Spinnstubengeschichten von Horn. 1860.]

Um 1850 folgen unter anderm die drei schönen Radierungen zu „Deutsche

Dichtungen mit Randzeichnungen deutscher Künstler“ (Düsseldorf,

Buddens), „Frühlingslied des Recensenten,“ das letzte von den bekannten

Frühlingsliedern Uhlands, dessen letzte Strophe lautet:

„Daß es keinen überrasche,

Mich im grünen Feld zu sehen!

Nicht verschmäh’ ich auszugehen,

Kleistens Frühling in der Tasche“

(Abb. 78). Junge schmucke Mädchen schöpfen Wasser am Brunnen unter

blühenden Fliederbüschen, aus jung belaubten Buchenmassen heraus tritt

der Recensent: „Störche kommen und Schwalben“, drohend hebt er den

Finger: „Nicht zu frühe, nicht zu frühe!“ Weiter folgt das „Schlaflied“

von Tieck. Unter schattigem Busch, vom Wandern ermüdet, schlafen ein

Mann und eine schlanke junge Frau; aus dem im Mittagssonnenschein

träumenden Walde ziehen Rehe zum Quell in moosigem Gestein. --

Das dritte Blatt behandelt auch ein Gedicht von Tieck aus dessen

„Verkehrter Welt“ (Abb. 79). Am Waldesrand am Fuße einer mächtigen

alten Buche sitzt eine Hirtenfamilie, ein junger Hirt bläst auf einer

Schalmei, in den dichten Wald fallen einzelne Sonnenlichter. Diese

Radierungen sind von großer Gewandtheit in der Nadelführung und

besonders das letzte Blatt kraftvoll und energisch in der Wirkung.

Unsere Abbildungen sind nach Probedrucken aufgenommen.

1850 folgen zwei Holzschnitte für die Bibel von Cotta, zu der auch

Rethel so hervorragende Zeichnungen lieferte; die letzteren sind leider

in der neuen Ausgabe weggelassen worden. Diese Rethelschen Blätter

gehören zu dem Bedeutendsten, was auf diesem Gebiete geschaffen worden.

Solche kernige Bibelbilder dürften unter keinen Umständen dem deutschen

Volk, schon aus erzieherischen Rücksichten, vorenthalten werden.

Hieran reihen sich 1850-1854 vierzehn Zeichnungen zu Shakespeares

dramatischen Werken, bei Duncker erschienen, und das „Märchenbuch für

Kinder“ von Ferdinand Schmidt (Otto Wigand), mit sechs sehr anmutigen

Bildern.

1850-1854 erscheinen: „Was bringt die Botenfrau“ und „Nach Belieben,

Kraut und Rüben“, „An der Krippe zu Bethlehem“, „Knecht Ruprecht“,

„Die Familienlieder“, „Kreuz und Grab des Erlösers“ u. a. von J. T.

Löschke, mit zusammen hundertundsechzig Holzschnitten. Die mit R.

Heinrich bezeichneten Lieder in „Familienlieder“ sind von des Meisters

Sohn in jungen Jahren in Musik gesetzt. Aus der „Botenfrau“ folgen die

Abbildungen 80 und 81.

1851 erschienen C. Andersens Märchen mit sechzehn Zeichnungen, von

denen wir Abb. 82 bringen, und Hebels alemannische Gedichte, ins

Hochdeutsche übertragen von R. Reinick, mit fünfundneunzig Zeichnungen.

Letztere zählen zu den hervorragendsten Illustrationen des Meisters.

Wir geben davon die Abbildungen 83-90. Die ersten vier sind zu der

Geschichte „Der Karfunkel“. Abb. 90 „Der Sperling am Fenster“ ist von

des Meisters Tochter Aimée geschnitten.

[Illustration: Abb. 77. Zu +Eine Geschichte, wie sie leider oft

passiert.+ Spinnstubengeschichten von Horn. 1851.

(Zu Seite 62.)]

Zu „Der arme Mann im Toggenburg“, herausgegeben von E. Bülow, ist

das reizende Titelblatt, Abb. 91. Wir fügen hier eine leichte

Porträtzeichnnng nach Richter von Eduard Bendemann aus dieser Zeit ein

(Abb. 92).

1853 folgt „Bechsteins Märchenbuch“ (bei Georg Wigand), mit

einhunderteinundsiebzig Bildern, die in Deutschland die freudigste

Aufnahme gefunden und noch heute alles überstrahlen, was nach dieser

Seite hin geschaffen wurde. Zu bedauern ist, daß die unvergänglichen,

durch die Brüder Grimm gesammelten Märchen unserem Richter nicht zum

Illustrieren übergeben wurden; das wäre ein Werk geworden, wie kaum

ein zweites in Deutschland. Wie mag es gekommen sein, daß sich die

Fäden dazu nicht knüpfen ließen? Wir geben aus Bechsteins Buche eine

farbige Vervielfältigung nach einer Originalzeichnung „Dornröschen

bei der Alten im Turmstübchen“ (Abb. 93). Wer Handzeichnungen von

Richter gesehen, wird sich durch die liebenswürdige Art des Vortrages

gewiß angezogen fühlen. „Nie ein Strich zuviel, nie einer zu wenig.

Das ist die echte Bescheidenheit in der Kunst“, sagt Otto Ludwig, der

Dichter des „Erbförsters“. Einfach, schlicht ist seine Zeichnung, aber

geistvoll und lebendig. Er liebt es, seine Zeichnungen mit leichten

Tönungen zu versehen, und versteht mit knappen Farbenandeutungen

ein reizvolles und voll befriedigendes Bild hervorzuzaubern. Oft

unterstützt er die leichten Farbentönungen mit wenigen Federstrichen.

Weiter folgt die Hirtenszene zu dem Schluß des reizenden Märchens: „Der

Müller und die Nixe.“ Auf einsamer Bergeshöhe über dem stillen Wald

beim aufgehenden Vollmond sitzen Hirt und Hirtin; der Hirt bläst die

Flöte, die Hirtin lauscht den Tönen und gedenkt jenes Abends, an dem

sie am Weiher beim Vollmond auf der goldenen Flöte geblasen und -- die

verzauberten jungen Jägersleute erkennen sich wieder (Abb. 94). Sehr

anmutig ist die Knabenfigur „Goldener“, wie schauen seine Augen so

träumerisch unter dem lichten Haar hervor (Abb. 95)! Voll köstlichen,

liebenswürdigen Humors ist der Holzschnitt „Der kleine Däumling kehrt

mit seinen Brüdern ins Elternhaus zurück“ (Abb. 96). Das die Tür mit

Blumengewinden schmückende anmutige Mägdlein ist zum „Mann ohne Herz“,

unsere Abbildung 97 eine spätere Wiederholung „Zum Geburtstag“ in

„Altes und Neues“. -- In den beiden Blättern „Rotkäppchen im Walde,

Blumen pflückend“ (Abb. 98), und „Hänsel und Gretel“ (Abb. 99) zeigt er

seine Meisterschaft im Zeichnen mit der Feder.

[Illustration: Abb. 78. +Frühlingslied des Recensenten von Uhland.+

Radierung von 1850.

Mit Genehmigung der Verlagshandlung von Hermann Vogel in Leipzig. (Zu

Seite 62.)]

Im November 1853 wurden Richter und sein Freund J. Schnorr zu

Ehrenmitgliedern der Münchener Akademie ernannt; er schreibt darüber,

wie es ihm eine ganz besondere Freude mache, daß solche Ehrung ihm

gerade von München zuteil wird. In demselben Jahre zeichnet er für

seinen Sohn Heinrich, der in Leipzig Musik studierte und bei Georg

Wigand wohnte, aus Scherz eine Musikkapelle, einen Kapellmeister und

zwölf Musikanten, stark aufgetragene, tolle Gestalten; Wigand ließ

diese Blätter, als er sie zu Gesicht bekam, ohne weiteres in Holz

schneiden. Diese Gestalten tauchen in seiner Erinnerung 1868 (Abb. 170)

wieder auf.

1854 wurde die „Christnacht“ (Abb. 100) als Vereinsblatt des

sächsischen Kunstvereins beendet. Eine köstliche Radierung, die größte,

die aus Richters Hand hervorgegangen! In dieser poetischen Komposition

klingt der ganze geheimnisvolle Zauber der deutschen Weihnacht wieder.

Hoheitsvoll und lieblich und rein, wie Engel von Fiesole, obwohl etwas

vollblütiger als die des liebenswürdigen Fra Angelico, schweben zwei

größere Engelgestalten in reicher fliegender Gewandung, den brennenden

Christbaum in stiller, dunkler Sternennacht zur Erde bringend. Unter

den Zweigen des Baumes, in einem von Fruchtgewinden umschlossenen, von

lieblichen kleinen Engeln getragenen Körbchen, auf weißem Linnen liegt

das Christkind -- eins der Englein schüttet als „Knecht Ruprecht“ seine

Gaben herab. Unten in der Stadt weihnachtlich erleuchtete Fenster,

der Pfarrer schreitet hinab zur Kirche zur Weihnachtsandacht, vom

Turm ertönt Gellerts Lied. „Dies ist der Tag, den Gott gemacht, sein

werd’ in aller Welt gedacht.“ -- Um zu erkennen, wie gesund Richter

empfindet und darstellt, vergleiche man mit seiner „Christnacht“ den

Christbaum des Düsseldorfer Künstlers Theodor Mintrop; hier sehen wir

ein ganzes Aufgebot von Engeln, eine ganze „Konzertkapelle“, eine Reihe

von Engeln verteilt Spielwaren an Kinder, eine andere Reihe ist sogar

mit der Anfertigung der Spielwaren beschäftigt! Wie weiß unser Meister

dagegen mit sicherem Blick in seiner Darstellung das Wesentliche vom

Unwesentlichen zu scheiden und Maß zu halten!

Das lange und angestrengte Arbeiten an dieser so vollendet ausgeführten

Kupferplatte griff des Meisters Augen sehr an, von dieser Zeit datiert

sein Augenleiden.

[Illustration: Abb. 79. +Ruhende Hirtenfamilie.+ Radierung. 1850.

Mit Genehmigung der Verlagshandlung von Hermann Vogel in Leipzig. (Zu

Seite 63.)]

[Illustration: Abb. 80 und 81. +Tanzendes Kind und Großmutter. Besuch

bei der Kranken.+ 1850. (Was bringt die Botenfrau?) Aus Sturm,

Kinderleben.

Ludwig Richter · 第 31 / 72 题