Alter Bauernhof in der Lüneburger Heide.]

Nach den romantischen Rheinfahrten (aber nicht auf einem Dampfer in der

Hochsaison!) wird einem das Rheindelta fast immer eintönig erscheinen.

Und beim Wandern durch die nicht restlos befriedigende Synthese des

Teutoburger Waldes, dessen viele trotzige Einsiedlereichen mit ihrem

unwiderstehlichen Baumzauber sich in dem für unsere Schwarzwaldbegriffe

dürftigen Tannenforst doch in nicht ganz ebenbürtiger Gesellschaft

fühlen, da müssen schon die Trümmer des geschichtlichen Wissens

aus dem Gymnasium das Maß der Wanderfreuden vollmachen. Aber dann

kommt Westfalen und besonders die eigentümliche rote Erde, und das

ist etwas ganz eigenartig Neues. Wer die rote Erde mit der von

düsteren Rauchflaggen durchwehten Luft, mit der höllischen Pracht

ihrer drohenden Stimmungen, wo am Horizont die Kaminwälder und

die Feuerscheine der Hochöfen des Menschen unverzagten Willen zur

Herrschaft über die Erde verkünden, nicht genießen kann, der geht noch

in den Kinderschuhen des Wanderers, dessen Herz ist nur empfänglich

für die sentimentale Verschwommenheit süßlicher Landschaftsbilder,

wie sie für den »Naturliebhaber« (auch so ein bezeichnendes Wort) und

für den Kunstkenner der Biedermeierzeit einzig in Betracht kamen, als

rascher Genuß des Auges wie als dauernder Schmuck des Hauses. Daran

aber erkennt man den objektiv gereiften Wanderer, ob er, einerlei von

welcher politischen Gesinnung, empfänglich ist für den fast brutal

heroischen Klang und für die erdhaft riesenhafte Tönung von allem, was

in jener so unparadiesisch trotzigen Gegend Form und Farbe angenommen

hat. Und was soll ich erst sagen zum Preise des Vaterlandes dort, wo

die großen und kleinen, wegen ihrer fast holländischen Sauberkeit

auffallenden Viehherden an den letzten Hügeln und Bergen weiden,

die für den Süddeutschen die letzte Erinnerung an die Heimat sind,

bevor wir ein neues Staunen lernen. Das Entzücken nämlich über die

schlichte Geradlinigkeit der Landschaft an der Wasserkante, besonders

der Niederweser und der Niederelbe, wo ein im Kampf mit dem »blanken

Hans« der Nordsee hart und still gewordenes Bauernvolk einer endlosen

Rohr- und Schilfwildnis weite Strecken des gesegnetsten Kulturlandes

abgerungen hat und dort ein uns Landratten so ganz fremdes Leben voller

Trotz und Stolz führt. Und das alte Strandpiratenblut (darüber ist

jetzt die Wissenschaft ganz einig!) verschafft sich in diesen Sprossen

noch jetzt manchmal nach wochenlanger Stille Ausdruck durch Ausbrüche,

die als Widerspiel der Elementargewalten des Meeres nur den von der

Kultur nicht geschwächten Naturmenschen verständlich sind. Dort in

Friesland, an der holsteinischen Niederelbe, wirkt für den Binnenländer

ein ganz neuer Zauber, der dem nüchternen, oft fast empörend geordneten

Landschaftsbild einen Reiz von ungeahnter Vielfältigkeit verleiht:

das Wasser, das Meer. Mögen die Fahrrinnen zur Elbe schnurgerade,

die Linden beschnitten sein wie Weidenstrünke und diese selbst, oft

Baumstämme von ansehnlicher »Postur« mit struppigen, kurzgeschorenen

Köpfen, alles tun, um das Landschaftsbild »uninteressant« zu

machen, schon das »Altländer« Haus mit seiner bis ins künstlerische

Raffinement gehenden Holzarchitektur und dem sauberen Dach aus

kurzem gutgebundenen und fast pedantisch gerade beschnittenen Stroh,

zärtlich umhegt von Bäumen und Büschen, ist ein kleines Wunder eines

»Heims«. Und doch wie bitter und hart ist dort noch das Verhältnis

vom Mensch zum Menschen, besonders vom Herrn zum Knecht! Aber gerade,

als wollte die Natur hier das Unerbittliche, Schweigsame im Menschen

mildern, hängt der sonnendurchglänzte Wasserdunst des Meeres oder

der stundenbreiten Flußläufe über die Erde dort unten Gold- und

Silbernetze, deren Wirkung die Landratte sich nicht vorstellen kann.

Breit verschwimmend im Lichtglanz, der vom frühen Morgen bis zum späten

Abend mit einem verschwenderischen Farbenreichtum prunkt, so erscheint

alles Geradlinig-Eckige im Land der Marschen. Und wer nicht die alten

Fleten am Hamburger Hafen, die engen, kanaldurchzogenen Gassen der

alten Lagerhäuser hansischer Großkaufleute der Vergangenheit gesehen

hat, wie sie im lichtdurchglühten Wasserdunst und im sonnengeröteten

Qualm der Dampfer zu Märchengassen aus goldigem Purpur und echtem

Ultramarin werden, der weiß nicht, was des Meeres ungezählte

Zauberer aus übelriechenden Winkeln und morschen, himmelhohen

Warenspeichern machen können.

[Illustration: Phot. Wilh. Bandelow.

Der Wanderer · 第 101 / 110 题