Sommerblumen.]

Wir waren (das ist jetzt auch schon ein Vierteljahrhundert her)

drei Schulkameraden und Freunde, hatten den Übergang aus der

Obersekunda an die Unterprima nicht gerade glänzend, aber doch auch

ohne Makel bewerkstelligt und standen vor unserer ersten Großtat,

einer Reise in die Schweiz, zu der die Mittel durch Aufführungen von

Tragödien, bearbeitet für Kinder unter 10 Jahren, das heißt durch

Kasperletheaterspielen vor der Jugend der Nachbarschaft verdient

worden waren. Der Reiseplan entbehrte nicht der Großzügigkeit, und

unser eigentliches Ziel wurde verschwiegen, so weit war's bis dahin.

Die Nachbarn und Nachbarinnen bewunderten diese unsere nicht zu

bestreitende, offenkundige Begabung zu Weltreisenden. Nur der gute

alte Vater der beiden Freunde, der in allen Dingen eine gemächliche

Sicherheit an den Tag legte, warnte uns. Wenn man noch nicht einmal das

eigene Ländli kenne, wie wolle man da schon in die Schweiz oder gar

noch nach Italien reisen. Er hatte für solche Lebensanschauungen einen

eigenen Ausdruck: »Überhopst ist so gut wie gelogen,« meinte er.

Natürlich setzten wir's doch durch. Aber wir haben ihm alle drei

seither recht gegeben, dem alten, guten Vater. Auch beim Wandern ist

das Überspringen ein Stück Unehrlichkeit. Und es ist immer ein Glück,

wenn man's später noch gutmachen kann und alles »_Überhopsen_« ehrlich

und redlich nachholen.

[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.]

Mit Kindern.

_Brief einer Mutter an eine »Reform«mutter._

Verehrte Frau, ich werde mich nicht täuschen in der Annahme, daß Ihre

unerschütterliche Güte mir für manches von dem, was da kommen soll,

pränumerando Verzeihung gewährt. Also:

Sie befinden sich in einer großen Gefahr, und ich möchte Sie allen

Ernstes warnen vor den -- Schriftgelehrten! Sie gehören zu den

Ahnungslosen, die es haben, ohne es zu wissen, und nun sind Sie auf

dem besten Wege, Ihre natürliche Gabe für Kindererziehung hinzugeben

gegen ein unnatürliches, wichtigtuerisches Nachdenken und Diskutieren

über Kindererziehung und modernes Wandern, wie es sich jetzt in der

Gestalt von allerhand klugen Leuten an Sie herandrängt. Werfen Sie sie

hinaus, verehrte Frau, die Leute, die immer vom Himmelreich der Kinder

reden und selbst den Schlüssel dazu nicht haben, und lassen Sie mich,

gewissermaßen stellvertretend, Ihnen sagen, was Sie vor der Zeit Ihrer

Infektion mit dem Bazillus der Kindswissenschaft geantwortet hätten,

wenn Sie gefragt worden wären, was Sie jetzt hinter den spanischen

Wänden einer Ihnen gar nicht liegenden, modernen Bestrebung hervor mich

fragen. Sie hätten zum Beispiel der Dame mit den vielen Kindermädchen,

die Sie ja kennen und die Ihnen jetzt das Leben schwer macht mit

langen überzeitgemäßen Erziehungsreformen, geantwortet:

»Nehmen Sie mir es nicht übel, meine Liebe, aber wie kann

man nur so dumm fragen? Warum in die Ferne schweifen, wenn

das Gute so nah liegt? Da reden die Leute den ganzen Tag von

der Natur und suchen sie, wie mein Mann oft seine Brille

sucht, die er auf der Nase hat. Das geht mir einfach auf die

Nerven, diese gelehrten Gespräche über Sport und Regeneration,

und wie das dumme Zeug alles heißt. Das ist doch alles so

furchtbar einfach, wenn man's nur richtig anfaßt. Vor acht

Tagen, da wurde es mir einmal zu eng in der Küche und in

der Haushaltung; kurz, ich wollte was anderes haben als das

ewige Wäscheaufschreiben, das tägliche Denken, was nun wohl

zu Mittag oder zu Abend gekocht werden soll, und ähnliche

tiefsinnige Betrachtungen, die aber nun doch einmal sein

müssen, so lang als die Welt steht. Nun, da sagte ich meinen

Jungen beim Zubettgehen: »Kinder, morgen wird's fein! Vater

geht fort, und da werden wir wohl nicht so dumm sein, zu

Hause zu bleiben! Gewandert wird, den ganzen lieben Tag.«

Und als die Jungen laut aufschrien vor Freude und fragten,

wohin, da wußte ich es, offen gestanden, selbst noch nicht.

Und am andern Morgen wußte ich es auch noch nicht, und wir

liefen einmal drauflos, weil's uns selber wunderte, wohin wir

eigentlich kämen. Natürlich in die Berge, die uns am nächsten

sind und auf deren grünenden Kuppen mit dem unendlichen Himmel

darüber aller Haushaltungskram von mir abfällt wie von selber.

Und die Jungen? Ja, wissen Sie, die brachten doch überhaupt

erst Stimmung in die Geschichte. Überhaupt, meine Liebe, das

Wandern, wenn man's nicht gerade auf dreißig Kilometer im Tag

abgesehen hat, ist am wunderbarsten mit Kindern. Nicht unter

fünf Jahren, das will ich zugeben. Aber schließlich, wenn ich

so denke, wie war das etwas Herrliches, wenn wir zu Hause,

als ich noch klein war, mit Vater und Mutter und noch einer

anderen Familie zusammen, die ebenso leichtsinnig veranlagt war

wie wir, kurz, einer ganzen Bande, mit einem Dutzend Jungen

und Mädels und zwei -- erschrecken Sie nicht -- Kinderwagen

hinauszogen in den grünen Wald, stundenweit, und an einem

Waldbach lagerten, futterten, spielten, lachten und schliefen.

Nie hab' ich gesehen, daß die Eltern und die Älteren den

Humor verloren hätten. Im Gegenteil. Vater war noch toller

als wir alle zusammen, zeigte uns die Vogelnester oder schlug

Tannenzapfenschlachten mit uns, einer gegen zwölfe.

Aber schließlich will ich Ihnen doch von uns erzählen. Sie

sagten mir dieser Tage einmal, wir müßten die Kinder schauen

lernen. Unsinn! Nehmen Sie es nicht übel. Die sehen meist

mehr als wir, und ich habe von jeher gefunden, daß es eine

Aufdringlichkeit ist, wenn wir uns in die Seelen unserer Kinder

hineinschleichen, um sie mit _unseren_ Augen sehen zu lassen.

Wir sollten's mit den _ihrigen_ lernen, denn sie sehen sicher

klarer, einfacher und reiner.«

Sehen Sie, so würden Sie unbefangen und frisch heraus Ihrer gelehrten

Freundin, bei der es kein Kindermädchen drei Monate lang aushält,

antworten, wenn Sie sich nicht hätten _imponieren lassen_ und an ihren

eigenen gesunden Menschenverstand fest geglaubt hätten.

Der Wanderer · 第 64 / 110 题