Nach der Farbenskizze. (Zu Seite 49.)]

Es ist eine Eigenart Richters, daß er die menschlichen Figuren in

seinen Bildern weit über den Rahmen der „Staffage“ hinaus behandelt

und darstellt, eine Eigenart, die sich gleich bei den ersten Bildern

(Abb. 10 und 13) auffällig macht. In den „Biographischen Aufsätzen“ von

Otto Jahn finden wir in den ausgezeichnet geschriebenen „Mitteilungen

über Ludwig Richter“ diese Eigentümlichkeit unseres Meisters sehr

interessant beleuchtet und entnehmen denselben folgendes: „Man würde

irren, wollte man das Charakteristische der Richterschen Landschaft

darin sehen, daß die Staffage mit mehr Vorliebe und Sorgfalt oder

mit mehr Geschick behandelt sei, als es gewöhnlich der Fall ist.

Man kann bei Richter gar nicht mehr von Staffage sprechen, insofern

diese eine an sich unwesentliche Zugabe, ein willkommener, aber auch

wohl entbehrlicher Schmuck der Landschaft ist. Er benutzt nicht

menschliche Figuren und Gruppen, um Lücken der landschaftlichen

Komposition auszufüllen, um Abwechselung hineinzubringen, oder den

Vorgrund zu beleben, nein -- der Mensch in jenen einfachen natürlichen

Verhältnissen, welche in Wahrheit der eigentlichste und höchste

Vorwurf aller Kunst sind, ist der selbständige Gegenstand seiner

Darstellungen.“ Auch Schinkel äußert sich bei Betrachtung dieses Bildes

in den dreißiger Jahren in ähnlicher Weise: „Es wäre ein Irrtum,

wollte man meinen, das Landschaftliche sei von Richter zurückgedrängt

und etwa zum Rahmen oder auch zum Hintergrunde für die Darstellung

menschlicher Empfindung oder Tätigkeit herabgesetzt. Im Gegenteil, die

Landschaft erscheint in ihrer vollen Selbständigkeit, als ein Ganzes in

Auffassung und Ausführung und nicht bloß äußerlich als Grundlage und

Umgebung des menschlichen Tuns und Treibens“ usw. Er sagt zum Schluß:

„Für einen solchen wahren Künstler existieren schulmäßige Gegensätze

nicht, wie die von Genre und Landschaft; aus sich heraus schafft er

Werke, aus denen die Theorie lernen mag, daß die echte Kunst frei und

unerschöpflich ist, wie die Natur, deren Grundgesetze auch die ihrigen

sind.“

In den folgenden Ölbildern, die des Meisters Staffelei verlassen,

hält er unentwegt fest an dieser Steigerung des Figürlichen: er

hebt dasselbe sogar in einigen Bildern noch mehr hervor, wie in der

„Überfahrt am Schreckenstein“ (Abb. 26) und in dem „Brautzug im

Frühling“ (Abb. 58). Ein einziges Bild kenne ich von ihm, in welchem er

sich im Figürlichen nur auf eine untergeordnete Staffage beschränkt;

es ist die „Apenninenaussicht“, ein Blick auf das Volskergebirge vom

Stadttor von Palestrina.

Aus dem Jahre 1827 ist das Porträt Richters, von seinem Freund Karl

Peschel gezeichnet (Abb. 15).

[Illustration: Abb. 41. +Helene.+ Gezeichnet 1842. (Zu Seite 51.)]

[Illustration: Abb. 42. +Abendandacht.+ Ölbild. 1842. Museum zu

Leipzig. (Zu Seite 51.)]

Die Aussichten wurden jetzt für Richter recht trübe. Freund Arnold,

welcher ihm einen Jahresgehalt von 800 Talern auf mehrere Jahre in

Aussicht gestellt hatte, zog, infolge von Geschäftsverlusten entmutigt,

sein Anerbieten zurück, und Richter mußte nun wieder in der Hauptsache

„An- und Aussichten“ radieren.

1828 wurde ihm eine erledigte Lehrerstelle an der neben der berühmten

königlichen Porzellanmanufaktur in Meißen bestehenden Zeichenschule,

eine Filiale der Dresdener Kunstakademie, mit 200 Talern Gehalt

angetragen; er nahm diese Stellung an, und nach vierzehn Tagen

siedelte er nach Meißen über. Die malerisch am Ufer der Elbe gelegene

altertümliche Stadt, überragt von der herrlichen Albrechtsburg und

dem Dom, zog ihn sehr an; hatte er sich doch in Rom im stillen immer

gewünscht, in solch einer Stadt schaffen und arbeiten zu können, hatte

er doch noch ganz besonders auch an Meißen dabei gedacht. Freilich

sah das in Wirklichkeit etwas anders aus, und zu rechter Freudigkeit

kam er dort nicht. Er schildert selbst zwar das Leben in dem an der

hohen Schloßbrücke gelegenen alten Hause, dem „Burglehen“, mit sieben

Stockwerken, von denen fünf unter dem Niveau der Schloßbrücke lagen,

die behagliche im obersten Stockwerk befindliche originelle Wohnung,

mit dem herrlichen Blick auf das altehrwürdige Schloß und die weite,

weite Fern- und Umsicht; er schildert das Leben im Hause mit der

jungen Frau und später mit den Kindern (am Tage Mariä Himmelfahrt

1828 war sein erstes Kind Maria geboren), wie er am Abend, den Kindern

zeichnend Geschichten und Märchen erzählte, oder zur Gitarre am blauen

Bande sang, wie das in damaliger Zeit allgemein beliebt war und welche

besonderen Freuden- und Festtage es waren, wenn die Freunde aus Dresden

ihn besuchten. Hier im Hause fanden die jungen Eheleute freundlichen

Verkehr mit einer Predigerswitwe und deren zwei liebenswürdigen schönen

Töchtern; Richter erinnert sich dieser später, als er die Blätter zum

Landprediger von Wakefield zeichnete (Abb. 35). Der Kunstforscher J.

D. Passavant suchte ihn in Meißen auf, auch Freund Maydell auf seiner

Rückreise nach Rußland, ebenso Richard Rothe auf der Reise von Rom nach

Wittenberg, wohin er als Lehrer am theologischen Seminar berufen war.

Richter schreibt über den Besuch des letzteren: „Mir war es eine innige

Freude, den teuren römischen Freund wiederzusehen; denn für mich waren

diese ‚Römer‘ alle mit einer Lichtatmosphäre umgeben, im Gefühl der so

glücklich mit ihnen in Rom verlebten Tage.“ An einer anderen Stelle

der Biographie schreibt er: „Welches Glück und welchen Segen gewährt

eine Verbindung mit so herzlichen Freunden in der frischen Jugendzeit,

wenn sie gemeinsam nach den idealsten Zielen streben; in einer

Umgebung, welche die reichsten, bedeutendsten Anregungen bietet. Durch

nichts beengt, genügsam und deshalb um so sorgenfreier, durchleben

sie einige Jahre goldener Freiheit; die Erinnerung daran durchduftet

wie ein Blumengeruch das ganze Leben und trägt Poesie in die Prosa

oder Schwüle, welche spätere Jahre unvermeidlich mit sich bringen und

bringen müssen, wenn der Mensch sich tüchtig entwickeln soll.“

[Illustration: Abb. 43. Zu +Stumme Liebe+. Musäus’ Volksmärchen. 1842.

Mit Genehmigung der Verlagshandlung Haendcke & Lehmkuhl in Hamburg. (Zu

Seite 51.)]

Die Meißner Zeichenschule war wie die Porzellanmanufaktur in der

Albrechtsburg untergebracht, die Schule selbst mit guten, zum Teil

vorzüglichen alten Gemälden, unter anderem Bilder von Palma vecchio,

ausgestattet, welche nach Schließung der Schule in die Dresdener

Galerie, von der sie einst entlehnt waren, zurückgebracht wurden. Der

Meister wanderte nun täglich -- er wohnte hoch oben über der Stadt

im Bereiche zweier Burgtore -- über die mit hohen Zinnen bekrönte

Schloßbrücke mit herrlichem Blick auf das Meisatal, auf die tief

unten liegende Stadt, den Elbstrom und das weite Tal bis nach den

böhmischen Bergen hin, durch das innere Burgtor über den schönen

Dom- und Schloßplatz, aber, wie schön das auch war -- er fühlte sich

wie verbannt und vereinsamt. Die mit ihm tätigen Lehrer, unter

ihnen der sehr geschätzte Glasmaler Scheinert, kamen in kein näheres

Verhältnis zu ihm; zudem war seine Gesundheit nicht die beste und

nicht die festeste, und so ist ihm die Zeit bis zum Dezember 1836,

wo die Zeichenschule aufgehoben wurde, eigentlich doch mehr eine

Leidenszeit gewesen. Von seinen ersten Schülern nennen wir Pulian, der

später in Düsseldorf lebte, und den früh in Rom verstorbenen Haach.

Aus dem Jahre 1828 ist die reizvolle Federzeichnung (Abb. 16), eine

komponierte Landschaft: Blick über hügeliges, mit jungem Kastanienwald

bestandenem Terrain nach aus der Ebene sich erhebenden Bergzügen (es

ist der Monte Gennaro mit den Vorbergen von Monticelli). Für einen

Kunstfreund Demiani in Leipzig führte er seine +erste+ Aquarelle --

vielleicht schon 1828 -- aus, einen Erntezug in der Campagna, eine

zweite Aquarelle kam in die Sammlung des Königs Friedrich August;

die Aquarellmalerei machte ihm große Freude. Hier in Meißen malte er

nun eine Reihe Ölbilder nach italienischen Motiven: 1829 die schon

genannte Apenninenaussicht nach dem Volskergebirge und weiter Rocca di

Mezzo; 1830 eine Gegend am Monte Serone während eines Gewitters, jetzt

im Städelschen Institut in Frankfurt am Main, eine Ansicht von Bajä,

Blick auf Ischia und Capri, und einen Brunnen bei Arriccia an der alten

Via Appia; letztere 1831 noch einmal, mit anderen Figuren belebt, in

Aquarell (Abb. 17); sodann einen Brunnen bei Grotta Ferrata, 1834 ein

Motiv vom Lago d’Averno bei Neapel. Von den meisten seiner Bilder, die

er an den sächsischen Kunstverein verkaufte, aber auch von Bildern von

E. Oehme, Lindau in Rom, Genremaler Hantzsch, Most und Mende, radierte

er treffliche Blätter für die Kunstvereinschronik.

[Illustration: Abb. 44. Zu +Rübezahl+. Musäus’ Volksmärchen. 1842. (Zu

Seite 51.)]

Die Gedächtnisfeier des dreihundertjährigen Todestages Albrecht Dürers

wurde von den Künstlern in allen deutschen Gauen mit hoher Begeisterung

begangen. Bei Gelegenheit der Feier in Dresden wurde, angeregt durch

Freund Peschel, der Sächsische Kunstverein gegründet, welcher in der

Folge unserem Richter eine große Stütze wurde, den Künstlern vielen

Segen brachte und noch heute in Dresden in Blüte steht. Wenn ich nicht

irre, war der sächsische einer der ersten, wenn nicht überhaupt der

erste Kunstverein in Deutschland, Goethe zählte zu seinen Mitgliedern.

Am Abend dieses Tages, an welchem unser junger Meister einsam,

dienstlich verhindert, in Meißen sitzt, -- sein Gustchen war noch in

Dresden zurückgeblieben, weil die gemietete Wohnung noch nicht frei

war, -- und an die in Dresden festlich versammelten Genossen denkt,

bringt ihm der Postbote eine Sendung von Arnolds Kunsthandlung in

Dresden: „Dürers Leben der Maria.“ Mit welch wonnigem Gefühl betrachtet

er die herrlichen Blätter, die er bei Philipp Veit in Rom kennen

gelernt! Für 22 Taler waren sie sein eigen geworden! Welche hohe Summe

für seine Verhältnisse! Aber wieviel Zinsen hat sie ihm auch gebracht!

-- 1830 radierte er eine Folge von sechs Blättern „Malerische Ansichten

aus den Umgebungen von Salzburg“ für C. Börner in Leipzig, der in

Rom als Maler mit ihm zusammen war, die ausübende Kunst aber aufgab,

einen Kunsthandel und Kunstverlag gründete und bis an sein Lebensende

mit Richter in regem Verkehr blieb; 1832 erscheint eine zweite Folge:

„Malerische Ansichten aus den Umgebungen von Rom“ in demselben Verlag.

Wir bringen von jeder Folge ein Blatt (Abb. 18 und 19).

[Illustration: Abb. 45. Zu +Stumme Liebe+. Musäus’ Volksmärchen. 1842.

(Zu Seite 51.)]

1831 zeichnete Freund Adolf Zimmermann unseres jungen Meisters Bild bei

Gelegenheit eines Besuches in Meißen (Abb. 20). 1832 erschien das Buch

„Biblische Historien“ von Franz Zahn. Richter war aufgefordert worden,

im Verein mit C. Peschel und Berthold Illustrationen für Lithographie

zu diesem Buche zu zeichnen; er übernahm davon dreizehn Blatt,

davon ist eins „Die Vertreibung aus dem Paradies“ (Abb. 21). Diese

Zeichnungen waren der Anfang seiner Tätigkeit als Illustrator; ein

kleiner Anfang und -- bis ans Ende seiner gesamten Tätigkeit hat man

3336 Blätter gezählt, welche er für Vervielfältigungen jeglicher Art

gezeichnet hat; nicht eingeschlossen ist die lange, stattliche Reihe

von Handzeichnungen. Welch eine reiche Tätigkeit! Noch ahnte Richter

aber nicht, wo bei ihm der Schwerpunkt seiner hohen künstlerischen

Veranlagung lag. Im folgenden Jahre malte er den „Erntezug in der

römischen Campagna“, jetzt im Museum zu Leipzig (Abb. 22), 1834 eine

„Abendandacht vor einem Madonnenbilde, Gegend am Monte Serone.“ Für

die Arnoldsche Buchhandlung radierte er „Die Sächsische Schweiz“, eine

Anzahl größerer und kleinerer Darstellungen. Wir geben 2 davon in Abb.

23 und 24. Nun wurde er auch beauftragt, zum historischen Bildersaal

der sächsischen Geschichte von A. Textor Zeichnungen für Lithographie

zu liefern, bis zum Jahre 1836 dreiundzwanzig Zeichnungen. Er wagt

sich an die rein figürlichen Darstellungen, fürchtet sich aber vor der

abfälligen Kritik der Fachmänner, der Figurenmaler.

Inzwischen hatte er auch versucht, weil die Erinnerungen an die

italienische landschaftliche Natur mehr und mehr an Intensivität

verloren haben mochten, Bilder kleineren Formates nach Motiven aus

Meißen und Umgebung zu malen, unter anderem eine Ansicht des imposanten

Meißner Schlosses, einen herbstlichen Wald mit Staffage und 1835 eine

Sommerlandschaft aus dem Triebischtal. Er ist aber immer noch im Bann

der italienischen Landschaft.

[Illustration: Abb. 46. Zu +Melechsala+. Musäus’ Volksmärchen. 1842.

(Zu Seite 51.)]

Jetzt kam eine schwere Zeit für Richter. Das 1834 gemalte Ölbild vom

Lago d’Averno verkaufte er nicht, ebensowenig das unter Krankheit

vollendete „Rocca di Mezzo“. Bis jetzt waren die Einnahmen noch

auskömmlich gewesen, nun wurde seine Lage sehr ernst. Durch den

Geschichtsmaler Karl Bähr, später Lehrer an der Kunstakademie in

Dresden, wurde ihm der Auftrag, für einen Kunstfreund in Reval eine

italienische Landschaft zu malen. Nach einigen Monaten war das Bild,

ein Motiv von Aqua Acetosa, dem Sauerbrunnen am Tiber bei Rom, fertig.

Bähr beabsichtigte mit dem Architekten Herrmann nach Rom zu reisen

und hätte unseren Richter gern mitgenommen, deshalb hatte er die

Bestellung auch ausgewirkt. Richter konnte an eine so weite Reise

nicht denken, hoffte aber, Freund Bähr bis nach Oberitalien begleiten

zu können, um am Gardasee, dem Eingang zum „gelobten Lande“, Studien

zu machen. Für die italienischen Seen und deren Seitentäler hatte er

immer eine besondere Schwärmerei. 1867 schreibt er nach Rom an dort

weilende Schüler: „Ich denke im Herbst dieses Jahres einen Anlauf auf

den Gardasee zu nehmen. Ich bin immer der Meinung, es müsse dort etwas

Erkleckliches für den Landschafter abfallen können; auch scheint mir

das Italien, wie man es an jenen Seen findet, dem Ideal zu entsprechen,

das man im allgemeinen in Deutschland von dem schönen Lande hat.“ Da

erkrankte seine Frau schwer und ernst an einer Abszeßbildung, die große

Schmerzen verursachte und lebensgefährlich war. Ernst Rietschels, des

Bildhauers, erste Frau war demselben Leiden kurz vorher erlegen. Die

Kranke wurde schwächer und schwächer, bis nach langen, bangen Wochen

endlich eine Wendung eintrat und die Gefahr vorüber war. Inzwischen

waren die Reisegefährten längst nach Italien abgereist und Richters

Reisekasse durch die Krankheit arg zusammengeschmolzen. Auf Zureden

seiner genesenen Frau unternahm er eine zwölftägige Reise durch das

Elbtal nach Böhmen. Jedem, der aus Sachsen bei Tetschen in das

Böhmerland eintritt, wird der mit einemmal ganz veränderte, weitaus

mehr südliche Charakter der Landschaft überraschen. Das hat auch unser

wandernder Maler erfahren. Die Augen gingen ihm plötzlich auf über die

Schönheit dieser deutschen Landschaft. An der Elbe zwischen Aussig und

Lobositz sammelte er nach Möglichkeit Skizzen. Am Schreckenstein, der

Lurlei der Elbe, einem steil in die Elbe abfallenden Klinksteinfelsen

von ziemlicher Höhe, bekrönt durch malerische, ausgedehnte Ruinen der

von den Hussiten 1426 zerstörten Burg, fand er besonders reiche und

schöne Motive. Und nun war unser Meister von seiner fast krankhaften

Sehnsucht nach Italien geheilt.

„Aug’, mein Aug’ was sinkst du nieder?

Goldne Träume, kehrt ihr wieder?

Weg, du Traum, so Gold du bist;

Hier auch Lieb’ und Leben ist!“

[Illustration: Abb. 47. +Harmlose Freude.+ Aus Nieritz’ Volkskalender.

1855.

Ludwig Richter · 第 21 / 72 题