Die letzten Lebensjahre verbrachte er in stillster Beschaulichkeit.
Als es mit seinem künstlerischen Schaffen zum Stillstand gekommen
war, wurde die Ausnutzung der Tagesstunden selbstverständlich eine
ganz andere. Nach Beendigung der Morgenbetrachtungen brachte er
einige Stunden an seinem Arbeitstisch zu, ordnete Mappen, schrieb
die notwendigsten Briefe mit vieler Mühe, wenn es die geschwächten
Augen gestatteten, ging vor Tisch auf Anordnung des Arztes spazieren
und, wenn es das Wetter erlaubte, meist nach dem „Großen Garten“. Ich
sehe ihn noch greifbar vor mir: die stattliche, würdige Erscheinung,
in etwas vorgebeugter Haltung, den Stock in der Hand, mit meist
offenem Überrock, so schritt er auf der Straße dahin, mit seinen
schwachen, aber so freundlichen Augen ins Ungewisse hinausschauend; das
silberweiße Haar leuchtete unter dem schwarzen, breiten Filzhut hervor,
aus dem schwarzseidenen Halstuch lugten die spitzgeschnittenen kleinen
Stehkragen (sogenannte Vatermörder), man sah ihm schon von weitem den
bedeutenden, aber schlichten und bescheidenen Mann an. Wir finden in
seiner Biographie eine Aufzeichnung vom 19. Februar 1883, die uns einen
solchen Spaziergang schildert: „Wie gewöhnlich ging ich gegen Mittag
nach dem ‚Großen Garten‘. Der Himmel war bedeckt und alles so still.
Da ertönte aus einiger Entfernung von den noch dürren Baumwipfeln
ein ‚witt, witt, witt‘, und zugleich ließ ein kleines Vögelchen sein
eifrig lustiges Gezwitscher aus dem Gebüsch neben mir laut werden. Als
dritte Stimme klang aus der Ferne das Gurren einer Waldtaube. Dann ward
es wieder ganz still, -- das war die erste Frühlingsahnung in diesem
Jahre, der erste Gruß eines kommenden Frühlings, der mir in die Seele
drang. Ich setzte mich auf eine Bank unter den großen Eichen, brannte
mir eine Zigarre an zur Vollendung der Frühlingsfeier, und dabei
umschwärmte ein Kreis kleiner Mücken das aufsteigende Rauchwölkchen.“
Eine friedliche Seelenstimmung klingt aus dieser kurzen Aufzeichnung
heraus; Frieden lag so wohltuend über ihm ausgebreitet bis an sein
Ende. Vom 6. März 1883, kurz nach dieser Tagebuchaufzeichnung, ist
die einem bestimmten Zweck dienende Skizze, zu der er, die Stellung
selbst angebend, eine Viertelstunde saß (Abb. 190). Vom 1. April
1884 ist der angefügte Brief, der letzte, den ich vom teuren Meister
erhielt. Er sendet gleichzeitig das Märzheft der „Deutschen Rundschau“
mit einem größeren Aufsatz von Herrmann Grimm: „Cornelius betreffend“
zurück. Bedauerlich ist, daß er seine Gedanken über das in dem Aufsatz
herangezogene Bild von E. von Gebhardt nicht mehr niederschreiben
konnte. Anfang des Jahres 1884 überwies des Meisters Sohn dem
königlichen Kupferstichkabinett in Dresden eine kostbare Sammlung
von Probedrucken der Holzschnitte des Meisters in +neun+ von Hoff
geordneten Bänden.
[Illustration: (Zu Seite 150.)]
[Illustration]
[Illustration: Abb. 185. +Schneewittchen.+ 1870. Aquarelle in der
königl. Nationalgalerie zu Berlin. (Zu Seite 96.)]
Im Nachtrag zur Biographie schildert der Sohn des Meisters letzte
Lebenstage wie folgt: „Sein letztes Lebensjahr, 1884, hatte er in
leidlichem Wohlsein angetreten, aber im Verlaufe des Winters und
Frühlings stellten sich zuweilen Ohnmachtsanwandlungen ein, die
ihn jedesmal für längere Zeit matt und kraftlos machten. Im Juni
erkrankte er an einer Herzentzündung. Die Krankheit selbst verließ
ihn zwar schon nach wenigen Tagen wieder, seine Kräfte aber blieben
so erschöpft, daß er tagsüber meist auf dem Sofa ruhen mußte. Geistig
erhielt er sich ungetrübt und zeigte, wie immer, liebevolles Interesse
für seine Umgebung und für alles, was in sein Bereich kam. Besondere
Freude machte ihm stets, wenn ihm etwas vorgelesen wurde. Da er den
Wunsch äußerte, wieder einmal eine gute, christliche Lebensgeschichte
zu hören, so brachte ich ihm einen Band von Knapps ‚Christoterpe‘.
Daraus las ihm die älteste Tochter seines verstorbenen Freundes, des
Kupferstechers Ludwig Gruner, die Biographie Ludwig Hofackers vor,
dessen gedruckte Predigten Richter besaß und schätzte. In diesem
Lebensbilde wird eine längere geistliche Betrachtung in Gebetform
mitgeteilt, welche Hofackers Mutter an der Leiche ihres Gatten für
ihre Kinder niedergeschrieben hatte. Von den schlichten Worten dieser
kindlich frommen, glaubensstarken Frau fühlte er sich eigentümlich
bewegt. Er erzählte mir, es sei ihm dabei die Stimmung seiner
glücklichsten und innerlich reichsten Zeit zurückgekehrt, jener Zeit in
Rom, wo ihm in der Neujahrsnacht 1825 der Glaube an einen lebendigen
Heiland plötzlich wie ein Geschenk von oben ins Herz gegeben wurde
und ihn mit vorher nicht gekanntem Frieden und Glück erfüllte. Er
kam auf dieses Thema wiederholt zurück. Noch an seinem Sterbetage,
an dem ich ihn vormittags besuchte, nicht ahnend, daß ich den lieben
Vater zum letztenmal lebend sah, brachte er das Gespräch auf Hofackers
Biographie, deren Fortsetzung er zu hören wünschte, und auf den um
Richard Rothe gescharten römischen Freundeskreis. An diesem Tage -- es
war Donnerstag der 19. Juni -- fühlte er sich zwar matt, aber besonders
heiter gestimmt und empfing, auf dem Sofa liegend, tagsüber viele
Besuche.“
[Illustration: Abb. 186. +Skizze zum Schneewittchen.+ 1870. (Zu Seite
96.)]
Die Deutsche Kunstgenossenschaft hatte ihn zum Ehrenmitglied ernannt.
Sein Dankschreiben vom 16. Juni 1884, dessen Abfassung ihm Sorgen
machte, weshalb er Freund Cichorius dazu zu Rate zog, lautet: „Bereits
telegraphisch habe ich Ihnen meinen innigsten und freudigsten Dank
für die Ernennung zum Ehrenmitglied der Deutschen Kunstgenossenschaft
ausgesprochen, lassen Sie mich denselben hier noch einmal schriftlich
wiederholen. Diese ehrenvolle Kundgebung seitens der deutschen Künstler
kam mir um so überraschender, da es leider so manches Jahr her ist, daß
ich durch die zunehmende Trübung meiner Augen genötigt war, meiner so
geliebten künstlerischen Tätigkeit gänzlich zu entsagen. Wohl empfing
ich während dieser Zeit unfreiwilliger Muße von vielen Seiten her
mannigfache Zeichen freundlicher Anerkennung, die mich freudig erhoben,
da sie mir sagten, daß es mir vielleicht hier und da gelungen sei, das,
was in vielen deutschen Herzen lebt, auf meine Weise auszusprechen und
künstlerisch zu gestalten. Nun ist es mir aber von hohem Wert, auch von
seiten der Kunstgenossenschaft diese Anerkennung und Zustimmung zu dem,
was ich erstrebt und, wie meine Freunde sagen, auch bisweilen erreicht
habe, bestätigt zu sehen. Die Kunst der Gegenwart geht ja vielfach auf
anderen Bahnen, und ihre Ziele sind teilweise andere, als diejenigen
waren, denen ich und meine Altersgenossen zustrebten. Um so ehrenwerter
ist es daher, wenn auch das jüngere Geschlecht der Künstlerschaft sich
an uns Alte noch mit Wärme und Anteil erinnert. Empfangen Sie, geehrte
Herren, nochmals den Ausdruck meines Dankes, sowie Gruß und Handschlag
von Ihrem ergebenen Ludwig Richter.“
Es sind seine letzten Schriftzüge. Eine halbe Stunde nach Eingang des
Schriftstückes beim damaligen Hauptvorstand in Düsseldorf meldete der
Telegraph das Ableben des gefeierten Meisters.
[Illustration: Abb. 187. +Skizze zum Schneewittchen.+
(Zu Seite 96.)]
Am Abend des 19. Juni stellte sich plötzlich bei ihm, nachdem er noch
vorher mit seiner Tochter Elisabeth das Abendbrot in gewohnter Weise
eingenommen hatte, Frost ein; er begab sich zu Bett. Kurz darauf trat
die Tochter in das Schlafzimmer, um nach seinem Befinden zu fragen; er
antwortete ihr noch ganz klar und ruhig, begann auf einmal zu röcheln,
und nach wenigen Minuten hörte er auf zu atmen. Ohne Kampf löste sich
die erdenmüde Seele von ihrer leiblichen Hülle.
„Ich wollt’, daß ich daheim wär’,
Und aller Welt nicht diente mehr.
Ich hab’ doch hie mein Bleiben nicht,
Ob’s morgen oder heut geschicht.
Daheim ist Leben ohne Tod
Und ganze Freude ohne Not.“
Dunkle, schwere Wolken zogen am Himmel, strömender Regen ging nieder,
als der teure Tote, es war am Abend des 21. Juni, einem Sonnabend,
bei Fackelschein von den Dresdener Künstlern nach der Friedhofshalle
übergeführt wurde. Seine Vaterstadt Dresden erwies ihrem Ehrenbürger
durch das feierliche Geläute sämtlicher Kirchenglocken die letzte
Ehre. Auf dem neuen katholischen Friedhof der Friedrichstadt, des
Stadtteiles, in dem seine Wiege stand, wurde er beerdigt. Sein
Grabstein trägt die gleiche Inschrift wie der seiner Frau auf dem
Loschwitzer Friedhof: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein
Gewinn.“
Aus der Grabrede, die ihm der Kaplan Eberhard Klein am 23. Juni hielt,
ist folgende Stelle hervorzuheben: „Richter hat die Himmelsgabe,
die ihm Gott geschenkt, mit priesterlicher Ehrfurcht gehandhabt und
gehütet. Seine Kunst hat sich ihren wahren Adels- und Freiheitsbrief
der Tendenzlosigkeit bewahrt und nichts anderes sich zum Zwecke
gesetzt, als in Gott wohlgefälliger Weise die Mitmenschen zu erfreuen.
Seine Kunst war eine Art Gottesdienst, war eine Ausübung der
Nächstenliebe, wie sie selbstloser und edler nicht gedacht werden kann.
Und wie er malte, so war er, seine Kunst ist sein Wesen.“ --
[Illustration: Abb. 188. +Schlafende Kinder.+ 1872. (Zu Seite 97.)]
[Illustration: Abb. 189. +Ruhe auf der Flucht.+ Des Meisters letzte
Aquarelle. 1873. In der königl. Nationalgalerie zu Berlin. (Zu Seite
98.)]
„Je mehr ein wahrhaft gesundes Gedeihen der Kunst auf ihrer
Volkstümlichkeit beruht, desto mehr hat diese selbst ihre Ideale treu
und rein zu hüten. Die Abwege ins Äußerliche, Naturalistische und
Leere liegen unserer heutigen Kunst, vor allem der Malerei deshalb so
gefährlich nahe, weil der Zug der Zeit ein überwiegend realistischer
ist. Drum muß die Kunst ihr ewiges Erbteil des Idealen wahren, muß
treu, wahr und tief sich dem Leben hingeben, aber in den Erscheinungen
desselben nicht die blendende Hülle, sondern den unvergänglichen Gehalt
zu erfassen suchen. Das ist ihre Aufgabe, ihr Beruf, das ist die
Bedingung für ihre lebendige Fortdauer,“ so schließt Wilhelm Lübke 1860
sein treffliches Werk „Grundriß der Kunstgeschichte“. Richter hat
treu und mit großem Ernst die Aufgaben und Bedingungen echter Kunst
gelöst und erfüllt.
Unsere deutsche Kunst ist aber gegenwärtig in einer Zeit des
Überganges; ein Tasten hin und her, ein unruhiges Suchen; es ist, als
ob man die verloren gegangene, irrende Seele wiederzufinden suche.
Die Technik ist hoch entwickelt, und viel Können zeigt sich überall.
Möchten die richtigen Pfade bald wiedergefunden werden! Möchte das
deutsche Volk auch das Verständnis für unseren verewigten Ludwig
Richter, einen der größten und ersten Meister der deutschen Kunst, nie
verlieren! Möchte es des Mannes nie vergessen, der, wie Otto Jahn so
trefflich sagt, eine Naturgeschichte des deutschen Volkes gezeichnet
hat, treuer und lebendiger, als es die geistreichste Feder liefern kann.
* *
*
Fast wollte es eine Zeitlang scheinen, als sei, nachdem unser
Altmeister seine irdische Laufbahn abgeschlossen, das Verständnis für
seine Kunst in der Abnahme begriffen. Sein hundertster Geburtstag hat
aber gezeigt, daß er und seine Kunst noch nicht vergessen und das
deutsche Volk seiner noch in Liebe und Verehrung gedenkt, sich an
seinen Werken noch erfreuen kann. In allen Gauen Deutschlands wurde an
diesem Tage seiner pietätvoll gedacht, in zahllosen Schriften das in
seiner Kunst „Unvergängliche“ mit großer Wärme gefeiert.
Die Dresdener Künstler hatten einer „Sächsischen Ausstellung“ im
Hinblick auf die hundertste Wiederkehr des Geburtstages eine sehr
reiche „L. Richter-Ausstellung“ in den geschickt und stimmungsvoll
umgestalteten, an sich so wenig intimen Ausstellungssälen auf der
Brühlschen Terrasse angegliedert. Die Ausstellung gab in aus Museen
und Privatbesitz entlehnten Zeichnungen, Aquarellen und Ölgemälden,
soweit dies in den immerhin engen Räumen im Verhältnis zu der großen
Produktivität des Meisters möglich war, ein ziemlich klares Bild von
seiner Entwickelung und vom Wesen seiner Kunst.
[Illustration: Abb. 190. +Porträtskizze.+ 1883. (Zu Seite 150.)]
Auch Loschwitz, in dem der Meister dreißig Sommer verlebte, hatte das
Seine, wenn auch in bescheidenerem Rahmen, getan, dankbare Erinnerungen
an den Heimgegangenen zum Ausdruck zu bringen.
Ebenso wurde Berlin Gelegenheit gegeben, eine kleinere Zahl von Werken
des Meisters in einer Sonderausstellung zu sehen. -- Leider muß erwähnt
werden, daß in diesen Ausstellungen auch Kopien, und zwar recht
minderwertige, sich befanden.
Der überaus rege Besuch dieser Ausstellungen legte Zeugnis davon
ab, daß die Sprache unseres Meisters noch verstanden wurde, daß die
Beschauer die Innigkeit und Behaglichkeit, die Liebe zur Natur und
den gesunden Humor und nicht zum wenigsten auch sein tief religiöses
Empfinden noch nachempfinden konnten und in ihrem Innern verwandte
Töne erklingen fühlten. „Der Geist, den seine Werke atmen, gehört zum
Besten, was wir besitzen.“
[Illustration: Abb. 191. +Alles Ding währt seine Zeit.+
Aus „Es war einmal“. 1862.