Deutsches Städtchen.]

Der deutsche Wanderer von Durchschnittsbildung besitzt leider noch zu

geringes Verständnis für Architektur und kann deshalb die Schönheit der

deutschen Stadt nicht bis auf den Grund auskosten und ihr eigentliches

Wesen nicht erfassen. Aber das schließt nicht aus, daß er unbefangen

und unabsichtlich den Geist, der in dem Gefüge des Ganzen wie in

einzelnen Gebäuden unbewußt sinnliche Form angenommen hat, auf sich

wirken läßt. Sowohl in der eigenartigen Gesamtheit des Städteaufbaues

und in seinem Grundriß wie auch in den alten Köstlichkeiten

verschwiegener Gassen, in der einladenden Wohnlichkeit der von einem

Garten umschlossenen behaglichen Bürgerhäuser, aus malerischen Winkeln,

murmelnden Brunnen, wuchtigen Plätzen und rhythmisch von Bogen zu Bogen

sich schwingenden Brücken gewinnt er ein Bild von der inneren Art der

Bewohner einer Stadt. Er _erlebt_ die Stadt. Er wird sich im Innersten

bewußt, daß Natur allein es nicht tut, sondern daß der schöpferisch

gestaltende Menschengeist, aus den Muttertiefen der Natur heraus

schaffend und vom Geist aus den Höhen befruchtet, sich über die Natur

hinausheben und die Anfänge einer Welt gestalten kann, zu der ja die

vollendenden Kulturwirklichkeiten noch fehlen, aber nicht immer zu

fehlen brauchen. Und so viel auf diesen Seiten von den Wunden die Rede

war, welche die Halbkultur unserer Gegenwart uns schlägt: aus dem Geist

der großen deutschen Künstler, die vor Jahrhunderten ihre ~Sermons in

stone~ gehalten haben und ihre kraftvoll schöne Gedankenwelt Fleisch

und Blut in Steingestalt gewinnen ließen, wird der mit den Sinnen einer

sublimeren Weltanschauung ausgestattete Wanderer bei gelegentlichem

Schlendern durch schöne alte Städte den Glauben an die Zukunft des

Volkes sich wiedererringen. Und dieses Heilmittels, des großen

Zukunftsglaubens, können wir als Heilung gegen die vielen Bisse und

Stiche, deren wir uns von der Amphibienwelt unserer Halbkultur nicht

erwehren können, am wenigsten entbehren.

[Illustration: Phot. Ferrars, Freiburg i. Br.

Der Wanderer · 第 96 / 110 题