XII.

Wir fuhren am Mittwoch den 29. Juli 2020 nach Wien, wo heute die

Vermählung der 100 Schönsten stattfinden sollte. Die Nächstbetheiligten

waren schon früh in Kutschen voraus gefahren und wir gelangten

vom Franz Josefs-Bahnhofe aus auf einem Straßenbahnwagen bis zum

Burgtheater, wo wir ausstiegen und durch den Rathhauspark zum Palaste

des Tribunats wanderten, um über eine Prachtstiege in den großen

Festsaal emporzusteigen, wo man uns neben vielen Broncestatuen die des

Dr. Johann Nepomuck Prix, des ersten Bürgermeisters von Groß-Wien,

zeigte. Wir stellten uns mit den anderen Zusehern im Kreise der

Fensterseite gegenüber auf und ließen von den Thüren her Gänge frei

für den Einzug der Bräute. Auf der Gallerie wimmelte es von Frauen

aller Art, die Eintrittskarten erobert hatten, und uns gegenüber war

unter einem Zelte von rothem, goldgesticktem Sammt und vergoldeten

Zeltstangen ein Thron aufgerichtet, zu dem man über Stufen aus

seltenem Holze, auf denen ein kostbarer Teppich lag, hinaufschritt.

Es war eben 2 Uhr; die Thurmuhr schlug dröhnend und man hörte drei

Schläge an der Saalthüre, die aufsprang und hinter Hellebardieren und

den Tribunen in ihrer Amtsfesttracht schritt der Unterrichtsminister

im rothen Talare mit dem rothen Barett auf den weißen Haaren, die

Amtskette mit zahllosen Diamanten auf der Brust, herein, gefolgt von

hohen Beamten und Hellebardieren, die den Schluß machten. Die Julisonne

spielte in den Bäumen im Parke und durch die mächtigen Fenster sah ich

das Burgtheater, über dem der verdächtige Apollo thront, uns gegenüber

stehen.

Nachdem der Unterrichtsminister, der heute die Stelle des Kaisers

vertrat, sich niedergelassen und die Begleitung und die Hellebardiere

ihre Plätze eingenommen, wurde das Zeichen gegeben und zwei Saalthüren

öffneten sich, durch welche die Bräute, geführt von ihren Auserwählten

und zu beiden Seiten geleitet von einem Schwarm von Ehrenfräulein,

eintraten und einen engeren Kreis um den Thron bildeten. Der junge

Mann stand hinter seiner Braut und weiter zurück die Ehrenfräulein.

Die Bräute trugen das Haar in Flechten. Die Tracht war griechisch,

das Oberkleid an beiden Schultern aufgeknüpft, und hatte man heute

Goldbrocat gewählt. Das an den Hüften aufgeschürzte Oberkleid bildete

dort etwas überhängende Falten und floß bis zu den Knöcheln; an den

nackten Füßen trugen sie reichgezierte Sandalen und mit Geschmeide

an Hals und Armen war man nicht sparsam umgegangen, da nicht nur die

Brautschatzkammer zur Verfügung stand, sondern das Obersthofmeisteramt

auf Befehl des Kaisers die ganze kaiserliche Schatzkammer geplündert

hatte. Schon seit drei Tagen waren die Bräute zur Probebekleidung

gekommen, denn das Schmücken einer Braut war eine Kunst, welche nur

wenige verstanden, und tagelang wählte man unter dem Schmucke herum,

bis man das richtige gefunden hatte, das zu Haar- und Hautfarbe am

besten stand. Jede einzelne Braut war in der Eigenart ihrer Schönheit

auf das sinnigste geziert. Da nicht _=eine=_ Braut im Saale war, die

nicht Rosenkönigin gewesen wäre, hatten sie alle die goldene Rose im

Haare und man war geblendet von der Schönheit, die hier zu schauen

war. Vergebens suchten Perlen und Diamanten uns irre zu machen, wir

sahen nur Hälse und Schultern, kräftige Arme im schönsten Ebenmaße, die

Haut schimmernd vom reinsten matten Weiß bis zum hellen Bernstein und

ein Königreich hätte man geben können für das allerkleinste Muttermal

oder eine Sommersprosse. In allen Farben spielten die Haare, aber das

Schwarz überwog; nur unsere Mary Zwirner hatte aschblonde Haare.

Nun hielt der Unterrichtsminister sitzend, etwas vorgebeugt, die

Ansprache und beglückwünschte erst die jungen Männer, welche so

herrliche Frauen heimführten, aber auch die Bräute, die Freude an

ihren Männern erleben würden. Den Bräuten sagte er, daß sie eine

schwere Bürde auf sich nähmen und viel zu leiden haben würden, aber

es beseelige sie der Gedanke, daß in ihnen das Geschlecht fortleben

werde, und das Vaterland sei dankbar. Niemand stehe höher in Ehren

im Vaterlande, als die Mutter, von blühenden Kindern umgeben, und es

würde ihnen an solchen nicht fehlen. Oesterreich habe sich seiner

Frauen nicht zu schämen. Schönheit, Anmuth, Kraft und Geschmeidigkeit

zierten ihren Leib und Grazie entzücke in ihren Bewegungen und ihrem

Mienenspiele, aber die hundert Freundinnen, die hier vor ihm stünden,

hätten ihresgleichen nicht auf dem Erdenrund; die Gottheit sei in ihnen

lebendig geworden und diese Stunde sei für alle, die anwesend seien,

eine weihevolle.

Er ließ die Ehepaare, welche ein Herold beim Namen aufrief und der

Reihe nach vor ihn hintraten, nachdem er die Stufen herabgeschritten

war, den Ringwechsel vollziehen, und entließ jedes Paar mit den Worten:

»Von dieser Stunde an seid ihr Mann und Frau.«

Als die Ceremonie vorüber war und die Ehepaare mit den Ehrenjungfrauen

den Saal verlassen hatten, stürzte alles nach den Ausgängen, um auf die

Straße zu kommen und ein Plätzchen nahe dem Burgtheater uns zu sichern,

denn nun kam der Brautfestzug, der sich um die Ringstraße bewegen

sollte. Voran die Herolde mit silbernen Trompeten, aus welchen ab und

zu Fanfaren klangen, dann die Ehrenfräulein auf weißen Pferden, endlich

die herrlichen 100 Brautwagen, von Isabellen gezogen, mit glänzendem

Geschirre, von schönen und reichgekleideten Jünglingen gelenkt und in

jedem saß die liebliche Braut neben ihrem Erwählten in großer Bewegung

und sich beständig verneigend, während der von Glück strahlende

Gatte den Freunden winkte und grüßte, die Rechte aber nicht wollte

von der Schulter seiner Frau nehmen, der er am liebsten um den Hals

hätte fallen mögen. Da der Zug sich sehr langsam bewegte, um all' den

Tausenden von Zuschauern Zeit zur Bewunderung der Schönen zu lassen,

eilten wir, als der Zug, in dessen Mitte der Unterrichtsminister,

umgeben von berittenen Tribunen und Beamten fuhr, kaum vorüber war,

durch das Gedränge voraus und konnten gerade noch auf den Stufen

des Monumentes der Kaiserin Maria Theresia einen Platz erobern, als

die ersten Wagen auf dem Forum anlangten und links einbogen, um im

Halbkreise unter den Fenstern der dreitheiligen kaiserlichen Burg

vorüberzufahren, die mit Teppichen und Gewächsen geschmückt war. Dort

in der Mitte auf einem weiten Balcon stand der Kaiser, der vom Hoflager

auf der Rosenburg bei Horn hereingefahren war, und die Kaiserin mit

den Prinzen und Prinzessinnnen und alle Fenster waren besetzt mit

Hofbeamten und Adeligen, fremden Gesandten und den Hausgenossen des

Kaisers, von den Ehrendamen und Castellanen bis zu den Wagenlenkern und

Köchen mit ihren Gehilfen und Gehilfinnen. Alle schwenkten die Tücher

und man sah einige Bräute in Thränen ausbrechen. So ging es weiter

über die Ringstraße bis wieder zur Burg zurück, wo mittlerweile die

Tafel gedeckt wurde, weil die jungen Eheleute und das ganze Gefolge,

worunter wir uns auch mischen durften, beim Kaiser zu Tische waren.

Im Riesensaale, der, nachdem man, um das Tageslicht auszuschließen,

die Fenster geschlossen hatte, hell erleuchtet worden war, waren die

Tafeln aufgerichtet. Das Mahl verlief fröhlich und war nicht nur eine

große Pracht entfaltet, sondern es fehlte auch nicht an Musik, welche

der Natur des Festes angepaßt war. Nach dem dritten Gange erhob sich

der Kaiser und alle Tischgenossen folgten seinem Beispiele. Mit weithin

tönender Stimme sprach der Fürst den Trinkspruch: »Ich leere mein Glas

zum Preise und zur Ehre der Frauenschönheit, die in so vielen und

mannigfaltigen Gestalten hier verkörpert ist, und zum Ruhme der jungen

Frauen, die das kostbare Gut göttlicher Schönheit vererben auf kommende

Geschlechter, ihren Ehegenossen zum Entzücken, ihren Kindern zum Segen

und dem menschlichen Geschlechte zur Vervollkommnung, -- hoch die

jungen Frauen!«

Die Männer fielen ein und die Frauen verneigten sich lächelnd. Der

Kaiser ließ das Glas an das seiner Nachbarin, der Fürstin Anselma

Lobkowitz, anklingen. Diese erwiderte: »Dank Dir, dem Fürsten so

vieler edler Völker, die den vaterländischen Boden besitzen, im

gleichen Ansehen und durch redliche Arbeit habsburgischer Kaiser in

wechselseitigem Vertrauen und Frieden vereint. Dir und deinem Hause

hängen wir an und unsere Söhne und Enkel, solange dein Haus den Völkern

Treue bewahrt. Habsburg hoch!« -- »Habsburg hoch!« scholl es von Aller

Lippen. -- Der Kaiser sah lächelnd auf die freimüthige Sprecherin.

Nun erhob sich Zwirner zur Rechten der Kaiserin, Lori an der Hand

haltend: »Unsere Frauen vererben mit uns vereint den kommenden

Geschlechtern Schönheit und Kraft. Ein Erbe wollen wir Männer vor

Allem auf sie übertragen, Treue und Verehrung den Frauen und Treue der

bürgerlichen Gesellschaft, jene Pflichttreue, worin uns die Habsburger

bisher Wegweiser gewesen. -- Dem wir Alle dienen, Oesterreich, hoch!« --

Begeistert fielen alle ein und nun machte man der Tafel, an welcher nur

wenige Schüsseln, aber vortreffliche Weine gereicht wurden, bald ein

Ende, denn die Ehemänner wollten nach Hause fahren.

Die Nacht war schon hereingebrochen und die Kutschen geschlossen und es

steht uns frei, Betrachtungen anzustellen, ob da vielleicht das Küssen

schon angegangen.

Unserem Freunde war für die Honigmonde ein allerliebster Pavillon im

Schloßparke von Königstetten, versteckt im rückwärts gelegenen Theile

unter hohen Linden, eingeräumt und dieser Theil weit herum in Bann

gethan, daß niemand bei schwerer Strafe eindringen dürfe, ausgenommen

die Freundinnen, die gerufen wurden, um die Mahlzeiten aufzustellen und

die Gemächer in Stand zu halten. Wir konnten weder Zwirner noch Lori

mehr zu Gesichte bekommen und erwarteten, daß sie uns ganz vergessen

würden. Wir mußten uns an Dr. Kolb als Vertreter unseres Freundes

genügen lassen, der uns für den nächsten Tag versprach, uns über einige

Zweifel Aufschluß zu geben.

Zwirner, der anderes zu thun gehabt, habe ihm die Bücher von Bellamy

und Michaelis zum Lesen überlassen und er wisse uns Bescheid zu geben.

Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman · 第 34 / 44 题