X.

Von nun an war es klar, daß Zwirner, dem zu Liebe wir über den

Ocean gekommen waren, für uns verloren sei. Wir widmeten den

folgenden Tag, da auch Dr. Kolb nicht daheim war, obgleich es uns

an gastfreundschaftlicher Begleitung nicht gemangelt hätte, einer

Besichtigung von Tulln, beziehungsweise der wenigen Gebäude, die

diesen Ort ausmachten. Den Mittelpunkt bildete, wie überall, der

Gemeindepalast, dessen Erdgeschoß als Speisesaal diente. In den

Pavillons an den vier Ecken führten Treppen empor und das obere

Stockwerk enthielt in der Mitte einen großen Lesesaal, der von etwa

16 kleineren Sälen umgeben war. Die Mauern, welche den Lesesaal

bildeten, waren im Erdgeschosse von mächtigen Säulen gestützt. Um den

Gemeindepalast herum standen vier weitläufige, drei Stock hohe Gebäude,

deren jedes ein Kreuz bildete, in dessen Mitte die Stiege angebracht

war. Diese Gebäude standen so, daß je zwei ihrer Flügel parallel mit

den verlängerten Baulinien der Mauern des Gemeindepalastes lagen und

die zwei anderen Flügel sich ins Freie hinaus erstreckten. Aus einem

der Stockwerke konnte man durch einen verschließbaren Gang nach dem

Gemeindepalaste gelangen. Die geselligen Bedürfnisse der Gemeinde

erheischten, daß man geschützt vor Regen und Wind von den Wohnhäusern

nach dem Gemeindepalaste verkehren konnte. Die vier Wohngebäude

enthielten im Ganzen 1024 Wohneinheiten, die zu größeren oder kleineren

Wohnungen, gemeinschaftlichen Schlafsälen und besonderen Stuben

abgetheilt waren, so daß man den mannigfaltigsten Bedürfnissen gerecht

werden konnte. Auch eine besondere Krankenabtheilung bestand. Die

Funktionäre, Beamten, Aerzte und Lehrer waren insofern etwas bevorzugt,

als sie geräumigere Wohnungen mit besserem Mobilar und besondere

Empfangsräume für ihre Freunde hatten.

Die Räume zwischen den Wohnhäusern und dem Palaste waren mit Rasen,

Blumen und Sträuchern geziert und die Abschnitte, welche sich außerhalb

bildeten, waren theils zu Schwimmbecken, theils zu Spielplätzen und

Speisegärten verwendet, theils hatte man geschlossene Gärten mit

Glashäusern angelegt. In den zwei Schwimmbecken konnte man bei warmem

Wetter immer Badende sehen.

Tulln als Bezirksort hatte noch einen zweiten Palast, ähnlich dem

Gemeindepalaste, in welchem Bezirksversammlungen abgehalten wurden,

eine Musik-, Zeichnen- und Modellirschule untergebracht war, größere

Wohnungen für den Bezirksbeamten, Bezirksarzt und Bezirkspädagogen

sich befanden und große Gesangs- und Musikfeste, auch theatralische

Vorstellungen geringerer Art gegeben werden konnten. In diesem

Palaste fanden auch die Berathungen der Beamten, Aerzte und Pädagogen

des Bezirkes statt. Es hatte Tulln noch zwei große Wohnhäuser für

Pensionisten und Fremde, welche Häuser im Nothfalle zu Spitalszwecken

bei Epidemieen eingerichtet werden konnten.

Unter dem großen Speisesaale des Gemeindepalastes war ein Geschoß,

welches für Küche und Wirthschaftsräume, Keller, Wäscherei und gedeckte

Bäder, dann zum Turnen bestimmt war. In dieser von der Straße abseits

liegenden Wohnansiedlung wurde nicht gearbeitet, ausgenommen für die

Hauswirthschaft. Die großen Stallungen lagen ziemlich entfernt und

waren nicht zu sehen. Dort waren auch die Scheuern, Fabriksräume u. s.

w. Dorthin wandten wir unsere Schritte.

Der Viehstand einer solchen Gemeinde ist natürlich sehr groß, da an 400

Rinder, 70 Pferde und viele andere Hausthiere im Durchschnitte auf eine

Gemeinde entfallen.

In Tulln gab es keine andere Industrie, als eine Schuhmacherwerkstätte,

welche wir besichtigten. Die Fabrik arbeitete nur für den Bezirk Tulln

und hatte also an 40,000 Fußbekleidungen im Jahre zu liefern. Dazu

sind, obschon alle erdenklichen Maschinen im Betriebe sind, zwischen

60 und 80 Arbeiter erforderlich, worunter viele Frauen und Mädchen.

Viele Arbeitsplätze standen leer und man sagte uns, daß während der

Ernte die Industriearbeiter auf dem Felde aushülfen, während die

landwirthschaftlichen Arbeiter im Winter sich an den Industriearbeiten

betheiligten. Es käme aber auch vor, daß, wenn es gelte, von Sturm

oder Regen bedrohte Früchte zu retten, alles, auch Kinder, Lehrer

und Greise, aufs Feld liefen und nur einige Wärter bei den kleinsten

Kindern und den Kranken zurückblieben.

Vom Staate ist in jeder Werkstätte ein Fabriksleiter bestellt, welcher

dafür zu sorgen hat, daß soviel als möglich an Arbeitskräften und

Material gespart wird. Seine statistischen Arbeiten, deren Ergebnisse

er mit jenen anderer Fabriken vergleichen kann, geben ihm Anhaltspunkte

für seine Aufgabe. Von den Arbeitern wählt die Bevölkerung die

geschicktesten aus, deren Aufgabe es ist, die Beschuhung anzupassen und

daher genaue Maße zu nehmen. Man hat für gut befunden, auch über diese

Maße eine Art von Statistik anzulegen, woraus sich manches für die

Wissenschaft und die Verwaltung Wissenswerthe ergibt.

Ebenso wird es mit der Schneiderei für Männer und Frauen gehalten, die

mehr Arbeiter erfordert. Die jährlich erzeugten Stoffe werden über

Bestellung der Gemeinden angefertigt und zwar nach Mustern, welche in

allen Bezirken eingesehen werden können. Die Verwaltung sorgt dafür,

daß die Anforderungen nicht das Verhältniß überschreiten. Die Fabriken

haben aber nur die Aufträge der Regierung auszuführen. Die Vertheilung

ist in allen Stücken, also auch bei den Stoffen, principiell eine

gleiche, wenn auch der Dienst oder Beamtenrang und die Körpergröße

einige Unterschiede bedingen.

Auch hier ist das Verhältniß dasselbe. Der Fabriksleiter wird vom

Staate bestellt und ist für die Oekonomie verantwortlich; die

Bevölkerung aber wählt die Arbeiter aus, welche die Kleider dem Wunsche

und dem Wuchse der Einzelnen anpassen. Es kann die Hauptvertheilung

durch Vereinbarungen der Gemeindeglieder verändert werden, wie ja

auch sonst eine Art Tausch stattfinden kann. Die Centralverwaltung

theilt die Stoffe nach statistischen Daten auf die Provinzen, die

Provinzverwaltung auf die Kreise, die Kreisverwaltung auf die Bezirke

auf und unterliegen die weiteren Vertheilungen zunächst genauen

Vorschriften. Ueberschreitet eine Gemeinde ihren Antheil an Stoffen

und Arbeitskräften nicht, so kann sie auftheilen, wie sie will. Das

ganze Vertheilungsgeschäft erfolgte anfänglich nach sehr rigorosen

Bestimmungen, man ist aber später laxer geworden, da man fand, daß das

Verrechnungswesen selbst große Arbeit verursache und der Nutzen ein

geringer sei. Da sich eine Art Gewohnheitsrecht gebildet hat, wonach

die Ziffern im großen sich wenig unterscheiden, so ist in diesem Punkte

für die Regierung nicht allzuviel zu thun, aber der Verbrauch wird

doch regelmäßig in den statistischen Tabellen verlautbart, damit allem

Unterschleife vorgebeugt werde.

Aehnlich verhält es sich auch mit anderen Vertheilungen von Material

für Privatthätigkeit. So von Wolle und Zwirn, Leder, Papier, Schreib-

und Zeichenrequisiten und dergleichen. Alle Abfälle und abgenützten

Materialien fallen in der Regel wieder an den Staat. Ausnahmsweise

kann jemandem gestattet werden, einen Lieblingsrock über die Dauer zu

behalten, wenn er noch Dienst thun kann, aber die Regel ist, daß der

Staat alles wieder zurückfordert und verwendet.

Die Gemeinden bedürfen auch allerhand Werkzeuge und Instrumente für

Liebhabereien, Spiel und Musik. Es ist gleichgiltig, was die Gemeinden

haben wollen, wenn sie nur ihre Ansprüche verhältnißmäßig stellen und

die Gesammtforderungen den Arbeitskräften und Materialvorräthen nicht

widersprechen.

Da wir die Pracht bei öffentlichen Festen etwas verwunderlich fanden

und fragten, wie denn der Aufwand bestritten werden könne, sagte uns

der Leiter der Schuhmacherwerkstätte, daß seit 80 Jahren keine Unze

Gold oder Silber gegraben und kein Edelstein angeschafft worden sei.

Wenn es den Amerikanern gefiele, das alte Silberbergwerk Pribram, in

welches man jetzt die jungen Leute führe, um ihnen das harte Loos der

Arbeiter der älteren Periode zu schildern, -- auf Salz, Kohle, Eisen,

Blei, Kupfer und dergl. wird übrigens heute auch noch gebaut, -- wieder

in Betrieb zu setzen, würde die Regierung es erlauben und keinen Pacht

fordern. Ebenso könne man die Opalgruben in Ungarn ausbeuten, es lege

niemand Werth darauf. Die ungeheueren Vorräthe an Gold und Silber in

Barren und Münzen aus der alten Zeit reichten für alle Ewigkeit für

technische Zwecke und für die Schatzkammern aus. Die alten Juwelen und

Schmuckgegenstände seien in Schatzkammern aufgetheilt und würden nur

zuweilen in kunstreichere Fassungen gebracht. Die Civilliste habe immer

Künstler in diesem Fache zur Verfügung. Eine Vermehrung finde nicht

statt, da für Hoffeste, das Theater und die Vermählungsfeierlichkeiten

ganz unermeßliche Vorräthe aus alter Zeit aufgestapelt seien. So sei

es auch noch mit vielerlei Stoffen. Seide, Sammt und Gobelins würden

übrigens noch angefertigt; da sie aber nicht Einzelnen, sondern dem

Volke angehören, sei für zahllose Festlichkeiten auch in kleineren

Orten gesorgt.

Ich sagte, daß wir Zwirner jetzt wiederholt in beinahe reicher Tracht

gesehen hätten, worauf unser neuer Freund erwiderte, der gehe jetzt

auf Freiersfüßen und suche seine Festkleider hervor, die sonst oft

jahrelang nicht getragen würden und auf Decennien berechnet seien.

Die Arbeitskleider, wie wir sehen könnten, seien sehr einfach und

billig und die gewöhnlichen Gesellschaftskleider, die man zu schonen

trachte, auch. Man halte mehr auf Reinlichkeit und Körperschönheit, in

der Tracht auf Geschmack und Mannigfaltigkeit, als auf Kostbarkeit.

Die alten, lächerlich gemusterten Stoffe, seien ganz außer Gebrauch

gekommen. Junge und schlanke Mädchen und Frauen wüßten sich auch sehr

geschmackvoll in losen Kleidern zu schmücken, die nicht an den Leib

gepaßt und nur geschürzt und drapirt würden, was verstatte, allerhand

Tausch und Wechsel vorzunehmen, und unendlich viel Arbeit erspare.

Auch nützten sich solche Kleider weniger ab und die Schönen gefielen

den jungen Männern besser in dieser reizenden Tracht, als etwa im

barbarischen Mieder und Reifrocke, wovon zur heilsamen Abschreckung

überall die lächerlichsten Bilder zu sehen seien, wie man überhaupt

nicht müde werde, die Cultur der früheren Periode zu schildern. ‘Was

sie Schönes hatte, haben wir hundertfältig auch, und was barbarisch

war, ist verschwunden. Wir glauben jetzt zu wissen, was Christus

meinte, als er sagte: Wer vom Himmelreiche wohlunterrichtet ist, ist

einem Hausvater zu vergleichen, der Altes und Neues aus seinem Schatze

hervorbringt.’[C]

Wir grüßten und kamen nach dem Rudersporthause, wo wir seit dem

Ruderfeste nicht mehr gewesen waren. Ein alter Herr, der dort allerlei

Schreibereien besorgte, und ein eifriger Ruderer war, zeigte uns das

Museum, das Archiv und den Trophäensaal und gab uns Aufschluß über die

Einrichtung der Vereine und deren Unterstützung durch den Staat. Er

sagte, daß man für die unerläßliche Deckung der leiblichen Bedürfnisse,

aber auch -- innerhalb gewisser Grenzen -- der idealen Bedürfnisse

durch geregelte Arbeit vorgesehen habe, daher jedermann täglich eine

gewisse Anzahl von Stunden durch so und so viele Jahre, das sei nach

dem Berufe verschieden, arbeiten müsse, was das Volk von ihm fordere.

Allein man habe gefunden, daß der Mensch eigentlich arbeitsbedürftig

sei und, kaum von der Arbeit gekommen, wieder etwas schaffen wolle.

Dadurch sei nun der Gedanke angeregt worden, nicht nur Einzelnen, wie

das auch früher geschehen, gewisse Materialien zur freien Arbeit zu

überlassen, sondern auch Vereine ins Leben zu rufen und denselben große

Mittel anzuweisen, um eine gewisse Thätigkeit zu entwickeln, die ja

offenbar nützlich sei.

So habe man den Rudervereinen Häuser gebaut, die Anfertigung von Booten

nach ihren Angaben ermöglicht, den Mitgliedern zweckmäßige Kleider zur

Verfügung gestellt, ihnen den Druck einer Zeitung auf Staatskosten

gestattet, Preise bewilligt und der Centralleitung eine Million

Eisenbahnfahrtmeilen zur Vertheilung unter die Mitglieder angewiesen,

damit sie zu Berathungen und Uebungen, sowie zu den Wettbewerbungen

Reisen unternehmen könnten, die dem Einzelnen nicht in seine

gewöhnlichen Reisen eingerechnet werden. Es sei durch diesen Sport das

Menschenmaterial verbessert worden; die Leute würden breitschulteriger

und der Brustkorb dehne sich aus, was immer mehr im Volkstypus sich

auspräge. Dr. Kolb predige immer, diesen Sport zu fördern, weil er

offenbar der menschlichen Gestalt zum Vortheile gereiche.

Eben kam Dr. Kolb hinzu und bestätigte das. Er erzählte, daß die

Gemeinde Tulln ihn gebeten habe, -- von seiner Kunst wolle er später

einmal sprechen, er sei Bildhauer, -- eine Statue des Zwirner zu

entwerfen, durch deren Aufstellung man ihn und mehr noch seine Frau

erfreuen wolle, wenn sie nach den Flitterwochen einrückten. Er habe

einen ganz hübschen Entwurf gemacht und hoffe, daß man ihm diesmal

seine Arbeit in Stein gießen werde, was ihm für große Werke besser

gefalle, als Bronce, mit der man auch ein wenig sparen müsse. Er wolle

an der Zwirnerstatue den linken Arm auf ein schlankes und überragendes

Ruder gestützt und den rechten Arm, wie weithin auf die sich sammelnden

Boote weisend, ausgestreckt darstellen. Die Rudertracht verstatte

ihm, den prächtigen Nacken und die Muskeln der Arme zu bilden, und er

habe den Gedanken, die gegenwärtige Braut des Zwirner, die bald seine

Frau sein werde, in den Brautgewändern, ohne Zweifel griechischen,

anliegenden Kleidern, nackten mit Sandalen bekleideten Füßen, nackten

Schultern und Armen, die Rose im Haare, darzustellen. Dann könne man

die Statuen im Parke von Tulln aufstellen und kommenden Geschlechtern

eine Erinnerung an ein Paar prächtiger Menschen sichern.

Wir wurden allesammt zu Tische gerufen, wo heute viel von Zwirner

die Rede war, der wieder in Königstetten und seit der Verlobung

beurlaubt war. Nach Tisch aber ertönte von den Gongs ein für diese

Fälle bestimmtes Zeichen, worauf alles hinauseilte und sich auf das

gegebene Signal in die Häuser, Wirthschaftsräume, Stallungen und

Werkstätten vertheilte. Es war eben ein Wagen eingefahren und Fürst

Hochberg, vom Gemeindebeamten empfangen, stieg aus, um eine Musterung

vorzunehmen, wozu er von der kaiserlichen Kanzlei heute den Auftrag

erhalten hatte. Er ließ sich die Inventarsverzeichnisse vorlegen und

mittlerweile mußte alles an seinen Platz gebracht werden. Es wurden

die sämmtlichen Inventarstücke und Vorräthe, Bücher, Werkzeuge und der

Viehstand durchgemustert, und da mehrere Stücke abgängig waren, die

Aufklärung ertheilt, daß dies und jenes an Nachbargemeinden verliehen,

zwei Thiere in eine Thierheilanstalt abgegeben worden seien u. s. w.

Mittlerweile war der Kreisbeamte von St. Pölten herübergekommen und

einige Techniker aus verschiedenen Orten erschienen, da es sich darum

handelte, nicht nur die eiserne Eisenbahnbrücke einer Generalprobe und

Prüfung zu unterziehen, sondern auch aus den Acten zu ermitteln, ob

die vom Gesetze vorgeschriebenen regelmäßigen Prüfungen genau waren

vorgenommen worden. Alles befriedigte den Fürsten und da er den Wagen

wieder besteigen wollte, sagte der Beamte, die Gemeinde wolle, da er

eben hier sei, die Gelegenheit benutzen, der Familie Hochberg und dem

jungen Brautpaare ein Fest zu geben, und man bitte den Fürsten, da

zu bleiben; es seien Einladungen an die Fürstin und die jungen Leute

abgegangen, die man endlich in Sieghartskirchen ausfindig gemacht habe.

Da kamen schon die Fürstin im Wagen und bald darauf Zwirner mit Lori

und Mary mit Professor Lueger zu Pferde, und da es schon spät war,

bereitete man sich zum Abendmahle vor. Der Beamte sagte aber, der Fürst

und die Fürstin würden diesmal wohl auch ein Stück Nacht opfern müssen.

Das wolle man sich nicht gereuen lassen, sagte der Fürst lachend.

Die Fürstin hatte, bevor sie von Königstetten wegfuhr, für

Stellvertretung gesorgt. Denn es muß immer, wo officielle Geselligkeit

mehrere Menschen vereinigt, jemand repräsentieren. Diesmal hatte die

Fürstin eine in Königstetten zu Gaste anwesende Tragödin gebeten,

die Stelle der Hausfrau zu übernehmen, da sie sich dazu vortrefflich

eignete, denn sie war gewaltig würdevoll und gab auf der Bühne immer

die Königinnen.

Beim Abendmahle fehlte niemand als die Kranken und die Säuglinge, zu

deren Wartung einige ältere Mädchen waren strafweise bestimmt worden.

Sie wären natürlich gar zu gerne mit dabei gewesen, da sie sich aber

etwas in der Schule hatten zu Schulden kommen lassen, was noch nicht

gebüßt war, war diese Gelegenheit erwünscht.

Natürlich darf man sich kein üppiges Mahl vorstellen, denn

die Oesterreicher leben mäßig aus ästhetischem Gefühle, aus

Gesundheitsrücksichten und weil jedermann satt werden muß. Trotzdem kam

zum Thee nicht nur Aufschnitt, wie sonst oft, mindestens an Sonntagen,

sondern auch Backwerk, Früchte und Eis, und am Schlusse, da es galt,

den Brautleuten ein Hoch auszubringen, wurden 5 Hektoliter vom besten

Klosterneuburger angefahren, mit dem die Gemeinde sehr sparsam umgehen

muß, weil die besseren Weine nicht eben im Ueberflusse wachsen.

Nach kurzer Pause, während welcher sich der Saal geleert hatte, bat man

die Gäste zu den Spielen im Riesensaale des Bezirkspalastes. Dieser

Saal war mittels ansteigender Gerüste in ein Amphitheater verwandelt

worden und man belehrte uns, daß man der vielen Regatten und anderer

Feste wegen beim Rudersporthause zerlegbare Tribünen, die dort in

einem Hofe aufgeschichtet seien, für Tausende von Zuschauern habe, und

man habe sie zu diesem Zwecke benützt, wie auch viele Hunderte von

Operngläsern vertheilt werden konnten, die zur letzten Regatta von den

Wiener Bühnen waren geschickt und noch nicht abgeholt worden.

Alles nahm Platz, unten die Kinder, oben die Erwachsenen nach der

Größe. Die Kleinen waren übrigens größtenteils von anderen Gemeinden,

denn während der Ferien ziehen die Kinder mit ihren Wärterinnen viel

herum, um schon in jungen Jahren die Welt kennen zu lernen.

Im freien Raume in der Mitte war ein grasgrüner Teppich ausgebreitet

und mit kleinen Gewächsen darauf gewissermaßen eine waldige Gegend

markirt, die eine Matte umsäumt. Nun schoß von der Decke ein greller

Strahl elektrischen Lichtes herab, der nur diesen Raum, der als Bühne

diente, scharf beleuchtete, während der ganze übrige Theil des Saales

ganz finster war, und so konnten die verschiedenen Acteure aus der

Finsterniß auftauchen und wieder darin verschwinden und die Illusion

wurde nicht gestört. Es konnten aber viele Hunderte von Menschen das

Schauspiel genießen.

Erst kamen gutgeschulte kleine Schauspieler aus Klosterneuburg, die,

als Zwerge verkleidet, eine allerliebste kleine Feerie aufführten. Dann

eine reizende Tänzerin, als Bajadere gekleidet. Sie war Mitglied der

Ballettruppe, aber beurlaubt und in Tulln zu Hause. --

Dann kamen braune Gesellen, bei deren Anblick wir Lori rufen hörten:

»Die Zigeuner!« -- Man hatte längst keine Zigeuner mehr, da jedermann

seßhaft werden und sich in die neue Ordnung der Dinge einleben mußte,

aber die Spielweise der Zigeuner hatte sich in Ungarn erhalten,

wie auch ihr Aussehen und ihre Kleidung aus Bildern noch erkennbar

waren, und da hatten sich Berufsmusiker, die den großen Orchestern

angehörten und auch Unterricht ertheilten, zusammengethan und einige

Zigeunerkapellen gebildet, die, um sich und anderen ein Vergnügen

zu machen, zuweilen, aber aus freien Stücken und selbstverständlich

ohne Entgeld, abends, bald hier, bald dort mit Geige und Hackbrett

aufspielten. Lori war eine große Liebhaberin von dieser Art Musik,

daher man sie bei deren Erscheinen immer: »Die Zigeuner« rufen hörte,

und darum kamen sie gerne ihr zu Liebe.

Als diese einige Musikstücke zum besten gegeben hatten und wieder

abzogen, kam nach kurzer Pause aus dem Dunkel eine komische Figur ins

Licht gewirbelt und nachdem sie einigemal im Kreise herum blitzschnell

Räder geschlagen, daß man nicht ausnehmen konnte, was es sei, stand

der sonderbare Kauz plötzlich aufrecht da, mit aufgerecktem Halse und

gravitätischer Grandezza. Man hatte dergleichen nie gesehen und wußte

nicht, was man davon halten solle. Er hatte die Haare nach drei Seiten

wie zu Flammen aufgebürstet, das Gesicht weiß gefärbt, dagegen Wangen

und Lippen mit abscheulicher rother Farbe bekleckst und hochaufgezogene

Augenbrauen gemalt. Er stak in einer weißen Kleidung mit faustgroßen

schwarzen Knöpfen und begann wie ein Hahn herumzustolziren und

dummes Zeug zu reden, wobei er sich ab und zu ein paarmal in der

Luft überschlug und dann wieder steif und aufrecht stand. Da kam aus

dem Dunkel eine Fidel sammt Bogen in den Lichtkegel geflogen, die er

geschickt auffing und, scheinbar kindisch darüber erfreut, zu spielen

versuchte. Er that, als ob er es nicht verstünde, vervollkommnete sich

aber zusehends und kam endlich in ein verrücktes Tempo, wobei er vor

Freude Luftsprünge zu machen anfing und endlich, sich überschlagend

und zugleich fortspielend, immer toller wurde und plötzlich mit einem

Satze im Dunkel verschwand. Alles lachte und fragte sich, was das

wäre. Ich konnte bestätigen, daß dergleichen zu meiner ersten Zeit von

herabgekommenen Leuten aufgeführt wurde, ich wisse aber nicht, wie die

Tollheit daher gekommen. Im Verlassen des Hauses erfuhr ich denn, das

sei der jüngere Bruder Zwirners, ein bildsauberer und äußerst gelenker

Bursche. Selbstverständlich lebten die Eltern Zwirners nicht mehr, denn

sonst hätte ich das verehrte Publicum mit ihnen bekannt machen müssen.

Der Junge nun hätte bei seinem Bruder unter den alten Sachen Bilder und

Beschreibungen gesehen, aus welchen er diese Eulenspiegelei entnommen

und sich insgeheim eingeübt habe, um auch einmal etwas zum allgemeinen

Vergnügen beizutragen. Er durfte dafür, nachdem er sein Gesicht blank

gescheuert hatte, Lori auf den Mund küssen.

Nachdem man sich verabschiedet hatte, fuhren die Hochbergs mit dem

Professor und Mary heim.

Spät am Abend noch benützte der Beamte von Tulln eine zufällige

Begegnung, um mir zu sagen, die Vorsteherin der Frauencurie habe ihn

beauftragt, die Freiheit zur Sprache zu bringen, die ich mir gegen

Selma erlaubt. Diese selbst habe für nöthig erachtet, das Vorkommniß

ihren Schwestern mitzutheilen, und man glaube, daß ich nicht ganz ohne

Vorwurf sei. Es sei schon nicht ganz zu billigen, daß ich mich irgend

einer Gunst berühmte, die ich erfahren; es sei das etwas rücksichtslos

gegen die Frauen im allgemeinen, und man meine, daß Selma unrecht

gehandelt habe, darauf mit einem Scherze zu antworten, sie würde am

besten gethan haben, es zu überhören. Aber die anmaßende Galanterie

gegen eine verheirathete Frau, wozu ich mich im Verlaufe der

Conversation verleiten ließ, sei denn doch nicht wohl zu entschuldigen.

Ich sagte darauf, daß Selma verheirathet sei, hätte ich nicht gewußt.

Darauf bemerkte der Beamte, die Instruction belehre mich doch darüber,

daß verheirathete Frauen, welche den goldenen Reif am Finger tragen,

auf besondere Zurückhaltung Anspruch hätten. Ich schützte vor, daß ich

darauf nicht geachtet habe, aber darauf wurde mir geantwortet, es wäre

doch das Klügste, im Zweifel eher größere Zurückhaltung zu beobachten,

als sich Freiheiten anzumaßen, die übel aufgenommen werden könnten. Es

sei übrigens das Ganze ohne Folgen geblieben, denn der junge Ehemann

habe keinen Anstoß genommen und halte alles für recht, was seine

vergötterte Selma thue, und es sei nur zu wünschen, daß ich in Hinkunft

die Empfindlichkeit der Frauen mehr schonen möge.

Gleich jenem Kronprinzen in der Fabel schwur ich, in Hinkunft

vorsichtiger zu sein und ließ Selma und die Frauen im allgemeinen

bitten, mir Vergebung zu gewähren.

Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman · 第 32 / 44 题