Vom »Überhopsen«.
Der alte römische Schriftsteller und Staatsmann Plinius, der als
Neffe seines berühmten Onkels sich stark für Naturwissenschaften
interessierte, erzählt in einer seiner vielen feinen Briefe, was die
Menschen doch für merkwürdige Käuze seien, wenn sie lange Reise zu
Land und zu Meer machten, um Neues zu sehen. Er selber sei ein so
merkwürdiger und unglaublicher Geselle. Denn auch er unternehme jedes
Jahr große Fahrten in die weite Welt und habe dabei noch nicht einmal
den Waldsee auf dem Gute seiner Schwiegermutter gesehen, auf dem die
Naturerscheinung einer schwimmenden Insel studiert werden könne.
Es wird wohl nicht viele Wanderer geben, die bei dieser Erzählung nicht
das Gefühl überschliche: »Auch du gehörst zu dieser Sorte.« Nirgends
mehr als auf den in unserer allernächsten Umgebung gelegenen Feldern
und in den Wäldern unseres Bannkreises harrt unserer noch manche
Offenbarung; und jeder Glaube, daß man im Umkreise von höchstens 20
Kilometern keine neuen Entdeckungen mehr machen könne, erweist sich
bei genauem Suchen als eine Oberflächlichkeit. Das Gute liegt auch
hier so nah; wir sehen es nur nicht. Es geht uns fast allen wie dem
Menschen, der in den Himmel kam und dort, von einem Engel im Paradies
herumgeführt, sich an den herrlichen Blumen und Bäumen nicht satt genug
sehen konnte, und dann sehr erstaunt war, als ihm der Engel sagte:
»Genau dieselben Blumen und Bäume habt ihr drunten auf der Erde. Ihr
seht sie nur nicht, ihr armen Menschen!«
Also entdeckt zunächst einmal in euren eigenen Wäldern und auf euren
eigenen Fluren die Wunder, bevor ihr so weit hinaus und hinauf wollt.
Jeder Wald und jedes Feld hat sein Geheimnis. Aber nur demjenigen wird
es enthüllt, der die große tiefe Liebe zu seiner Heimat im Herzen
trägt. Der rasche Wegefahrer und der neugierige Rundreisetourist
stolpert, mit der Nase in der Luft, immer am schönsten vorbei. Die
Nase in der Luft zu haben, ist nicht vom Übel. Im Gegenteil. Aber dann
auch die Luft in der Nase haben! Weniger umständlich ausgedrückt:
Mund zu und Nase auf! Durch die Nase atmen! Nicht durch den in blödem
Erstaunen geöffneten Mund. Die Nase hat viel mit den Geheimnissen
der heimatlichen Fluren und Wälder zu tun. Kein Sinn ist, wie die
Kundschafter der Seele entdeckten, so eng mit dem Erinnerungsvermögen
verknüpft wie der Geruchsinn. Wenn ich z. B. die Schwarzwaldbahn
hinauffahre und atme so in der Gegend von Gutach die erste Nase
voll echter würziger Schwarzwaldluft, dann taucht eine Welt voll
Erinnerungen in den Bergen glücklich verlebter Tage auf; ich vergesse
den Dunst, der sich aus den Düften von Zeitungspapier, Tinte und
Zigarrenrauch zusammensetzt, und werde wieder ein Mensch -- sozusagen
wenigstens. Napoleon I. hat einmal gesagt, er würde blind seine Heimat
Korsika wiedererkennen an dem Duft, den das felsige Eiland über das
Mittelmeer hin ausströmt. Mit Napoleon I. habe ich sonst -- wie mir
meine besten Freunde glaubhaft versichern -- nichts gemein; aber am
Geruche würde ich auch meinen Schwarzwald wiedererkennen, wenn ich ihn
nicht mehr sehen könnte.
[Illustration: Phot. H. Hoek.