Bäuerin aus Sachsen-Altenburg.]

Hinaus!

Ich kenne einen Mann, der sonst als leidlich friedvoller Mensch gilt.

Von Zeit zu Zeit aber wird er von etwas heimgesucht, das seine Leute

den »Zustand« nennen. Dieses Wort ist für die Kleinen wie für die

Großen im Hause so etwas ungefähr wie ein Sturmsignal. Alles rettet

sich, wenn auf den Stiegen die Kunde geht, der Vater habe seinen

»Zustand«. Selbst die Katze und der Hund ziehen sich dann in sichere

Winkel zurück, von denen niemand nichts weiß.

Diesen Mann hatte es vor einigen Tagen wieder einmal gepackt.

Weshalb, das wußte kein Mensch. Schon um neun Uhr morgens hatte die

Kleinste das Unheil geahnt. Sehr besorgt hatte sie zum kleinen Bruder

gesagt: »Papa danz bös, Muckel dudu betommt!« Richtig brach auch bald

nach dieser Prophezeiung das Unwetter los. Drei Türen fielen kurz

nacheinander irgendwo im Haus so kräftig ins Schloß, wie das eigentlich

nur angesichts eines bevorstehenden Weltunterganges gerechtfertigt

wäre. Wie grollender Donner rollten einige unverständliche,

verschiedensprachige Bemerkungen, die wohl als Verwünschungen aufgefaßt

sein wollten, hintennach und verhallten hinter der zugehauenen Haustür

ungefährlich in der freien Luft. Im Hof stoben die Hühner wild

auseinander, und mit fliegenden Rockzipfeln verschwand der Zornige

durch die Hoftür. Mit gütigen und nachsichtigen Armen aber nahm die

Freiheit der Felder und Wälder den Rasenden auf wie einen Leidenden.

Und das war er wohl auch.

Seltsam wurde ihm da draußen zumut, als er immer noch in der fliegenden

Hast des »Zustandes« langen Schritts die Landstraße hinab dem Wald

zuging. Es war ihm gerade, als ob er zum erstenmal nach Jahrzehnten

die Welt wieder erblickte. Das neue Brot des Jahres stand noch auf den

grünen, hohen Halmen, links und rechts vom Weg. Ein leiser Wind strich

über das grausilberne Ährenmeer hin, und die Kornfelder schlugen leise

Wellen, und alle Halme verneigten sich vor dem zornigen Manne.

Drüben am Berg floß das glühende Gold der Ginstersträucher wie

ein Strom von Reichtum die Hänge herab. Am Himmel, ringsherum am

unendlichen Horizont, ruhten seltsame Wolkengebilde, feierliche,

spaßige, gewaltige, und dazwischen kleines Flutterzeug. Was war da nur

los? Fast wie eine Wolkenausstellung sah's aus. Wie wilde Anemonen

blühte draußen über der Ebene am Himmel ein Feld von weißen Wölkchen,

daneben ruhten majestätisch, wie die Staatsschimmel irgendeiner

hohen Gottheit, silberglänzende Wolkenballen, und andere noch heller

leuchtende und hoch aufgetürmte stiegen, schnaubenden Kriegsrossen

gleich, drohend am Himmel in die Höhe. Über den dunkeln Bergwäldern

schwenkten ganz langsam Wolken wie Luftschiffe, die gerade landen

wollten. Schlanke Zeppeline schwebten da, die immer noch wuchsen und

wer weiß was allerhand noch werden wollten, und dicke Parsevale.

Leuchtend blau wölbte sich die Himmelskuppel über der Erde. Die vollen

Saaten, zwischenhinein mit üppigen Bäumen durchstanden, taten gar

selbstbewußt in ihrer reifenden Schönheit unter der strahlenden Sonne.

Licht lag über der ganzen Welt, über den Bergen, über den stillen

Fluren und den raschen Bächen. Und während des Flüchtigen Schritt

immer ruhiger ward, klang durch die Stille eine stumme Verheißung von

Hoffnung und Leben und Glück.

Das galt ihm; das wußte er.

Er raste nicht mehr, sondern schaute verwundert um sich über die

langvergessene Herrlichkeit. Ein scharfer Beobachter drüben in den

Bauernhäusern hätte sogar entdecken können, wie er sich manchmal

verlegen hinter den Ohren kratzte. Und vor den braunen Hütten mit den

bemoosten Strohdächern hockten wie in der Hitze eingenickte Wächter

viele alte über und über in Blust stehende Holunderbüsche.

»Wie schön, wie ganz wunderbar schön,« entfuhr es dem Manne mit dem

»Zustand« fast demütig. Er begann sich regelrecht zu schämen. Mit

jedem Schritt wurde er es immer mehr inne, daß er krank war. Nicht

gefährlich! Nur bücherkrank und stubenkrank! Die blaßvioletten

Skabiosen in den Wiesen mit ihren hübschen Blumenkörben verstanden

auch, wie's um ihn stand, und die herrlichen goldgelben Sterne des

Ziegenbarts wußten es so gut wie die weißen Dolden und roten Rispen

und die blauen Glocken und die braunen Wiesenknöpfe, was mit ihm los

war. Sie hatten schon alle lachen wollen über den sonderbaren Menschen,

denn sie waren übermütig, weil alle Wiesen so herrlich im Pfingstglanz

leuchteten, und der da aussah, als hätte er die ganze Zeit auf dem

Mond gelebt, wo es erwiesenermaßen nichts mehr gibt, als griesgrämige

Berge, die keine Feuer mehr spucken und auch keine Blumen auf ihren

ausgemergelten Felsrippen mehr wachsen lassen konnten. Aber als die

Butterblumen und die Ziegenbärte eben verächtlich lachen wollten, da

kam auf einmal der Wind vor dem stubenkranken Wanderer her und fuhr all

den Gräsern und Kräutern über die übermütigen Köpfe, daß sie sich ganz

bescheiden vor ihm neigten, und sagte:

»Wie könnt ihr nur? Das ist doch einer von denen, die über uns Bücher

schreiben müssen!«

Da schämten sich die Wiesenblumen; denn so viel wußten sie wenigstens,

daß man beim Bücherschreiben, auch über die Blumen und über die Wolken

und die Bäche und die Bäume und den Wind, in der Stube sitzen muß, wo

es das alles nicht gibt.

Der Mann aber, der zuletzt nur noch ganz langsam gegangen und oft

stehen geblieben war, um mit durstigen Augen all den bunten Glanz und

all das ruhige Glück sonniger Farbenstille in seine verstaubte Seele

hineinzutrinken, fing auf einmal von neuem an zu laufen. Nicht mehr aus

Zorn. O nein! Er spürte nun, daß er wieder lebte, lebte _in_ der Welt

und _mit_ der Welt, und die Welt in _ihm_. Er fing an zu singen und zu

springen. Wie lange, das wußte er selber nicht. Aber plötzlich stand

er wieder vor der Tür seines Hauses mit einem mächtigen Strauß aus

Feld- und Waldblumen in der Hand, und er wunderte sich sehr, daß ihm

sein Weib lächelnd entgegentrat, den Strauß mit wenigen, guten Worten

bewunderte und sonst tat, als ob gar nichts gewesen wäre.

Was war denn überhaupt geschehen?

Er hatte nur noch ein dumpfes Gefühl einer wüsten, langen

Gefangenschaft in dunkeln Räumen, einer barbarischen Trennung von

Licht und Welt und Sonne und Schönheit. Und als er wieder in seinem

Bücherkerker angekommen war, da wußte er, was ihm gefehlt hatte.

Von da an ging alles wieder gut im Haus, denn jeden Tag besuchte man

mit dem Vater die Holunderbüsche und den Wald und den Bach und die

Wolken und überhaupt alles da draußen vor dem Gartenhag, was so schön

ist.

Und daß dieser Mann, der ein guter Bekannter von mir war, je einmal

den »Zustand« hatte, das ist nun wie ein Märchen aus alten Zeiten. Und

wenn es wieder kommen will und er fragt bei uns um unsere Meinung, dann

wird die Parole gegen den Erzfeind aller Stubenhocker, den Sorgengeist,

ausgegeben. Die Großen und die Kleinen und die Kleinsten werden in die

gute Stube gerufen, ich setze mich ans Klavier, und der böse Geist

fährt aus unter den Klängen des Liedes:

Hinaus in die Ferne!

Hinaus in die Freiheit, in die Sonne, ins Leben!

[Illustration: Phot. ***

Der Wanderer · 第 83 / 110 题