Verlag von Otto Spamer in Leipzig. (Zu Seite 68.)]

1864 folgt der „Neue Strauß fürs Haus“, -- sechzehn Blätter. Von

dieser köstlichen Folge bringen wir zuerst das „Kleinhandel“ benannte

Bild (Abb. 152). Diese Komposition zeichnete Richter im Auftrage des

bekannten Goethe-Freundes S. Hirzel in Leipzig im Jahre 1856. Hirzel

hatte wiederholt den Wunsch geäußert, von Richter eine Zeichnung zu

besitzen zu der Stelle aus Goethes „Geschwistern“: „Mir ist’s eine

wunderliche Empfindung, nachts durch die Stadt zu gehen. Wie von der

Arbeit des Tages alles teils zur Ruhe ist, teils danach eilt und man

nur noch die Emsigkeit des kleineren Gewerbes in Bewegung sieht. Ich

hatte meine Freude an einer alten Käsefrau, die mit der Brille auf

der Nase beim Stümpfchen Licht ein Stuck nach dem anderen ab- und

zuschnitt, bis die Käuferin ihr Gewicht hatte.“ Der Meister ging mit

großem Interesse an den Auftrag und gestaltete so das prächtige,

malerische Bild, das unsere Nachbildung nach einer Wiederholung der

getönten Zeichnung aus demselben Jahre bringt. Der Holzschnitt von

Gerhard Jördens ist eine Musterleistung. Ein weiteres Blatt dieser

Folge ist das „Johannisfest“ (Abb. 153). Anmutig und frisch sind die

Kinder gezeichnet, die um die Blumenpyramide einen Reigen tanzen, ein

Brauch, der in Mitteldeutschland seit den sechziger Jahren wohl ganz

verschwunden ist; es liegt ein Zug holden Behagens über diesem Bilde.

Auch dieser Holzschnitt, von Kaspar Oertel, einem Schüler August

Gabers, wie Gerhard Jördens, ist eine vorzügliche Leistung. In der

Abb. 154 schildert unser Meister das erste Ofenfeuer. Wie ist’s hier

gemütlich im Stübchen! Draußen wettert es, Bello, der Hofhund, sitzt

auch im Trockenen. Es folgt Abb. 155: „Gruselige Geschichten“ erzählt

die Großmutter, alles Spiel ruht, hell leuchten die Augen der Kinder,

erschreckt fährt ein Kind beim Platzen des Bratapfels im Ofen zusammen.

Lieblich sind in dem folgenden Blatt die Kinder gezeichnet, die im

Walde Beeren gesammelt haben: „Beiß mal ab, Hänschen“ (Abb. 156). In

dieser Folge begegnen wir auch einem Blatt „Mondnacht“ und finden

hier dieselbe landschaftliche Szenerie, wie auf dem früher erwähnten

untermalten Bild und ähnlich wie in Abb. 189, aber mit veränderter

Figurengruppe. Weiter folgt „Weihnachtstraum“, die schöne Komposition

der Radierung „Die Christnacht“ variiert, aber vereinfacht, wie es das

kleinere Format des Holzschnittwerkes verlangte. Die hier angefügte

Gruppe der armen, frierend in einer Ecke sitzenden Kinder sind ein

glücklich gewählter Gegensatz zu dem Weihnachtszauber, der über das

ganze Bild ausgebreitet ist.

[Illustration: Abb. 108. +Zum 14. November 1853.+ Kinderporträt.

(Zu Seite 68.)]

1866 radiert der Meister sein letztes Blatt, für E. Cichorius.

Die Platte trägt die Unterschrift: „Meinem Freunde E. Cichorius“.

Dargestellt ist eine Mutter, die vom Felde heimkehrt und ihr Knäblein

zärtlich herzt, zur Seite ein größeres Mädchen und der Spitz, der die

Sache betrachtet. Die liebenswürdige Gruppe von Mutter und Kind finden

wir bereits ähnlich in den Löschkeschen Büchern von 1852 und öfters

noch wiederholt und vielfach variiert, so auch in Abb. 146 in „Altes

und Neues“ usw.

[Illustration: Abb. 109. +Kinderporträt.+ 1857. (Zu Seite 68.)]

Im selben Jahr erscheint „Unser täglich Brot“ mit achtzehn

Holzschnitten. Der Titel zeigt im Schriftband die Worte: „Alles

Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Diese Folge schildert das Korn

vom Feld bis zur Mühle und als Brot im Haus, mit dem „Säemann“ und

„Engel gießen den Tau über die Fluren“ beginnend. Von der Ährenlese

geben wir in Abb. 157 eine freie und reicher gestaltete Wiederholung

der Komposition aus diesem Zyklus. Nach weiteren schönen Blättern

folgt „Zur Mühle“ (Abb. 158). Im Tale liegt lauschig unter schattiger

Linde eine kleine Mühle; im Gärtchen, das von Rosenbüschen eingehegt,

bleicht die Müllersmaid Wäsche, über den Zaun lehnt sich ein junger

Bursch und schaut dem Mädchen, das ihm Rosen an den Hut steckt,

treuherzig ins Gesicht; draußen windet sich durch sonnige hügelige

Landschaft der Weg nach der Höhe. Wie ein Bild von Van Eyck ist der

Schlußakkord: „Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und

gibt der Welt das Leben“ (Abb. 159). Maria sitzt mit dem Christuskinde

im dunklen Wald vor einem klaren, von Waldesblumen umsäumten Bronnen,

ihr zu Füßen musizierende und singende Engelchen voll kindlicher

Naivetät und Innigkeit. Allerhand Waldgetier und Waldvögel lauschen

den himmlischen Tönen; im Vordergrund links und rechts je ein

Wappenschild: das eine zeigt einen Apfel, das andere eine Rose im Kreuz

(beiläufig Luthers Wappen), das verlorene und wiedergewonnene Paradies

andeutend. Hinter der überaus lieblichen, zarten und reinen Gestalt

Marias ein Teppich und Geranke wilder Rosen, nach Art altdeutscher

und altitalienischer Meister, ihr zu Häupten halten zwei Engel das

Schriftband. Oben über dem Wald sieht man in hügeliger Gegend ein

Kapellchen im Sonnenschein erglänzen, darüber erheben sich hohe Berge.

[Illustration: Abb. 110. +Holde Augen sah ich blinken.+ Zu „Der

Schatzgräber“.

Aus dem Goethe-Album. 1853-1856. Verlag von Georg Wigand in Leipzig.

(Zu Seite 69.)]

Wir reihen hier das Blatt voll liebenswürdigen Humors und feiner

Charakteristik ein, das „ländliche Fest“ (Abb. 160). Trefflich ist die

Gruppe rechts, der junge Bursche, der so unbeholfen dem schüchternen

Mädchen, das, die Hände auf dem Rücken, am Baume steht, einen Strauß

Blumen reicht; es ist, als wenn das Mädchen sich bedächte, das

freundliche Gesichtel strahlt aber doch. Lieblich sind die tanzenden

Kindergruppen.

1867 erscheinen bei Heinrich Richter fünfzehn Handzeichnungen in

Photographien, darunter vier italienische Landschaften mit Staffagen.

Die letzteren nebst einer ganzen Reihe solcher Blätter zeichnete er,

angeregt durch Berichte seiner Schüler C. W. Müller, A. Venus und

Verfassers aus Rom. In einem Briefe vom 25. April 1867 schreibt er nach

Rom: „Wie glücklich würde ich sein, wäre es mir möglich, noch einmal

die ~alma Roma~ zu sehen und zugleich fleißig einzuheimsen, was mir

früher nicht nach Wunsch gelingen wollte, weil ich noch zu unreif war

... Die römischen Erinnerungen -- vielleicht die schönsten des Lebens

-- und die Sehnsucht, das Verlangen dahin regte sich von neuem recht

mächtig in mir.“ -- Er suchte seine Studien aus Italien hervor, machte

sie mit kräftigeren Strichen fertiger, setzte Staffagen hinein und

erging sich in Erinnerungen. Wir geben von diesen Blättern „An der Via

Appia“ (Abb. 161) und „Brunnen bei Arriccia“ (Abb. 162), letzteres eine

freie Wiederholung von Abb. 17 vom Jahre 1831. In diesem Hefte finden

wir auch in etwas veränderter Form die im Korn schlafenden Kinder,

die er bereits früher in „Fürs Haus“ gebracht hatte: die Schwester

und der Bruder sind eingeschlafen, das ihrer Obhut anvertraute kleine

Geschwisterchen im Wägelchen ist in traulicher Unterhaltung mit einem

Engel in lichtem Gewande. Diese Komposition hat er einmal in Aquarell

ausgeführt; es ist das größte Blatt seiner zahlreichen Aquarellen.

Eine Variante desselben Gegenstandes, eine köstliche Aquarelle vom

Jahre 1861 geben wir hier in einer farbigen Reproduktion (Abb. 164).

Ein lauschiges, stilles Plätzchen im wogenden, reifen Korn, das der

Wind leise bewegt; silberne Wölkchen schwimmen am Himmel, auf dem sich

im Korn verlierenden Pfad lauscht ein Häschen; das Brüderchen hält

sein Mittagsbrot und ein Sträußchen in den Händen, Schwesterchen hat

den Arm schützend über das Brüderchen gelegt. Am Tragkorb lehnt das

Wasserkrügel, das Hündchen hält getreulich Wacht, links im Vordergrunde

ein rieselndes Quellchen, am Feldrand ein Strauch blühender

Heckenrosen, -- ein Bild friedlicher, mittägiger Stille.

Gleichzeitig gab Heinrich Richter auch das „Photographische

Richter-Album“ in Kabinettformat heraus, fünfzehn Originale, in der

Zeit von 1858-1865 gezeichnet, die meistens schon als Holzschnitte

in verschiedenen Werken erschienen waren. Wir finden hier auch eine

reizvolle Variante der Komposition „Genoveva“ von 1865 und die 1858

gezeichnete Kindersymphonie.

[Illustration: Abb. 111. +Zu Hermann und Dorothea.+

Ludwig Richter · 第 45 / 72 题