Von nun an war es klar, daß Zwirner, dem zu Liebe wir über den
Ocean gekommen waren, für uns verloren sei. Wir widmeten den
folgenden Tag, da auch Dr. Kolb nicht daheim war, obgleich es uns
an gastfreundschaftlicher Begleitung nicht gemangelt hätte, einer
Besichtigung von Tulln, beziehungsweise der wenigen Gebäude, die
diesen Ort ausmachten. Den Mittelpunkt bildete, wie überall, der
Gemeindepalast, dessen Erdgeschoß als Speisesaal diente. In den
Pavillons an den vier Ecken führten Treppen empor und das obere
Stockwerk enthielt in der Mitte einen großen Lesesaal, der von etwa
16 kleineren Sälen umgeben war. Die Mauern, welche den Lesesaal
bildeten, waren im Erdgeschosse von mächtigen Säulen gestützt. Um den
Gemeindepalast herum standen vier weitläufige, drei Stock hohe Gebäude,
deren jedes ein Kreuz bildete, in dessen Mitte die Stiege angebracht
war. Diese Gebäude standen so, daß je zwei ihrer Flügel parallel mit
den verlängerten Baulinien der Mauern des Gemeindepalastes lagen und
die zwei anderen Flügel sich ins Freie hinaus erstreckten. Aus einem
der Stockwerke konnte man durch einen verschließbaren Gang nach dem
Gemeindepalaste gelangen. Die geselligen Bedürfnisse der Gemeinde
erheischten, daß man geschützt vor Regen und Wind von den Wohnhäusern
nach dem Gemeindepalaste verkehren konnte. Die vier Wohngebäude
enthielten im Ganzen 1024 Wohneinheiten, die zu größeren oder kleineren
Wohnungen, gemeinschaftlichen Schlafsälen und besonderen Stuben
abgetheilt waren, so daß man den mannigfaltigsten Bedürfnissen gerecht
werden konnte. Auch eine besondere Krankenabtheilung bestand. Die
Funktionäre, Beamten, Aerzte und Lehrer waren insofern etwas bevorzugt,
als sie geräumigere Wohnungen mit besserem Mobilar und besondere
Empfangsräume für ihre Freunde hatten.
Die Räume zwischen den Wohnhäusern und dem Palaste waren mit Rasen,
Blumen und Sträuchern geziert und die Abschnitte, welche sich außerhalb
bildeten, waren theils zu Schwimmbecken, theils zu Spielplätzen und
Speisegärten verwendet, theils hatte man geschlossene Gärten mit
Glashäusern angelegt. In den zwei Schwimmbecken konnte man bei warmem
Wetter immer Badende sehen.
Tulln als Bezirksort hatte noch einen zweiten Palast, ähnlich dem
Gemeindepalaste, in welchem Bezirksversammlungen abgehalten wurden,
eine Musik-, Zeichnen- und Modellirschule untergebracht war, größere
Wohnungen für den Bezirksbeamten, Bezirksarzt und Bezirkspädagogen
sich befanden und große Gesangs- und Musikfeste, auch theatralische
Vorstellungen geringerer Art gegeben werden konnten. In diesem
Palaste fanden auch die Berathungen der Beamten, Aerzte und Pädagogen
des Bezirkes statt. Es hatte Tulln noch zwei große Wohnhäuser für
Pensionisten und Fremde, welche Häuser im Nothfalle zu Spitalszwecken
bei Epidemieen eingerichtet werden konnten.
Unter dem großen Speisesaale des Gemeindepalastes war ein Geschoß,
welches für Küche und Wirthschaftsräume, Keller, Wäscherei und gedeckte
Bäder, dann zum Turnen bestimmt war. In dieser von der Straße abseits
liegenden Wohnansiedlung wurde nicht gearbeitet, ausgenommen für die
Hauswirthschaft. Die großen Stallungen lagen ziemlich entfernt und
waren nicht zu sehen. Dort waren auch die Scheuern, Fabriksräume u. s.
w. Dorthin wandten wir unsere Schritte.
Der Viehstand einer solchen Gemeinde ist natürlich sehr groß, da an 400
Rinder, 70 Pferde und viele andere Hausthiere im Durchschnitte auf eine
Gemeinde entfallen.
In Tulln gab es keine andere Industrie, als eine Schuhmacherwerkstätte,
welche wir besichtigten. Die Fabrik arbeitete nur für den Bezirk Tulln
und hatte also an 40,000 Fußbekleidungen im Jahre zu liefern. Dazu
sind, obschon alle erdenklichen Maschinen im Betriebe sind, zwischen
60 und 80 Arbeiter erforderlich, worunter viele Frauen und Mädchen.
Viele Arbeitsplätze standen leer und man sagte uns, daß während der
Ernte die Industriearbeiter auf dem Felde aushülfen, während die
landwirthschaftlichen Arbeiter im Winter sich an den Industriearbeiten
betheiligten. Es käme aber auch vor, daß, wenn es gelte, von Sturm
oder Regen bedrohte Früchte zu retten, alles, auch Kinder, Lehrer
und Greise, aufs Feld liefen und nur einige Wärter bei den kleinsten
Kindern und den Kranken zurückblieben.
Vom Staate ist in jeder Werkstätte ein Fabriksleiter bestellt, welcher
dafür zu sorgen hat, daß soviel als möglich an Arbeitskräften und
Material gespart wird. Seine statistischen Arbeiten, deren Ergebnisse
er mit jenen anderer Fabriken vergleichen kann, geben ihm Anhaltspunkte
für seine Aufgabe. Von den Arbeitern wählt die Bevölkerung die
geschicktesten aus, deren Aufgabe es ist, die Beschuhung anzupassen und
daher genaue Maße zu nehmen. Man hat für gut befunden, auch über diese
Maße eine Art von Statistik anzulegen, woraus sich manches für die
Wissenschaft und die Verwaltung Wissenswerthe ergibt.
Ebenso wird es mit der Schneiderei für Männer und Frauen gehalten, die
mehr Arbeiter erfordert. Die jährlich erzeugten Stoffe werden über
Bestellung der Gemeinden angefertigt und zwar nach Mustern, welche in
allen Bezirken eingesehen werden können. Die Verwaltung sorgt dafür,
daß die Anforderungen nicht das Verhältniß überschreiten. Die Fabriken
haben aber nur die Aufträge der Regierung auszuführen. Die Vertheilung
ist in allen Stücken, also auch bei den Stoffen, principiell eine
gleiche, wenn auch der Dienst oder Beamtenrang und die Körpergröße
einige Unterschiede bedingen.
Auch hier ist das Verhältniß dasselbe. Der Fabriksleiter wird vom
Staate bestellt und ist für die Oekonomie verantwortlich; die
Bevölkerung aber wählt die Arbeiter aus, welche die Kleider dem Wunsche
und dem Wuchse der Einzelnen anpassen. Es kann die Hauptvertheilung
durch Vereinbarungen der Gemeindeglieder verändert werden, wie ja
auch sonst eine Art Tausch stattfinden kann. Die Centralverwaltung
theilt die Stoffe nach statistischen Daten auf die Provinzen, die
Provinzverwaltung auf die Kreise, die Kreisverwaltung auf die Bezirke
auf und unterliegen die weiteren Vertheilungen zunächst genauen
Vorschriften. Ueberschreitet eine Gemeinde ihren Antheil an Stoffen
und Arbeitskräften nicht, so kann sie auftheilen, wie sie will. Das
ganze Vertheilungsgeschäft erfolgte anfänglich nach sehr rigorosen
Bestimmungen, man ist aber später laxer geworden, da man fand, daß das
Verrechnungswesen selbst große Arbeit verursache und der Nutzen ein
geringer sei. Da sich eine Art Gewohnheitsrecht gebildet hat, wonach
die Ziffern im großen sich wenig unterscheiden, so ist in diesem Punkte
für die Regierung nicht allzuviel zu thun, aber der Verbrauch wird
doch regelmäßig in den statistischen Tabellen verlautbart, damit allem
Unterschleife vorgebeugt werde.
Aehnlich verhält es sich auch mit anderen Vertheilungen von Material
für Privatthätigkeit. So von Wolle und Zwirn, Leder, Papier, Schreib-
und Zeichenrequisiten und dergleichen. Alle Abfälle und abgenützten
Materialien fallen in der Regel wieder an den Staat. Ausnahmsweise
kann jemandem gestattet werden, einen Lieblingsrock über die Dauer zu
behalten, wenn er noch Dienst thun kann, aber die Regel ist, daß der
Staat alles wieder zurückfordert und verwendet.
Die Gemeinden bedürfen auch allerhand Werkzeuge und Instrumente für
Liebhabereien, Spiel und Musik. Es ist gleichgiltig, was die Gemeinden
haben wollen, wenn sie nur ihre Ansprüche verhältnißmäßig stellen und
die Gesammtforderungen den Arbeitskräften und Materialvorräthen nicht
widersprechen.
Da wir die Pracht bei öffentlichen Festen etwas verwunderlich fanden
und fragten, wie denn der Aufwand bestritten werden könne, sagte uns
der Leiter der Schuhmacherwerkstätte, daß seit 80 Jahren keine Unze
Gold oder Silber gegraben und kein Edelstein angeschafft worden sei.
Wenn es den Amerikanern gefiele, das alte Silberbergwerk Pribram, in
welches man jetzt die jungen Leute führe, um ihnen das harte Loos der
Arbeiter der älteren Periode zu schildern, -- auf Salz, Kohle, Eisen,
Blei, Kupfer und dergl. wird übrigens heute auch noch gebaut, -- wieder
in Betrieb zu setzen, würde die Regierung es erlauben und keinen Pacht
fordern. Ebenso könne man die Opalgruben in Ungarn ausbeuten, es lege
niemand Werth darauf. Die ungeheueren Vorräthe an Gold und Silber in
Barren und Münzen aus der alten Zeit reichten für alle Ewigkeit für
technische Zwecke und für die Schatzkammern aus. Die alten Juwelen und
Schmuckgegenstände seien in Schatzkammern aufgetheilt und würden nur
zuweilen in kunstreichere Fassungen gebracht. Die Civilliste habe immer
Künstler in diesem Fache zur Verfügung. Eine Vermehrung finde nicht
statt, da für Hoffeste, das Theater und die Vermählungsfeierlichkeiten
ganz unermeßliche Vorräthe aus alter Zeit aufgestapelt seien. So sei
es auch noch mit vielerlei Stoffen. Seide, Sammt und Gobelins würden
übrigens noch angefertigt; da sie aber nicht Einzelnen, sondern dem
Volke angehören, sei für zahllose Festlichkeiten auch in kleineren
Orten gesorgt.
Ich sagte, daß wir Zwirner jetzt wiederholt in beinahe reicher Tracht
gesehen hätten, worauf unser neuer Freund erwiderte, der gehe jetzt
auf Freiersfüßen und suche seine Festkleider hervor, die sonst oft
jahrelang nicht getragen würden und auf Decennien berechnet seien.
Die Arbeitskleider, wie wir sehen könnten, seien sehr einfach und
billig und die gewöhnlichen Gesellschaftskleider, die man zu schonen
trachte, auch. Man halte mehr auf Reinlichkeit und Körperschönheit, in
der Tracht auf Geschmack und Mannigfaltigkeit, als auf Kostbarkeit.
Die alten, lächerlich gemusterten Stoffe, seien ganz außer Gebrauch
gekommen. Junge und schlanke Mädchen und Frauen wüßten sich auch sehr
geschmackvoll in losen Kleidern zu schmücken, die nicht an den Leib
gepaßt und nur geschürzt und drapirt würden, was verstatte, allerhand
Tausch und Wechsel vorzunehmen, und unendlich viel Arbeit erspare.
Auch nützten sich solche Kleider weniger ab und die Schönen gefielen
den jungen Männern besser in dieser reizenden Tracht, als etwa im
barbarischen Mieder und Reifrocke, wovon zur heilsamen Abschreckung
überall die lächerlichsten Bilder zu sehen seien, wie man überhaupt
nicht müde werde, die Cultur der früheren Periode zu schildern. ‘Was
sie Schönes hatte, haben wir hundertfältig auch, und was barbarisch
war, ist verschwunden. Wir glauben jetzt zu wissen, was Christus
meinte, als er sagte: Wer vom Himmelreiche wohlunterrichtet ist, ist
einem Hausvater zu vergleichen, der Altes und Neues aus seinem Schatze
hervorbringt.’[C]
Wir grüßten und kamen nach dem Rudersporthause, wo wir seit dem
Ruderfeste nicht mehr gewesen waren. Ein alter Herr, der dort allerlei
Schreibereien besorgte, und ein eifriger Ruderer war, zeigte uns das
Museum, das Archiv und den Trophäensaal und gab uns Aufschluß über die
Einrichtung der Vereine und deren Unterstützung durch den Staat. Er
sagte, daß man für die unerläßliche Deckung der leiblichen Bedürfnisse,
aber auch -- innerhalb gewisser Grenzen -- der idealen Bedürfnisse
durch geregelte Arbeit vorgesehen habe, daher jedermann täglich eine
gewisse Anzahl von Stunden durch so und so viele Jahre, das sei nach
dem Berufe verschieden, arbeiten müsse, was das Volk von ihm fordere.
Allein man habe gefunden, daß der Mensch eigentlich arbeitsbedürftig
sei und, kaum von der Arbeit gekommen, wieder etwas schaffen wolle.
Dadurch sei nun der Gedanke angeregt worden, nicht nur Einzelnen, wie
das auch früher geschehen, gewisse Materialien zur freien Arbeit zu
überlassen, sondern auch Vereine ins Leben zu rufen und denselben große
Mittel anzuweisen, um eine gewisse Thätigkeit zu entwickeln, die ja
offenbar nützlich sei.
So habe man den Rudervereinen Häuser gebaut, die Anfertigung von Booten
nach ihren Angaben ermöglicht, den Mitgliedern zweckmäßige Kleider zur
Verfügung gestellt, ihnen den Druck einer Zeitung auf Staatskosten
gestattet, Preise bewilligt und der Centralleitung eine Million
Eisenbahnfahrtmeilen zur Vertheilung unter die Mitglieder angewiesen,
damit sie zu Berathungen und Uebungen, sowie zu den Wettbewerbungen
Reisen unternehmen könnten, die dem Einzelnen nicht in seine
gewöhnlichen Reisen eingerechnet werden. Es sei durch diesen Sport das
Menschenmaterial verbessert worden; die Leute würden breitschulteriger
und der Brustkorb dehne sich aus, was immer mehr im Volkstypus sich
auspräge. Dr. Kolb predige immer, diesen Sport zu fördern, weil er
offenbar der menschlichen Gestalt zum Vortheile gereiche.
Eben kam Dr. Kolb hinzu und bestätigte das. Er erzählte, daß die
Gemeinde Tulln ihn gebeten habe, -- von seiner Kunst wolle er später
einmal sprechen, er sei Bildhauer, -- eine Statue des Zwirner zu
entwerfen, durch deren Aufstellung man ihn und mehr noch seine Frau
erfreuen wolle, wenn sie nach den Flitterwochen einrückten. Er habe
einen ganz hübschen Entwurf gemacht und hoffe, daß man ihm diesmal
seine Arbeit in Stein gießen werde, was ihm für große Werke besser
gefalle, als Bronce, mit der man auch ein wenig sparen müsse. Er wolle
an der Zwirnerstatue den linken Arm auf ein schlankes und überragendes
Ruder gestützt und den rechten Arm, wie weithin auf die sich sammelnden
Boote weisend, ausgestreckt darstellen. Die Rudertracht verstatte
ihm, den prächtigen Nacken und die Muskeln der Arme zu bilden, und er
habe den Gedanken, die gegenwärtige Braut des Zwirner, die bald seine
Frau sein werde, in den Brautgewändern, ohne Zweifel griechischen,
anliegenden Kleidern, nackten mit Sandalen bekleideten Füßen, nackten
Schultern und Armen, die Rose im Haare, darzustellen. Dann könne man
die Statuen im Parke von Tulln aufstellen und kommenden Geschlechtern
eine Erinnerung an ein Paar prächtiger Menschen sichern.
Wir wurden allesammt zu Tische gerufen, wo heute viel von Zwirner
die Rede war, der wieder in Königstetten und seit der Verlobung
beurlaubt war. Nach Tisch aber ertönte von den Gongs ein für diese
Fälle bestimmtes Zeichen, worauf alles hinauseilte und sich auf das
gegebene Signal in die Häuser, Wirthschaftsräume, Stallungen und
Werkstätten vertheilte. Es war eben ein Wagen eingefahren und Fürst
Hochberg, vom Gemeindebeamten empfangen, stieg aus, um eine Musterung
vorzunehmen, wozu er von der kaiserlichen Kanzlei heute den Auftrag
erhalten hatte. Er ließ sich die Inventarsverzeichnisse vorlegen und
mittlerweile mußte alles an seinen Platz gebracht werden. Es wurden
die sämmtlichen Inventarstücke und Vorräthe, Bücher, Werkzeuge und der
Viehstand durchgemustert, und da mehrere Stücke abgängig waren, die
Aufklärung ertheilt, daß dies und jenes an Nachbargemeinden verliehen,
zwei Thiere in eine Thierheilanstalt abgegeben worden seien u. s. w.
Mittlerweile war der Kreisbeamte von St. Pölten herübergekommen und
einige Techniker aus verschiedenen Orten erschienen, da es sich darum
handelte, nicht nur die eiserne Eisenbahnbrücke einer Generalprobe und
Prüfung zu unterziehen, sondern auch aus den Acten zu ermitteln, ob
die vom Gesetze vorgeschriebenen regelmäßigen Prüfungen genau waren
vorgenommen worden. Alles befriedigte den Fürsten und da er den Wagen
wieder besteigen wollte, sagte der Beamte, die Gemeinde wolle, da er
eben hier sei, die Gelegenheit benutzen, der Familie Hochberg und dem
jungen Brautpaare ein Fest zu geben, und man bitte den Fürsten, da
zu bleiben; es seien Einladungen an die Fürstin und die jungen Leute
abgegangen, die man endlich in Sieghartskirchen ausfindig gemacht habe.
Da kamen schon die Fürstin im Wagen und bald darauf Zwirner mit Lori
und Mary mit Professor Lueger zu Pferde, und da es schon spät war,
bereitete man sich zum Abendmahle vor. Der Beamte sagte aber, der Fürst
und die Fürstin würden diesmal wohl auch ein Stück Nacht opfern müssen.
Das wolle man sich nicht gereuen lassen, sagte der Fürst lachend.
Die Fürstin hatte, bevor sie von Königstetten wegfuhr, für
Stellvertretung gesorgt. Denn es muß immer, wo officielle Geselligkeit
mehrere Menschen vereinigt, jemand repräsentieren. Diesmal hatte die
Fürstin eine in Königstetten zu Gaste anwesende Tragödin gebeten,
die Stelle der Hausfrau zu übernehmen, da sie sich dazu vortrefflich
eignete, denn sie war gewaltig würdevoll und gab auf der Bühne immer
die Königinnen.
Beim Abendmahle fehlte niemand als die Kranken und die Säuglinge, zu
deren Wartung einige ältere Mädchen waren strafweise bestimmt worden.
Sie wären natürlich gar zu gerne mit dabei gewesen, da sie sich aber
etwas in der Schule hatten zu Schulden kommen lassen, was noch nicht
gebüßt war, war diese Gelegenheit erwünscht.
Natürlich darf man sich kein üppiges Mahl vorstellen, denn
die Oesterreicher leben mäßig aus ästhetischem Gefühle, aus
Gesundheitsrücksichten und weil jedermann satt werden muß. Trotzdem kam
zum Thee nicht nur Aufschnitt, wie sonst oft, mindestens an Sonntagen,
sondern auch Backwerk, Früchte und Eis, und am Schlusse, da es galt,
den Brautleuten ein Hoch auszubringen, wurden 5 Hektoliter vom besten
Klosterneuburger angefahren, mit dem die Gemeinde sehr sparsam umgehen
muß, weil die besseren Weine nicht eben im Ueberflusse wachsen.
Nach kurzer Pause, während welcher sich der Saal geleert hatte, bat man
die Gäste zu den Spielen im Riesensaale des Bezirkspalastes. Dieser
Saal war mittels ansteigender Gerüste in ein Amphitheater verwandelt
worden und man belehrte uns, daß man der vielen Regatten und anderer
Feste wegen beim Rudersporthause zerlegbare Tribünen, die dort in
einem Hofe aufgeschichtet seien, für Tausende von Zuschauern habe, und
man habe sie zu diesem Zwecke benützt, wie auch viele Hunderte von
Operngläsern vertheilt werden konnten, die zur letzten Regatta von den
Wiener Bühnen waren geschickt und noch nicht abgeholt worden.
Alles nahm Platz, unten die Kinder, oben die Erwachsenen nach der
Größe. Die Kleinen waren übrigens größtenteils von anderen Gemeinden,
denn während der Ferien ziehen die Kinder mit ihren Wärterinnen viel
herum, um schon in jungen Jahren die Welt kennen zu lernen.
Im freien Raume in der Mitte war ein grasgrüner Teppich ausgebreitet
und mit kleinen Gewächsen darauf gewissermaßen eine waldige Gegend
markirt, die eine Matte umsäumt. Nun schoß von der Decke ein greller
Strahl elektrischen Lichtes herab, der nur diesen Raum, der als Bühne
diente, scharf beleuchtete, während der ganze übrige Theil des Saales
ganz finster war, und so konnten die verschiedenen Acteure aus der
Finsterniß auftauchen und wieder darin verschwinden und die Illusion
wurde nicht gestört. Es konnten aber viele Hunderte von Menschen das
Schauspiel genießen.
Erst kamen gutgeschulte kleine Schauspieler aus Klosterneuburg, die,
als Zwerge verkleidet, eine allerliebste kleine Feerie aufführten. Dann
eine reizende Tänzerin, als Bajadere gekleidet. Sie war Mitglied der
Ballettruppe, aber beurlaubt und in Tulln zu Hause. --
Dann kamen braune Gesellen, bei deren Anblick wir Lori rufen hörten:
»Die Zigeuner!« -- Man hatte längst keine Zigeuner mehr, da jedermann
seßhaft werden und sich in die neue Ordnung der Dinge einleben mußte,
aber die Spielweise der Zigeuner hatte sich in Ungarn erhalten,
wie auch ihr Aussehen und ihre Kleidung aus Bildern noch erkennbar
waren, und da hatten sich Berufsmusiker, die den großen Orchestern
angehörten und auch Unterricht ertheilten, zusammengethan und einige
Zigeunerkapellen gebildet, die, um sich und anderen ein Vergnügen
zu machen, zuweilen, aber aus freien Stücken und selbstverständlich
ohne Entgeld, abends, bald hier, bald dort mit Geige und Hackbrett
aufspielten. Lori war eine große Liebhaberin von dieser Art Musik,
daher man sie bei deren Erscheinen immer: »Die Zigeuner« rufen hörte,
und darum kamen sie gerne ihr zu Liebe.
Als diese einige Musikstücke zum besten gegeben hatten und wieder
abzogen, kam nach kurzer Pause aus dem Dunkel eine komische Figur ins
Licht gewirbelt und nachdem sie einigemal im Kreise herum blitzschnell
Räder geschlagen, daß man nicht ausnehmen konnte, was es sei, stand
der sonderbare Kauz plötzlich aufrecht da, mit aufgerecktem Halse und
gravitätischer Grandezza. Man hatte dergleichen nie gesehen und wußte
nicht, was man davon halten solle. Er hatte die Haare nach drei Seiten
wie zu Flammen aufgebürstet, das Gesicht weiß gefärbt, dagegen Wangen
und Lippen mit abscheulicher rother Farbe bekleckst und hochaufgezogene
Augenbrauen gemalt. Er stak in einer weißen Kleidung mit faustgroßen
schwarzen Knöpfen und begann wie ein Hahn herumzustolziren und
dummes Zeug zu reden, wobei er sich ab und zu ein paarmal in der
Luft überschlug und dann wieder steif und aufrecht stand. Da kam aus
dem Dunkel eine Fidel sammt Bogen in den Lichtkegel geflogen, die er
geschickt auffing und, scheinbar kindisch darüber erfreut, zu spielen
versuchte. Er that, als ob er es nicht verstünde, vervollkommnete sich
aber zusehends und kam endlich in ein verrücktes Tempo, wobei er vor
Freude Luftsprünge zu machen anfing und endlich, sich überschlagend
und zugleich fortspielend, immer toller wurde und plötzlich mit einem
Satze im Dunkel verschwand. Alles lachte und fragte sich, was das
wäre. Ich konnte bestätigen, daß dergleichen zu meiner ersten Zeit von
herabgekommenen Leuten aufgeführt wurde, ich wisse aber nicht, wie die
Tollheit daher gekommen. Im Verlassen des Hauses erfuhr ich denn, das
sei der jüngere Bruder Zwirners, ein bildsauberer und äußerst gelenker
Bursche. Selbstverständlich lebten die Eltern Zwirners nicht mehr, denn
sonst hätte ich das verehrte Publicum mit ihnen bekannt machen müssen.
Der Junge nun hätte bei seinem Bruder unter den alten Sachen Bilder und
Beschreibungen gesehen, aus welchen er diese Eulenspiegelei entnommen
und sich insgeheim eingeübt habe, um auch einmal etwas zum allgemeinen
Vergnügen beizutragen. Er durfte dafür, nachdem er sein Gesicht blank
gescheuert hatte, Lori auf den Mund küssen.
Nachdem man sich verabschiedet hatte, fuhren die Hochbergs mit dem
Professor und Mary heim.
Spät am Abend noch benützte der Beamte von Tulln eine zufällige
Begegnung, um mir zu sagen, die Vorsteherin der Frauencurie habe ihn
beauftragt, die Freiheit zur Sprache zu bringen, die ich mir gegen
Selma erlaubt. Diese selbst habe für nöthig erachtet, das Vorkommniß
ihren Schwestern mitzutheilen, und man glaube, daß ich nicht ganz ohne
Vorwurf sei. Es sei schon nicht ganz zu billigen, daß ich mich irgend
einer Gunst berühmte, die ich erfahren; es sei das etwas rücksichtslos
gegen die Frauen im allgemeinen, und man meine, daß Selma unrecht
gehandelt habe, darauf mit einem Scherze zu antworten, sie würde am
besten gethan haben, es zu überhören. Aber die anmaßende Galanterie
gegen eine verheirathete Frau, wozu ich mich im Verlaufe der
Conversation verleiten ließ, sei denn doch nicht wohl zu entschuldigen.
Ich sagte darauf, daß Selma verheirathet sei, hätte ich nicht gewußt.
Darauf bemerkte der Beamte, die Instruction belehre mich doch darüber,
daß verheirathete Frauen, welche den goldenen Reif am Finger tragen,
auf besondere Zurückhaltung Anspruch hätten. Ich schützte vor, daß ich
darauf nicht geachtet habe, aber darauf wurde mir geantwortet, es wäre
doch das Klügste, im Zweifel eher größere Zurückhaltung zu beobachten,
als sich Freiheiten anzumaßen, die übel aufgenommen werden könnten. Es
sei übrigens das Ganze ohne Folgen geblieben, denn der junge Ehemann
habe keinen Anstoß genommen und halte alles für recht, was seine
vergötterte Selma thue, und es sei nur zu wünschen, daß ich in Hinkunft
die Empfindlichkeit der Frauen mehr schonen möge.
Gleich jenem Kronprinzen in der Fabel schwur ich, in Hinkunft
vorsichtiger zu sein und ließ Selma und die Frauen im allgemeinen
bitten, mir Vergebung zu gewähren.