Es war noch hell, als ich nach Stenay zurückkam. Am Eingang des
Schlosses saß der Kronprinz und ruhte sich aus; er war eben vom
Tagesdienst zurückgekehrt. Später machte ich noch einen Spaziergang
durch die Stadt. Bei den Maasbrücken wurde ich von den Wachtposten
angehalten, die mich bestimmt aber höflich aufforderten, meinen Ausweis
vorzuzeigen. Es ist ja nicht weiter verwunderlich, daß ich ihnen
verdächtig vorkam, da ich ein Skizzenbuch unter dem Arm trug. Bloß
einer von ihnen, ein ehrenwerter Landwehrmann, erklärte querköpfig,
mein Ausweis sei nicht genügend. »Also der Generalstabschef General
Moltke imponiert Ihnen nicht?« »Nein, der Ausweis muß von der fünften
Armee abgestempelt sein«, antwortete er. Ein paar Kameraden von ihm
retteten die Situation, nachdem sie den Ausweis gelesen und versichert
hatten, daß General Moltke ihnen genüge.
Nach einem kurzen Besuch im Lazarett, das in einer französischen
Artilleriekaserne eingerichtet war, kehrte ich um und blieb erstaunt
am Eingang eines Ladens stehen, in dem Soldaten aus und ein gingen. Da
ich hörte, wie ein paar Soldaten verzweifelte Anstrengungen machten,
sich mit den Inhaberinnen des Ladens zu verständigen, erbot ich
mich zum Dolmetsch. Es war ein Geschäft für Damenartikel, Weißwaren,
Schnürleiber, Spitzen, Taschentücher, Strümpfe, Parfüms, Seife und
andere nützliche Toilettengegenstände. Die Inhaberin, Frau Desserrey,
war seit drei Jahren Witwe und lebte mit ihren drei Kindern und einer
Schwester von diesem kleinen Geschäft. Die Soldaten im Laden wollten
Hemden kaufen, und Madame Desserrey wollte ihnen begreiflich machen,
daß sie ihnen alles, was sie verlangten, nähen wolle, wenn sie ihr den
Stoff dazu schafften. Mit diesem Bescheid waren die Soldaten zufrieden,
kauften ein paar Schachteln Seife und zogen ihrer Wege. Ich fragte
Madame Desserrey, ob der Krieg sie nicht ruiniert habe, doch hatte sie
bisher noch keinen Verlust gehabt; sie hoffte, über den Herbst und
Winter hinwegzukommen und bald den Krieg beendet zu sehen.
»Und wie finden Sie die deutschen Soldaten?« fragte ich.
»Sie haben mir und den Meinen nicht das geringste getan, sind immer
höflich und nehmen sich nichts heraus. Was sie von meinem Lager
brauchen konnten, haben sie gekauft und ehrlich bezahlt; ich könnte ein
großes Geschäft machen, wenn ich nur neue Waren aus Luxemburg erhielte.
Ich und noch drei andere sind die einzigen, die hier ihre Läden
offenhalten; alle übrigen haben geschlossen und sind beim Herannahen
der Deutschen geflohen.«
Im Laden standen zwei Strickmaschinen, daran saßen die achtzehnjährige
Blanche Desserrey und ihre vierzehnjährige Schwester und strickten
Strümpfe für die deutschen Soldaten, während ihr elfjähriger Bruder
draußen auf der Treppe saß und dem Soldatenleben zusah. Fräulein
Blanche war bezaubernd, sah aber leidend aus und hatte einen wehmütigen
Zug in ihren schwarzen Augen und einen Hoffnungsanker an ihrer
Brosche. Ich fragte sie, ob sie viele Freunde draußen im Krieg habe.
Ja, antwortete sie und sie sehne sich nach ihren Freunden, die aus
der Stadt geflüchtet seien. »Wie entsetzlich ist nicht dieser Krieg!«
rief sie, »welches Unglück für alle!« Dann fragte sie, ob man auch
heute an der Front hart kämpfe; sie hatte den Kanonendonner am frühen
Morgen gehört. Ja, man kämpfte erbittert, Deutsche und Franzosen,
und mancher tapfere und vielversprechende junge Mann starb für sein
Vaterland. Fräulein Blanche nähte nicht nur für Soldaten, sie träumte
auch die schönsten Träume, und ihr Herz war rein und ohne Falsch;
sie war liebenswürdig und konnte obendrein lachen inmitten aller
Einquartierungssorgen und beim Strümpfestricken, ja man merkte, daß sie
die Freude zu den vergänglichsten Dingen in dieser Welt zählte. Die
deutschen Soldaten, die hereinkamen, betrachteten sie mit Interesse und
begegneten ihr achtungsvoll. Sie selbst versicherte, sie habe nie Anlaß
gehabt, sich über ihr Benehmen zu beklagen; sie ahnte aber nicht, daß
sie auch den Stärksten mit einem Blick ihrer Augen entwaffnen konnte.
»~Soyez comme l'oiseau,~
~Penché pour un instant~
~Sur les rameaux trop frêles,~
~Il sent plier la branche,~
~Mais il chante pourtant,~
~Sachant qu'il a des ailes.~«
Blanche Desserrey hätte die Heldin eines rührenden Romans abgeben
können!
Ich für meinen Teil hatte keine Zeit für Romane. Als ich auf die
Straße hinaustrat, schlug die Uhr des Kirchturms ihre sechs alten
französischen Schläge, und ich begab mich auf mein Zimmer, um einige
Aufzeichnungen zu machen. Plötzlich klopfte es. »Herein!« rief ich mit
Korporalstimme. Und herein trat der Kronprinz, mit einem großen Buche
unter dem Arm. Ich bat meinen hohen Gast, auf dem Sofa Platz zu nehmen;
dort saßen wir denn und plauderten, bis es Zeit wurde, sich für das
späte Mittagessen zurechtzumachen.
[Illustration: Brummer im Feuer bei Septsarges.
(Vgl. Seite 46.)]
Das Buch aber, das der Kronprinz gebracht hatte und das er mich bat,
als Andenken zu behalten, hieß »_Deutschland in Waffen_« und enthielt,
neben Beiträgen aus verschiedenen Federn, eine Reihe von hervorragend
gut ausgeführten und wiedergegebenen farbigen Darstellungen der
verschiedenen deutschen Truppengattungen im Dienst, im Manöver und
im Krieg und der deutschen Kriegsflotte auf hoher See. Der Kronprinz
selbst hat das Werk unter dem Beistand hervorragender Meister
herausgegeben.
[Illustration:
General Feldmarschall von Haeseler. General von Mudra am Scherenfernrohr.
Bei Eclisfontaine.
(Vgl. Seite 57.)]