Unser Staunen wächst aber, wenn diese ärmliche Welt, deren machtvolle
Schönheit eigentlich nur durch die gekrümmten und gebückten Gestalten
der mißtrauisch blinzelnden Heidebauern das Stigma der Armut erhält,
versinkt und sich auf einmal auf dem üppigen, feuchten Wiesenboden
der Marsch große Herden von schwarzen Rindern weidend langsam
vorwärts bewegen; wo überall Zäune und Tore, die oft wahre ländliche
Prunkpforten sind, den Grundbesitz der Marschbauern abgrenzen. Die in
großzügigen Formen gebundene Marschlandschaft mit ihren gelbbraunen
Tönen ist oft in ihren meerabgelegenen Teilen von Enklaven von Mooren
und kleinen Bezirken mattschimmernder Heide oder glühenden Feldern von
Strandnelken durchsetzt. Und wenn man auf einmal zwischen graugelber
Sandwildnis, eiszeitlichem Schottergeröll, buschigen Erikafeldern und
aufdringlich fetten Huflattichvegetationen unvermutet den heimeligen
Zauber eines mit köstlichem Holzwerk gezierten und von Schutzbäumen
gegen den Sturm umstandenen Altländerhauses sieht, dann beginnt
das Paradies der Elblande. -- Die Fußwanderungen an der Niederelbe
sind stählend für den Körper durch die nahe Salzluft des Meeres,
sie bereichern die Seele durch den dem großen Schöpfersinn nach
genialer Abwechslung entsprechenden Wechsel von endlosen funkelnd
gelben Rapsfeldern, braun wuchernden Schilfwirrnissen, die man fast
Dschungel nennen kann, und hinter denen der silberblaue, oft von
schaumköpfigen Wogen übersäte Elbestrom an den üppig grünen Wolken
großer Obstbaumanlagen ruhig und stolz vorbeizieht. Und alle diese
Herrlichkeit genießt der Marschbauer oder der Fischer an der Unterelbe
weit mehr als unser badischer Bauer den Reiz der Rheinebene. Sonst
könnte er nicht von dem dunkeln, vom Sturm mit rollenden Wogen
übersäten Strom, der dort schon breit ist wie ein Meerarm, das
wunderbare Wort prägen: »Dee Els (Elbe) geiht in Hemdsärmeln.«
[Illustration: Phot. Albert Angelbeck.