Abend auf der Elbe]

Andere sind in der Jugend voll von gerechter Empörung gegen die

Heimat, suchen die Wahrheit und die Liebe und womöglich auch ihr

Auskommen jenseits der deutschen Grenzpfähle, aber eines schönen Tages

empfinden sie das unwiderstehliche Bedürfnis, sich vom Schneider ihres

Vaterstädtchens -- ja gerade von _dem_ -- einen neuen Anzug anmessen zu

lassen, oder wieder einmal Knackwürste mit Kartoffelsalat zu essen, so

wie früher bei der Mutter. Wenn sie dann nach tage- oder wochenlanger

Reise zu Hause angekommen sind, finden sie die scharfsinnigsten

Gründe zu immer neuen Verschiebungen der Abreise. Die Nachbarn nicken

wissend mit dem Kopfe und blinzeln einander zu: »Aha, das Heimweh!«

Der Heimgefundene nimmt aber am zunehmenden Goldglanz, der sich über

die Wiesen und Wälder und Dörfer seiner Jugendstreifereien legt, wahr,

daß er erst am Entdecken der Heimat ist. Und dann kommt eine selige

Zeit. Dann wird alles Alte -- die kleinen tosenden Bergbäche, aus deren

Granitblöcken man als Sekundaner und als neuer Prometheus uneinnehmbare

Burgen bauen wollte; die alten, langweiligen Flußdämme, auf denen man

im Sturm und Regen hinraste, weil man sich für den unglücklichsten

Menschen in der Welt hielt; die wenigen der von den »Anforderungen der

Neuzeit« verschont gebliebenen alten Winkel und Gassen der Vaterstadt,

die einem damals so trostlos langweilig und uninteressant vorkamen

-- all dies Alte wird neu und schöner. Eine ebenso unverstandene wie

grenzenlose Dankbarkeit zieht einem durch das Herz, nur dafür, daß

man gerade hier, in _dieser_ Heimat, in diesem Winkel, im Wirbel des

brausenden Lebens ins Dasein geschoben wurde.

[Illustration: Zur Verfügung gestellt vom Verein Naturschutzpark.

Der Wanderer · 第 47 / 110 题