Der Sonntagmorgen brach an und gab zunächst wenig Hoffnung auf einen
vergnügten Tag, da regnerisches Wetter war und man sich auf die
Nothwendigkeit gefaßt machte, die geplanten Ausflüge aufzugeben. Viele
hatten zwar vor, nach Wien zu fahren und Museen oder die Ausstellung
der neuen Bilder zu besuchen, welche von den Bewerbern um den
Malerpreis waren eingesandt worden und welche nach Zuerkennung der
Preise am zweitnächsten Sonntage ihre Rundreise um die Kreisstädte
machen sollten, weshalb sie dann jahrelang für die Bewohner von
Wien und Umgebung nicht mehr zu sehen waren, und es bot ein großes
Interesse, sich darüber zu streiten, wer wohl den ersten Preis erlangen
würde.
Diesmal hatte sich eines der schönsten Mädchen erklärt, es wolle
dem Sieger in diesem Wettstreite seine Hand reichen, wenn es ihm
gefalle, ein Anerbieten, das sich nicht zurückweisen ließ, das aber
nicht gebilligt wurde, weil es frivol schien, auf das ungewisse sich
zu binden, und es ebenso Mißfallen hätte erregen müssen, wenn die
Uebermüthige dann ihr Wort nicht erfüllt hätte. Aber man vermuthete,
daß es gerade kein Anerbieten auf's Gerathewohl gewesen, sondern daß
die Schöne im unerschütterlichen Glauben lebte, der Preis könne nur dem
Künstler zufallen, der die Hunnenschlacht eingeliefert hatte, und daß
dies der Mann war, auf den sie ein Auge geworfen.
Es gab auch sonst in Wien Gelegenheit genug, sich zu unterhalten,
und ebenso konnte man nach St. Pölten fahren, wo es immer etwas für
Schaulustige zu sehen gab und heute ein interessantes Stück gegeben
wurde, zu welchem man wohl eine Karte erhalten konnte. Die Rückfahrt
konnte nach dem Theater noch immer erfolgen und stand der Besuch der
Städte an arbeitsfreien Tagen jedermann frei, wenn es sich nicht darum
handelte, dort zu übernachten. Die zurückgelegten Eisenbahnmeilen mußte
man sich einrechnen lassen.
Die Nachbarorte von Wien waren etwas begünstigt, daher bei einem
Wohnungstausche alles nach den Gemeinden des St. Pöltener und des
Wienerneustädter Kreises drängte und es ebenso eine Belohnung für große
Verdienste war, wenn jemand vom Arbeiterberufe dorthin versetzt wurde,
wie es umgekehrt zu den Strafen gerechnet wurde, wenn eine unerbetene
Versetzung in entferntere Gemeinden verfügt wurde. Es waren daher
auch meistens besonders tüchtige Leute in den Gemeinden dieser Kreise
anzutreffen.
Allein die Besuche in Wien blos für den Abend waren doch oft nicht
besonders lohnend, denn da alle Arbeiter in drei bis vier Jahren einmal
nach Wien beurlaubt wurden und diese Besucher aus entfernteren Gegenden
natürlich für alle Genüsse den Vorzug vor jenen hatten, die jeden
Sonntag wieder kommen konnten, so konnten diese ihren Zweck in Wien oft
verfehlen.
Man schätzte die durchschnittliche Bevölkerung der Hauptstadt auf 350
Tausend. Es waren außer dem Adelsquartiere 350 Wohnquartiere, die für
je 1000 Bewohner reichlich Raum hatten; aber zur Noth konnten auch
1200 in jedem Quartiere Aufnahme finden, was 420000 Anwesende ergab.
Es kam auch bei besonders interessanten Festen, wenn eine Krönung
oder ungewöhnliche Centennarfeier stattfand, vor, daß jedes Plätzchen
besetzt war.
Die Bevölkerung bestand größtentheils aus vorübergehenden Besuchern
aus der Provinz und dem Auslande. Die täglich nach Wien verkehrenden
Züge brachten durchschnittlich 20000 Besucher und eben so viele mochten
abreisen. Da die Fremden im Durchschnitte 7 Tage in der Residenz
bleiben, so ergab das 140000 wechselnde Besucher. Die Hochschulen
hatten an 60000 Studirende, worunter auch etwa 15000 Mädchen inscribirt
waren, und dazu konnte man 20000 Professoren, Gelehrte, Künstler und
Beamte an den wissenschaftlichen und Kunstanstalten rechnen, dann 70000
Pensionisten des Arbeiterberufes, was schon 290000 ergab, und rechnete
man noch Hof, Adel, Beamte, andere Pensionisten, hauswirthschaftliche
Arbeiter und Handwerker, worunter besonders viele die verschiedenen
Kunstgewerbe als Beruf betrieben, so hatte man 350 Tausend. Diese alle
waren für den Abend zu versorgen, an welchem sich niemand langweilen
sollte.
Es war also, wie ersichtlich, abgesehen von der Geselligkeit, die
man zu Hause fand, niemand in Verlegenheit, seine Zeit auch auswärts
und insbesondere auch in der Kreisstadt oder in Wien angenehm zu
verbringen, wenn etwa der Sonntag verregnet wurde, und man wartete in
Geduld ab, ob es sich aufhellen würde. Aber Zwirner war verstimmt.
Er sagte, er wolle mit uns zu Pferde den Kahlenberg besuchen und wir
möchten uns ihm überlassen, der Mittag wäre auch vergeben. Es fiel uns
auf, daß ihn das Regenwetter so mißgelaunt machte und wir sahen, daß er
recht vergnügt aufsprang, als der erste Sonnenstrahl sich zum Fenster
hereinstahl und bald darauf die Wolken sich zerstreuten und ein klarer
Himmel uns einlud, in's Freie zu gehen. Jetzt war es umso besser, weil
es weniger heiß war, und wir bestiegen also um 1/2-8 Uhr morgens unsere
Pferde, die uns ohne Schwierigkeit waren angewiesen worden, da wir als
bevorzugte Fremde einen Anspruch darauf hatten und übrigens die meisten
sich der Eisenbahnen bedienten.
Wir sahen, daß Zwirner, der sein Pferd in scharfen Trab setzte, nicht
den beliebten Weg über Tulbing einschlug, sondern gegen Königstetten
einlenkte, und begriffen alles, als wir von weitem zwei Frauen auf
herrlichen Goldfüchsen gewahrten, die uns zu erwarten schienen. Und
so war es auch. -- Zwirner hatte eine Verabredung mit Lori und seiner
Schwester, die noch schöner als ihre Freundin war und sich durch
lange aschblonde Flechten auszeichnete. Wir schätzten sie in dem
Alter, in welchem Oesterreicherinnen sich zu vermählen lieben. Sie
nahm uns rechts und links und unterhielt uns auf das reizendste mit
ganz guter englischer Conversation, wobei sie nicht verfehlte, von
älteren amerikanischen Autoren, Bret Harte, Prescott, Lawrence Gronlund
und anderen zu sprechen. Sie mochte beabsichtigt haben, was sich
scheinbar wie von selbst ergab, daß nämlich Zwirner und Lori hinter uns
zurückbleiben und sich aussprechen sollten.
Kaum hatten wir Königstetten hinter uns, als die Straße sich rechts
nach dem Gebirge wandte und in zahllosen Windungen, die oft beinahe
wieder zum Ausgangspunkt zurückführten, die Höhe langsam erklomm. So
hatten wir abwechselnd die Berge vor uns, dann wieder den Ausblick in's
Thal und auf die Donau und wir hielten zuweilen die Pferde an, als
wollten wir die Fernsicht genießen, in Wahrheit aber, um Freund Zwirner
zu necken. Aber wenn die schöne Mary auch zwischen uns stille hielt und
die Namen der Dörfer nannte, die wir zu unseren Füßen sahen, so glitt
doch dann ein feines Lächeln über ihr allerliebstes Gesicht, wenn die
Zurückgebliebenen in Gehörweite kamen, und sie wandte ihr Pferd der
Straße zu, uns rechtzeitig entführend.
Die Straße führte lange so fort und wir konnten oft vier und fünf
Wegschlingen hinter uns überblicken. Die kleinen waldigen Berge,
zwischen denen kleine Mulden lagen, die entweder mit Wein bepflanzt
waren oder frische Matten trugen, verschoben sich in einem fort und
boten die abwechslungsreichsten Bilder. Lange blieb der Tulbinger
Kogel rechter Hand sichtbar, endlich aber hatte die Straße die Höhe
des Bergüberganges erreicht und führte tief in ein waldreiches Gebiet,
von wo kein Ausblick mehr auf den Tullner Boden zu gewinnen war.
Zwischen Wäldern und Wiesen ging es mehr als zwei Stunden fort und wir
setzten die Pferde ab und zu in scharfen Trab. Endlich verließen wir
die Heerstraße, um einen köstlichen Waldweg einzuschlagen, der hoch
mit abgefallenem Laub bedeckt, unter jungen Bäumen fortführte, die nur
selten ein Stückchen Himmel freiließen und eine herrliche lichtgrüne
Wölbung bildeten. Die Bäume mochten in den letzten 150 Jahren wohl oft
abgeholzt worden und wieder aufgewachsen sein.
Jetzt führte der Weg wieder in's Freie und auf hochgelegene Wiesen
und Mary erzählte uns, daß nach den alten Karten da einstmals ein
Bauernhof zum Steinriegel müsse gestanden haben, daß aber solche
abgelegene Gehöfte selten mehr vorkämen, weil sich nicht leicht
jemand entschließe, dem abwechslungsreichen Leben in der Gemeinde zu
entsagen und weil solche Gebäude doch zum Schlupfwinkel für Feinde der
Gesellschaft dienen könnten, wenn sie nicht regelmäßig bewohnt würden.
Nun führte unser Weg wieder durch Wald und dann kam ein reizendes
langgestrecktes und vielfach gewundenes Thälchen, gebildet von
einem schmalen Wiesenstreifen, der auf beiden Seiten von niederen
Hügeln begleitet war, die, dicht mit Eichen und Buchen bestanden,
förmliche von Grün strotzende Mauern bildeten. Jetzt hatten wir den
Gebirgsstock erreicht, dessen nordöstliches Ende der Kahlenberg
und Leopoldsberg bilden, und nachdem wir auf einer viel gekrümmten
Straße eine ansehnliche Höhe erklommen hatten, ritten wir am Fuße des
Hermannskogels herum und dann auf dem Gebirgskamme über Wiesen und
durch herrliche Wälder nach dem Endziele unseres Ausfluges, das wir
erst nach Mittag erreichten.
Wir ließen die Pferde, welche ziemlich angestrengt worden waren, in den
Stall führen und wählten, um unseren Lunch einzunehmen, Plätze auf der
Terrasse, von wo man den Ausblick über Wien hat. Da Lori und Mary, wie
auch Zwirner, hier wohl bekannt waren, bedurfte es keiner Legitimation
und wir erinnerten uns noch unseres ersten Besuches hier oben.
Die drei Oesterreicher traten an die Brüstung, blickten nach der
Riesenstadt vor uns und wiesen, im Gespräche vertieft, auf den
Tribunatspalast, der ihre Aufmerksamkeit zu erregen schien und
allerdings mit seinen Thürmen aus dem Häusermeer besonders hervorragt.
Sieh' da, die schöne Selma kam, uns das Frühstück zu bringen. Sie
grüßte uns heiter. -- Wir erkundigten uns, ob die Sachen zurückgekommen
wären, die wir uns bei unserem ersten Besuche ausgeborgt hatten, und
Selma bejahte und sagte, man habe ihr auch den Gruß bestellt, den ich
ihr entrichten ließ. Es sei aber allzu bequem gewesen, das anderen zu
überlassen; man führe ja täglich an zwanzig Gespräche zwischen Tulln
und dem Kahlenberge, da hätte ich mich wohl auch einmal hinsetzen
und mich mit Selma »verbinden« lassen können. Ich entschuldigte mich
lachend und sagte, wir hätten mittlerweile eine Reise nach Abbazzia
und Lacroma gemacht, sonst würde ich wohl die angenehme Gelegenheit
benützt haben. Lächelnd ging sie ihrer Wege, nachdem sie Lori und
Mary, welche sich jetzt zu uns wandten, die Hand gereicht hatte. Nach
dem Lunch streiften wir über Wiesen und Wälder und wieder zogen sich
Lori und Zwirner mit Vorliebe seitwärts. Aber nun schlossen wir uns
einem Lawn-tennis-Spiele an, obwohl unsere Freunde mit den anderen
Spielgenossen nicht bekannt zu sein schienen. Als aber ein hübscher
junger Mann, der wohl ein Auge auf Mary Zwirner geworfen haben mochte,
vorschlug, daß wir mit ihm und seinen Genossen einen Tisch für Mittag
bestecken sollten, sagte Mary, die seine Aufmerksamkeiten nicht
beachtete, daß wir in Königstetten speisen wollten.
Nun war es nahezu drei Uhr geworden und wir sollten in Königstetten um
fünf Uhr zur Tafel erscheinen. Zwirner und die beiden Mädchen waren
etwas beunruhigt. Man hatte nicht bedacht, daß die Entfernung groß war
und unsere Pferde schon mehr als fünf Stunden, die edlen Pferde aus
dem Marstall von Königstetten mehr als vier Stunden gegangen waren
und daß es jetzt gelte, einen scharfen Trab einzuschlagen, wenn wir
Königstetten rechtzeitig erreichen wollten, worauf die Oesterreicher
sehr bedacht schienen.
Wir befürchteten den Pferden zu viel zuzumuthen, und Zwirner ging
mit mir nach dem Stalle, um sich umzusehen. Er erkundigte sich, was
sonst für Pferde hier wären, und erfuhr, daß der Arzt und die Lehrer,
im ganzen eine Gesellschaft von acht Personen, aus Klosterneuburg
zu Pferde heraufgekommen wären. -- Zwirner suchte den Arzt auf und
erkundigte sich, ob die Klosterneuburger Pferde schon einen weiten Weg
gemacht hätten, worauf sich ergab, daß das nicht der Fall war, und
die Gesellschaft erbot sich, uns fünf gute Traber zu überlassen und
unsere Pferde zu übernehmen, die den Weg nach dem nahen Klosterneuburg
umso leichter machen konnten, als die Gesellschaft erst spät abends
aufbrechen wollte. Da die jungen Leute jetzt Ferien hätten, würden
sich dann am nächsten Tage recht gerne einige von ihnen bereit finden
lassen, unsere Pferde nach Hause und die anderen dafür zurückzubringen.
So wurde denn aufgebrochen, und als wir Klosterneuburg hinter uns und
die Höhen gegen Kierling erreicht hatten, ging es größtentheils im
scharfen Trabe, zuweilen im Galopp über St. Andrä nach Königstetten.
Auch dieser Weg war anmuthig und besonders der Abschnitt zwischen
Kierling und St. Andrä bot eine reizende Abwechslung. Die Freundinnen
waren nun voraus und es war ein Genuß, die herrlichen Gestalten der
Mädchen zu schauen, die frohgemuth dahinritten. Wir folgten mit
Zwirner, und Lori rief diesem zurück, daß der Fürst und die Fürstin
heute aus _=besonderer Ursache=_, wie sie lächelnd betonte, zu Hause
geblieben seien und daher Mary nicht, wie beabsichtigt war, die
Repräsentation führen werde.
Zwirner ließ die Freundinnen etwas vorausreiten und erklärte uns
die Stellung seiner Schwester im Hause Hochberg. Er sagte: »die
Heirathskandidatinnen werden in gewisser Beziehung wie Priesterinnen
heilig gehalten und die anderen Mädchen sind damit ganz einverstanden
und auch von Jugend auf an den Gedanken gewöhnt, daß ihnen ein
anderer Beruf bestimmt wäre, den man in früherer Zeit hätte etwa
ein »Dienen« nennen können. Es liegt im Interesse aller, die
Frauenschönheit zu pflegen und den künftigen Gattinnen und Müttern
die Schönheit nicht durch Arbeiten zu verkümmern, die doch immer
Spuren zurücklassen müssen, wenn selbst alle Kunst angewendet wird,
das Gemeine vom Menschen fernzuhalten. Aber die gänzliche Veränderung
der Lebensformen hat auch die Beziehungen der Menschen verändert.
Jeder erhebt Verdienste und Vorzüge seiner Mitmenschen in den Himmel
und thut sich etwas auf andere zugute, die ihm nahestehen, und da es
der ganzen Gemeinde zur Ehre gereicht, wenn eine goldene Rose einer
Schwester zufällt, so setzen alle Mädchen einen Stolz darein, etwas
dazu beizutragen, daß die Schöneren aus ihrem Kreise nichts von ihrer
Schönheit einbüßen, und sie selbst verbreiten den Ruf derjenigen,
welche sie unter anderen Verhältnissen mit Mißgunst betrachten würden.
Dann fällt ja den anderen wieder das Los zu, auf einem anderen Gebiete
hervorzuragen, und nicht durch hämisches Herabsetzen der Mitmenschen,
sondern durch möglichste Pflege und Entwicklung jener Vorzüge, die
einem jedem zu Theil geworden sind, sucht man glücklich zu werden.
Darum sind die von der Ehe ausgeschlossenen Mädchen gerne bereit,
sich in die Arbeiten zu theilen, welche einstens verachtet waren,
und oft ist nachgewiesen worden, daß es keinen Menschen gibt, der
nicht auf irgend einem Gebiete sich auszeichnen könnte. -- So ist nun
Mary als die schönste von den Schönen in Tulln von ihren Schwestern
verzogen worden. Man hat ihren Ruf verbreitet und ihr Zeit gegönnt,
ihre gesellschaftlichen Talente zu pflegen, ohne welche Schönheit
ein unnützes Ding wäre. Sie ist unzählige male zum Kreisbeamten
geladen worden, wo man die Gesellschaft auch mit schönen Mädchen zu
zieren bedacht ist, und so wurde sie mit den Hochbergs bekannt, die,
wie das sehr häufig vorkömmt, sie baten, in die Familie einzutreten,
um an der Hausverwaltung und Repräsentation theilzunehmen, welcher
die eigentlichen Familienmitglieder allein nicht gewachsen sind, da
die Aufgabe, so vielen Gästen aufzuwarten, eine größere Zahl von
Hausgenossen erheischt. Man affiliirt so dem adeligen Hause allerhand
ganz und gar unentbehrliche Hilfskräfte, die in freundschaftlicher
Weise angeworben werden müssen, weil im Lande niemand für Lohn dient.«
-- Wir fragten, weshalb Mary dann am ersten Freitag nicht zu sehen
gewesen, und erfuhren, daß sie damals die Hausverwaltung übernommen und
in den Wirthschaftsräumen zu schaffen hatte, auch gar nicht aufgelegt
gewesen sei, sich zu zeigen.
Mit diesem Gespräche ritten wir in den Schloßhof ein, wo galante
Herren, es waren besonders viele Künstler für die Sommermonate hier,
den Mädchen von den Pferden halfen. Man gab uns Gelegenheit, uns ein
wenig zurückzuziehen, und dann ging es zu Tische.
Im großen Saale waren lange Tafeln aufgestellt, und wir waren an
dreißig Personen beim Speisen. Das Gespräch war anregend und wir
lernten wieder manche interessante Leute kennen.
Da erhob sich gegen Ende der Tafel Fürst Hochberg, um uns zu verkünden,
daß zwei glückliche Paare unter uns seien. Professor Lueger habe
der reizenden Freundin des Hauses, Mary Zwirner, und deren Bruder
seiner eigenen Tochter Lori Hochberg die Liebe gestanden und beide
seien erhört worden, und wenn auch die Ceremonie der Brautschau nicht
vorausgegangen sei und solche Verbindungen -- man möchte sagen: ohne
Concurrenz -- nicht ganz nach den Sitten des Landes seien, wisse
man doch, daß sich den Herzen nicht gebieten lasse, und er lade die
Anwesenden ein, das Glas auf das Wohl der künftigen Eheleute zu
leeren. -- Es war Champagner in den Gläsern und die Mädchen, die uns
aufwarteten, fielen den beiden Bräuten um den Hals, wie auch Fürst
und Fürstin Hochberg Mary herzlich küßten und beglückwünschten,
als wäre sie ihre eigene Tochter. So erklärte sich, was uns am
Morgen aufgefallen war, und wir begriffen, daß Zwirner heute seinen
olympischen Gleichmuth verloren hatte. Denn Lori war ein herrliches
Weib und offenbar dazu angethan, stürmische Liebe zu fordern und zu
gewähren.
Zwirner, welcher sich mit Lori nach dem Essen im Garten erging und oft
Arm in Arm mit ihr Wege einschlug, auf welchen wir ihnen offenbar nicht
folgen sollten, wollte heute nicht aufbrechen, und die Fürstin mußte
sich unser annehmen.
Diese Frau war nicht mehr jung, aber auch ihr fehlte es nicht an Spuren
vergangener Schönheit. Sie war in einem Dorfe bei Salzburg geboren
und es gereichte ihr zum Vergnügen, zu hören, daß wir dort einen Tag
zugebracht hätten. Sie erinnerte sich nicht ohne Wehmuth der jungen
Tage in jenem Paradiese und schilderte uns die Berge, in welchen sie
viele Jahre gewandert war. Besonders rühmte sie die Aussicht von der
Schmitterhöhe und, da sie hörte, daß wir die Rückreise über Zell am See
und Wörgl nehmen wollten, um über die Schweiz zu reisen, empfahl sie
uns, diesen Berg zu besteigen der gar nicht beschwerlich sei. Uebrigens
sei die Hohe Salve vielleicht noch vorzuziehen. -- Sie unterließ nicht,
zu erwähnen, daß man auf allen diesen Bergen übernachten könne.
Mich langweilte das Gespräch mit der Fürstin, die uns nur unterhalten
wollte, weil es die Höflichkeit gebot, und ich überließ ihr daher
meinen geduldigen Freund Forest, indem ich vorschützte, daß ich einen
Handschuh suchen wolle, den ich auf einer Bank im Parke müsse haben
liegen lassen. Und so wandte ich meine Schritte nach einem stillen
Plätzchen, wo man vom Schlosse aus nicht gesehen werden konnte, aber
einen herrlichen Ausblick über das Thal genoß. Dort wollte ich mich ein
wenig mit mir selbst beschäftigen und ließ mich auf einer Bank nieder,
die neben dem Kieswege zur Ruhe einlud.
Da hörte ich hinter mir ein Seidenkleid rauschen, eine warme
klangvolle Stimme ließ sich vernehmen und ich erkannte Loris mir
wohlbekanntes Organ. Sollte ich bleiben oder fliehen? -- Es war zu
spät, das Knirschen im Kiese hätte mich verrathen und ich hoffte, die
Liebesleute würden ihre Schritte bald weiterlenken.
Es kam anders: »Liebster, lassen wir uns auf dieser Moosbank nieder
und wiederhole mir das Gelöbniß der Treue.« -- »Gerne spreche ich
davon, daß mich nichts mehr von dir reißen kann und wir kein anderes
Glück kennen wollen, als ein gemeinsames. Aber es scheint mir, daß du
nicht das rechte Wort gefunden, wenn du Wiederholung eines Gelöbnisses
forderst. Was euch die Keuschheit und Jungfräulichkeit ist, ist dem
Manne Wahrhaftigkeit und wir fordern unerschütterliches Vertrauen.
Nicht ein Schatten von Zweifel an mir soll deine Seele beflecken,
da wir uns versprochen haben.« -- »Ich zweifle auch nicht an dir,
ich will mich aber berauschen an deinen Verheißungen, daß du ganz
und gar nur mein sein willst, daß du die Welt und die Gottheit, die
Wahrhaftigkeit und das Schöne, die Kinder selbst, mit welchen uns
Mutter Natur beschenken wird, nur in und mit mir, um unser beider
willen lieben willst. Ich habe es immer hart gefunden, wenn ich die
Worte Christi las: »Mann und Weib seien zwei in einem Fleische.« In
welch grausamer Nacktheit stellt er uns das Band vor Augen, das uns an
unseren Gatten knüpft. Aber doch nur um das Gebot _=wechselseitiger=_,
alles umfassender Gattentreue zu begründen und beglückend ist das
unermeßliche Opfer, das die Ehe von uns Jungfrauen fordert, wenn
sich auch die Seelen der Gatten verbinden. Wir wollen auch zwei
sein in _=einem=_ Fühlen und in _=einem=_ Denken. Nie könnte ich
mich entschließen, die jungfräuliche Hoheit zum Opfer zu bringen,
ausgenommen einem Manne, dem ich die ganze Welt bedeute, der mit mir
nur ein einziges Ich bildet. Ganz fordere ich dich und nur dafür gebe
ich mich Dir. So heiß auch das Blut in meinen Adern tobt, so hätte
doch Sinnlichkeit niemals den Sieg davon getragen über das göttliche
Gefühl jungfräulicher Unantastbarkeit. Aber als ich dich zum erstenmale
erschaute, ward es mir klar, was die griechische Göttersage bedeutet,
daß die Göttinnen zuweilen aus dem Olymp herabsteigen, um einen
Sterblichen zu beglücken. Es ist nicht Hochmuth, Geliebter, wenn ich
empfinde, als käme ich so zu Dir herab. Nur das Verlangen treibt mich,
ein Glück zu gründen, dem nichts zu vergleichen ist, und um dieses
Glück zu zeugen und es im Mitempfinden zu genießen und zu vermehren,
streife ich ab, was mich über die Menschen erhöht hat. Da ich in deinem
Glücke glücklich sein will, kann das Gut nicht groß genug sein, das ich
dir mitbringe. Darum danke ich dir auch, daß deine Lippen mich nicht
entweiht haben, und weder Auge, noch Mund mit kühner Anmaßung mich
beleidigten. Die Stunde der Vereinigung soll dir und in dir mir einen
Himmel öffnen.«
»Ich opfere dir meine Gottheit auf und mache dadurch dich zu meinem
Gotte, mich zu deiner Magd, aber, um im menschheitlichen Sinne
glücklich zu werden und ohne jeden äußeren Zwang, aus eigener Wahl.« --
Nach kurzem Schweigen sagte Freund Zwirner:
»So nehme ich dich auch als das kostbarste, das der Mensch auf seinem
Lebenswege finden kann. Aber der Mann gehört doch auch dem Staate und
der Welt an.«
»Das sollst auch du, lieber Mann, aber lasse mich an allem theilnehmen,
was du erstrebst. Wir müssen nicht nur für unsere persönlichen
Interessen gemeinsame Ziele, sondern auch für die Gesellschaft
gemeinsame Ideale haben und zu solcher Einigkeit zu gelangen, ehrlich
bestrebt sein. Lasse mein Bild dich umschweben, wo immer du bist, und
trenne dich nicht von mir, was immer du unternimmst.«
»So wird es sein,« antwortete Zwirner, »auch ich trete nicht mit
anderen Gesinnungen in die Ehe. Du weißt doch, Göttliche, wie wir uns
erkennen gelernt haben. Ich habe schon oft deine Gedanken wieder darauf
gelenkt. Wie ich in der Nacht nach unserer ersten Begegnung, als ich
mit mir allein war, dich immer mir zur Seite, dein strahlendes Auge
auf mich gerichtet sah. In diesen wachen Träumen enthülltest du dich
mir, alle Reize deines süßen Leibes, die Schönheit deines Empfindens,
die Reinheit deines Herzens, dein ganzes Selbst glaubte ich vor mir zu
sehen und schon in jener Nacht vermählte ich mich dir. Ich hatte keine
Ruhe mehr und gleich am folgenden Abende kam ich wieder und bekannte,
daß mich dein Bild nicht mehr verlassen habe. Du auch hattest nur
von mir geträumt und mich im Traume zu deinem Gatten gemacht und du
wußtest, daß ich wieder kommen und um dich werben würde.«
»Da kam eine Woche der Prüfung. Je mehr wir verkehrten und unsere
Gedanken austauschten, umso sicherer fühlten wir, daß wir uns nicht
getäuscht. Du sagtest mir schon damals wie heute, wie groß du dir das
Glück der Ehe vorstelltest und wie die Verbindung der Gatten alles,
alles umfassen müsse. So ließest du mich die ganze Welt durch dein Auge
sehen und ich ließ dich in mein Herz blicken. Ich fand, daß wir seien
wie ein Augenpaar, immer zugleich daran, das Welträthsel zu lösen;
niemals suchen die beiden Augen verschiedene Ziele. Und da jubeltest
du, daß ich in diesem Bilde den wahren Sinn der Ehe entdeckt. Du
verfolgtest den Gedanken weiter und zeigtest mir, wie die Augen, weil
sie niemals an ein und dieselbe Stelle im Raume rücken können, der
Seele zwei Botschaften bringen, aber doch nur, um die Dinge besser zu
erforschen, als es ein Auge allein vermöchte, und wie die Seele die
beiden Bilder zu einer Einheit verbinde. Und so sollten wir zu einer
Anschauung der Welt gelangen, die dem Einsamen verschlossen bleibt.
Auch wir sollten unsere Anschauungen zu einer Einheit verschmelzen
lernen. Und sinnig bemerktest du, wie die beiden Augenbilder stark
von einander abweichen, wenn wir auf das nächste schauen, und wie sie
sich decken, wenn wir uns in das Anschauen der Gestirne versenken; wir
sollten daher das unendlich Große, das Ewige und nur dem Geiste nahe
nicht aus den Augen lassen.«
»Und so lernten wir an unserem Weltbilde uns selbst wechselseitig
erkennen.«
»Nachdem das vorausgegangen, sollte da noch eine Selbsttäuschung
möglich sein? Wie könnte uns das Glück irgendwo fehlen, wo wir zusammen
weilen?«
»Ich träume für und für von einem unverwelklichen Glücke, das ich in
deinen Armen und in einer alles umfassenden Lebensgemeinschaft mit dir
finden werde.«
Und da hatten sie sich erhoben und ihre Stimmen erstarben in der
Entfernung. -- Nun verließ ich meinen Ruheplatz und als ich später
im Schlosse den jungen Leuten begegnete, schämte ich mich, daß ich
mich zum Mitwisser solcher Seelenergüsse gemacht. Lori reichte mir
unbefangen die Hand und wir schieden.
Zwirner war auf dem Heimwege in Gedanken verloren.
Ich erinnerte mich, als wir nach Tulln kamen, daß ich mich mit
Selma sollte »verbinden« lassen, und ging nach dem Telephone im
Gemeindepalaste, der beinahe verödet war. Ich ließ mich mit dem
Kahlenberge in Verbindung setzen und fragte nach Selma, die mich bald
darauf anrief und mich begrüßte. -- »Schöne Selma, ich freue mich, mit
dir zu plaudern.«
»Du kommst mir gerade recht, sage mir doch, was haben denn Lori und
Zwirner so gedrängt, nach Königstetten zu kommen?« -- »Das ist ein
Geheimniß.«
»Warum nicht gar, in Oesterreich hat man keine Geheimnisse.«
»O doch, ich selbst habe ein gar liebes Geheimniß, das ich mit nach
Hause nehme.«
»Du scheinst mir ein lockerer Zeisig zu sein.«
»O gar nicht, ich bin im Gegentheile recht beständig.«
»Ich traue dir zu, daß du in nichts beständig bist, als in der
Unbeständigkeit.«
»Falscher Verdacht, aber immerhin will ich mich von dir unterweisen
lassen, wenn ich noch der Vervollkommnung bedarf.«
»Danke für das Vertrauen, ich habe einen Schüler, dem ich mich ganz
widme und der erstaunliche Fortschritte gemacht hat, und wenn ich seine
Erziehung vollendet habe, will ich mich zur Ruhe setzen und keine
Schüler mehr annehmen.«
»Da bin ich wohl zu spät gekommen?«
Nun höre ich ganz deutlich einen Schmatz durch das Telephon. Den glaube
ich erwidern zu sollen; darauf mehrstimmiges Gelächter, und da ich
etwas verdrießlich »Selma« rufe, antwortet eine Baßstimme: »Selma ist
abgerufen worden, was beliebt?« -- »O es ist nichts von Belang; wer
spricht?« -- »Martin, der gelehrige Schüler.« -- »So, so; gute Nacht
euch beiden,« -- »Wir danken schön.« -- »Schluß!« -- »Grrrrrg.« --
Ich hätte mir das ersparen können, denn als ich mich recht besann,
erinnerte ich mich nicht nur an herrliche über den Rücken fließende
dunkle Haare, sondern auch an einen Goldreif an Selmas Ringfinger und
ich erfuhr später, daß Selma mit Martin die Flitterwochen auf dem
Kahlenberge verbrachte und daß sie entschieden hatte, sie wollten sich
nicht ganz dem verliebten Getändel hingeben, sondern in der Wirthschaft
Aushilfe leisten. Meine Wege würden mich mit dem Paare wohl nicht mehr
zusammenführen und ich dachte, daß das kleine Mißverständniß bald in
Vergessenheit gerathen werde.