Mein Sohn, ich warne dich vor dem Mann mit der Zupfgeige. Er wird sich
dir harmlos lächelnd und verbindlich grüßend nahen, und zwar gerade
dann, wenn du allein sein möchtest; und er wird dir sein allerneuestes
»Liedel vorsingen«. Denn dieses so gern gebrauchte und verballhornte
süddeutsche Verkleinerungswort ist ebenso oft Maskerade wie die blaue
bayrische Zwilchjacke.
Ich will dem Lautenschlagen und dem Zupfgeigenspielen und dem
Klampfenzirpen gewiß nichts Übles nachsagen. Ich schlage sie selbst,
die sechs Saiten. Aber ihm irgendwie das Wort reden braucht man nicht.
Es wird auf diesen Tonwerkzeugen von lauten Dilettanten viel mehr als
von stillen Künstlerseelen gewirkt. Womit der Dank für die vielen
hellen Stunden, die ich einzelnen frohen Gesellen bei der Rast unter
schattigem Laubdach und Künstlern wie Robert Kothe, Sven Scholander
oder auch anderen nur in kleineren Räumen als dem Konzertsaal wirkenden
Talenten schulde, nicht unterschlagen werden soll. Den Wanderer, den
ich meine und der Ohren hat zu hören, soll in diesen Zeilen nur auf
eine herrlichere Laute aufmerksam gemacht werden als die um 10 bis 60
Mark beim Musikalienhändler zu erstehende.
In allen deutschen Volksliedern, in den ältesten am meisten, kommt
ein Reichtum von Gefühlen zum Ausdruck, die einem feineren Gehörsinn
entstammen, als wir ihn noch besitzen. Mit so vielem anderen haben wir
Kulturmenschen auch das Hören verlernt. Die zierlichen Sinneswerkzeuge
im Gehörgang des Naturmenschen, Steigbügel, Hammer, Amboß, waren
noch nicht durch wüstes Straßenbahngeklingel, Dampfsirenengeheul,
Automobilhuppengetute und ähnliche Errungenschaften aus der Kunst des
Sichvernehmlichmachens abgestumpft. Wir alle sind harthörig geworden.
Nur so konnten Richard Strauß und andere Erfolge haben! Aber es gibt
verborgene Wege, um uns aus diesen Orgien der Dissonanz zurückzufinden
zu den Harmonien des verlorenen Paradieses, zu den heiteren und
beruhigenden Schöpfungen unsichtbarer Schuberts, Mozarte und ähnlichen
hellen Tongewaltigen.
Jeder Wanderer, der allein seine Straße dahinzieht und vielleicht
geistig und auch körperlich unter einem Übermaß von Eindrücken
leidet, die wie eine Flut von Farben und Formen durch das enge Tor
der Pupille in die Seele stürmen, versuche einmal in aller Ruhe
während des Wanderns die Augen zu schließen und zeitweise blind
weiterzumarschieren. Auf einem nicht zu schmalen Weg ist das viel
leichter, als man sich's denkt, und außerdem eine ganz gute Übung für
den Gleichgewichtssinn. Dann wird er durch die Hilfe des noch frischen,
weil bisher fast gar nicht in Anspruch genommenen Gehörsinns eine
neue Welt entdecken. Eine Welt, wo es mehr oder weniger tief, je nach
dem Grade der Veranlagung des Wanderers, tönt und dröhnt, singt und
schwingt von bisher unbemerkten Lebensäußerungen der Natur. Er wird mit
der ganzen Frische unermüdeter Empfänglichkeit im Rauschen des Baches
den Singsang und den rhythmischen Tanz der Melodien heraushören können,
ohne die ein großer Tonsetzer wie Schubert niemals seine wundervollen
Lieder wie »Ein Bächlein hört ich rauschen« u. a. hätte komponieren
können. Er wird es verstehen, wenn Richard Wagner einmal erzählte, er
habe seine Melodien »oft aus der Luft aufgefangen«. Die Achteltöne
im leisen Sang der Grasrispen, die zitternden Terzen im Rauschen der
Tannenwipfel und tausend kleine und große Lieder, die der Wind auf
den unzähligen Harfen der Natur spielt, werden ihn Zeichen und Wunder
vernehmen lassen.
Um nur beim Gröbsten zu bleiben: Wie viele Fahrende kennen die Stimmen
aller Waldvögel? Und wie wenige erst hören die zitternden Fugen auf der
großen Orgel in der verlorenen Kirche des Waldes? Und die Gesänge der
Geister über den Wassern? Und so viele andere ganz natürliche und gar
nicht überirdische Klänge, die im Wald und auf der Heide, in den Tälern
und auf den Bergen ertönen?
Nicht von den Stimmungen ist hier die Rede, die liebende Jünglinge und
Jungfrauen aus dem Wald heraushören, so wie sie sie hineinschmachten,
denn da schreit's wirklich so heraus, wie man hineinschreit, sondern
von dem objektiven Erleben der Lautwelt, die in der Natur ihr Dasein
hat, und die wie alles in Farbe und Form Gestaltete uns vertraut
werden kann. Es erhöht die Genußfähigkeit beim Wandern, wenn man das
schwirrende, säuselnde, klingende und brausende Leben in Feld und
Wald vernimmt. Die Indianer legen das Ohr an die Erde und vernehmen
einen nahenden Reiter auf eine Stunde Entfernung. Wir müssen wieder
Hörer werden, wenn uns Vieles und Großes, Treues und Wahres in der
Verworrenheit unseres Daseins nicht verloren gehen soll. Und so wie
bei Blind-, Stumm- und Taubgeborenen das Tastgefühl einspringt für die
kranken Sinne, bis auch diese Stiefkinder der Natur auf ihre Art sagen
können, was ihr Innerstes bewegt (man denke hier nur an Helen Keller),
so können wir mit gesunden Sinnen Beglückten durch gelegentliche
freiwillige Ausschaltung, sozusagen Außerdienstsetzung des einen Sinnes
den andern stärken und kräftigen.
Also lernt hören, ihr Fahrenden! Es gibt viele Sprachen, aber die
Muttersprache der _Natur_ wird am seltensten gelernt, und es ist doch
das schönste und leichteste _Esperanto_.
[Illustration: Phot. Chr. Meißer.