Felder und Wälder, Höfe und Städte fliegen vorüber, und der
Geschwindigkeitsmesser zeigt auf 70 Kilometer.
Wannsee -- Potsdam. Nichts deutet an, daß Deutschland eben seinen
größten Krieg erlebt. Gewaltige Ladungen duftenden Heus werden von den
Wiesen hereingefahren. Es gibt also noch Pferde in Deutschland, die
anderes ziehen als Kanonen und Munition. Die Flügel der Windmühlen
drehen sich knarrend und mahlen das Korn, das in Brot für Millionen von
Soldaten und ihre Familien daheim verwandelt werden soll.
Wittenberg. Auf der Straße zieht ein Trupp Freiwilliger. Sie sehen
fröhlich in die Welt hinaus, marschieren können sie mit taktfesten
Schritten, und sie singen ein munteres, belebendes Soldatenlied. An
der nächsten Straßenecke ein neuer Trupp, der vom oder zum Übungsplatz
marschiert, junge, kräftige Männer von soldatischer Haltung; man sieht,
wie sie sich darnach sehnen, ins Feld zu ziehen. Sie singen nicht, sie
pfeifen eine gemütliche Melodie, die ganz lustig zwischen den alten
wittenbergischen Häusern erklingt. Es sind Germanen. Sie sind nicht
geboren, um von slawischen oder lateinischen Völkern besiegt zu werden.
Ihre Väter sind von Tacitus besungen worden und haben im Teutoburger
Wald gesiegt. Nun sind sie würdige Nachkommen der alten Germanen, die
sich unter den deutschen Adlern zum Kampf für die Freiheit zwischen
Rhein und Weichsel und jenseits der großen Stromtäler versammeln. Es
ist gefährlich, Adler zu reizen; noch können sie ihre Horste verlassen
und ihre Schwingen erheben! Jetzt hat Deutschlands Schicksalsstunde
geschlagen, jetzt gilt es den Platz und die Zukunft der Germanen auf
der Erde! Hört das Echo ihrer stahlfesten Schritte in Wittenbergs
Straßen! So hallt es ähnlich in allen deutschen Städten, wo die
Freiwilligen zu den Fahnen strömen! Es ist eine Völkerwanderung, deren
gleichen die Welt noch nicht gesehen hat!
In Bitterfeld treffen wir ein, als gerade der Wochenmarkt in höchstem
Flor steht: Vor den Verkaufsständen malerisches Leben, farbenreich,
altertümlich und friedlich -- kein Mensch kann hier ahnen, daß
Deutschland im Krieg steht, und doch denken alle, auch die, die die
kleinen Geschäfte des Tags besorgen, nur einen einzigen Gedanken, den
Krieg. Auf der Straße vor der Stadt sehen wir Frauen, die in ihre
Dörfer zurückwandern oder fahren, nachdem sie auf dem Markt ihre Ein-
und Verkäufe gemacht haben. Bei den Braunkohlengruben vor Bitterfeld
sind die Körbe der Luftbahnen in voller Fahrt und führen die Kohle in
die Fabriken, wo Briketts daraus verfertigt werden.
Bei jeder Brücke, die wir passieren, über oder unter einem Bahngleis,
stehen immer ein oder ein paar ältere Landsturmleute; sie tragen
dunkelblaue Uniformen, abends und in der Nacht graue Mäntel. Sie stehen
mit verschränkten Armen, das Gewehr wagerecht unter den linken Arm
geklemmt, und gehen langsam und treu am Kopf der Brücke oder unter
ihrer Wölbung, bis sie von Kameraden abgelöst werden. So oft das Auto
mit seinem flatternden Kriegswimpel dahergefahren kommt, nehmen sie
Stellung, Gewehr bei Fuß. Mindestens ein Armeekorps ist durch solchen
Wachtdienst in der Heimat gebunden.
Auf der Hauptstraße in Halle ist reges Leben, denn hier ist die große
Straße nach Merseburg und weiterhin nach dem westlichen Kampfplatz.
Während wir uns in der Stadt aufhielten, sausten noch verschiedene
Militärautomobile vorüber. Auch hier hängen in den Fenstern der
Buchhandlungen große Kriegskarten, und davor stehen Gruppen von
Schuljungen, die laut und wichtig von dem sprechen, was die kleinen
Fähnchen andeuten -- vom Krieg.
Wir zünden den Scheinwerfer des Automobils an und fahren aus Halle
heraus, südlich an Merseburg vorüber auf der Straße nach Naumburg,
immer im Saaletal. Der scharfe Lichtschein erhellt die Landstraße
ein gutes Stück voraus. Die Schnelligkeit ist auf 40 Kilometer in
der Stunde herabgesetzt. Die Laubbäume der Alleen werden von den
Lampen von untenher beleuchtet; es sieht aus, als führe man durch
einen unendlichen grünen Tunnel. In der Ferne, zu beiden Seiten
der Straße, werden helle Perlenschnüre von glänzenden Lichtern
sichtbar: die Fenster in Dörfern und Höfen, wo Väter und Mütter,
Geschwister, Jungfrauen und Kinder bei der Abendlampe sitzen und zum
zwanzigsten Male die Feldpostbriefe und -karten lesen, die Soldaten
von der Front in Frankreich oder in Belgien nach Hause geschickt
haben. Ihre Anzahl geht in viele Millionen. Was steht wohl in diesen
oft schwer leserlichen Briefen? Ich habe einige von ihnen gelesen.
Da erzählt der Soldat den Seinen, wie es im Quartier geht, wie das
Essen nach den Strapazen des Felddienstes schmeckt, wie ihm zumute
ist, wenn die Granaten in seiner Nähe krepieren und die Kameraden
neben ihm fallen. Da steht auch, daß der Feind verloren ist und im
Handumdrehen zurückgeworfen werden wird, wenn der General die Stunde
für gekommen hält, um Sturm zu kommandieren. Da wird mit gutmütiger
Achtung von den Franzosen als tapferen, ehrlichen Soldaten gesprochen
und von den Engländern mit glühendem Haß. Und schließlich sagt oft
genug der Soldat, es könne keine Rede davon sein, daß er in die
Heimat zurückkehrt, ehe er verwundet und, was Gott verhüten wolle,
kampfunfähig geworden und ehe der Sieg über die Feinde des Deutschen
Reiches erfochten ist. Denn das wissen die Soldaten vom Veteran bis
zum jüngsten Rekruten, daß Deutschland wohl bis an die Zähne gerüstet
war in Erwartung des Krieges, daß aber der Kaiser und die Staatsmänner
Deutschlands alles, was in ihrer Macht stand, taten, um ein Unglück
abzuwehren, das die ganze Erde treffen und unerhörte Ströme von Blut
und Tränen kosten mußte, ein namenloses Elend in verödeten Häusern und
verwüsteten Dörfern, unzählige Nächte des Wartens und der Unruhe und
lange Jahre trostloser Sorge und Trauer.
Der Wirt im Hotel »Zum mutigen Ritter« in Kösen leistet uns bei einer
Tasse Tee Gesellschaft und berichtet, daß alle seine Badegäste auf
einmal verschwanden, als der Krieg ausbrach; der ganze Hotelbetrieb
stehe still. »Aber was tut das,« fügt er hinzu -- »wenn wir nur
siegen!«
_16. September_. Wenn man sich im Goethehaus zu Weimar in diese Welt
großer, teurer Erinnerungen hineinversenkt hat und plötzlich wieder
auf die Straße hinaustretend eine Schar Landsturmleute sieht, die
nach dem Schießplatz marschiert, dann muß man sich die Augen reiben
und sich zusammennehmen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Und
dieses Volk, das einen Goethe hervorbrachte und jetzt mit glänzender
Tapferkeit an einem halben Dutzend Fronten kämpft, ist von einer ganzen
Presse, von einer ganzen Nation ein Volk von Barbaren genannt worden! --
Erfurt–Gotha. Links von uns steigen die dunklen, regenschweren,
neblichten Höhen des Thüringer Waldes empor. Aber unser Weg führt durch
behagliche Dörfer mit freundlichen Fachwerkhäusern; schreiende Gänse
und gackernde Hühner tun ihr möglichstes, um von uns überfahren zu
werden oder wenigstens unsere Fahrt aufzuhalten. Schnell ist Eisenach
erreicht und hinter uns. Die Straße biegt nun scharf nach Südwesten
ab, und in schön abgerundeten Windungen erklimmen wir die Höhen des
Thüringer Waldes. Tiefer, dunkler, kühler Schatten; es duftet von
feuchtem Erdboden und saftigen Nadeln; ab und zu erinnert die prächtige
Gegend lebhaft an die Straße von Rawalpindi bis Kaschmir.
Marksuhl–Hünfeld in Hessen. An einem Tisch im Speisesaal des Gasthofs
sitzt eine Krankenschwester, das Zeichen des Roten Kreuzes am Arm, und
unterhält sich mit zwei Herren, offenbar Ärzten, denn sie sprechen
von der Pflege verwundeter Soldaten. Eine Schar Jäger tritt ein, ihre
Taschen voll Rebhühner und Hasen. Sie tragen grüne und braune Anzüge
und kecke, federgeschmückte Filzhüte, auf der Schulter die Gewehre. Sie
sprechen eifrig vom Krieg, diesem Krieg, der alle beschäftigt und alle
waffentüchtigen Verwandten nach Westen oder Osten ruft.
Gelnhausen–Hanau. Unter uns fließen die trüben Wassermassen des Mains.
Es regnet stark. Die Straßen sind aufgeweicht, aber doch immer gleich
gut. Man merkt, daß man sich einer großen Stadt nähert, der Verkehr
auf der Straße nimmt zu. Die Menschen wohnen dichter beieinander, und
die Telegraphendrähte sammeln sich zu mächtigen Bündeln. Diese stummen
Drähte, die doch immer sprechen und mehr wissen als wir -- vielleicht
durcheilt sie in diesem Augenblick die große Neuigkeit, auf die ganz
Deutschland wartet? Wir hofften, sie in Kösen anzutreffen, vielleicht
erwartet sie uns in Frankfurt?
17. September. Frankfurt. Der Tag brach in freundlicher Schönheit
an, trotzdem schwere Wolken am Himmel segelten. Wir mußten erst zu
einer Tankstelle, um Benzin aufzufüllen, und dann zum Immobilen
Kraftwagendepot, wo immer _alles_ vorhanden sein muß, was zur Reparatur
der Kriegsautomobile erforderlich sein kann. Hier holten wir fünf
Reservereifen, die rechts und hinten am Auto festgemacht wurden. Von
Bezahlen ist natürlich keine Rede; die Autos gehen ja für Rechnung der
Krone.
Endlich geht es weiter, und wir fahren durch Frankfurts lange Straßen
und seine westlichen Vorstädte, die fast ganz aus Arbeiterwohnungen
bestehen. Man denkt vielleicht, diese Arbeiter sympathisierten nicht
mit dem Krieg, den Deutschland für seine Zukunft führt? Weit gefehlt!
Sozialdemokratische Arbeiter haben ihren Jungen, die auf den Höfen
richtige Schlachten liefern und sich Kluck und Hindenburg nennen,
kleine Helme und Holzschwerter geschenkt. -- Wiesbaden–Eiserne Hand.
In Langenschwalbach stechen die feinen Hotels grell ab von den ernsten
Fahnen des Roten Kreuzes und den verwundeten Soldaten, die schon auf
dem Wege der Besserung sind und auf Balkons und in den Gärten sitzen,
um Luft zu schöpfen. Dann windet sich die Straße jäh zu Höhen empor,
wo die Luft klarer ist und gedämpfte Aussichten auf lachende Täler und
waldbekleidete Hügel sich öffnen.
Nassau an der Lahn. Bezaubernd schön ist dieses Land, herrlich
seine Straßen, majestätisch seine Wälder in ihrer dunkeln, stummen
Einsamkeit. Auf dem Gipfel eines Hügels thront eine alte Festung. Das
Volk ist freundlich und grüßt und winkt, wohin wir kommen, und ein
junges Mädchen wirft eine rote Rose in unser Auto -- nicht für uns,
vermute ich, sondern als Gruß an ihren Verlobten, der draußen im Felde
steht.
Die Lahn entlang -- Ems. Wir lassen das Auto in einer Nebenstraße
halten und bleiben auf dem Fußsteig entblößten Hauptes stehen, um
einen Leichenzug passieren zu sehen. Der Tote ist ein Major, der
seinen Wunden erlegen ist. Die Musikkapelle spielt einen langsamen
Trauermarsch; zwei Fahnen wehen vor dem schwarzen sarkophagähnlichen
Sarg, und diesem folgen die Mitglieder des Emser Kriegervereins, die
Kampfgenossen, alle in Zylinder, langem Rock und schwarzer Halsbinde;
den Schluß bildet eine Schar verwundeter Soldaten, Rekonvaleszenten,
die im Kursaal einquartiert sind. Langsam bewegt sich der feierliche
Zug nach dem Bahnhof, denn die Leiche des Majors soll in seine Heimat
befördert werden. Nach einiger Zeit kam die Musikkapelle mit den
Rekonvaleszenten zurück, aber diesmal spielte sie eine fröhliche,
belebte Melodie. Das sei so Sitte bei Militärbegräbnissen, hörte
ich; erst die Trauer und die Ehrung des Toten, dann die Rückkehr der
Lebenden zum Leben und seinen täglichen Freuden.