Vor seinem Abgänge von der Kunstakademie bereitete die Dresdener
Künstlerschaft unserem Meister am 9. März 1876 ein wohlgelungenes
Fest. Die Festteilnehmer erschienen als Richtersche und oft recht
drollige Figuren; die einzelnen zusammengehörigen Gruppen brachten dem
Meister ihre Huldigung dar; es gab dabei sehr lustige Szenen; Hermann
und Dorothea waren wohl ein dutzendmal vertreten, und Hermann hatte
dreißig oder mehr Mütter. Obwohl er schweren Herzens -- ihm waren alle
offiziellen Feiern, und nun gar ihm selbst bereitete, etwas Unbequemes
-- zu der Feier sich begab, war er doch sichtlich ergriffen ob all der
Liebe und Verehrung, die ihm, wie er liebenswürdigst behauptete, so
unverdient entgegengebracht wurde.
Am 18. Februar 1878 wurde er, auf sein dringendes Ansuchen, aus dem
„Akademischen Rat“ der Kunstakademie entlassen. Die Sitzungen waren ihm
mit der Zeit eine immer schwerere und drückendere Last geworden. Am 22.
Dezember 1878 ernannte ihn die Stadt Dresden zum Ehrenbürger.
[Illustration: Abb. 159. +Denn dies ist das Brot Gottes.+ Aus „Unser
täglich Brot“. 1866. (Zu Seite 87.)]
[Illustration: Abb. 160. +Ländliches Fest.+ 1866. (Zu Seite 87.)]
Das Augenleiden hatte sich in den letzten Jahren so verschlimmert,
daß er kaum noch lesen konnte. Es waren auf der Netzhaut der Augen
durch Springen und Vernarbungen von Blutgefäßen unempfindliche Stellen
entstanden, die nicht mehr funktionierten, so daß er die Dinge um sich
her nur teilweise sah. Schreiben konnte er nur noch mit Hilfe der Lupe,
er fand die Zeilen nicht mehr und schrieb oft durcheinander, wie der
angefügte Brief zeigt.
Im Jahre 1880 ungefähr schreibt er einmal: „Außer dem Evangelium,
das göttliche Gesundheit atmet, lese ich jetzt nur Goethe und
Jeremias Gotthelf, allerdings eine wunderliche Zusammenstellung, aber
mir ist wohl, wenn ich dabei bin.“ Jeremias Gotthelf war ihm ein
Lieblingsschriftsteller geworden. Dieser kernige, gesunde Schweizer
verstand es, unseren Meister zu fesseln, wie er auch Cornelius
gefesselt hatte. Die wuchtigen, markigen Männergestalten mit all ihrem
germanischen und bäuerlichen Eigensinn und ihren Schrullen und Ecken
und ihrem trefflichen inneren Kern, die Männer, die mit dem Mist an
den Stiefeln in die Stube treten, im Gegensatz zu Berthold Auerbachs
Bauern, die sich erst säuberlich vor der Tür die Stiefeln abstreichen,
-- die entzückend geschilderten Mädchen- und Frauengestalten, die
kerngesunde Charakteristik, -- das alles packte und fesselte
ihn. Die reizende kleine Erzählung, das „Erdbeer-Mareili“, die ans
Romantische streift, war ihm besonders lieb. Gestalten wie Uli der
Knecht und der Hagelhans und dessen Tochter Vreneli waren nach seinem
Sinn. Fritz Reuters urgesunder Humor und ausgezeichnete Charakteristik
erfreuten ihn; er hat beim Vorlesen aus der „Stromtid“, aus der
„Franzosentid“ und den übrigen Werken oft herzlich gelacht. 1868
war Richter mit Skizzen zu Gotthelfs und Fritz Reuters Schriften
beschäftigt, ließ aber diesen Plan wieder fallen und zeichnete statt
dessen die Folge „Gesammeltes“. Charles Dickens’ (Boz’) Werke, so
dessen David Copperfield und andere, haben ihm immer sehr behagt.
[Illustration: Abb. 161. +An der Via Appia.+ Nach einer
Originalphotographie. 1867. (Zu Seite 88.)]
[Illustration: Abb. 162. +Brunnen bei Arriccia.+ Nach einer
Originalphotographie. (Zu Seite 88.)]
[Illustration: Abb. 163. +Auf dem Berge.+ Aus „Gesammeltes“. 1869.
Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 89.)]
[Illustration: Abb. 164. +Mittagsruhe im Korn.+ 1861.