Beim Dorf Dannevoux, das voller Ersatztruppen ist, kommen wir dem Feuer
noch näher.
Sechs Kilometer weiter liegt Septsarges. Der Weg dorthin ist schon im
Schußbereich der französischen Batterien, und von Zeit zu Zeit schlagen
Granaten neben ihm ein. Aber wir fahren noch im Schutz einer schwachen
Geländewelle im Süden, und es ist ein Glück, daß eine Panne uns zum
Halten zwingt, während wir noch in Deckung sind; denn ein kleines Stück
weiter vorn wird man von den französischen Beobachtungsposten gesehen
und zieht dann mit aller Wahrscheinlichkeit das Feuer auf sich; die
französische Artillerie ist so eifrig, daß sie ihre Munition auf einen
einzigen Menschen verschwendet.
Das Auto ist wieder in Ordnung. »Schnell über die Höhe!« kommandiert
Major Matthiaß. Leichter gesagt als getan, denn der Landweg ist schmal
und ein vollständiges Moorbad, worin schwere Wagen bodenlos tiefe
Furchen hinterlassen haben. Links im Süden werden zwei französische
Fesselballons sichtbar; ein keineswegs behagliches Gefühl, denn sie
stehen mit den Batterien unter ihnen in telephonischer Verbindung.
Es wirkt auch gerade nicht ermunternd, am Wegrand Holzkreuze auf
frischen Gräbern zu sehen. Dort im Graben ein totes Pferd -- der
Granatlöcher sind schon so viele, daß wir ihnen keine Aufmerksamkeit
mehr schenken -- neben der Straße eine Kolonne, die Hafer für die
Pferde der Mörserbatterie gebracht hat. Schon sind wir in nächster Nähe
der ersten Batterien mit je vier dieser gewaltigen Brummer. Zwischen
zwei solchen Stellungen fahren wir während des Feuerns durch. »Laden!«
kommandiert ein Hauptmann -- »Fertig zum Feuer!« -- gleich darauf
»Feuer!« -- alle vier Schüsse gehen fast gleichzeitig los. Blitzschnell
fährt ein Feuerbüschel aus der Mündung. Ein Schuß erdröhnt, daß man
sich die Ohren zuhält und das Land ringsum erzittert, und dann hört
man das eigentümliche, unheimliche Pfeifen, wenn die Projektile in
die französischen Stellungen hinübersausen. Jeder Mörser hat einen
Schutzschild; bei den Kanonen findet die Bedienung in Erdhöhlen
Deckung, falls das Feuer der Franzosen der Batterie allzu hart zusetzen
sollte.
In Septsarges standen auch die Feldküchen bereit mit ihren rauchenden
Schornsteinen. Tagsüber wird das Essen gekocht, und sobald es dunkel
ist, fahren die Feldküchen in die Nähe der Schützengräben, wobei sie
immer soviel als möglich im Gelände Deckung suchen. Die Mannschaften in
den Schützengräben wissen, wo die Küchen zu finden sind, und begeben
sich im Schutz der Dunkelheit dahin, um sich ihre Blechtöpfe mit
siedender Fleischbrühe füllen zu lassen.
Im Dorf erkundigten wir uns bei ein paar Offizieren nach dem Stand
der Dinge und fuhren dann bis zu einem geschützten Platz, wo wir
unsern Wagen verließen. Darauf gingen wir weiter hinauf nach Süden,
wobei wir die nächste Mörserbatterie links und eine Position von
Feldartillerie rechts hatten. Auch die Mannschaften der Feldartillerie
hatten sich neben den Kanonen Erdhöhlen gegraben und mit Zweigen,
Stroh und Laub gedeckt, um sich vor französischen Fliegern zu
verbergen. Vom Automobil aus gingen wir etwa achthundert Meter auf
das französische Feuer zu. Die Schützengräben sind zwei ziemlich
parallel laufende, einige hundert Meter voneinander entfernte Linien.
Hinter ihnen sind die Artilleriestellungen, ebenfalls in zwei fast
parallelen Linien. Wir bewegten uns also jetzt zwischen den deutschen
Artilleriestellungen und den deutschen Schützengräben, d. h. in
dem Gebiet, das das Ziel der französischen Artillerie war. Wir
beobachteten daher alle Vorsichtsmaßregeln, die sich aus dem Gelände
ergaben. Unser Ziel war ein Beobachtungsstand oben auf der Anhöhe,
wo ein paar Artillerieoffiziere unbeweglich wie Bildsäulen bei ihren
auf Holzstativen ruhenden Scherenfernrohren standen. Sie leiteten
das Feuer der Mörserbatterie und meldeten mittels Telephon, wo die
Granaten einschlugen, ob die Schüsse zu niedrig oder zu hoch gingen,
zu weit rechts oder zu weit links vom Ziel, das nach den Meldungen der
Patrouillen und Flieger festgelegt wird.
Unten gingen wir noch einigermaßen sicher, da wir nicht von der
französischen Front aus gesehen werden konnten. »Achten Sie auf die
Telephondrähte!« rief Matthiaß, der an der Spitze ging, als wir einige
Leitungen im Grase überschritten. Nun erreichten wir etwa die Mitte des
Abhangs, wo uns die Franzosen von mehreren Punkten aus sehen konnten,
und stiegen dann in einen langen Laufgraben hinab, der bis in die Nähe
des Beobachtungspostens führte. Der Graben war wenig mehr als einen
Meter tief und wir mußten stark gebückt gehen, um nicht gesehen zu
werden. Infolge der Abschüssigkeit des Terrains war zwar das meiste
Wasser abgelaufen, was aber noch vorhanden war, genügte, um den Boden
des Grabens in einen graubraunen Lehmbrei zu verwandeln, worin man mit
schweren Sohlen ausglitt und bis zur Mitte des Schienbeins einsank.
Die Beobachter stehen oben in ihren Mänteln auf der Spitze des
Hügels, eine niedrige, kurze Brustwehr vor sich. Im allgemeinen
ist man auf solch einem Punkt nicht gerade willkommen, denn man
kann die Aufmerksamkeit der Franzosen wecken und die Beobachter in
Lebensgefahr bringen. Sie grüßten denn auch nur kurz und fuhren fort,
das französische Feuer zu beobachten, unbeweglich wie Bildsäulen.
Wir gingen den letzten Abschnitt im Gänsemarsch, damit es wenigstens
von den gerade gegenüberliegenden Batterien aus scheinen sollte, als
käme bloß ein Mann und wir nicht zerstreut auf der Spitze des Hügels
mehr Bewegung verursachten. Auf den Hacken sitzend, beobachteten wir
das Land im Süden in der Richtung nach Malancourt und orientierten
uns so gut es ging. Der Major erklärte gerade, welche Höhen, Wälder,
Dörfer und Chausseen von den Deutschen genommen worden waren und wo
die französischen Stellungen begannen, als ein Schrapnell in unserer
unmittelbaren Nähe explodierte, gleich links von uns. »Deckung!« rief
Major Matthiaß und warf sich der Länge nach hinter der Brustwehr
nieder. Wir waren kaum seinem Beispiel gefolgt, als drei neue
Schrapnells in etwas weiterer Entfernung niedergingen. Offenbar hatte
uns der französische Beobachter doch gesehen und das Feuer einer
Batterie gerade auf uns einstellen lassen. Wir hielten es daher für
das klügste, einen sichreren Platz aufzusuchen. Zunächst gingen wir
wieder zu der Mörserbatterie hinab. Während der nächste Schuß geladen
wurde, entwarf ich die beigefügte, sehr unvollkommene Skizze, aber es
verlangt wohl niemand, daß man Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit
zu ausführlichen Zeichnungen hat, wenn man jeden Augenblick mit
Schrapnells überschüttet werden kann. Das Bild zeigt das Mörserrohr,
gesenkt zum Laden, rechts auf einer Trage ruht ein Geschoß.