Spinnstubengeschichten von Horn. 1856. (Zu Seite 61.)]

[Illustration: Abb. 74. Zu +Jörjakob+. Spinnstubengeschichten von Horn.

1860. (Zu Seite 62.)]

Aus dem Buch „Die Schwarze Tante“, Märchen und Geschichten für Kinder

(von Frau Professor Fechner in Leipzig), mit vierundvierzig der

liebenswürdigsten Illustrationen, erschienen 1848 bei Georg Wigand,

sind zwei Bilder zum „Himmelsmütterlein“ besonders reizvoll. Die

sterbende Mutter nimmt Abschied von ihrem Töchterchen und ermahnt

es, brav zu bleiben (Abb. 66), und weiter der Traum des Kindes

(Abb. 67): das verstorbene Mütterlein erscheint dem in der dunklen

Kammer eingesperrten Kinde, nimmt es zu sich auf den Schoß und

erzählt ihm vom himmlischen Paradies. -- 1849 bis 1860 folgen die

Illustrationen zur „Spinnstube“ und zu „Gesammelte Erzählungen“,

ferner zu „Des alten Schmiedjakob Geschichten“ und zu den „Rheinischen

Dorfgeschichten“, sämtlich herausgegeben von W. O. von Horn; im

ganzen fünfhundertvierundsiebzig Zeichnungen. 1873 erschien der

weitaus größte Teil derselben in einer Separatausgabe bei Sauerländer

in Frankfurt am Main. Die Verlagshandlung hatte Richter alle

Holzschnitte vorher zur Durchsicht eingesendet, der Meister zog mich

zur Auswahl zu; für manches dieser köstlichen Blätter mußte ich

eifrigst eintreten, um es der geplanten Ausgabe zu erhalten, und so

haben denn schließlich vierhundertfünfzig Blatt die Revue passiert.

Die Verlagshandlung berichtet bei dieser Ausgabe, daß Richter sich zu

dem echt volkstümlichen, gemütreichen Ton der Hornschen Erzählungen

so hingezogen fühlte, daß er sich bereits 1847 um deren Illustrierung

selbst bewarb und mit ganzer Hingebung über ein Jahrzehnt dafür wirkte.

Sein 1859 eingetretenes Augenleiden zwang ihn, die ihm lieb gewordene

Arbeit aufzugeben. In der Vorrede schreibt Dr. Weißmann am 28. August

1873: „Wenn einer der Volksschriftsteller unserer Tage würdig gewesen,

von Ludwig Richter illustriert zu werden, so ist es Horn. Hat doch

kein Künstler das deutsche Volk in seiner Erscheinung verstanden und

sein ganzes Gebaren in Leid und Freud, in ruhigem Behagen, wie in

leidenschaftlicher Erregtheit, in der naiven Lust der Kindheit, in

der herzigen Verschämtheit und Unbeholfenheit der Jugend, wie in der

steifen Selbständigkeit und in der ehrwürdigen Entsagung des Alters

dem Auge darzustellen gewußt, wie Ludwig Richter. ‚Traulich mit dem

Volke verkehren,‘ sagt Horn an einer Stelle, ‚bringt reichen Lohn.

O wieviel Tüchtiges und Treffliches umschließt das tiefe Gemüt des

Volkes! Wieviel Poesie liegt da verborgen!‘ Das hat auch Richter

erkannt, und wenn er vielleicht auch nicht in dem Maße, wie durch

seinen Seelsorgerberuf der Dichter, eindringen konnte in das innere

Leben, sein treues Auge und sein liebevolles Herz hat ihn nicht minder

vertraut gemacht mit dem Volke.“ Von den uns zur Verfügung stehenden

Handzeichnungen zu dieser Publikation bringen wir die Blätter Abb. 68

bis 76. Die beiden Zeichnungen zu der Geschichte „Jörjakob“, gezeichnet

um 1860, sind von seltener Schärfe der Charakteristik und erschütternd

im Ausdruck. Der Knabe am Bett der sterbenden Mutter, seine Hand auf

die ihrige legend, lauscht schmerzbewegt ihren letzten Segensworten

(Abb. 74). Und weiter dann die Frau und die Kinder am Bett des

verstorbenen Mannes und Vaters (Abb. 75)! Der letzte Atemzug ist getan,

die Seele aus dem Körper geschieden. Wie ist das Weib groß und echt

und wahr gezeichnet, wie sie laut schluchzend, mit beiden Händen die

Schürze vors Gesicht hält, und die Kinder, wie sie in ihrem Schmerze an

der entseelten Hülle ihres geliebten Vaters knieen. Das Kleinste steht

so unbeholfen und erstaunt neben der Mutter, wie Schutz suchend, das

kleine Wesen begreift noch gar nicht, was vorgegangen ist. Dieses Blatt

hat etwas von der Größe und Wucht und Charakteristik Rethelscher Art.

Das prächtige, höchst geistreich leicht gefärbte Blatt „Unterredung“

(Abb. 77) ist möglicherweise eine Vorarbeit zu „Eine Geschichte, wie

sie leider oft passiert“ aus den Spinnstubengeschichten von 1851.

[Illustration: Abb. 75. Zu +Jörjakob+. (Zu Seite 62.)]

1849 erscheinen „Musenklänge für Deutschlands Leierkasten“ mit

vierundzwanzig Zeichnungen von kernigem, fast derbem Humor -- und

weiter die hochkomischen, gesund und kraftvoll charakterisierten

Gestalten der „Sieben Schwaben“.

[Illustration: Abb. 76. Zu +Die Spinnerin+.

Ludwig Richter · 第 30 / 72 题