1851-1855 erschien bei Georg Wigand in Lieferungen „Beschauliches
und Erbauliches“ mit achtunddreißig Zeichnungen. Wir nennen daraus
die herrlichen Blätter „Lob des Weibes“, „Aller Augen warten auf
dich“, die überaus humoristischen Darstellungen vom „Tischlein deck’
dich, Esel streck’ dich, Knüppel aus dem Sack“; von letzterem ist das
Schlußbild (Abb. 102). „Ehre sei Gott in der Höhe“ (Abb. 101) ist eine
Erinnerung an die Meißener Zeit, wie Abb. 100; am Weihnachtsabend
singen Kinder vom hohen Stadtkirchturm herab Weihnachtslieder in die
dunkle Nacht hinaus. Wie mag unser Richter mit seinem „Gustchen“ am
offenen Fenster oben am Afraberg dem lieblichen Gesange gelauscht und
an dem Lichterschimmer auf dem Turme sich erfreut haben! -- „Was ihr
getan habt dem geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan“ (Abb.
103). Eine Mutter mit ihrem Töchterchen besuchen eine arme, kranke
Frau. Liebreizend ist die Kindergruppe, das Mädchen, welches dem Kinde
die mitgebrachten Kleider anziehen will und das staunende Kind. Lustig
und heiter ist das Bild „Der Schäfer putzte sich zum Tanz“ (Abb. 105).
Anmutig tanzt die schmucke Maid mit ihrem Liebsten, mit einem Jauchzer
hebt der zweite Bursch seine Tänzerin in die Höhe, der dritte kommt
singend mit seinem Mädel und mit seinem Maßel; der kennt den Spruch:
„Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben
lang.“ Anmutig ist das Blatt „Kinderlust“, von dem wir eine farbige
Reproduktion geben (Abb. 104). „Ich habe mein Feinsliebchen so lange
nicht gesehen“, höchst behaglich und lauschig mutet das Plätzchen
an dem gotischen Türchen der Mühle an, wo die schämige Müllersmaid
dem schmucken Jäger die Hand reicht. Er streicht mit seiner Rechten
über ihr blondes, welliges Haar. Jägers Teckel sitzt etwas abgewendet
blinzelnden Auges da, ihn geht’s halt nix an. Die Müllersfrau oben
am Fensterchen hebt wie drohend den Finger, es scheint aber so ernst
nicht gemeint, sie hat doch ihres Mädels Schatz gern (Abb. 106). Die
Darbietungen Richterscher Muse in dieser Heftform, mit „Beschauliches
und Erbauliches“ beginnend, halte ich, so groß und hochbedeutend auch
sonst seine Tätigkeit als Illustrator ist, und in der er wohl noch
unübertroffen dasteht, für seine größten Leistungen; er hat hierin so
recht eigentlich für die weitesten Kreise des deutschen Volkes gewirkt,
hier wirklich Nationales geschaffen und Samen ausgestreut, der gewiß
tausendfältige Frucht getragen und noch tragen wird in der deutschen
Familie, im deutschen Hause. Das Erscheinen dieses Heftes bezeichnet
wieder einen Wendepunkt in seiner Künstlerlaufbahn. Er seufzt über das
Hetzen und Jagen der Verleger beim Illustrieren und freut sich, daß er
seine Stoffe jetzt sich selbst wählen und freier arbeiten und gestalten
kann. Er tritt auf die höchste Stufe seiner künstlerischen Tätigkeit,
reicht seinem Volk die schönsten Blüten seiner Muse. Die Zeit von 1848
bis 1859 ist als des Künstlers eigentlicher Höhepunkt zu betrachten.
[Illustration: Abb. 84. +Der Karfunkel.+ (Zu Seite 63.)]
1849-1851 lieferte Richter für Georg Scherers „Alte und neue
Kinderlieder“ zehn Radierungen auf Zink und eine auf Kupfer („Der
Schnitzelmann von Nürnberg“), die in späteren Auflagen, 1863 und 1873,
weil ausgedruckt, durch Holzschnitte ersetzt wurden; weiter zeichnet er
1854-1875 zu Scherers „Deutschen Volksliedern“ (späterer Titel: „Die
schönsten deutschen Volkslieder mit ihren eigentümlichen Singweisen“)
dreißig Blätter für Holzschnitt. Zu der 1855 bis 1858 erscheinenden
„Deutschen Geschichte in Bildern von ~Dr.~ F. Bülau“ (Dresden bei
Meinhold und Söhne) zeichnet Richter drei Blätter, von denen wir in
Abb. 107 einen Entwurf zu „Otto I. an der Nordsee“ geben. 1853 zum 14.
November zeichnet er sein erstes Enkelchen (Abb. 108) dem Schwiegersohn
Gaber und schreibt darunter das Verschen:
Das Margaretli bin ich genannt,
noch winzig klein, wie euch bekannt,
werd ich erst ein groß Jungferli sein,
wird mich Großpapa wohl besser konterfein.
1857 skizziert er dasselbe Enkelchen, das, wie es scheint, keine rechte
Lust zum Sitzen hat, noch einmal (Abb. 109); sein Wort hat aber der
Meister nicht gehalten. Wohl versuchte er um 1870, die inzwischen zum
Jungfräulein herangereifte Enkelin wieder zu zeichnen, aber seine Augen
versagten, und es blieb bei einem Versuch.
[Illustration: Abb. 85. +Der Karfunkel.+ (Zu Seite 63.)]
[Illustration: Abb. 86. +Der Karfunkel.+ (Zu Seite 63.)]
[Illustration: Abb. 87. Aus „+Der Statthalter von Schopfheim+“.