Als ich am 27. Oktober im Hotel zu Brüssel mein Frühstück einnahm,
kam ein stattlicher Offizier gerade auf meinen Tisch zu. Er lächelte
schelmisch, ob ich ihn wohl wiedererkennen würde. Ja, natürlich, ich
rief seinen Namen, ehe er noch ein Wort hervorgebracht hatte: Herzog
Adolf Friedrich zu Mecklenburg! Der Herzog gehört seit mehreren Jahren
zu meinen Freunden. In der geographischen Welt hat er einen berühmten
Namen wegen seiner gewissenhaft vorbereiteten, meisterhaft ausgeführten
und gut und unterhaltend geschilderten afrikanischen Reisen. Jetzt
war er Gouverneur von Togo, befand sich aber gerade auf Urlaub in
Deutschland, als der Krieg ausbrach. Unter solchen Verhältnissen in
Deutschlands großer Schicksalsstunde konnte er nicht nach Afrika
fahren, und da er als Leiter einer Kolonie in der Heimat kein Kommando
hatte, meldete er sich bei seiner alten Truppe, dem Gardekorps, das in
Bapaume lag und zur sechsten Armee gehörte, als Ordonnanzoffizier.
Wir unterhielten uns, bis er wieder zu seinem Korps zurückkehren mußte.
Das Ergebnis der Unterredung war, daß ich hoch und heilig versprechen
mußte, einige Tage in Bapaume sein Gast zu sein. Ich könne kommen, wann
es mir passe, jederzeit. Dann nahmen wir bis auf weiteres Abschied.
Am 28. besichtigte ich mit General Bailer und Geheimrat von Lumm
nochmals die Forts von Antwerpen, um photographische Aufnahmen zu
machen. Am 29. sollte ich den Generalgouverneur an die Front in
der Umgegend von Dixmuiden begleiten, ein Plan, dessen Ausführung
die Ankunft des Königs von Sachsen, der Antwerpen sehen wollte,
durchkreuzte. Ich faßte also einen kurzen Entschluß und fuhr am 30.
Oktober mit einem Auto, das Herr von Siemens, der Chef der Firma
Siemens & Halske, selbst lenkte, nach Bapaume.
Ich hatte mich auch dort auf der Kommandantur zu melden und wurde wie
gewöhnlich mit der größten Freundlichkeit aufgenommen. Dann kam der
Chef, ein alter bayrischer Oberst, der seinen Abschied genommen hatte,
aber bei Kriegsausbruch wieder in Dienst getreten war. Und nun ging es
aus einem andern Ton. »Was ist das dort für ein Zivilist? Was haben Sie
hier zu tun? Woher kommen Sie? Sind Sie Zeitungsmensch? Ich werde schon
herausbringen, was Sie für einer sind, und ob Sie die Erlaubnis haben,
sich in Bapaume aufzuhalten.« Auf alle erdenkliche Weise versuchte
ich, den Obersten zu beruhigen, aber er fuhr mich an wie ein richtiger
Korporal. Als ich ihn ein paar Tage später wiedertraf, fragte er mich:
»Können Sie mir je verzeihen, daß ich neulich so grob zu Ihnen war?«
-- »Mein lieber Oberst,« erwiderte ich, »ich kann Sie versichern,
daß es mir ein unbezahlbares Vergnügen gewesen ist, einen bayrischen
Kriegsmann in seiner vollen Kraft und Autorität zu sehen. Ich konnte ja
ein Spion sein, und Sie hatten nur Ihrer Instruktion zu folgen.«
Darauf führte mich ein Unteroffizier in das Haus, wo ich wohnen
sollte. Ich hatte mich kaum eingerichtet, da klopfte es an meine Tür.
»~Entrez!~« rief ich so neutral wie möglich, und herein trat Herzog
Adolf Friedrich zu Mecklenburg. Jung, froh und herzlich hielt er mir
beide Hände hin und hieß mich in Bapaume willkommen. »Aber dies Zimmer
ist zu klein.« -- »Nein, es reicht vollkommen.« -- »Schön! Wir nehmen
die Mahlzeiten zusammen ein, ich bin jetzt mehrere Tage dienstfrei und
werde Ihnen alles zeigen, was hierherum sehenswert ist.«
Dann plauderten wir, bis es Zeit war zum Abendessen im Offizierskasino.
Als wir eintraten, waren schon alle versammelt. Am großen Tisch
präsidierte Exzellenz von Plettenberg, kommandierender General des
Gardekorps, Generaladjutant des Kaisers und ein alter Freund des
schwedischen Generals Bildt. Ein großer, schlanker, weißhaariger Mann,
ein echter Soldat, fühlte er sich nirgends so wohl wie im dichtesten
Kugelregen. Er setzte sich gleich den Feldmarschällen von Haeseler und
von der Goltz unbedenklich den schlimmsten Gefahren aus, er konnte
mitten in der Nacht zu den vordersten Schützengräben gehen und in einer
Entfernung von 200 Metern das französische Gewehrfeuer auf sich lenken
-- nur um zu sehen, wie es den Soldaten ging, und sich persönlich
davon zu überzeugen, ob alles in bester Ordnung sei. Ein großartiger
Zug nach meinem Dafürhalten; denn der Mut des Heerführers stählt
den der Soldaten. General Plettenberg hatte eine frische, impulsive
Art, war aber jetzt sehr ernst, wohl weil er kürzlich einen Sohn im
Kriege verloren hatte. Oft schwieg er lange und saß nachdenklich am
Tisch, dann aber blitzten plötzlich seine Augen, und er scherzte, wie
gesundheitsgefährlich doch der Krieg sei; man schösse so fahrlässig,
die Kanonen würden so unvorsichtig aufgestellt und die Granaten
schlügen manchmal gerade da ein, wo sich Menschen aufhielten.
Als der General die Gesellschaft zeitig verließ, um an seine nächtliche
Arbeit zu gehen, lud der Herzog ein Dutzend fröhliche Offiziere in sein
Haus. Im Salon wurden die Zigarren angebrannt und schäumender Wein
geschenkt. Die Stimmung war großartig. Nirgends eine Verdrießlichkeit
bei diesen Männern, von denen viele noch am selben Tage dem Tod ins
Angesicht geschaut hatten, aus Schützengräben oder Luftschiffen
oder auf gewagten Patrouillen. Hier waren Deutschlands vornehmste
Familien vertreten. Bald debattierte man in kleinen Gruppen, bald
war die Unterhaltung allgemein, laut, lebhaft, munter. Als aber ein
Generalstäbler geradeswegs vom Generalkommando kam und die letzten
Nachrichten vom östlichen Kriegsschauplatz und von fernen Seekämpfen
brachte, da wurde es still, alle hörten zu, und dann drehte sich die
Unterhaltung um das ernste Wagespiel des Kriegs.
Unter den Gästen war der junge Erbprinz Friedrich von Hohenzollern,
ein bartloser Held, durch verwandtschaftliche Bande mit nicht weniger
als drei Königen verbunden. Er ist ein Neffe des Königs von Rumänien,
außerdem mit dem unglücklichen Könige von Belgien verwandt, und endlich
Schwager des Exkönigs Manuel von Portugal. Der Erbprinz war gemütlich
und voll witziger Einfälle, lachte selbst aber niemals.
Ferner war unter den Anwesenden Herr Schoelvinck, der Direktor von
Benz & Co. Jetzt stand er als Hauptmann im Felde. Er war einer von den
vier Offizieren, die unter dem Schutz der weißen Parlamentärflagge
nach Reims entsandt wurden, um über die Kapitulation der Stadt zu
unterhandeln. Sie wurden gefangen genommen und als Spione angesehen,
und hätten wahrscheinlich das übliche Schicksal der Spione erlitten,
hätte sich der Kaiser nicht an den amerikanischen Gesandten in Paris
gewandt, der ihre Freilassung erwirkte. Über die Behandlung, die sie
erfuhren, werden sie, denke ich, wohl später selbst dies und jenes zu
berichten haben.
[Illustration: Schiffsgeschütze bei Ostende.]
[Illustration: Ein Blick in den zerschossenen Speisesaal des Hotels
Majestic in Ostende.]
Noch einer von den vier Parlamentären war zugegen, der Freiwillige
Carl Clewing, Mitglied des Königlichen Schauspielhauses zu Berlin,
ein entzückender Mensch voll Humor, Schauspieler und Sänger zugleich.
Ein Schauspieler mit dem Eisernen Kreuz ist nicht gerade etwas
Alltägliches; aber was sieht man dieser Art nicht an der endlos langen
deutschen Front! Clewing ist ein Lautensänger im Stil Sven Scholanders;
die beiden Troubadours hatten gerade im Herbst eine gemeinsame
Sängerfahrt unternehmen wollen. Aber in Clewings Ohren sollten
andere Töne klingen, die der Schrapnells, und auf einer andern Bühne
sollte er auftreten als auf der des Schauspielhauses! Er klagte nicht
über den Tausch; früher hatte er als Schauspieler und Sänger Freude
verbreitet, nun ging von ihm auch der Glanz des Kriegers aus, der
tapfer für sein Vaterland gekämpft hat.
[Illustration: Stabsarzt ~Dr.~ Schönfelder und der Verfasser in den
Dünen.]
[Illustration: Artilleriestellung bei Ostende.]
Von der Laute hatte ihn aber nicht einmal der Krieg ganz zu trennen
vermocht. Er hatte sein Saitenspiel bei sich, setzte sich mitten unter
uns auf einen Stuhl, sah sein Publikum an und lachte schelmisch. Er
sang französische Chansons, sang deutsche Soldatenlieder aus alter
Zeit, sang Winterweisen aus dem Jahre 1530 und »Die goldene Kugel«,
komponiert von ihm selbst. Aber das Beste war doch, daß er mich mit
Bellmann überraschte. Er sang ein paar von Fredmans Episteln in
Niedners Übersetzung:
Weile an dieser Quelle!
Sieh! Unser Frühstück ist zur Stelle:
Rotwein und Pimpinelle
Und Bekassinchen zart und fein!
Und dann sang er ein frisches, hinreißendes Soldatenlied; der Text
war vermutlich von ihm selbst, die Melodie aber die unseres bekannten
Liedes: »Es gingen drei Mädchen im Sonnenschein«, und in den Refrain:
»Trarallalalala«, stimmten alle deutschen Offiziere mit so wildem
Entzücken ein, daß die Leuchter klirrten und die Ofenklappen rasselten.
So ging der Abend hin, unmerklich überschritt die Zeit die
Mitternachtsstunde, und sie war in die Nähe des zweiten Glockenschlags
gerückt, als wir zum letztenmal in den Refrain einstimmten:
»Trarallalalala, trarallalalala, trarallallallallallallallalla«.