In jener Zeit las Richter auch Stillings „Jugend- und Wanderjahre“;
gerade hier in Rom mußte dieses Stück deutschen Volkstums großen
Eindruck auf ihn machen. Besonders aber berührte ihn der fromme Sinn
des Buches und traf eine wunde Stelle seines Herzens, deren Heilung
ihm immer mehr Bedürfnis wurde. Das religiöse innere Leben Richters
war ganz unentwickelt, verkümmert, halberstickt, aber es arbeitete
mächtig in ihm. Bei dem erkrankten Freunde Oehme lernte er den
Landschaftsmaler J. Thomas und den Kupferstecher N. Hoff aus Frankfurt
und Ludwig von Maydell aus Dorpat kennen; letzterer war ein ehemaliger
russischer Ingenieuroffizier, der gegen Frankreich mitgekämpft hatte.
1824 am Silvesterabend suchte Richter, nachdem er bis zehn Uhr an
Oehmes Krankenbett gesessen, Maydell in dessen nahegelegener Wohnung
auf, wo er Hoff und Thomas traf; er erzählt von diesen für ihn so
hochbedeutenden Stunden, wie Maydell einen Aufsatz über den achten
Psalm vorgelesen, die Freunde sich dann des weiteren unterhalten, und
sagt dann: „Ich habe keine Erinnerung von dem, was an jenem Abend
gesprochen wurde; es war auch nichts Einzelnes, was mich besonders
tiefer berührt hätte; aber den Eindruck gewann ich und wurde von
ihm überwältigt, daß diese Freunde in ihrem Glauben an Gott und an
Christum, den Heiland der Welt, den Mittelpunkt ihres Lebens gefunden
hatten und alle Dinge von diesem Zentrum aus erfaßten und beurteilten.
Ihr Glaube hatte einen festen Grund im Worte Gottes, im Evangelio von
Christo. Der meinige, welcher mehr Meinung und Ansicht war, schwebte in
der Luft und war den wechselnden Gefühlen und Stimmungen unterworfen.
Still, aber im Innersten bewegt, hörte ich den Reden der Freunde zu
und war mir an jenem Abend der Umwandlung nicht bewußt, die in mir
vorging.“ -- „Und als nun das beginnende Geläute der Mitternacht den
Schluß des alten und Anfang des neuen Jahres verkündete und Thomas uns
aufforderte, diesen Übergang mit dem alten schönen Choral ‚Nun danket
alle Gott‘ zu feiern, -- da konnte ich recht freudigen Herzens mit
einstimmen. Oehmes Krankheit war der äußere Anlaß gewesen, welcher uns
zusammengeführt hatte; eine gemeinsame Geistesrichtung, die aus dem
tiefsten Bedürfnis des Herzens kam, war in dieser Stunde hervorgetreten
und hat uns für das ganze Leben treu verbunden bis ans Ende dieser
Erdentage; denn sie ruhen nun alle, und nur ich, der jüngste von
ihnen, bin der Überlebende und segne noch heute diesen für mich so
hoch bedeutsamen Silvesterabend.“ Wie ein Jauchzen erklingt es in
ihm am Neujahrsmorgen 1825: „Ich habe Gott, ich habe meinen Heiland
gefunden; nun ist alles gut, nun ist mir ewig wohl!“ und weiter: „Das
Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.“ Maydell, der
vielbelesene Protestant, nahm sich des Suchenden herzlich an und half
ihm getreulich. Besonders machte er ihn mit der Bibel und mit Luthers
Schriften bekannt. Auch Richard Rothe, der damals Prediger an der
preußischen Gesandtschaftskapelle in Rom war, nachmaliger Doktor und
Professor der Theologie und geheimer Kirchenrat zu Heidelberg, ein
Mann von großer Bedeutung, gewann viel Einfluß auf unseren suchenden
Jüngling. Auf Wunsch eines großen Teiles der evangelischen Künstler
Roms veranstaltete Rothe (Brief an seine Eltern vom 21. Februar 1824
und andere Nachrichten, vergl. Friedrich Nippold „Richard Rothe“)
Vorträge über Kirchengeschichte zur Förderung des evangelischen Sinnes
und Glaubens; diese Vorträge gingen wohl auch in recht lebhafte
Gespräche über und gaben zu mannigfaltigen Erörterungen Anlaß. Hieran
beteiligte sich unser Künstler mit größtem Eifer. Den damals in Rom
lebenden deutschen Künstlern war Kunst ohne Religion undenkbar; die
beiden Elemente waren ihnen zu +einem+ verschmolzen, von welchem sie
tief durchdrungen waren. Wie ernst die Künstler ihr Christentum nahmen
und hielten, darüber spricht sich unser Meister nach vierundvierzig
Jahren in einer Tagebuchaufzeichnung vom 20. August 1868 aus:
„Bedeutend ist die romantische Kunstperiode in Rom im Vergleich zu
den gleichzeitigen Bestrebungen der romantischen Dichter in Beziehung
zum Christentum. Die ersteren machten Ernst damit, machten es zur
Lebensaufgabe; bei letzteren war es teils Dekoration oder ästhetische
Ansicht und Meinung, bei den Künstlern ein Leben, nicht sowohl +nach+
ihrem Glauben, sondern +aus+ dem Glauben.“ Die Protestanten fanden
vielfach, dem romantischen Zuge der Zeit entsprechend, in ihrer Kirche
nicht das, was sie suchten, es neigten viele zur katholischen Kirche;
unter anderen traten die Maler von Rhoden aus Kassel und der Lübecker
Overbeck zum Katholizismus über. Es mag viel gestritten und gerungen
worden sein. Hier war auch bei den Streitigkeiten hin und her der
Vergleich zwischen den beiden christlichen Kirchen gebraucht worden,
man möge sich beide wie zwei verschiedene Regimenter vorstellen, die,
verschiedene Uniformen tragend, doch einem Könige dienten.
[Illustration: Abb. 33. +Die Lutherlinde in Ringetal.+ Radierung. 1839.