscheinlicher, daß einer von

ihnen es gethan hätte, als er. Aber der Königssohn erzählte ihnen, wie

sich Alles zugetragen hatte, und als sie ans Land fuhren und zuerst den

Blutbach erblickten und darnach das Schloß und den Trollen und die zwölf

Köpfe und die Prinzessinnen, da sahen sie wohl, daß er die Wahrheit

geredet, und halfen ihm nun die Köpfe und den ganzen Rumpf in die See

werfen. Alle waren nun fröhlich und guter Dinge; aber Keiner war froher,

als die Prinzessinnen, die nun nicht mehr nöthig hatten, den ganzen Tag

über da zu sitzen und den Trollen zu läusen. Von all dem Gold und Silber

und dem kostbaren Geräth, das sich im Schlosse vorfand, nahmen sie so

viel mit, als das Schiff nur tragen konnte. Darauf gingen Alle an Bord,

die Prinzen mit sammt den Prinzessinnen. Als sie aber eine Strecke weit

in die See hinausgekommen waren, sagten die Prinzessinnen, daß sie in

der Freude ihre goldnen Kronen vergessen hätten, die in einem Schrank

auf dem Schlosse lägen, und die wollten sie doch gern mithaben. Da nun

Keiner von den Übrigen sie holen wollte, sagte der jüngste Königssohn:

»Hab' ich schon so Viel gewagt, so kann ich auch wohl die goldnen Kronen

holen, wenn Ihr nur die Segel herablassen und so lange warten wollt, bis

ich wiederkomme.« Ja, das wollten sie, sie wollten die Segel herablassen

und so lange warten, bis er wiederkäme. Als aber der Prinz so weit von

dem Schiff ab war, daß sie ihn nicht mehr sehen konnten, sagte der Ritter

_Röd_, der gern selber der Vornehmste sein und die jüngste Prinzessinn

haben wollte, es könne nichts nützen, daß sie da still lägen und auf ihn

warteten; denn das könnten sie sich wohl denken, daß er doch nicht

zurückkehren würde; sie wüßten überdies, sagte er, daß der König ihm

(dem Ritter _Röd_) die Vollmacht gegeben hätte, zu segeln wann und wohin

er wolle, und nun sollten sie sagen, er sei es, der die Prinzessinnen

befrei't hätte, und wenn Jemand anders sagte, dann solle er das Leben

verlieren. Die Prinzen wagten nicht, anders zu thun, als der Ritter

_Röd_ ihnen befohlen hatte, und sie segelten nun weiter. Inmittlerweile

ruderte der jüngste Königssohn ans Land und ging auf das Schloß, wo er

auch sogleich den Schrank mit den goldnen Kronen fand; und er müh'te

sich so lange ab, bis es ihm gelang, denselben ins Boot zu schaffen. Als

er nun aber in die See hinausgekommen war, konnte er nirgends das Schiff

erblicken. Er sah sich um nach allen Seiten; aber von dem Schiff war

keine Spur zu sehen; da merkte er denn wohl, wie es zugegangen war.

Ihnen nachzurudern konnte nichts helfen, und er mußte daher umkehren

und ans Land zurückrudern. Er fürchtete sich zwar, die Nacht allein im

Schlosse zuzubringen, aber es war nun einmal kein andrer Rath. Er faßte

daher Muth, verschloß alle Thüren und Pforten und legte sich in einem

Zimmer, wo ein aufgemachtes Bett stand, schlafen. Aber angst und bange

war er, und er ward es noch mehr, als es nach einer Weile anfing, oben

im Dach und in den Wänden zu knacken und zu krachen, als ob das ganze

Schloß bersten wollte. Auf einmal raschelte es neben sein Bett nieder

wie ein ganzes Fuder Heu. Bald darauf aber hörte er eine Stimme, die

rief ihm zu, er solle sich nicht fürchten.

»Der Vogel Dam ist hier,

Wo Du nicht kannst, da hilft er Dir,«

sprach die Stimme, und dann sagte sie: »Wenn Du morgen aufwachst, musst

Du sogleich aufs Stabur[1] gehen und vier Tonnen Rocken für mich zum

Frühstück holen; die muß ich erst zu Leibe haben, denn sonst kann ich

Nichts für Dich thun.« -- Als der Prinz am andern Morgen aufwachte,

erblickte er neben seinem Bett einen entsetzlich großen Vogel, der hatte

eine Feder im Nacken, die war so groß wie eine halb ausgewachsene Tanne.

Der Königssohn ging nun aufs Stabur und holte vier Tonnen Rocken für den

Vogel Dam. Als dieser sein Frühstück zu Leibe hatte, sagte er zu dem

Königssohn, er solle ihm nun den Schrank mit den goldnen Kronen an der

einen Seite um den Hals hängen und so viel Gold und Silber nehmen, daß

es den Schrank aufwöge, und es ihm an der andern Seite um den Hals

hängen, und dann solle er sich ihm auf den Rücken setzen und sich nur

gut an der Nackenfeder fest halten. Als der Prinz das gethan hatte, ging

es in einem Sausen fort durch die Luft, und es dauerte nicht lange, so

waren sie über dem Schiff. Der Königssohn wollte gern an Bord, um das

Schwert zu holen, das, wie der Troll ihm gesagt hatte, die Andern nicht

sehen dürften; aber der Vogel Dam sagte zu ihm, das könne nicht angehen;

»der Ritter _Röd_ wird es nicht zu sehen bekommen,« sagte er: »kommst Du

aber an Bord, so trachtet er Dir nach dem Leben, denn er will gern die

jüngste Prinzessinn haben; aber für die kannst Du ganz ruhig sein, denn

sie legt jede Nacht ein bloßes Schwert vor sich ins Bett.« -- Endlich

und zuletzt kamen sie bei dem Trollprinzen an, und da wurde nun der

Königssohn so wohl aufgenommen, daß es gar nicht zu sagen ist. Der

Trollprinz wußte nicht, Was er ihm all für Gutes erzeigen sollte, weil

er seinen Herrn getödtet und ihn zum König gemacht hatte. Er hätte dem

Königssohn gern seine Tochter und das halbe Reich dazu gegeben; aber der

war nun einmal so in die jüngste von den Prinzessinnen verliebt, daß er

nur an sie dachte und durchaus wieder fort wollte. Aber der Troll bat

ihn, sich noch eine Zeitlang zu gedulden und sagte, daß die Andern

beinahe noch sieben Jahre zu segeln hätten, ehe sie wieder nach Hause

kämen. Von der Prinzessinn sagte der Troll Dasselbe, was der Vogel Dam

gesagt hatte: »Für die,« sagte er: »kannst Du ganz ruhig sein; denn sie

legt immer ein bloßes Schwert vor sich ins Bett. Und wenn Du mir nicht

glauben willst, so kannst Du an Bord gehen, wenn sie hier vorüber

segeln, und Dich selbst davon überzeugen und mir dann zugleich das

Schwert wiederbringen; denn wiederhaben muß ich es durchaus.« -- Als nun

nach sieben Jahren die Andern dort vorübersegelten, war es vorher wieder

ein heftiges Unwetter gewesen; und wie der Königssohn an Bord kam,

schliefen sie alle insgesammt, und jede der Prinzessinnen schlief bei

ihrem Prinzen, nur die jüngste Prinzessinn schlief allein mit einem

bloßen Schwert vor sich im Bette, und auf dem Boden vor dem Bette

schlief der Ritter _Röd_. Der Königssohn nahm nun das Schwert und

ruderte wieder ans Land, ohne daß Jemand es bemerkt hatte, daß er an

Bord gewesen war. -- Der Prinz war indeß beständig unruhig und wollte

immer wieder fort; und als endlich die sieben Jahre zu Ende gingen und

nur noch drei Wochen fehlten, sagte der Trollkönig zu ihm: »Nun kannst

Du Dich zur Reise fertig machen, da Du doch einmal nicht bei uns

bleiben willst. Ich will Dir ein eisernes Boot leihen, das geht von

selbst auf dem Wasser, wenn Du bloß sagst: »Boot, geh vorwärts!« Im

Boote liegt ein eiserner Kloben, und den Kloben sollst Du ein wenig in

die Höhe heben, wenn Du das Schiff grade vor Dir siehst; dann bekommen

sie einen solchen Fahrwind, daß sie vergessen, sich nach Dir umzusehen.

Wenn Du dann neben das Schiff kommst, sollst Du den Kloben noch einmal

aufheben; alsdann wird es ein solcher Sturm, daß sie wohl etwas Anders

zu thun bekommen, als nach Dir auszugucken. Und wenn Du an ihnen nun

vorbei gekommen bist, sollst Du den Kloben zum dritten Mal in die Höhe

heben; aber Du musst ihn immer wieder vorsichtig niederlegen, denn

sonst wird es ein solches Wetter, daß sowohl Du, als die Andern darin

umkommen. Sobald Du nachher ans Land gekommen bist brauchst Du Dich

nicht weiter um das Boot zu bekümmern, sondern schieb' es dann nur

umgewendet in die See und sprich: »Boot, geh wieder nach Hause!« -- Als

der Prinz nun abreis'te, bekam er so viel Gold und Silber und andre

Kostbarkeiten und Kleider und Leinenzeug mit, das die Prinzessinn

während der langen Zeit, die er auf der Insel zugebracht, für ihn

genäh't hatte, so daß er viel reicher war, als irgend einer von seinen

Brüdern. Kaum hatte er sich nun ins Boot gesetzt und gesagt: »Boot, geh

vorwärts!« so ging das Boot fort. Und als er das Schiff grade vor sich

erblickte, hob er den Kloben ein wenig in die Höhe; da bekamen sie einen

solchen Fahrwind, daß sie vergaßen, sich nach ihm umzusehen. Als er

darauf neben das Schiff kam, hob er den Kloben noch einmal in die Höhe,

und da ward es ein solcher Sturm und ein solches Wetter, daß der weiße

Schaum rund um das Schiff stand, und die Wellen über das Verdeck

hinschlugen, so daß sie etwas Anders zu thun bekamen, als nach ihm

auszugucken. Und als er ihnen nun vorbeigekommen war, hob er den Kloben

zum dritten Mal auf, und da bekamen sie so reichlich zu thun, daß sie

gar keine Zeit hatten, sich nach ihm umzusehen. Er kam weit, weit früher

ans Land, als das Schiff; und als er all seine Sachen aus dem Boot

geschafft hatte, kehrte er es um, schob es hinaus in die See und sprach:

»Boot, geh wieder nach Hause!« und da ging das Boot wieder fort.

Der Königssohn kleidete sich nun als ein Seemann aus -- ob der

Trollkönig ihm das gerathen hatte, oder ob es seine eigne Erfindung war,

das muß ich ungesagt lassen -- und begab sich nach einer armseligen

Hütte zu einer alten Frau, zu der sagte er, er wäre ein armer Matrose,

der auf einem Schiff gewesen, das untergegangen sei, und er wäre der

Einzige von der ganzen Mannschaft, der sich gerettet hätte, und dann bat

er sie, ihn nebst den Sachen, die er geborgen, bei sich beherbergen zu

wollen. »Ach, Gott helf mir!« sagte die Frau: »ich kann Niemandem

Herberge geben. Ihr seht wohl, wie es hier beschaffen ist; ich habe

nicht einmal Betten, worauf ich selbst liegen kann, viel weniger noch

für Andre.« Ja, das wäre einerlei, sagte der Seemann, wenn er bloß ein

Dach über dem Kopf hätte, dann wär's ihm ganz gleich, wie er läge. Ein

Obdach konnte sie ihm denn nicht versagen, wenn er so damit fürlieb

nehmen wolle, wie sie's hätte. -- Am Abend brachte der Seemann seine

Sachen in die Hütte, und sogleich begann die Alte, die gern etwas Neues

zu erzählen haben wollte, zu fragen, was für Einer er wäre, wo er wohl

her sei, wo er gewesen, und wo er hin wolle, was das für Sachen wären,

die er bei sich hätte, in welchem Geschäft er reis'te, und ob er Nichts

von den zwölf Prinzessinnen gehört hätte, die vor vielen lieben Jahren

verschwunden wären, und dergleichen mehr, so daß es zu weitläufig sein

würde, es alles zu erzählen. Der Seemann sagte aber, er befände sich so

schlecht und hätte solche Kopfschmerzen von dem entsetzlichen Wetter,

das da regiert hätte, daß er sich auf keine Sache recht besinnen könne;

sie möchte ihm nur noch einige Tage Ruhe lassen, bis er sich von der

schweren Arbeit, die er während des schlimmen Wetters gehabt, etwas erholt

hätte, dann solle sie nachher schon Alles erfahren. Den andern Tag begann

die Frau aufs neue zu fragen und ihn auszuforschen; aber der Seemann hatte

noch solche Kopfschmerzen von dem bösen Wetter, daß er sich auf keine

Sache recht besinnen konnte; doch ließ er so von ungefähr ein Wort fallen,

als wüßte er wohl Etwas von den Prinzessinnen. Sogleich lief die Alte

mit dieser Neuigkeit fort zu all den Klatschweibern rund umher, und nun

kam die eine nach der andern gerannt und fragte nach den Prinzessinnen,

ob der Seemann sie gesehen hätte, ob sie bald kämen, ob sie schon auf

der Reise wären u. s. w. Der Seemann aber hatte immer noch Kopfschmerzen

von dem bösen Wetter, so daß er nicht auf Alles Bescheid geben konnte;

aber so Viel sagte er doch, daß wenn die Prinzessinnen nicht Schiffbruch

gelitten hätten in dem heftigen Sturm, sie dann wohl um vierzehn Tage,

oder vielleicht noch etwas früher, ankommen würden; er könne aber, fügte

er hinzu: nicht mit Gewißheit sagen, ob sie noch am Leben wären; er

hätte sie zwar gesehen, sie könnten aber wohl nachher in dem bösen

Wetter umgekommen sein. Sogleich lief eins von den Klatschweibern zu dem

Königsschloß und erzählte dort, es wäre in der Hütte bei der und der

Frau ein Seemann, der hätte die Prinzessinnen gesehen und hätte gesagt,

sie würden wohl um vierzehn Tage, oder vielleicht noch etwas früher,

ankommen. Als der König das hörte, schickte er sogleich zu dem Seemann

und ließ ihm sagen, daß er zu ihm kommen und ihm die Sache selbst

berichten solle. Der Matrose sagte: »Ich habe nicht solche Kleider und

sehe nicht so aus, daß ich zu dem König gehen kann.« Der Bote aber

sagte, er solle nur kommen, der König wolle und müsse ihn sprechen,

einerlei, er möge nun so, oder so aussehen; denn es wäre noch Niemand da

gewesen, der Nachrichten von den Prinzessinnen hätte bringen können. Da

ging denn der Seemann endlich zu dem Schloß und trat zu dem König ein;

der fragte ihn, ob es wahr wäre, daß er die Prinzessinnen gesehen. »Ja,

das ist wahr,« sagte der Seemann: »aber ich weiß nicht, ob sie noch am

Leben sind; denn als ich sie sah, war es ein solches Unwetter, daß wir

Schiffbruch litten. Wenn sie aber damals nicht untergegangen sind, so

mögen sie wohl um vierzehn Tage, oder vielleicht noch etwas früher,

kommen.«

Als der König das hörte, war er beinahe außer sich vor Freuden; und als

es nun um die Zeit war, daß die Prinzessinnen, wie der Seemann gesagt

hatte, kommen sollten, zog der König ihnen in vollem Staat entgegen an

den Strand -- und groß war die Freude über das ganze Land, als endlich

das Schiff mit den Prinzessinnen und den Prinzen und dem Ritter _Röd_

ankam. Die elf ältesten Prinzessinnen waren fröhlich und guter Dinge;

aber die jüngste, die den Ritter _Röd_ haben sollte, welcher sagte, daß

er es sei, der die Prinzessinnen befrei't und den Trollen getödtet

hätte, war immer traurig und weinte unaufhörlich. Dem König wollte das

gar nicht behagen, und er fragte sie daher, warum sie nicht auch so

munter und vergnügt wäre, wie die andern Prinzessinnen; sie hätte doch,

meinte er, keine Ursache, betrübt zu sein, da sie nun von dem Trollen

befrei't wäre und einen Mann zum Gemahl haben solle, wie der Ritter

_Röd_ sei. Sie durfte aber Nichts sagen; denn der Ritter _Röd_ hatte ja

gedroh't, wenn Einer erzählen würde, wie sich Alles wirklich zugetragen,

dann wolle er ihn ums Leben bringen.

Als nun die Prinzessinnen eines Tages an ihrem Brautputz näh'ten, trat

plötzlich Jemand in einer großen Matrosenjacke und mit einem

Tabuletkasten auf dem Rücken zu ihnen ein und fragte, ob sie ihm keine

Schmucksachen zu ihrer Hochzeit abkaufen wollten, er hätte, sagte er,

außerordentlich seltne und kostbare Dinge von Gold und auch von Silber.

-- Ja, das könnte wohl möglich sein. Sie sahen die Waaren an, und sie

sahen ihn an; denn es wollte sie bedünken, sie sollten ihn und auch

manche von den Sachen kennen, die er hatte. »Der so viel prächtige

Schmucksachen hat,« sagte endlich die jüngste Prinzessinn: »könnte auch

wohl Etwas haben, das noch prächtiger und für uns noch passender wäre.«

-- »Das wäre wohl möglich,« sagte der Krämer. Aber die andern tuschten

sie und sagten, sie möchte doch bedenken, womit der Ritter _Röd_ ihnen

gedroht hätte. -- Einige Zeit darnach, als die Prinzessinnen eines Tages

vor dem Fenster saßen, kam der Königssohn wieder in seiner großen

Matrosenjacke und trug auf dem Rücken den Schrank mit den goldnen Kronen.

Als er in den Schloßsaal eingetreten war, machte er den Schrank auf, und

da nun die Prinzessinnen jede ihre goldne Krone wieder erkannten, sagte

die jüngste: »Mir däucht, es ist billig und recht, daß Der, welcher uns

befrei't hat, den Lohn erhalte, der ihm zukommt, und das ist nicht der

Ritter _Röd_, sondern Der, welcher unsre goldnen Kronen brachte -- der

hat uns befrei't.« Da warf der Königssohn die Matrosenjacke ab und stand

nun da weit stattlicher, als alle die Andern; und darauf ließ der König

den Ritter _Röd_ sogleich ums Leben bringen. Nun war die Freude erst

recht groß im Königsschloß; und jeder Prinz nahm seine Prinzessinn und

hielt mit ihr Hochzeit, so daß man sich in zwölf Königreichen davon zu

erzählen hatte.

4.

Die wortschlaue Prinzessinn.

Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die war so schlau und

spitzfindig in Worten, daß Keiner sie zum Schweigen bringen konnte.

Da setzte der König einen Preis aus und ließ bekannt machen, daß Der,

welcher es könnte, die Prinzessinn und das halbe Reich haben sollte.

Drei Brüder, welche dies hörten, beschlossen, ihr Glück zu versuchen.

Zuerst machten sich die beiden ältesten auf, die sich am klügsten

dünkten; aber sie konnten Nichts bei der Prinzessinn ausrichten und

mußten noch dazu mit blauer Haut wieder abziehen. Darnach machte sich

Aschenbrödel auch auf. Als er eine Strecke weit gegangen war, fand er

am Wege ein Weidenreis, das nahm er auf. Eine Strecke weiter fand er

eine Scherbe von einer alten Schüssel, die nahm er auch auf. Als er noch

etwas weiter gegangen war, fand er einen todten Staar, und etwas darnach

ein krummes Bockshorn; ein wenig später fand er noch ein krummes

Bockshorn, und als er über das Feld zum Königshof gehen wollte, wo

Dünger ausgestreu't lag, fand er darunter eine ausgegangene Schuhsohle.

Alle diese Dinge nahm er mit sich zum Königsschloß, und damit trat er zu

der Prinzessinn ein. »Guten Tag!« sagte er. »Guten Tag!« sagte sie und

verzog das Gesicht. »Kann ich nicht meinen Staar gebraten kriegen?«

fragte er. »Ich bin bange, er birstet,« antwortete die Prinzessinn. »O,

das hat keine Noth, ich binde dieses Weidenreis um,« sagte der Bursch

und nahm das Reis hervor. »Aber das Fett läuft heraus,« sagte die

Prinzessinn. »Ich halte dies unter,« sagte der Bursch und zeigte ihr die

Scherbe von der Schüssel. »Du machst es mir so krumm, Du!« sagte die

Prinzessinn. »Ich mach es nicht krumm, sondern es ist schon krumm,«

sagte der Bursch und nahm das eine Horn hervor. »Nein, etwas Ähnliches

hab' ich noch mein Lebtag nicht gesehn!« rief die Prinzessinn. »Hier

siehst Du was Ähnliches,« sagte der Bursch und nahm das andre Bockshorn

hervor. »Ich glaube, Du bist ausgegangen, um mich zum Schweigen zu

bringen,« sagte die Prinzessinn. »Nein, ich bin nicht ausgegangen,

aber diese hier ist ausgegangen,« sagte der Bursch und zeigte ihr die

Schuhsohle. Hierauf wußte die Prinzessinn Nichts mehr zu antworten. »Nun

bist Du mein!« sagte der Bursch, und darauf erhielt er die Prinzessinn

und das halbe Königreich.

5.

Der reiche Peter Krämer.

Norwegische Volksmährchen vol. 1 gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe · 第 1 / 12 段