Mit diesen Gedanken trug ich mich Anfang September; sie waren in mir
selbst entstanden, ohne den Schatten eines Impulses von schwedischer
oder deutscher Seite. Als ich meinen Beschluß gefaßt hatte, wandte ich
mich an den deutschen Gesandten in Stockholm, Exzellenz von Reichenau,
der mit größter Freundlichkeit meinen Wunsch an die betreffende Stelle
in Deutschland weitergab. Nach acht Tagen erhielt ich die Antwort,
mein Besuch an der Front werde willkommen sein. Schon am folgenden
Tag, am 11. September, trat ich meine Reise ins Ungewisse an, und am
12. September ließ ich mich im Auswärtigen Amt in Berlin, Wilhelmstraße
Nr. 76, melden.
Der Unterstaatssekretär Herr von Zimmermann, der den Minister des
Äußeren in Berlin vertritt, solange Exzellenz von Jagow sich im Großen
Hauptquartier aufhält, nimmt mich mit offenen Armen auf und teilt mir
mit, das einzige, was er wisse, sei, daß ich mich nur geradeswegs zu
Exzellenz von Moltke ins Große Hauptquartier zu begeben habe.
»Aber wo ist das Große Hauptquartier?« frage ich.
»Das ist Geheimnis«, antwortet Herr von Zimmermann lächelnd.
»Aber wie soll ich dann hinkommen?«
»Der Chef des Generalstabs, General von Moltke, hat Befehl gegeben,
daß ein Automobil zu Ihrer Verfügung stehen soll. Sie können jederzeit
aufbrechen. Als Begleiter erhalten Sie einen Offizier und einen
Soldaten; Sie können in einer Tour Tag und Nacht fahren, aber auch
selbst Weg und Reisezeit wählen. Mit einem Wort: Sie haben volle
Freiheit.«
»Und dann?«
»Ihr weiteres Geschick hören Sie von Exzellenz von Moltke. Das einzige,
woran Sie jetzt zu denken haben, ist, ihn aufzusuchen.«
»Und wo finde ich das Auto?«
»Darüber gibt Ihnen dieses Papier Bescheid.«
Herr von Zimmermann überreichte mir ein vom Großen Generalstab
unterzeichnetes Blatt etwa folgenden Inhalts: »Der Inhaber dieses
Zeugnisses ist berechtigt, sich des Relais des Kaiserlichen
Freiwilligen Automobilkorps bis ins Große Hauptquartier zu bedienen.
Was irgendwie seine Reise erleichtern kann, soll zu seiner Verfügung
stehen.«
Das Freiwillige Automobilkorps hatte in der Friedrichstraße Nr. 243
sein Bureau; sein Chef war ~Dr.~ Arnoldi. Ich fand ihn in einem großen
mit Offizieren und Ordonnanzen gefüllten Arbeitszimmer, dessen Tische
mit Karten, Papieren und Telegrammen bedeckt waren, und wurde auch hier
mit der größten Liebenswürdigkeit empfangen. Zunächst bekam ich eine
Karte der großen Relaisstraße zu sehen. Und dann kam die Frage an mich:
»Wollen Sie unabhängig von allen Bestimmungen oder wollen Sie Relais
fahren, d. h. 700 Kilometer in 16 Stunden, 44 Kilometer die Stunde, in
einer Tour?«
Ich dachte einen Augenblick nach und wählte dann: »unabhängig«. Denn
wenn ich 16 Stunden reiste, hätte ich den letzten und sicherlich
interessantesten Teil der Fahrt in dunkler Nacht zurücklegen müssen;
ich war aber gekommen, um soviel wie möglich zu sehen. Die Wegstrecke
von Berlin bis zum Hauptquartier mußte ein beständiges Crescendo sein:
immer weiter vom Frieden fort -- immer näher den Kampflinien. Ich
glaubte in meiner Unschuld, die Landstraßen in Westdeutschland müßten
von Soldaten und Fuhrwerken überschwemmt sein. Keine Spur davon! Es
dauerte lange, bis man des Gedränges wegen langsam fahren mußte; und
innerhalb Deutschlands geschehen ja alle Transporte per Bahn.
»Wer wird mein Chauffeur?«
»Ein Offizier, begleitet von einem Soldaten. Beide leisten ihre
Dienstpflicht im Freiwilligen Automobilkorps.«
»Wer bestimmt den Offizier?«
»Ich; und ich denke eben an den Rittmeister von Krum aus Württemberg.«
~Dr.~ Arnoldi drückt auf einen Knopf und fragt die eintretende
Ordonnanz, ob Rittmeister von Krum in der Nähe ist. »Ja.« -- »Bitten
Sie ihn hierher zu kommen.« Und herein tritt in feldgrauer Uniform ein
Offizier von vorteilhaftestem Aussehen und gewinnendem Wesen.
Rittmeister von Krum war aus dem aktiven Militärdienst ausgeschieden,
aber bei Kriegsausbruch wieder unter die Fahnen getreten, und nach
geltenden Mobilisierungsbestimmungen hatte er sein Automobil der
Krone zur Verfügung gestellt. Er führt es selbst; der Soldat, der uns
begleiten soll, ist in Friedenszeiten sein Chauffeur.
Am folgenden Tag war ich mit meinem Rittmeister unterwegs und
equipierte mich feldmäßig von Kopf bis zu Fuß, von der Automobilmütze
bis zu den Schnürstiefeln und Beinbinden, mit einem passend warmen
Sportanzug, mit Pelzweste und Pelzrock, Regenmantel, warmem
Filzhalstuch und einer Automobilbrille -- die ich nie benutzt habe.
Der 15. September war der Tag des Aufbruchs. Rittmeister von Krum
lenkte seinen Wagen selbst und mit bewundernswerter Sicherheit. Neben
ihm saß der Chauffeur, ein Unteroffizier aus Württemberg namens
Deffner, ich selbst auf dem Rücksitz des Autos. Auf dem Boden des
Wagens lag mein Gepäck, zwei Taschen nur so groß, daß ich sie im
Notfall selbst hätte tragen können. --