Der Sinn zum Wandern kann nicht erworben werden, auch nicht durch die
Mitgliedschaft zu einem der vielen Wandervereine, wie sie jetzt unter
dem warmen Regen der »Naturbewegung« aus dem Boden schießen. Es ist mit
dem Wandern wie mit dem Glauben. Es muß etwas Angeborenes sein, ein
Geschenk -- wenn man will, eine Gnade. Daß die moderne Naturschwärmerei
ein Erzeugnis unserer Großstadtkultur ist und daß dabei oft nur das
Abenteuer, wie zum Beispiel eine im Heuschober zugebrachte Nacht,
den Hauptreiz bildet, das wissen _alle Nüchternen_. Im Grunde ist
das _modische_ Wandern eigentlich nur die Reflexbewegung der in öden
Straßen, steinernen Mietkasernen und im Gewirr eines mit Licht- und
Schallreklame arbeitenden Großhandels ermüdeten Menschen. Wer wollte
das leugnen? Der Mensch der Großstadt streckt eben wie ein Kind die
sehnsüchtigen Hände hinaus nach den Blumen und Bächen und Vögeln und
Schmetterlingen eines verlorenen Paradieses.
Aber erklärt das alles?
Haben denn vor anderthalb Jahrhunderten die tobenden Universalgenies
und die schmachtenden Werthers der »Sturm- und Drangperiode« nicht
auch versucht, ihren Weltschmerz und ihre stürmischen Leidenschaften
zu vergessen und zu ertränken im wonnigen Meer der blühenden
Feldeinsamkeiten und im beredten Schweigen des Waldgeflüsters? Und
all das, obwohl die lächerliche Ländlichkeit des Verkehrs in den
Kleinstädten jener Zeit nicht so nervenzerrüttend war, daß der Durst
nach dem »Busen der Natur« daraus hätte entstehen können. Das war die
Zeit, wo man nach Einbruch der Nacht sich ohne Laterne im Schmutz auch
der hochansehnlichsten Straßen von Residenzstädten nicht zurechtfinden
konnte, und wo die damaligen Stadtpläne mit ihrem heimeligen
Durcheinander von lauschig duftenden Gärten und kühl verschwiegenen
Häusern geradezu ein Ideal für die heute so bescheiden gewordene
Gartenbewegung darstellten.
Das Wandern steckt dem Menschen eben von Anbeginn an in den Gliedern.
Als Adam seine erste, überraschend schnell nötig gewordene Reise antrat
-- wer weiß, ob ihm trotz des Abschiedsschmerzes schließlich nicht das
Herz aufgegangen ist ob all des Neuen, was er zu sehen bekam?! Um so
mehr, als er seine Freude teilen und sie dergestalt doppelt genießen
konnte. Wenn man es innewerden will, daß das Wandern eine alte Sucht,
vielleicht auch eine alte Tugend eines Teils der Menschen ist, so
braucht man nur die ersten Bücher aufzuschlagen, darinnen von der
Menschheit Glück und Schmerz die Rede ist, den Pentateuch, die alten
Propheten und -- ja nicht zu vergessen -- das Hohelied des Königs
Salomo und die Weisheit des Jesus Sirach. Wenn es da irgendwo einmal
ans Wandern geht, sei es bei dem Auszug aus Ägypten, was immerhin schon
eine ganz ansehnliche Leistung gewesen sein muß, oder wenn der junge
Tobias mit seinem kleinen Schnauzer und dem inkognito ihm als Führer
dienenden Erzengel auf die Brautschau geht, jedesmal weiß der Chronist
mit den einfachen Mitteln jener wuchtigen, schlichten Sprache eine
Reisestimmung zwischen die Zeilen hinzuzaubern, wie sie eben nur der
geborene Wanderer kennt und wie sie mit ihrem vorausleuchtenden Schein
alles noch viel schöner vorauserleben läßt, als es in der Wirklichkeit
wird. Und -- wohlgemerkt, die alten Mannen des Volkes Israel, die
ja später das Wandern wie kein anderes Volk sozusagen als Schicksal
lernen mußten, verstanden sich auf das genußfreudige, anspruchslose
Wandern, ohne großes Getöse zu machen, und hatten dabei die Augen
immer weit offen. Ich habe für diejenigen, die es nicht für Wert
halten oder nicht die Zeit haben, die Originale selber nachzulesen,
an anderer Stelle (im Kapitel vom Rhythmus der Jahreszeiten) Proben
von Naturschilderungen im Alten Testament gegeben. Denn -- darüber
sollten wir uns klar sein -- Wandern ohne eine innige Aufnahme der
Natureindrücke durch ein »unbescholtenes, freies Auge«, wie es
Gottfried Keller so wundervoll einfach nennt, das ist kein Wandern.
In unserer germanischen Literatur sind die Beweise eines
hochentwickelten Wandersinns zahlreich genug für jene Lust am Wandern,
die nur eine andere Art von Frömmigkeit ist. Diese Frömmigkeit hat
sich bei unseren Altvordern besonders in der Vergeistigung und in
der plastischen Gestaltung der Naturgewalten und Naturschönheiten in
Zwergen und Kobolden, Halbgöttern und Riesen, Waldfeen und Göttern
gezeigt und ist nichts anderes als die Empfindung der eigenen Kleinheit
und das Streben über sich hinaus. Der »Wanderer« -- wie oft tritt Wodan
unter diesem Namen auf! -- was will er anderes, als das All liebend
in sich aufnehmen und in das dunkle Haus des eigenen, trotz seiner
Göttlichkeit der Zeit und dem Raum unterworfenen Wesens die Lichtfluten
und Farbenwellen der ganzen Schöpfung einströmen lassen?!
Wir besitzen in irischen Heldengedichten, die erst vor kurzer Zeit
entdeckt wurden, Naturschilderungen von einer überraschenden Innigkeit.
Dagegen sind alle historischen Urkunden, die über Wanderungen
ganzer Völker oder auch einzelner Persönlichkeiten, besonders von
Dichternaturen aus der Zeit von der Völkerwanderung bis zum 12.
Jahrhundert, vorliegen, fast ohne jede Andeutung dafür, daß das
Anschauen der Natur als Genuß empfunden wurde. Das Naturgefühl, d.
h. der bewußte sehnsüchtige Drang, über das eigene Dasein hinaus nun
am Leben der _ganzen_ Schöpfung teilzunehmen, flammt erst mit Franz
von Assisi und dann allerdings mit einer Gewalt auf, wie sie nur zu
erklären ist aus der jahrhundertelangen Unterdrückung eines menschlich
seelischen Bedürfnisses.
Die Technik des Wanderns und ihre Beschreibung in alten Scharteken,
deren die meisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen, lassen in
ihrer spießbürgerlichen Umständlichkeit und in der altjüngferlichen
Schreckhaftigkeit vermuten, daß die vorangehende Zeit der Renaissance
mit ihrer ausgeprägten Wirklichkeitsphilosophie für Natur nicht viel
übrig hatte. Daß dieser Sinn bei den Menschen der Renaissance stark
zurückgegangen ist, darauf läßt u. a. auch die dürftige Behandlung
der Landschaft in den großen Erzeugnissen der bildenden Kunst
jener Zeit schließen, die eigentlich nur »den Menschen« kannte. Der
Dreißigjährige Krieg und die darauffolgende Zeit des deutschen Barocks
haben ihr übriges getan zur Vernichtung des erwachten Naturempfindens.
Was wir dann später aus den Denkwürdigkeiten berühmter Leute aus
dem 18. Jahrhundert kennen -- ich denke gerade an die Ängste der
Markgräfin von Bayreuth, der Schwester des alten Fritz, als sie
»durch die fürchterlich beengenden Schluchten« des uns heute so sanft
erscheinenden Thüringer Ländchens fuhr -- und was wir aus ähnlichen
zeitgenössischen Schilderungen wissen, das ist für uns Menschen des
Wanderns und Reisens, der Hochtouristik und der großen geographischen
Entdeckungen einfach von erfrischendem Humor.
Nicht weniger bekömmlich, besonders beim Eingeregnetsein in Gasthäusern
oder Hütten oder als mittelbar wirkende Anregung vor Touren, ist
das Lesen von alten Schmökern, wie z. B. »Die Kunst des Reysens im
Schweyzergebirge« (1794) oder die Beschreibung der Fahrt, welche die
Abgeordneten zum ersten badischen Landtag im Jahre 1806 vom Bodensee
nach Karlsruhe zu unternehmen hatten, bei welcher Gelegenheit »außer
vier höchlichst ermattenden Reysetagen in der Extrapost so an die
sechzig Reichsgulden benebst Trinkgeldern« draufgingen.
Alles das und vieles andre soll dem Leser nur zum Bewußtsein bringen,
daß wir am Anfang einer ganz neuen Periode der Naturbetrachtung
stehen und daß für uns bei aller Hochachtung vor dem hohen Stand
vieler Naturbeschreibungen von Dichtern vergangener Zeiten das
meiste doch zu den alten »Scharteken« gehört. Wir befinden uns eben
auf der Schwelle einer Zeit, in deren Tempeln nicht nur einzelnen
Bevorzugten, sondern einem großen Teil des Volkes die Tore geöffnet
werden zu zergliedernd-populärwissenschaftlichem Erkennen der Natur
als einheitlicher Schöpfung (was hat in dieser Richtung nicht allein
schon die Kosmosgesellschaft getan!) wie auch zu seelischer Aufnahme
der Naturschönheiten als Mittel der Daseinsbereicherung. Jedes soziale
Streben, das dem industriellen Proletariat mit der Verkürzung der
Arbeitszeit auch den Ersatz für grobsinnliches Genießen gibt, wirkt von
selbst in dieser Richtung. Uns muß die analytisch erkannte Natur wieder
_erlebte Offenbarung_ werden, so wie es Byron in einem für unsere
rasche Zeit nun auch schon zur »Scharteke« gewordenen Buche aussprach:
»Sind Berge, Wellen, Himmel nicht ein Teil
Von mir und meiner Seele, ich von ihnen?«
Was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden von Menschen, die Augen
hatten, zu sehen, in alten Scharteken gesagt wurde, das muß endlich
einmal für uns Kulturmenschen _eroberte und festgehaltene Wirklichkeit_
werden. Sonst sind wir auch auf diesem Gebiet nicht Erfüller, sondern
Vergeuder dessen, was die Vorzeit uns vorgearbeitet hat. Denn wir
sollen nicht mehr als blinde Bettler, sondern als sehende Herren einer
reichen Schöpfung dankbar über die Erde schreiten.
[Illustration: Hofphot. C. Eberth, Cassel.]
Von der Heimat.
Es ist eine eigene Sache mit der Heimat. So viele, die alles im
Vaterlande über die Maßen gut eingerichtet fanden, solange ihr großes
Bedürfnis nach Ellenbogenraum nicht beeinträchtigt wurde durch lieblose
Mitmenschen von ähnlicher Gemütsveranlagung, wandten in späteren Jahren
der Heimat den Rücken, klagten über »die hohen Steuern« und ähnliche
»Mißstände« und kamen schließlich in dem Gedanken an ihre zunehmende
Arterienverkalkung nicht mehr aus ausländischen Kurorten heraus. Sie
lebten im Winter in Ägypten und im Sommer in der Nähe des Nordpols, und
ihre Sonne ging ihnen manchmal unter hinter trübem Gewölke irgendwo in
der Fremde.
[Illustration: Tafel I
Rud. Lichtenberg phot.