Verlag von Gebr. Paetel in Berlin. (Zu Seite 47.)]

Aus dem sonnigen, lachenden, an der Küste des Mittelländischen Meeres

liegenden Amalfi hinaufsteigend gelangt man in ein herrliches Tal

mit zu beiden Seiten terrassenförmig abfallenden, zum Teil steilen

Wänden. Zwischen Zitronen- und Orangengärten und Kastanienwäldern

taucht gar bald der im weichen Blau hell schimmernde Golf von Salerno

auf, und hier ist ungefähr der Standpunkt, den Richter für sein Bild

gewählt hat. An einem im Wald sich verlierenden Pfad lagert ein junges

Menschenpaar, ein Kindlein herzend. Talabwärts schreitet elastischen

Schrittes ein stattliches Weib, neben ihm ein Mann, der einen bepackten

Esel führt. Im blumigen Vorgrund steht, auf seinen Stab gestützt,

ein Hirt, nach dem Meer hinausschauend, links ein klares Wässerchen,

zierliche weiße Doldenpflanzen an seinen Rändern; rechts zwei Ziegen

mit einem säugenden Zicklein. Im weiteren Mittelgrunde die stolzen

Felswände, hinter dem Walde Häuser, aus denen leichter Rauch aufsteigt.

Richter schreibt über dieses Bild in seinen Lebenserinnerungen: „Auch

meine Landschaft trägt den charakteristischen Zug an sich, welcher fast

allen Bildern eigen ist, die in jener Zeit von deutschen Künstlern in

Rom gemalt wurden: eine gewisse feierliche Steifheit und Härte in den

Umrissen, Magerkeit in den Formen, Vorliebe zu senkrechten Linien,

dünner Farbenauftrag usw. Die Vorliebe für die altflorentiner und

altdeutschen Meister bannte auch in deren Handweise.“ An einer anderen

Stelle findet sich die nachfolgende hochinteressante Bemerkung, die wir

hier einfügen wollen, weil sie für die damaligen Anschauungen maßgebend

war: „Über das Zurückgreifen zu den ältesten Meistern, Giotto, Eyck

und ihren Zeitgenossen, ist mir die Äußerung des berühmten Canova zu

Baptist Bertram, dem Freunde Boisserées, merkwürdig erschienen, als er

dessen Sammlung altdeutscher und altniederländischer Gemälde, damals

noch in Heidelberg, jetzt in München, betrachtet hatte. Er meinte, hier

bei dieser ältesten Kunst müßten die Maler wieder den Faden anknüpfen,

wenn sie auf lebensvollere Bahnen kommen wollten; wer von Raffael

ausgehe, könne nicht weiter hinauf-, sondern nur hinabsteigen.“ (S.

Boisserée, „Leben und Briefe“).

[Illustration: Abb. 35. Zeichnung zum +Landprediger von Wakefield+ von

Oliver Goldsmith. Übersetzt von Ernst Susemihl. 1811. Fünfte Auflage.

C. F. Amelangs Verlag in Leipzig. (Zu Seite 38 und 47.)]

Welch einen Fortschritt zeigt dieses Bild gegen das vorher gemalte

„Rocca di Mezzo“, in dem das Absichtliche und Kulissenhafte trotz

großer Reize in der Zeichnung weniger befriedigend wirkt. Das Tal von

Amalfi ist das schwungvollste seiner italienischen Bilder und als ein

wichtiger Wendepunkt in Richters künstlerischer Entwickelung in Italien

zu betrachten. Schnorr, der ihn, als er mit der Aufzeichnung des

Bildes fertig war, besuchte, erbot sich, die ziemlich großen Figuren

des Bildes auf einer Pause zu überzeichnen; diese Überzeichnung war

so schön ausgeführt, daß Richter darüber hoch beglückt war; er hat

sie bis an sein Lebensende als ein teures Angedenken bewahrt. Das Bild

mit seinen Figuren erregte auf der Ausstellung in Dresden Aufsehen. Um

nun bei seinen weiteren Bildern in den Figuren nicht zurückzubleiben,

mußte er sich noch eingehender mit dem Studium menschlicher Figuren

beschäftigen, und schon bei einem nächsten Bilde, das er in Dresden

ausführte, gelangen ihm dieselben noch besser, und so ging es

schrittweise vorwärts, bis endlich in den späteren Zeichnungen für

den Holzschnitt die Figuren zur Hauptsache wurden und die Landschaft

in den Hintergrund trat. Insofern zweigte sich hier sein späterer und

wohl recht eigentlicher Weg von der seitherigen Bahn ab. Noch war er

sich aber bewußt, daß die ideale, sogenannte historische Landschaft

seiner innersten Neigung entsprach. Wie ganz anders aber sollte sich

seine Künstlerlaufbahn in der Folge gestalten, nach wie ganz anderen

Zielen wurde er gedrängt! Im Herbst desselben Jahres kamen noch drei

sächsische Landsleute nach Rom, die Geschichtsmaler Karl Peschel,

Zimmermann und W. von Kügelgen. Mit diesen drei Männern entwickelte

sich in der Folge ein seltenes Freundschaftsverhältnis, das in den

tiefsten und heiligsten Überzeugungen des Herzens begründet war. Und

besonders rührend war Richters Verhältnis zu Peschel, mit dem er über

vier Dezennien an der Kunstakademie als Lehrer tätig war; beide nahmen

an den gegenseitigen Arbeiten, bis der Tod sie schied, den innigsten,

ernstesten Anteil.

Am 1. April 1827 wanderte Richter wieder nordwärts, zur Porta del

Popolo hinaus, begleitet von seinem lieben Freunde Maydell und den

anderen Genossen. Am Ponte Molle trank man den üblichen Abschiedstrunk,

Maydell wanderte mit ihm bis zum Monte Soracte, hier übergab er ihm ein

kleines Büchlein, in welches er im Laufe des Winters mit der feinsten

Feder auf über 90 Seiten je 2 Bibelsprüche eingeschrieben hatte, auch

Richard Rothe hatte einige solcher hinzugefügt, dann trennten sich mit

Tränen in den Augen beide Freunde, Maydell kehrte nach Rom zurück,

Richter schritt der Heimat zu, wohin ihn ein holder Magnet zog.

[Illustration: Abb. 36. Zeichnung zum +Landprediger von Wakefield+.

(Zu Seite 47.)]

In Dresden angekommen, eilte er von den Eltern weg sogleich zu

seiner „Auguste“, einer Bekanntschaft aus der „Tanzstunde“. Auguste

Freudenberg (Abb. 14), deren Eltern in der Niederlausitz ein Landgut

in Pacht und in den Kriegsjahren große Not und die schwersten Zeiten

durchgemacht hatten und früh gestorben waren, wurde als vierjähriges

Kind von kinderlosen Verwandten, dem Akziseinnehmer Ephraim Böttger in

Dresden, an Kindes Statt angenommen und für ihre Erziehung auch höchst

gewissenhaft gesorgt. „Augustens anspruchsloses, ruhiges Wesen, das

sich doch überall resolut und heiter in praktischer Tat erwies“, war

so recht nach unseres Künstlers Sinn! Es ist wie ein Bild, von ihm

gezeichnet, wie er dieses Wiedersehen in seiner Biographie schildert.

Sein nächstes Bild in der Heimat war „Aus dem Lauterbrunner Tal“;

wohin das Bild gekommen, ist nicht bekannt. Der durch seine bedeutende

Galerie von Gemälden und Handzeichnungen bekannte Baron von Quandt in

Dresden, der damals viel Einfluß auf Kunst und Künstler hatte und sich

für Richter interessierte, ermutigte ihn zur Ausführung dieses Bildes,

um es zur Ausstellung nach Berlin zu schicken, wo man einen Lehrer für

das Landschaftsfach der Akademie suchte. Das Bild gefiel aber dort

nicht, und es kam zu keiner Berufung. Quandt bestellte bei ihm zwei

italienische Landschaften, nach Motiven von Arriccia und Civitella.

[Illustration: Abb. 37. Zeichnung zum +Landprediger von Wakefield+.

(Zu Seite 47.)]

An einem Sonntagmorgen in aller Frühe, am 4. November 1827, rollte

durch die noch ganz dunklen, stillen und engen Gassen Dresdens ein

Wagen und hielt vor der erleuchteten evangelischen Kreuzkirche;

Gemeindegesang und das Orgelspiel verhallten, der Frühgottesdienst war

zu Ende. Ein junger Mann mit seiner Braut entstiegen dem Wagen; es war

unser Richter, der, „nachdem er sieben Jahre um seine Rahel gedient und

geseufzt“, mit seinem Gustchen zum Altar trat; „wir gaben uns die Hände

in Gottes Namen und empfingen den Segen der Kirche.“ „Die angetraute

Gefährtin,“ schreibt er in der Biographie, „ward mir ein Segen und das

treueste Glück meines Lebens während der 27 Jahre, welche Gott sie mir

geschenkt.“

So war denn ein, wenn auch sehr bescheidener Hausstand gegründet. Von

einer Hochzeitsreise war selbstverständlich nicht die Rede.

[Illustration: Abb. 38. Zum +Landprediger von Wakefield+.

(Zu Seite 47.)]

Innerhalb der nächsten Monate vollendete er das für Quandt bestimmte

Bild „Abend und Heimkehr der Landleute nach Civitella“. Das Mädchen,

welches sich nach dem Beschauer wendet, trägt die Züge seines

„Gustchen“. Eine freie Wiederholung dieser Komposition aus späterer

Zeit ist Abb. 180, unter welche Dantes Vers geschrieben ist:

„Der Tag ging unter, und des Äthers Bräune

Rief die Geschöpfe, die da sind auf Erden,

Von ihrer Mühsal. -- --“

~Inferno~, 2. Gesang.

[Illustration: Abb. 39. +Teil des Figurenfrieses vom Vorhang des alten

Dresdener Hoftheaters.+ 1843.

Ludwig Richter · 第 19 / 72 题