Zu des Meisters siebzigstem Geburtstage geht ein überaus gnädiges
und wohlwollendes Handschreiben mit Glückwünschen vom König Ludwig
II. von Bayern ein.
Richters so reiche Phantasie versiegte allmählich: das Augenleiden
verschlimmerte sich und machte ihm das Arbeiten fast unmöglich.
Trotzdem zeichnete und malte er noch einige wenige Blätter, wenn
auch mit großer Mühe und vielfacher Unbequemlichkeit. Aus der Zeit
des „Ausklingens“ dieser großen schöpferischen Kraft stammt die
Aquarelle „Schlafende Kinder“ (Abb. 188), eine freie Wiederholung der
Radierung „die verirrten Kinder“ in Scherers illustriertem „Deutschen
Kinderbuch“. Auf einer Anhöhe auf grüner blumendurchwirkter Matte
schlummern, ermüdet von der weiten und beschwerlichen Wanderung, ein
Mädchen und ein Knabe; es ist so einsam und still da droben, draußen
ragt über blauen Bergzügen ahnungsvoll ein Schneeberg hervor. Die
Aquarelle ist von großer Vollendung in Ton und Farbe.
[Illustration: Abb. 121. +Kunst bringt Gunst.+ 1855. Zu Bürkners
Holzschnittmappe. 1858. (Zu Seite 71.)]
Es folgt um 1873 seine letzte ausgeführte Aquarelle „Ruhe auf der
Flucht“ (Abb. 189), in der Nationalgalerie. Maria, an einem Feuer
sitzend, nährt das Kind, sie schaut wie in Gedanken versunken; unter
blühenden Fliederbüschen, an die Felswand angelehnt, ist Joseph
eingeschlafen, auf einem vorspringenden Felsen sitzen drei singende
und musizierende Engel in lichten Gewändern, ein Reh mit Jungen hat
sich im Gras gelagert, draußen im Dämmerlicht ein stiller Waldsee,
hinter dunklen Baumsilhouetten der Vollmond. -- Das ist des Meisters
romantischer Schwanengesang. Mit wieviel Mühe, Geduld und Ausdauer
hat er an diesem Blatt noch gearbeitet; die Augen wurden schwächer
und schwächer und trotz der Lupe wollte es mit dem Arbeiten nicht
mehr gehen. Die Verschiebungen in der Zeichnung, die das Augenleiden
verursachte, wurden immer stärker und auffallender, die Köpfe der
Figuren machten ihm dadurch noch ganz besondere Schwierigkeiten. Der
Kopf der Maria wurde so oft geändert und weggewaschen, bis schließlich
das Papier durchgerieben war und er tief bekümmert die sonst fertige
Arbeit beiseite gestellt hatte; doch wurde hier Rat geschafft, und
endlich konnte er dieses Blatt noch vollendet aus der Hand geben. Eine
farbige Zeichnung ist vom Meister selbst bezeichnet: „Meine letzte
Zeichnung. 1874. L. Richter.“ Am Silvesterabend 1873 schreibt er:
„Seit dem Herbst konnte ich nichts mehr arbeiten, die Augen waren zu
schwach. Überhaupt fühle ich das Alter, und die Kräfte, Leibes- und
Seelenkräfte, nehmen ab.“
[Illustration: Abb. 122. +Der Spielengel.+
Titelbild zu Stern: „Das rote Buch“. 1856.
Mit Genehmigung der Verlagshandlung Breitkopf & Härtel in Leipzig. (Zu
Seite 71.)]
Die nun abgeschlossene künstlerische Tätigkeit dieses mit so reichen
Gaben ausgestatteten Künstlers, dieses gottbegnadeten Poeten, liegt wie
eine stille blumige Waldwiese vor uns, mit Sternblumen und Steinnelken,
Ranunkeln und Vogelstern und Arnika, blauen Glocken und hochstengeligem
Enzian, bunt durcheinander, in reicher Fülle, herzerfreuend und
herzerquickend. Sein gesamtes künstlerisches Schaffen ist wie ein
Dokument; verbrieft und gesiegelt, schildert es wahr und treu unser
deutsches Volk. Seine Werke sind wie ein sprudelnder frischer Quell, an
dem sich noch die fernsten Geschlechter erquicken werden!
[Illustration: Abb. 123. +Geheiliget werde dein Name.+ Aus dem
Vaterunser. 1856.