Es ist eine Eigenart Richters, daß er die menschlichen Figuren in
seinen Bildern weit über den Rahmen der „Staffage“ hinaus behandelt
und darstellt, eine Eigenart, die sich gleich bei den ersten Bildern
(Abb. 10 und 13) auffällig macht. In den „Biographischen Aufsätzen“ von
Otto Jahn finden wir in den ausgezeichnet geschriebenen „Mitteilungen
über Ludwig Richter“ diese Eigentümlichkeit unseres Meisters sehr
interessant beleuchtet und entnehmen denselben folgendes: „Man würde
irren, wollte man das Charakteristische der Richterschen Landschaft
darin sehen, daß die Staffage mit mehr Vorliebe und Sorgfalt oder
mit mehr Geschick behandelt sei, als es gewöhnlich der Fall ist.
Man kann bei Richter gar nicht mehr von Staffage sprechen, insofern
diese eine an sich unwesentliche Zugabe, ein willkommener, aber auch
wohl entbehrlicher Schmuck der Landschaft ist. Er benutzt nicht
menschliche Figuren und Gruppen, um Lücken der landschaftlichen
Komposition auszufüllen, um Abwechselung hineinzubringen, oder den
Vorgrund zu beleben, nein -- der Mensch in jenen einfachen natürlichen
Verhältnissen, welche in Wahrheit der eigentlichste und höchste
Vorwurf aller Kunst sind, ist der selbständige Gegenstand seiner
Darstellungen.“ Auch Schinkel äußert sich bei Betrachtung dieses Bildes
in den dreißiger Jahren in ähnlicher Weise: „Es wäre ein Irrtum,
wollte man meinen, das Landschaftliche sei von Richter zurückgedrängt
und etwa zum Rahmen oder auch zum Hintergrunde für die Darstellung
menschlicher Empfindung oder Tätigkeit herabgesetzt. Im Gegenteil, die
Landschaft erscheint in ihrer vollen Selbständigkeit, als ein Ganzes in
Auffassung und Ausführung und nicht bloß äußerlich als Grundlage und
Umgebung des menschlichen Tuns und Treibens“ usw. Er sagt zum Schluß:
„Für einen solchen wahren Künstler existieren schulmäßige Gegensätze
nicht, wie die von Genre und Landschaft; aus sich heraus schafft er
Werke, aus denen die Theorie lernen mag, daß die echte Kunst frei und
unerschöpflich ist, wie die Natur, deren Grundgesetze auch die ihrigen
sind.“
In den folgenden Ölbildern, die des Meisters Staffelei verlassen,
hält er unentwegt fest an dieser Steigerung des Figürlichen: er
hebt dasselbe sogar in einigen Bildern noch mehr hervor, wie in der
„Überfahrt am Schreckenstein“ (Abb. 26) und in dem „Brautzug im
Frühling“ (Abb. 58). Ein einziges Bild kenne ich von ihm, in welchem er
sich im Figürlichen nur auf eine untergeordnete Staffage beschränkt;
es ist die „Apenninenaussicht“, ein Blick auf das Volskergebirge vom
Stadttor von Palestrina.
Aus dem Jahre 1827 ist das Porträt Richters, von seinem Freund Karl
Peschel gezeichnet (Abb. 15).
[Illustration: Abb. 41. +Helene.+ Gezeichnet 1842. (Zu Seite 51.)]
[Illustration: Abb. 42. +Abendandacht.+ Ölbild. 1842. Museum zu
Leipzig. (Zu Seite 51.)]
Die Aussichten wurden jetzt für Richter recht trübe. Freund Arnold,
welcher ihm einen Jahresgehalt von 800 Talern auf mehrere Jahre in
Aussicht gestellt hatte, zog, infolge von Geschäftsverlusten entmutigt,
sein Anerbieten zurück, und Richter mußte nun wieder in der Hauptsache
„An- und Aussichten“ radieren.
1828 wurde ihm eine erledigte Lehrerstelle an der neben der berühmten
königlichen Porzellanmanufaktur in Meißen bestehenden Zeichenschule,
eine Filiale der Dresdener Kunstakademie, mit 200 Talern Gehalt
angetragen; er nahm diese Stellung an, und nach vierzehn Tagen
siedelte er nach Meißen über. Die malerisch am Ufer der Elbe gelegene
altertümliche Stadt, überragt von der herrlichen Albrechtsburg und
dem Dom, zog ihn sehr an; hatte er sich doch in Rom im stillen immer
gewünscht, in solch einer Stadt schaffen und arbeiten zu können, hatte
er doch noch ganz besonders auch an Meißen dabei gedacht. Freilich
sah das in Wirklichkeit etwas anders aus, und zu rechter Freudigkeit
kam er dort nicht. Er schildert selbst zwar das Leben in dem an der
hohen Schloßbrücke gelegenen alten Hause, dem „Burglehen“, mit sieben
Stockwerken, von denen fünf unter dem Niveau der Schloßbrücke lagen,
die behagliche im obersten Stockwerk befindliche originelle Wohnung,
mit dem herrlichen Blick auf das altehrwürdige Schloß und die weite,
weite Fern- und Umsicht; er schildert das Leben im Hause mit der
jungen Frau und später mit den Kindern (am Tage Mariä Himmelfahrt
1828 war sein erstes Kind Maria geboren), wie er am Abend, den Kindern
zeichnend Geschichten und Märchen erzählte, oder zur Gitarre am blauen
Bande sang, wie das in damaliger Zeit allgemein beliebt war und welche
besonderen Freuden- und Festtage es waren, wenn die Freunde aus Dresden
ihn besuchten. Hier im Hause fanden die jungen Eheleute freundlichen
Verkehr mit einer Predigerswitwe und deren zwei liebenswürdigen schönen
Töchtern; Richter erinnert sich dieser später, als er die Blätter zum
Landprediger von Wakefield zeichnete (Abb. 35). Der Kunstforscher J.
D. Passavant suchte ihn in Meißen auf, auch Freund Maydell auf seiner
Rückreise nach Rußland, ebenso Richard Rothe auf der Reise von Rom nach
Wittenberg, wohin er als Lehrer am theologischen Seminar berufen war.
Richter schreibt über den Besuch des letzteren: „Mir war es eine innige
Freude, den teuren römischen Freund wiederzusehen; denn für mich waren
diese ‚Römer‘ alle mit einer Lichtatmosphäre umgeben, im Gefühl der so
glücklich mit ihnen in Rom verlebten Tage.“ An einer anderen Stelle
der Biographie schreibt er: „Welches Glück und welchen Segen gewährt
eine Verbindung mit so herzlichen Freunden in der frischen Jugendzeit,
wenn sie gemeinsam nach den idealsten Zielen streben; in einer
Umgebung, welche die reichsten, bedeutendsten Anregungen bietet. Durch
nichts beengt, genügsam und deshalb um so sorgenfreier, durchleben
sie einige Jahre goldener Freiheit; die Erinnerung daran durchduftet
wie ein Blumengeruch das ganze Leben und trägt Poesie in die Prosa
oder Schwüle, welche spätere Jahre unvermeidlich mit sich bringen und
bringen müssen, wenn der Mensch sich tüchtig entwickeln soll.“
[Illustration: Abb. 43. Zu +Stumme Liebe+. Musäus’ Volksmärchen. 1842.
Mit Genehmigung der Verlagshandlung Haendcke & Lehmkuhl in Hamburg. (Zu
Seite 51.)]
Die Meißner Zeichenschule war wie die Porzellanmanufaktur in der
Albrechtsburg untergebracht, die Schule selbst mit guten, zum Teil
vorzüglichen alten Gemälden, unter anderem Bilder von Palma vecchio,
ausgestattet, welche nach Schließung der Schule in die Dresdener
Galerie, von der sie einst entlehnt waren, zurückgebracht wurden. Der
Meister wanderte nun täglich -- er wohnte hoch oben über der Stadt
im Bereiche zweier Burgtore -- über die mit hohen Zinnen bekrönte
Schloßbrücke mit herrlichem Blick auf das Meisatal, auf die tief
unten liegende Stadt, den Elbstrom und das weite Tal bis nach den
böhmischen Bergen hin, durch das innere Burgtor über den schönen
Dom- und Schloßplatz, aber, wie schön das auch war -- er fühlte sich
wie verbannt und vereinsamt. Die mit ihm tätigen Lehrer, unter
ihnen der sehr geschätzte Glasmaler Scheinert, kamen in kein näheres
Verhältnis zu ihm; zudem war seine Gesundheit nicht die beste und
nicht die festeste, und so ist ihm die Zeit bis zum Dezember 1836,
wo die Zeichenschule aufgehoben wurde, eigentlich doch mehr eine
Leidenszeit gewesen. Von seinen ersten Schülern nennen wir Pulian, der
später in Düsseldorf lebte, und den früh in Rom verstorbenen Haach.
Aus dem Jahre 1828 ist die reizvolle Federzeichnung (Abb. 16), eine
komponierte Landschaft: Blick über hügeliges, mit jungem Kastanienwald
bestandenem Terrain nach aus der Ebene sich erhebenden Bergzügen (es
ist der Monte Gennaro mit den Vorbergen von Monticelli). Für einen
Kunstfreund Demiani in Leipzig führte er seine +erste+ Aquarelle --
vielleicht schon 1828 -- aus, einen Erntezug in der Campagna, eine
zweite Aquarelle kam in die Sammlung des Königs Friedrich August;
die Aquarellmalerei machte ihm große Freude. Hier in Meißen malte er
nun eine Reihe Ölbilder nach italienischen Motiven: 1829 die schon
genannte Apenninenaussicht nach dem Volskergebirge und weiter Rocca di
Mezzo; 1830 eine Gegend am Monte Serone während eines Gewitters, jetzt
im Städelschen Institut in Frankfurt am Main, eine Ansicht von Bajä,
Blick auf Ischia und Capri, und einen Brunnen bei Arriccia an der alten
Via Appia; letztere 1831 noch einmal, mit anderen Figuren belebt, in
Aquarell (Abb. 17); sodann einen Brunnen bei Grotta Ferrata, 1834 ein
Motiv vom Lago d’Averno bei Neapel. Von den meisten seiner Bilder, die
er an den sächsischen Kunstverein verkaufte, aber auch von Bildern von
E. Oehme, Lindau in Rom, Genremaler Hantzsch, Most und Mende, radierte
er treffliche Blätter für die Kunstvereinschronik.
[Illustration: Abb. 44. Zu +Rübezahl+. Musäus’ Volksmärchen. 1842. (Zu
Seite 51.)]
Die Gedächtnisfeier des dreihundertjährigen Todestages Albrecht Dürers
wurde von den Künstlern in allen deutschen Gauen mit hoher Begeisterung
begangen. Bei Gelegenheit der Feier in Dresden wurde, angeregt durch
Freund Peschel, der Sächsische Kunstverein gegründet, welcher in der
Folge unserem Richter eine große Stütze wurde, den Künstlern vielen
Segen brachte und noch heute in Dresden in Blüte steht. Wenn ich nicht
irre, war der sächsische einer der ersten, wenn nicht überhaupt der
erste Kunstverein in Deutschland, Goethe zählte zu seinen Mitgliedern.
Am Abend dieses Tages, an welchem unser junger Meister einsam,
dienstlich verhindert, in Meißen sitzt, -- sein Gustchen war noch in
Dresden zurückgeblieben, weil die gemietete Wohnung noch nicht frei
war, -- und an die in Dresden festlich versammelten Genossen denkt,
bringt ihm der Postbote eine Sendung von Arnolds Kunsthandlung in
Dresden: „Dürers Leben der Maria.“ Mit welch wonnigem Gefühl betrachtet
er die herrlichen Blätter, die er bei Philipp Veit in Rom kennen
gelernt! Für 22 Taler waren sie sein eigen geworden! Welche hohe Summe
für seine Verhältnisse! Aber wieviel Zinsen hat sie ihm auch gebracht!
-- 1830 radierte er eine Folge von sechs Blättern „Malerische Ansichten
aus den Umgebungen von Salzburg“ für C. Börner in Leipzig, der in
Rom als Maler mit ihm zusammen war, die ausübende Kunst aber aufgab,
einen Kunsthandel und Kunstverlag gründete und bis an sein Lebensende
mit Richter in regem Verkehr blieb; 1832 erscheint eine zweite Folge:
„Malerische Ansichten aus den Umgebungen von Rom“ in demselben Verlag.
Wir bringen von jeder Folge ein Blatt (Abb. 18 und 19).
[Illustration: Abb. 45. Zu +Stumme Liebe+. Musäus’ Volksmärchen. 1842.
(Zu Seite 51.)]
1831 zeichnete Freund Adolf Zimmermann unseres jungen Meisters Bild bei
Gelegenheit eines Besuches in Meißen (Abb. 20). 1832 erschien das Buch
„Biblische Historien“ von Franz Zahn. Richter war aufgefordert worden,
im Verein mit C. Peschel und Berthold Illustrationen für Lithographie
zu diesem Buche zu zeichnen; er übernahm davon dreizehn Blatt,
davon ist eins „Die Vertreibung aus dem Paradies“ (Abb. 21). Diese
Zeichnungen waren der Anfang seiner Tätigkeit als Illustrator; ein
kleiner Anfang und -- bis ans Ende seiner gesamten Tätigkeit hat man
3336 Blätter gezählt, welche er für Vervielfältigungen jeglicher Art
gezeichnet hat; nicht eingeschlossen ist die lange, stattliche Reihe
von Handzeichnungen. Welch eine reiche Tätigkeit! Noch ahnte Richter
aber nicht, wo bei ihm der Schwerpunkt seiner hohen künstlerischen
Veranlagung lag. Im folgenden Jahre malte er den „Erntezug in der
römischen Campagna“, jetzt im Museum zu Leipzig (Abb. 22), 1834 eine
„Abendandacht vor einem Madonnenbilde, Gegend am Monte Serone.“ Für
die Arnoldsche Buchhandlung radierte er „Die Sächsische Schweiz“, eine
Anzahl größerer und kleinerer Darstellungen. Wir geben 2 davon in Abb.
23 und 24. Nun wurde er auch beauftragt, zum historischen Bildersaal
der sächsischen Geschichte von A. Textor Zeichnungen für Lithographie
zu liefern, bis zum Jahre 1836 dreiundzwanzig Zeichnungen. Er wagt
sich an die rein figürlichen Darstellungen, fürchtet sich aber vor der
abfälligen Kritik der Fachmänner, der Figurenmaler.
Inzwischen hatte er auch versucht, weil die Erinnerungen an die
italienische landschaftliche Natur mehr und mehr an Intensivität
verloren haben mochten, Bilder kleineren Formates nach Motiven aus
Meißen und Umgebung zu malen, unter anderem eine Ansicht des imposanten
Meißner Schlosses, einen herbstlichen Wald mit Staffage und 1835 eine
Sommerlandschaft aus dem Triebischtal. Er ist aber immer noch im Bann
der italienischen Landschaft.
[Illustration: Abb. 46. Zu +Melechsala+. Musäus’ Volksmärchen. 1842.
(Zu Seite 51.)]
Jetzt kam eine schwere Zeit für Richter. Das 1834 gemalte Ölbild vom
Lago d’Averno verkaufte er nicht, ebensowenig das unter Krankheit
vollendete „Rocca di Mezzo“. Bis jetzt waren die Einnahmen noch
auskömmlich gewesen, nun wurde seine Lage sehr ernst. Durch den
Geschichtsmaler Karl Bähr, später Lehrer an der Kunstakademie in
Dresden, wurde ihm der Auftrag, für einen Kunstfreund in Reval eine
italienische Landschaft zu malen. Nach einigen Monaten war das Bild,
ein Motiv von Aqua Acetosa, dem Sauerbrunnen am Tiber bei Rom, fertig.
Bähr beabsichtigte mit dem Architekten Herrmann nach Rom zu reisen
und hätte unseren Richter gern mitgenommen, deshalb hatte er die
Bestellung auch ausgewirkt. Richter konnte an eine so weite Reise
nicht denken, hoffte aber, Freund Bähr bis nach Oberitalien begleiten
zu können, um am Gardasee, dem Eingang zum „gelobten Lande“, Studien
zu machen. Für die italienischen Seen und deren Seitentäler hatte er
immer eine besondere Schwärmerei. 1867 schreibt er nach Rom an dort
weilende Schüler: „Ich denke im Herbst dieses Jahres einen Anlauf auf
den Gardasee zu nehmen. Ich bin immer der Meinung, es müsse dort etwas
Erkleckliches für den Landschafter abfallen können; auch scheint mir
das Italien, wie man es an jenen Seen findet, dem Ideal zu entsprechen,
das man im allgemeinen in Deutschland von dem schönen Lande hat.“ Da
erkrankte seine Frau schwer und ernst an einer Abszeßbildung, die große
Schmerzen verursachte und lebensgefährlich war. Ernst Rietschels, des
Bildhauers, erste Frau war demselben Leiden kurz vorher erlegen. Die
Kranke wurde schwächer und schwächer, bis nach langen, bangen Wochen
endlich eine Wendung eintrat und die Gefahr vorüber war. Inzwischen
waren die Reisegefährten längst nach Italien abgereist und Richters
Reisekasse durch die Krankheit arg zusammengeschmolzen. Auf Zureden
seiner genesenen Frau unternahm er eine zwölftägige Reise durch das
Elbtal nach Böhmen. Jedem, der aus Sachsen bei Tetschen in das
Böhmerland eintritt, wird der mit einemmal ganz veränderte, weitaus
mehr südliche Charakter der Landschaft überraschen. Das hat auch unser
wandernder Maler erfahren. Die Augen gingen ihm plötzlich auf über die
Schönheit dieser deutschen Landschaft. An der Elbe zwischen Aussig und
Lobositz sammelte er nach Möglichkeit Skizzen. Am Schreckenstein, der
Lurlei der Elbe, einem steil in die Elbe abfallenden Klinksteinfelsen
von ziemlicher Höhe, bekrönt durch malerische, ausgedehnte Ruinen der
von den Hussiten 1426 zerstörten Burg, fand er besonders reiche und
schöne Motive. Und nun war unser Meister von seiner fast krankhaften
Sehnsucht nach Italien geheilt.
„Aug’, mein Aug’ was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kehrt ihr wieder?
Weg, du Traum, so Gold du bist;
Hier auch Lieb’ und Leben ist!“
[Illustration: Abb. 47. +Harmlose Freude.+ Aus Nieritz’ Volkskalender.
1855.