Wir wollen nun mit wenigen Worten der beiden nächsten Tage gedenken,
wo wir uns mehr überlassen waren, weil Zwirner sehr hart arbeiten
mußte. Wir fuhren den nächsten Tag auf den Kahlenberg, wohin die
Eisenbahn und eine Zahnradbahn, die vor 150 Jahren erbaut, seither
aber sehr verbessert worden war, führt und von wo wir zuerst Wien, mit
viel weniger Thürmen, als im 19. Jahrhundert, geschmückt und nicht
erweitert, wie man damals dachte, sondern eher zusammengerückt -- so
lehrten Bilder an den Wänden des Speisesaales -- sahen, und wir waren
verwundert, überall Grünes zwischen die Häusergruppen gemengt zu sehen,
mehr als das sonst in einer Großstadt der Fall ist. Von einer großen
Terrasse sahen wir hinab auf die schimmernde Stadt und die umliegenden
Weingärten, links die Donau mit dem fruchtbaren Marchfelde und blauen
Gebirgen in weiter Ferne und rechts, vom Bergrücken ausgehend, auf dem
wir standen, wohl in zwanzig Farbentönen, immer duftiger und blauer
werdend, abgestuft, ein herrliches Gewoge bewaldeter Berge, die, zu
immer mächtigerer Höhe ansteigend, sich bis weit nach Süden hinziehen,
wo der berühmte Schneeberg deutlich sichtbar ist. Es sind weitläufige
Wohngebäude und Wirthschaften auf dem Kahlenberge zu sehen; eine alte
Kirche, die da gestanden haben soll, ist nicht mehr erhalten und führen
Waldwege im Bogen nach einer zweiten Bergkuppe, zwischen uns und der
Donau gelegen, welche Leopoldsberg genannt wird und auch bewohnt ist.
Die Wohnhäuser dienen alten Leuten, die Gefallen daran haben, Winter
und Sommer zum Aufenthalte und werden oft Tausende von Besuchern
hinaufgeführt, die sich einige Stunden erlustigen, auch wohl bis spät
in die Nacht bleiben und nicht selten im großen Saale sich mit Musik
und Tanz vergnügen, wie auch sehr oft Männergesang ertönt, zur Uebung
oder zur eigenen Lust oder um fremde Besucher zu ehren, die sich eben
in Wien befinden und eine Einladung auf diesen Berg annehmen. Daß alles
für Staatsrechnung geht, ist selbstverständlich.
Die weiten Wälder, von Wiesen unterbrochen, bieten Tausenden
genußreiche Gelegenheit, sich zu ergehen und dem Ballspiel, Cricket
oder Lawn tennis zu huldigen, wozu die Erfordernisse reichlich
vorhanden sind. Es ist ein Aussichtsthurm hier und in einer Stunde
etwa kann man auf herrlichen Wegen den Hermannskogel erreichen, auf
welchem auch ein uralter Thurm steht, dessen Entstehungsgeschichte
der Castellan erzählt. Wir legitimirten uns in der Wirthschaft auf
dem Kahlenberge mit der Anweisung des Tullner Beamten und wurden
mit allem versorgt. Wir ließen Zwirner telephonisch benachrichtigen,
daß wir gleich nach dem Mittagstisch nach Payerbach fahren wollten,
um die herrliche Nacht auf dem Schneeberg zu verbringen. Man versah
uns, als wir aufbrachen, mit einer Tasche, in der wir die nöthigsten
Reiseerfordernisse und Mundvorrath mitnahmen, und wurden ersucht,
Tasche und Reiserequisiten in Tulln abzugeben, von wo sie wieder
gelegentlich zurückgebracht würden.
Ein Amerikaner, den wir zufällig trafen, schloß sich an und über die
Zahnradbahn, Franz-Josefs-Bahn und Südbahn kamen wir um zehn Uhr nach
Payerbach, wanderten im Mondschein nach Reichenau und von da auf den
Schneeberg, wo wir ein wenig ruhten und zum Aufgang der Sonne geweckt
wurden. Mit vielen anderen Besuchern genossen wir das erhebende
Naturschauspiel, ruhten dann wieder und kamen gegen Mittag nach
Payerbach, um direkt in den Prater zu fahren. Dort kamen wir eben gegen
Ende des Wettrennens an, das ebenso verlief, wie anderwärts und zu
anderer Zeit, nur durfte nicht gewettet werden und die zahllosen Frauen
und Mädchen waren nicht __demi-reputation__.
Nun waren wir doch froh, zu unserem verspäteten Mittagessen zu kommen,
das uns angewiesen war, denn unser Mundvorrath war verbraucht und wir
wollten nicht, was wir recht wohl hätten thun können, uns in einen
beliebigen Speisesaal begeben, da wir Abweisung fürchteten. Recht müde
kamen wir gegen neun Uhr nach Tulln und ließen uns das Abendbrot
schmecken. Zwirner gab uns das Versprechen, die Rückstellung der
Reiseeffekten zu veranlassen, was ja sehr leicht sei, da kaum ein Tag
vergehe, daß nicht jemand mindestens nach Nußdorf ginge, und von dort
nähmen dergleichen die Schaffner der Zahnradbahn mit.
Wir wunderten uns, daß da Ordnung möglich sei, und Zwirner sagte,
wenn die Sachen in drei Tagen nicht kämen, würde man gewiß nach Tulln
telephoniren, und wo könnte denn ein Reisender die Sachen, welche
offenbar nicht ihm gehören, hinschaffen? Sie würden ihm abgenommen
werden und sicher immer wieder an ihren Ort kommen, denn die
Centralstellen vermitteln alle Anfragen und Communicationen.
Zwirner erklärte uns das Fernsprechwesen. Es seien schon ursprünglich
alle Ortschaften mit den Bezirksvororten, diese mit den Kreisvororten
und diese mit den Provinzstädten durch Fernsprechleitungen verbunden
worden. In Wien liefen alle Leitungen zusammen und die Kreisstädte
hätten auch telegraphische Verbindung mit den Provinzstädten und diese
mit Wien. Die Leitung führe überall von Kanzlei zu Kanzlei, könne aber
auch von den Einzelnen benützt werden. Eigenes Bedienungspersonal sei
nicht nothwendig, da die Telephone überall dort angebracht seien, wo
das Anrufen von irgend jemand gehört werden muß.