Rom zog Ende der dreißiger Jahre die Zügel sehr straff an; besonders
bei den „Mischehen“ wurde die seitherige Milde aufgegeben und durch
Strenge ersetzt; der Fürstbischof von Breslau, Graf Leopold Sedlnitzky
von Choltitz, legte infolge dieser strengen Richtung sein Amt nieder.
Wir wissen nicht, inwieweit dieses Vorgehen Roms auch auf Richters
Haus und Familie einwirkte, seine Kinder (seine Frau war Protestantin,
und er war mit ihr in der protestantischen Kirche getraut) hat er
protestantisch erzogen. Dabei blieb er immer ein Glied der katholischen
Kirche, er stand aber, wie ich schon sagte, +über+ den Grenzen der
Konfessionen. Später fand er auch in den protestantischen Predigten,
als eine neue, ihm sympathischere Richtung Platz gegriffen, viel
Erbauung. Bis um die Mitte der siebziger Jahre hörte er an Sonntagen
oft Predigten in der protestantischen Hofkirche, der Frauen- und
Annenkirche in Dresden, des öfteren habe ich ihn begleitet. Er stand
im Verkehr mit hervorragenden protestantischen Theologen, weilte, wie
bereits erwähnt, oft in Boll bei Blumhardt. Für die Selbstbiographie
des Grafen Leopold Sedlnitzky (Berlin, W. Hertz) hatte er großes
Interesse; die schonende Art des Grafen gegenüber der katholischen
Kirche, die seinem endlichen Übertritt zur evangelischen Kirche
(1863 in Berlin) vorangegangene lange innerliche Vorbereitung waren
Richter besonders sympathisch. Der Sohn schreibt in den Nachträgen
zur Biographie, „daß Richter in den letzten Lebensjahren sich mehr
an die katholische Kirche anschloß und Sonntags nicht, wie früher,
einer protestantischen Predigt, sondern der Messe in der katholischen
Hofkirche beiwohnte, gab in den ihm näher stehenden Kreisen Anlaß zu
der Vermutung, es habe sich -- vielleicht unter äußerer Beeinflussung
-- in seinen religiösen Anschauungen eine wesentliche Wandlung
vollzogen. Diese Meinung ist nicht zutreffend. Der von kirchlichem
Dogmatismus ganz unabhängige praktische Kern seines Christentums ist
allzeit unverändert geblieben, nur die Formen, Ausdrucksweisen und
Bedürfnisse seines religiösen Lebens haben im Laufe der Jahre unter
äußeren und inneren Einflüssen Wandlungen durchgemacht.“ Der Sohn läßt
sich hierüber noch des weiteren aus; es seien denjenigen, die sich
dafür noch besonders interessieren, die letzten Seiten der „ergänzenden
Nachträge“ zum Nachlesen empfohlen.
[Illustration: Abb. 182. +Alles mit Gott.+