Aus „Kinderengel“ 1858 und „Bilder und Vignetten“ 1874. (Zu Seite 95.)]

Die letzten Lebensjahre verbrachte er in stillster Beschaulichkeit.

Als es mit seinem künstlerischen Schaffen zum Stillstand gekommen

war, wurde die Ausnutzung der Tagesstunden selbstverständlich eine

ganz andere. Nach Beendigung der Morgenbetrachtungen brachte er

einige Stunden an seinem Arbeitstisch zu, ordnete Mappen, schrieb

die notwendigsten Briefe mit vieler Mühe, wenn es die geschwächten

Augen gestatteten, ging vor Tisch auf Anordnung des Arztes spazieren

und, wenn es das Wetter erlaubte, meist nach dem „Großen Garten“. Ich

sehe ihn noch greifbar vor mir: die stattliche, würdige Erscheinung,

in etwas vorgebeugter Haltung, den Stock in der Hand, mit meist

offenem Überrock, so schritt er auf der Straße dahin, mit seinen

schwachen, aber so freundlichen Augen ins Ungewisse hinausschauend; das

silberweiße Haar leuchtete unter dem schwarzen, breiten Filzhut hervor,

aus dem schwarzseidenen Halstuch lugten die spitzgeschnittenen kleinen

Stehkragen (sogenannte Vatermörder), man sah ihm schon von weitem den

bedeutenden, aber schlichten und bescheidenen Mann an. Wir finden in

seiner Biographie eine Aufzeichnung vom 19. Februar 1883, die uns einen

solchen Spaziergang schildert: „Wie gewöhnlich ging ich gegen Mittag

nach dem ‚Großen Garten‘. Der Himmel war bedeckt und alles so still.

Da ertönte aus einiger Entfernung von den noch dürren Baumwipfeln

ein ‚witt, witt, witt‘, und zugleich ließ ein kleines Vögelchen sein

eifrig lustiges Gezwitscher aus dem Gebüsch neben mir laut werden. Als

dritte Stimme klang aus der Ferne das Gurren einer Waldtaube. Dann ward

es wieder ganz still, -- das war die erste Frühlingsahnung in diesem

Jahre, der erste Gruß eines kommenden Frühlings, der mir in die Seele

drang. Ich setzte mich auf eine Bank unter den großen Eichen, brannte

mir eine Zigarre an zur Vollendung der Frühlingsfeier, und dabei

umschwärmte ein Kreis kleiner Mücken das aufsteigende Rauchwölkchen.“

Eine friedliche Seelenstimmung klingt aus dieser kurzen Aufzeichnung

heraus; Frieden lag so wohltuend über ihm ausgebreitet bis an sein

Ende. Vom 6. März 1883, kurz nach dieser Tagebuchaufzeichnung, ist

die einem bestimmten Zweck dienende Skizze, zu der er, die Stellung

selbst angebend, eine Viertelstunde saß (Abb. 190). Vom 1. April

1884 ist der angefügte Brief, der letzte, den ich vom teuren Meister

erhielt. Er sendet gleichzeitig das Märzheft der „Deutschen Rundschau“

mit einem größeren Aufsatz von Herrmann Grimm: „Cornelius betreffend“

zurück. Bedauerlich ist, daß er seine Gedanken über das in dem Aufsatz

herangezogene Bild von E. von Gebhardt nicht mehr niederschreiben

konnte. Anfang des Jahres 1884 überwies des Meisters Sohn dem

königlichen Kupferstichkabinett in Dresden eine kostbare Sammlung

von Probedrucken der Holzschnitte des Meisters in +neun+ von Hoff

geordneten Bänden.

[Illustration: (Zu Seite 150.)]

[Illustration]

[Illustration: Abb. 185. +Schneewittchen.+ 1870. Aquarelle in der

königl. Nationalgalerie zu Berlin. (Zu Seite 96.)]

Im Nachtrag zur Biographie schildert der Sohn des Meisters letzte

Lebenstage wie folgt: „Sein letztes Lebensjahr, 1884, hatte er in

leidlichem Wohlsein angetreten, aber im Verlaufe des Winters und

Frühlings stellten sich zuweilen Ohnmachtsanwandlungen ein, die

ihn jedesmal für längere Zeit matt und kraftlos machten. Im Juni

erkrankte er an einer Herzentzündung. Die Krankheit selbst verließ

ihn zwar schon nach wenigen Tagen wieder, seine Kräfte aber blieben

so erschöpft, daß er tagsüber meist auf dem Sofa ruhen mußte. Geistig

erhielt er sich ungetrübt und zeigte, wie immer, liebevolles Interesse

für seine Umgebung und für alles, was in sein Bereich kam. Besondere

Freude machte ihm stets, wenn ihm etwas vorgelesen wurde. Da er den

Wunsch äußerte, wieder einmal eine gute, christliche Lebensgeschichte

zu hören, so brachte ich ihm einen Band von Knapps ‚Christoterpe‘.

Daraus las ihm die älteste Tochter seines verstorbenen Freundes, des

Kupferstechers Ludwig Gruner, die Biographie Ludwig Hofackers vor,

dessen gedruckte Predigten Richter besaß und schätzte. In diesem

Lebensbilde wird eine längere geistliche Betrachtung in Gebetform

mitgeteilt, welche Hofackers Mutter an der Leiche ihres Gatten für

ihre Kinder niedergeschrieben hatte. Von den schlichten Worten dieser

kindlich frommen, glaubensstarken Frau fühlte er sich eigentümlich

bewegt. Er erzählte mir, es sei ihm dabei die Stimmung seiner

glücklichsten und innerlich reichsten Zeit zurückgekehrt, jener Zeit in

Rom, wo ihm in der Neujahrsnacht 1825 der Glaube an einen lebendigen

Heiland plötzlich wie ein Geschenk von oben ins Herz gegeben wurde

und ihn mit vorher nicht gekanntem Frieden und Glück erfüllte. Er

kam auf dieses Thema wiederholt zurück. Noch an seinem Sterbetage,

an dem ich ihn vormittags besuchte, nicht ahnend, daß ich den lieben

Vater zum letztenmal lebend sah, brachte er das Gespräch auf Hofackers

Biographie, deren Fortsetzung er zu hören wünschte, und auf den um

Richard Rothe gescharten römischen Freundeskreis. An diesem Tage -- es

war Donnerstag der 19. Juni -- fühlte er sich zwar matt, aber besonders

heiter gestimmt und empfing, auf dem Sofa liegend, tagsüber viele

Besuche.“

[Illustration: Abb. 186. +Skizze zum Schneewittchen.+ 1870. (Zu Seite

96.)]

Die Deutsche Kunstgenossenschaft hatte ihn zum Ehrenmitglied ernannt.

Sein Dankschreiben vom 16. Juni 1884, dessen Abfassung ihm Sorgen

machte, weshalb er Freund Cichorius dazu zu Rate zog, lautet: „Bereits

telegraphisch habe ich Ihnen meinen innigsten und freudigsten Dank

für die Ernennung zum Ehrenmitglied der Deutschen Kunstgenossenschaft

ausgesprochen, lassen Sie mich denselben hier noch einmal schriftlich

wiederholen. Diese ehrenvolle Kundgebung seitens der deutschen Künstler

kam mir um so überraschender, da es leider so manches Jahr her ist, daß

ich durch die zunehmende Trübung meiner Augen genötigt war, meiner so

geliebten künstlerischen Tätigkeit gänzlich zu entsagen. Wohl empfing

ich während dieser Zeit unfreiwilliger Muße von vielen Seiten her

mannigfache Zeichen freundlicher Anerkennung, die mich freudig erhoben,

da sie mir sagten, daß es mir vielleicht hier und da gelungen sei, das,

was in vielen deutschen Herzen lebt, auf meine Weise auszusprechen und

künstlerisch zu gestalten. Nun ist es mir aber von hohem Wert, auch von

seiten der Kunstgenossenschaft diese Anerkennung und Zustimmung zu dem,

was ich erstrebt und, wie meine Freunde sagen, auch bisweilen erreicht

habe, bestätigt zu sehen. Die Kunst der Gegenwart geht ja vielfach auf

anderen Bahnen, und ihre Ziele sind teilweise andere, als diejenigen

waren, denen ich und meine Altersgenossen zustrebten. Um so ehrenwerter

ist es daher, wenn auch das jüngere Geschlecht der Künstlerschaft sich

an uns Alte noch mit Wärme und Anteil erinnert. Empfangen Sie, geehrte

Herren, nochmals den Ausdruck meines Dankes, sowie Gruß und Handschlag

von Ihrem ergebenen Ludwig Richter.“

Es sind seine letzten Schriftzüge. Eine halbe Stunde nach Eingang des

Schriftstückes beim damaligen Hauptvorstand in Düsseldorf meldete der

Telegraph das Ableben des gefeierten Meisters.

[Illustration: Abb. 187. +Skizze zum Schneewittchen.+

(Zu Seite 96.)]

Am Abend des 19. Juni stellte sich plötzlich bei ihm, nachdem er noch

vorher mit seiner Tochter Elisabeth das Abendbrot in gewohnter Weise

eingenommen hatte, Frost ein; er begab sich zu Bett. Kurz darauf trat

die Tochter in das Schlafzimmer, um nach seinem Befinden zu fragen; er

antwortete ihr noch ganz klar und ruhig, begann auf einmal zu röcheln,

und nach wenigen Minuten hörte er auf zu atmen. Ohne Kampf löste sich

die erdenmüde Seele von ihrer leiblichen Hülle.

„Ich wollt’, daß ich daheim wär’,

Und aller Welt nicht diente mehr.

Ich hab’ doch hie mein Bleiben nicht,

Ob’s morgen oder heut geschicht.

Daheim ist Leben ohne Tod

Und ganze Freude ohne Not.“

Dunkle, schwere Wolken zogen am Himmel, strömender Regen ging nieder,

als der teure Tote, es war am Abend des 21. Juni, einem Sonnabend,

bei Fackelschein von den Dresdener Künstlern nach der Friedhofshalle

übergeführt wurde. Seine Vaterstadt Dresden erwies ihrem Ehrenbürger

durch das feierliche Geläute sämtlicher Kirchenglocken die letzte

Ehre. Auf dem neuen katholischen Friedhof der Friedrichstadt, des

Stadtteiles, in dem seine Wiege stand, wurde er beerdigt. Sein

Grabstein trägt die gleiche Inschrift wie der seiner Frau auf dem

Loschwitzer Friedhof: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein

Gewinn.“

Aus der Grabrede, die ihm der Kaplan Eberhard Klein am 23. Juni hielt,

ist folgende Stelle hervorzuheben: „Richter hat die Himmelsgabe,

die ihm Gott geschenkt, mit priesterlicher Ehrfurcht gehandhabt und

gehütet. Seine Kunst hat sich ihren wahren Adels- und Freiheitsbrief

der Tendenzlosigkeit bewahrt und nichts anderes sich zum Zwecke

gesetzt, als in Gott wohlgefälliger Weise die Mitmenschen zu erfreuen.

Seine Kunst war eine Art Gottesdienst, war eine Ausübung der

Nächstenliebe, wie sie selbstloser und edler nicht gedacht werden kann.

Und wie er malte, so war er, seine Kunst ist sein Wesen.“ --

[Illustration: Abb. 188. +Schlafende Kinder.+ 1872. (Zu Seite 97.)]

[Illustration: Abb. 189. +Ruhe auf der Flucht.+ Des Meisters letzte

Aquarelle. 1873. In der königl. Nationalgalerie zu Berlin. (Zu Seite

98.)]

„Je mehr ein wahrhaft gesundes Gedeihen der Kunst auf ihrer

Volkstümlichkeit beruht, desto mehr hat diese selbst ihre Ideale treu

und rein zu hüten. Die Abwege ins Äußerliche, Naturalistische und

Leere liegen unserer heutigen Kunst, vor allem der Malerei deshalb so

gefährlich nahe, weil der Zug der Zeit ein überwiegend realistischer

ist. Drum muß die Kunst ihr ewiges Erbteil des Idealen wahren, muß

treu, wahr und tief sich dem Leben hingeben, aber in den Erscheinungen

desselben nicht die blendende Hülle, sondern den unvergänglichen Gehalt

zu erfassen suchen. Das ist ihre Aufgabe, ihr Beruf, das ist die

Bedingung für ihre lebendige Fortdauer,“ so schließt Wilhelm Lübke 1860

sein treffliches Werk „Grundriß der Kunstgeschichte“. Richter hat

treu und mit großem Ernst die Aufgaben und Bedingungen echter Kunst

gelöst und erfüllt.

Unsere deutsche Kunst ist aber gegenwärtig in einer Zeit des

Überganges; ein Tasten hin und her, ein unruhiges Suchen; es ist, als

ob man die verloren gegangene, irrende Seele wiederzufinden suche.

Die Technik ist hoch entwickelt, und viel Können zeigt sich überall.

Möchten die richtigen Pfade bald wiedergefunden werden! Möchte das

deutsche Volk auch das Verständnis für unseren verewigten Ludwig

Richter, einen der größten und ersten Meister der deutschen Kunst, nie

verlieren! Möchte es des Mannes nie vergessen, der, wie Otto Jahn so

trefflich sagt, eine Naturgeschichte des deutschen Volkes gezeichnet

hat, treuer und lebendiger, als es die geistreichste Feder liefern kann.

* *

*

Fast wollte es eine Zeitlang scheinen, als sei, nachdem unser

Altmeister seine irdische Laufbahn abgeschlossen, das Verständnis für

seine Kunst in der Abnahme begriffen. Sein hundertster Geburtstag hat

aber gezeigt, daß er und seine Kunst noch nicht vergessen und das

deutsche Volk seiner noch in Liebe und Verehrung gedenkt, sich an

seinen Werken noch erfreuen kann. In allen Gauen Deutschlands wurde an

diesem Tage seiner pietätvoll gedacht, in zahllosen Schriften das in

seiner Kunst „Unvergängliche“ mit großer Wärme gefeiert.

Die Dresdener Künstler hatten einer „Sächsischen Ausstellung“ im

Hinblick auf die hundertste Wiederkehr des Geburtstages eine sehr

reiche „L. Richter-Ausstellung“ in den geschickt und stimmungsvoll

umgestalteten, an sich so wenig intimen Ausstellungssälen auf der

Brühlschen Terrasse angegliedert. Die Ausstellung gab in aus Museen

und Privatbesitz entlehnten Zeichnungen, Aquarellen und Ölgemälden,

soweit dies in den immerhin engen Räumen im Verhältnis zu der großen

Produktivität des Meisters möglich war, ein ziemlich klares Bild von

seiner Entwickelung und vom Wesen seiner Kunst.

[Illustration: Abb. 190. +Porträtskizze.+ 1883. (Zu Seite 150.)]

Auch Loschwitz, in dem der Meister dreißig Sommer verlebte, hatte das

Seine, wenn auch in bescheidenerem Rahmen, getan, dankbare Erinnerungen

an den Heimgegangenen zum Ausdruck zu bringen.

Ebenso wurde Berlin Gelegenheit gegeben, eine kleinere Zahl von Werken

des Meisters in einer Sonderausstellung zu sehen. -- Leider muß erwähnt

werden, daß in diesen Ausstellungen auch Kopien, und zwar recht

minderwertige, sich befanden.

Der überaus rege Besuch dieser Ausstellungen legte Zeugnis davon

ab, daß die Sprache unseres Meisters noch verstanden wurde, daß die

Beschauer die Innigkeit und Behaglichkeit, die Liebe zur Natur und

den gesunden Humor und nicht zum wenigsten auch sein tief religiöses

Empfinden noch nachempfinden konnten und in ihrem Innern verwandte

Töne erklingen fühlten. „Der Geist, den seine Werke atmen, gehört zum

Besten, was wir besitzen.“

[Illustration: Abb. 191. +Alles Ding währt seine Zeit.+

Aus „Es war einmal“. 1862.

Ludwig Richter · 第 70 / 72 题