Das sind nur die allergröbsten Geheimnisse. Wenn man aber einmal
dahintergerät, wie der durch Schilfwildnis ziehende Strom eigentlich
aus zwei sich ständig bekämpfenden Flüssen besteht, nämlich dem aus
dem Lande kommenden Süßwasserfluß und dem durch den Pulsschlag des
Meeres bis hinauf nach Hamburg getriebenen Salzstrom, und daß z. B.
das harmlos erscheinende Süßwasser leicht obenauf schwimmt, aus Ufer
Fluß macht, während das Salzwasser das verschlungene Gut wieder an
anderen Stellen anschwemmt, dann bekommt dieser Strom etwas von
bewußt wirkendem und schaffendem Leben. Die unzähligen dunkeln Ewer
mit ihren tiefroten und braunen Segeln, die herrlichen Fünfmaster,
die noch wirkliche Schiffe sind im Gegensatz zu den gigantischen und
uneleganten Kästen, den aus drei und vier Schornsteinen rauchenden
Ozeandampfern, die dicken, plumpen Schlepper, die Bernhardiner der
Elbe, wie sie genannt werden, die die auf Sandbänken festgefahrenen
Ozeandampfer von der Gefahr des Strandens zu retten haben, und
schließlich die kleinen, in der Schilfwildnis liegenden Krabbenboote,
auf denen die Fischer an offenen Feuern ihr Mittagsmahl kochen, alles
das sieht sich dann an wie eine leicht gefällige Last, die der breite
Strom gutmütig und willig flußab oder flußauf trägt, je nachdem die
Ebbe oder die Flut eingesetzt hat. Und dann noch die zahllosen, uns
Landratten unbekannten Idylle von weidenden Schafen, Ziegen und Rindern
zwischen hängenden Fischernetzen; das hell lachende, herbfrohe Leben
der Dorfjugend auf den weißgestrichenen Bänken vor den Marschhöfen, in
denen innen und außen alles von einer geradezu holländischen Sauberkeit
ist; die ungeheuern Unterschiede zwischen den Erwerbszweigen ganz nahe
beieinander liegender Landstrecken, z. B. der hochentwickelte Gemüse-
und Obstbau des alten Landes und die berühmte Viehzucht der Vierlande;
dann das glitzernde Leben im Winter, wo jung und alt auf den gefrorenen
Fleten Schlittschuh läuft und die Elbe mit Grundeis geht, als ob lange
Ketten aus großen Silberperlen mit der Ebbe oder der Flut stromab und
stromauf getrieben würden! Alles das ist eine Welt voll so frischer
Urwüchsigkeit, daß man es begreifen kann, wenn die Hamburger die Mark
und Berlin ihr Hinterland nennen und die Hoffnung haben, daß aus dieser
fast ungeschmälerten Kraft einmal das größte Gemeinwesen des Deutschen
Reiches emporwachsen werde.
Es ist einerlei, ob das so sein wird oder nicht (denn der Hamburger
und der Marschbauer neigen von Natur zum Größengefühl). Aber wenn man
mich fragen würde, was es außer dem Schwarzwald mit seinen verborgenen
Bergwundern landschaftlich noch Unerhörtes und nicht zu Übersehendes
in Deutschland gäbe, dann würde ich in der ganzen Ehrlichkeit meines
beschränkten Schwarzwaldpartikularismus sagen, nach dem Schwarzwald
komme zu allererst die Waterkant in Betracht, d. h. das Land der
Marsch, der Geest und der Heide.
Wie man Städte ansehen soll.
[Illustration: Phot. Fidelis Mayer, Altötting.