Kirchbauna bei Cassel.]

Ich sage nichts gegen das Photographieren einzelner begabter Amateure.

Ich besitze selbst eine Sammlung von geschenkten Lichtbildern, deren

Durchsicht mir schon mehr als einmal nicht nur immer wieder neue

Erinnerungswerte zum so und so vielten Male verschaffte, sondern

auch jenen fast an die Grenze des Kunstgenusses grenzenden Genuß

bereitete, der von untheatralischen, mit keuschen Sinnen und mit zarten

Fingern aufgenommenen und liebevoll »entwickelten« Photos ausgeht.

Ich rede also nur gegen die neue Naturkleptomanie der wandernden

Nurknipser, gegen jene Filmpest, die nur ein weiterer Schritt zu der

Entpersönlichung des Menschen und seiner Entwürdigung zum Maschinisten

einer Unzahl von wunderbar feinen technischen Apparaten ist, die ihm

aber nach und nach die Hände, die Füße, die Augen und schließlich auch

-- das Herz ersetzen. Und der ~Deus ex machina~ taugt auch auf diesem

Gebiete nichts. Er gibt scheinbar und raubt dafür um so mehr! Und du

_sollst_ dich nicht berauben lassen, du Wanderer, der du einer neuen

Zeit der Fülle und der Helle entgegengehst!

Menschliches, Allzumenschliches.

Aphorismen.

Bleib in deiner Haut, wo auch deines Schusters Rappen traben mögen, und

sage nicht: »Grüß enk Gott«, wenn du zu Hause den Nächsten mit einem

»Juten Tach« begrüßest. Es ist keine Schande, der und _nur der_ sein

zu wollen, der man ist, und die Herzlichkeit des Grußes muß der andere

aus deinen Augen verspüren. Alles das liegt jenseits von Geographie und

Dialekt.

* * * * *

Machen Kleider wirklich Leute? Leute schon -- aber keine Wanderer und

keine -- Menschen. Und der Weg zum Menschen geht über das Wandern.

* * * * *

»Andere Städtchen, andere Mädchen!« Das ist ganz in der Ordnung. Wenn

du im Übermut eines schönen Sommerabends in einen Garten einfällst und

von dem Blütenreichtum einige Rosen plünderst und im goldenen Schein

deiner Jünglingssehnsucht in jedes Mägdleins Augen, das aus einem

altmodischen Giebelfenster schaut, den Himmel siehst, dann ist's,

wie wenn ein Blitz nur leuchtet aber nicht trifft, wie wenn eine

Sternschnuppe nur vor dir niedergleitet, dir aber nicht auf den Kopf

fällt. _So, aber nicht anders_ soll dir ein jedes andere Städtchen

ein anderes Mädchen bescheren. Aber -- rühre nicht daran! Dann ist es

Glück! Und die Zeit ist nicht so sehr lang, wo man die Baßgeigen am

Himmel und diesen selbst in jedes Jungfräuleins Augen sieht.

* * * * *

Auch die _Unbefangenheit_ hat ihre ewigen Grenzen, wenn nicht aus ihren

drei mittleren Silben ganz _verschämt_ etwas anderes werden soll.

* * * * *

Es ist nichts unmöglich. Ich sah einmal zwei junge Touristen einem

Bäuerlein über die Kleeäcker laufen und gleich darauf den Versuch

machen, dem alten Mann unter Anbietung von Broschüren über »Ländliche

Wohlfahrtspflege« einen kleinen Vortrag zu halten. Ob das Bäuerlein

diesen Genuß nicht allein haben wollte -- ich weiß es nicht. Jedenfalls

rief _er_ seinen zwei Knechten und sah sich unterdessen in der Scheuer

nach dem Nagel um, wo der Geißelstecken hing. Worauf die beiden jungen

Herren es vorzogen, ihren Vortrag ohne weitere Begründung abzubrechen

und die ungastliche Stätte zu fliehen. Was sie nur hatten?

* * * * *

Mein Sohn, wenn du gern singst und eine schöne Stimme hast, dann vergiß

das eine nicht: Immer hören es auch die anderen!

* * * * *

Botanik ist eine schöne Sache. Aber wenn dich einer bei jeder Blume,

deren er habhaft werden kann, mit ihrem lateinischen Namen und der Zahl

der Staubfäden beglücken will, dann laß den Mann allein mit seinem

Latein und schüttle seinen Staub von deinen Füßen.

* * * * *

Wenn dein Rucksack leer ist und auch dein Magen, so bitte deinen

Gefährten um nichts. Wenn er es nicht von selber merkt, dann gibt er

nur ungern. Und _so lange_ muß dein Stolz _über_ deinem Magen sein.

* * * * *

Die Teilnahme am Wohl und Wehe seines Wanderkameraden ist ein schöner

Zug. Wenn du aber doch durch ein unerbetenes Herumsausen für die

anderen, und weil du »so gerne Dienste leistest«, schließlich selber

dein Eigenes vergißt und der ganzen Horde zur Last fällst, dann gehört

das zum Altruismus, das ein Laster ist.

* * * * *

Nur nicht immer _erziehen_ wollen beim Wandern in Horden. Es ist schon

manchem guten, aber schwerfälligen Burschen das Wandern verleidet

worden, weil jeder ihn »erziehen« wollte.

_Aber_ es gibt Muttersöhnchen, Jüngelchen und Brüder voller

süßlicher Tücke, die eine ganze Schar von fröhlichen fahrenden

Gesellen untereinandermachen und mit den auserlesensten Tricks alle

hintereinanderhetzen können.

Ich bin grundsätzlich gegen alle Gewalttätigkeiten, aber da bedarf es

nachträglicher Kinderstube: wenn die zwei Gesellen mit den _treuesten

Herzen_, aber auch mit den _kräftigsten Armen_ solch einen Knaben

hinter einem großen Busch einmal nach alter guter Sitte -- »erziehen«,

dann geschehen oft Zeichen und Wunder! Vornehmer aber ist es auf jeden

Fall, einen solchen »Unmöglichen« mit dem nötigen Reisegeld versehen

postwendend nach Hause zu schicken.

* * * * *

Wenn du die Berge liebst, so rede nie über ihre Höhe; wenn du die

Wolken liebst, so klage nicht über die Regentage; wenn du die Blumen

liebst, so reiße sie nicht bei jeder Gelegenheit ab, um sie nachher

wieder wegzuwerfen; und wenn du deine Wanderkameraden liebst, dann sehe

nicht auf ihre Torheiten und Schwächen. Sie werden es dir danken und

sie desto eher ablegen.

* * * * *

Gott sei Dank, sagte einer vom »A. W. V.«, daß ich nicht bei der

Blase »F. K. B.« bin. Die Kerle verkaufen unter der Woche Heringe

und mimen am Sonntag Wandersport. -- Da schlug ihn der Vater aller

Wanderer mit noch größerer Blindheit als denjenigen, woran er schon

litt. Und je weniger er auf seinen Touren sah, desto »pyramidaler« und

»phänomenaler« kam ihm alles vor, besonders er aber sich selbst.

* * * * *

Hab nicht den Ehrgeiz, _beliebt_ zu sein. Die Beliebtheit ist immer die

Treppe, auf der einer von seinen ersten Bewunderern heruntergeworfen

wird; auch wenn er der Diensteifrigste der ganzen Schar war. Denn alle

merken bald, daß er nur aus Eitelkeit uneigennützig und aus Eigennutz

liebenswürdig war.

* * * * *

Du bist ein Witzbold?! Dann vergesse nie das Rezept: morgens und abends

_einen_ Eßlöffel voll. Mehr bekömmt dir schlecht und den andern.

* * * * *

Wenn du eine Scheune beim Nachtlager oder untertags ein Lokal

überfüllt findest, dann ist es ein Zeichen von Einsicht, wenn du nicht

vergissest, daß du auch selber zu dieser Überfüllung nicht weniger

beiträgst wie jeder andere.

* * * * *

Die Knallprotzen der Nacktkultur! Eher versetzen sie eine alte harmlos

im Walde wandernde Jungfer durch ihren entblößten Oberkörper in

Aufregung, als daß sie deren Zimperlichkeit zu Hilfe kommen, rasch die

Jacke anziehen und auf die Bewunderung ihrer schönen Schultern und Arme

verzichten. Das wäre ritterlicher, wenn denn durchaus der Held markiert

werden muß.

* * * * *

Im Paradies wird es sicher einmal keine Polizeivorschriften geben,

aber auch nur Menschen, die das Vernünftige von selbst tun. Das mögen

sich die jungen Wanderer merken, welche glauben, die sehr wichtigen

amtlichen Vorschriften jedes Landes über das Anzünden von offenen

Feuern nicht kennen zu brauchen.

* * * * *

Man kann in aller Gutherzigkeit Dinge tun, die andern sehr schlecht

bekommen. Wir haben einmal zu dritt einen Fischernachen benutzt, um

an das andre nahe Ufer eines Sees zu fahren, und machten das Schiff

ohne Erlaubnis los, weil wir sicher waren, es in kurzer Zeit wieder

zurückzubringen. Aber es verging ohne unsere Schuld ein ganzer Tag,

und wir kamen gerade dazu, wie ein anderer Junge als vermeintlicher

Täter von dem Fischer die Prügel bekam. Es half uns nichts, daß wir uns

gleich als Täter bekannten; und wir haben auf jener Wanderung wie im

ganzen Leben kaum einen so trüben Abend voller Beschämung gehabt wie

damals.

* * * * *

Wenn dein Deutschtum in dir nicht mit einigen guten Tropfen von

Menschheitsgefühl und Weltbürgerempfinden gesalbt ist, dann lasse

lieber das Reisen im Ausland.

* * * * *

Es ist etwas Herrliches um unsere deutsche Wanderbewegung. Aber die

Zeit ist nicht fern, wo eine große Anzahl von denen, die heute mit

Rucksack und Hakenstock der Natur und den Mitmenschen näher kommen, es

für -- unfein halten und mit der gelassenen Empörung der »Vornehmen«

wieder in ihren vier Wänden sitzen bleiben werden, weil ja heutzutage

»einfach alles, alles mögliche wandert«.

Menschen.

Drei Arten gibt's von _Menschen_, sagt der Koran: den Freund, den

Sanften und den Tapferen. Den einen erkennt man in der Not, den anderen

im Zorn, den dritten in der Gefahr.

Beim Wandern kann man sie alle drei finden. Häufig sind sie nicht.

* * * * *

Es war am Titlis. Kaum eine halbe Stunde vom Trübsee aufwärts, wo

der Weg steiler und steiniger ist als sonst, da übertrat sich einer

den linken Fuß. Der Führer der Schar -- es waren Wandervögel --, ein

junger Mediziner, kurz vor dem Examen, stellte Sehnenzerreißung mit

starkem Bluterguß fest. Es war ein Tag voll von Glanz und Leuchten.

Der blanke Schild des Titlisgletschers winkte verlockend. Da kamen

zufällig Berufsführer von oben, die wollten den Verunglückten schon

hinunterbringen. Aber einer von der Schar, ein stiller Junge, ließ sich

nicht abhalten, den Maroden zu begleiten. Im Trübseehaus massierte

er ihn, las ihm vor und wartete, bis der Kranke auf einem Maultier

nach Engelberg gebracht werden konnte. Auch da ging er mit. Als die

anderen ihn am Tag darauf allein in Engelberg wieder trafen, meinten

die meisten: »Na, Franz, so was! Der hätte doch allein seine kaputten

Knochen hüten können -- 's war einfach ganz wundervoll da oben! So 'ne

Dämlichkeit!«

Der Franz sah ganz verlegen drein und antwortete nichts. Was hätte er

auch sagen können? Das waren halt -- zwei Welten.

* * * * *

In der Hohen Rhön, als es noch zwei Stunden bis zum Rastplatz war, wo

abgekocht werden sollte, mußte der »Olympier« -- so hieß er im »Pennal«

-- unbedingt Zigaretten rauchen, um »in Stimmung zu kommen«. Der Koch

pumpte ihm die letzten Streichhölzer mit der Warnung, ja nicht alle

zu verbrauchen. Denn die ganze Bande war zufälligerweise ohne Feuer.

Der »Olympier« kannte solche irdischen Lappalien nicht. Nach einer

Stunde (seine Zigaretten gingen ihm alle Augenblicke aus) war kein

Streichholz mehr in der Schachtel. Der Küchenmeister mag so eine Ahnung

gehabt haben, fragte nach den Streichhölzern und konnte nur noch die

betrübende Tatsache feststellen. Was tun? Wolken bedeckten den ganzen

Himmel. Mit einem Brennglas war also nichts zu machen, Zunder und

Feuerstein waren nicht da. Das ganze Dutzend der Kameraden gähnte nur

so vor Hunger. Nach einigen Minuten sah man nichts mehr vom Koch. »Der

hat sich wohl dünne gemacht!« meinten manche, die von der Geschichte

erfuhren. Aber gegen den »Olympier« wurde die Stimmung geradezu

drohend. Aber als man am bekannten Rastplatz ankam, prasselte schon

ein großes Feuer, der Koch wartete nur auf das Kochgeschirr und die

Erbswürste. Er war in aller Stille im Laufschritt in ein nahegelegenes

Dorf gerannt, hatte dort Streichhölzer gekauft und war auf einem

geliehenen Rad zurückgefahren. Als der »Kohldampf« sich unter der

Gegenwirkung des leckeren Mahles verzogen hatte, bot der Koch dem

Olympier freundlich Feuer an zu einer für ihn nun natürlich nötig

gewordenen Zigarette.

Ein junger Freund, der mir den Vorfall erzählte, wußte nichts über

die augenblickliche Wirkung dieser grenzenlos sanften Zurechtweisung

des sehr begabten, aber verwöhnten und etwas sehr leicht angelegten

Sünders zu sagen. Er schien das damals nur in der Ordnung zu finden. --

Aber von diesem Tage an rauchte er nicht mehr und wurde ein wenigstens

so tüchtiger und zuverlässiger Mensch, als es bei seiner Veranlagung

möglich war.

Vom Koch aber sagte beim Essen jeder, als er von seinem tollen Trab

nach Zündhölzern hörte: »Na, der Bruder, der »Olympier«, hätte mich mal

kennen lernen sollen!« Dabei machten sie eine nicht mißzuverstehende

Handbewegung, löffelten aber ihre Suppe weiter und fanden das auch ganz

in der Ordnung.

Es waren eben -- zwei Welten.

* * * * *

Beim dritten Erlebnis, am Untersee, war eine Schar von Primanern

einer deutschen Stadt bei einem der dort wohnenden Dichter und

Fürsprecher der Wanderbewegung zu Besuch gewesen. Auf der Rückfahrt

bei vollbesetztem Boote gingen die Wellen während eines der dort ganz

unerwartet rasch einsetzenden Föhnstürme ziemlich hoch. Der Schiffmann

mahnte zur Ruhe. Als aber eine Welle den Boden des Bootes bis über

die Bretter füllte, womit der Kielraum überdeckt war, legte sich über

sein altes Landsknechtgesicht ein seltsamer Zug. Ernst, Angst und ein

wenig verhaltene Wut über die »Schwadronöre« stand auf den braunen,

harten Zügen geschrieben. Er ruderte grimmig drauflos und sagte zu den

Gehilfen am zweiten Ruderpaar ganz leise: »Schuh usziehe!«

Dies verstanden nur wenige. Sie erkannten nicht den Ernst der Lage,

weil die beiden Ufer dort nicht mehr als einen Kilometer voneinander

entfernt liegen. Eine zweite Sturzwelle kam. Das Boot sank bis an den

Rand ein. Da sprang einer der wenigen, die verstanden hatten, warum der

Schiffsknecht die Schuhe ausziehen sollte, der »lange Mann«, wie sein

Übername bei den Kameraden war, ein junger Hüne, dessen Mut geradeso

groß war wie seine Geschicklichkeit in allen Arten von Sport, nur mit

der Hose bekleidet in den See und schwamm die hundert Meter bis zum

Ufer fast so schnell wie das Boot, das nun, um mehr als hundertfünfzig

Pfund erleichtert, aus der größten Gefahr war.

Als alle wohlbehalten auf der Ufermauer des alten Hafens mit dem

malerischen Stadttor standen, meinte einer: »Aber so 'n Luxus, langer

Mann! Sich in solche Unkosten stürzen! Wir wären ja die paar Meter

auch so 'rüber gekommen!« Der alte Schiffer sah zuerst den Sprecher

verächtlich und dann den Schwimmer mit einem Blick an, der weder seine

Bewunderung noch seine Dankbarkeit verbergen konnte. Er hatte eine Frau

und sechs Kinder.

Das waren eben auch -- zwei Welten.

[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Verschönerungsverein

Altenburg i. S.

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