»Hm! ... Wie meinen Sie das ... daß Sie wirken?« fragte Kres

Der Doppelgänger

Von

F. M. Dostojewski

*

Übertragen von H. Röhl

Im Insel-Verlag zu Leipzig · 1921

1. Kapitel

Es war beinahe acht Uhr morgens, als der Titularrat Jakow Petrowitsch

Goljadkin nach einem langen Schlafe erwachte, gähnte, sich reckte und

schließlich völlig die Augen öffnete. Etwa zwei Minuten lang blieb er

noch, ohne sich zu regen, auf dem Bette liegen, wie ein Mensch, der noch

nicht ganz ins klare darüber gekommen ist, ob er aufgewacht ist oder

noch schläft, ob alles, was jetzt um ihn herum vorgeht, Wahrheit und

Wirklichkeit ist oder eine Fortsetzung seiner wirren Träume. Bald wurde

jedoch Herrn Goljadkins Denken klarer und deutlicher, und seine Gefühle

nahmen ihre gewöhnliche, alltägliche Stimmung an. Alles blickte ihn

bekannt an: die schmutziggrünen, verräucherten, staubigen Wände seines

kleinen Zimmerchens, seine Mahagonikommode, die Stühle von imitiertem

Mahagoni, der rot angestrichene Tisch, das türkische Wachstuchsofa von

rötlicher Farbe mit grünlichen Blümchen und endlich die gestern hastig

ausgezogenen und unordentlich auf das Sofa geworfenen Kleider. Und dann

schaute auch der graue, trübe, schmutzige Herbsttag so verdrießlich und

mit so saurer Miene durch die ungeputzten Fenster zu ihm ins Zimmer, daß

Herr Goljadkin in keiner Weise mehr daran zweifeln konnte, daß er sich

nicht in einem schönen Märchenlande, sondern in der Residenzstadt

Petersburg, in der Schestilawotschnaja-Straße, in der vierten Etage

einer sehr großen Mietskaserne, in seiner eigenen Wohnung befand.

Nachdem er diese wichtige Entdeckung gemacht hatte, schloß Herr

Goljadkin wieder krampfhaft die Augen, als bedauere er, daß der Traum,

den er soeben gehabt hatte, entschwunden sei, und als wünsche er, ihn

sich wenigstens für einen Augenblick zurückzurufen. Aber einen

Augenblick darauf sprang er mit einem Satze aus dem Bette,

wahrscheinlich, weil er endlich auf denjenigen Gegenstand gekommen war,

um den seine zerstreuten, noch nicht in die gehörige Ordnung gebrachten

Gedanken bisher herumgewirbelt waren. Nachdem er aus dem Bette

gesprungen war, lief er sogleich zu dem kleinen, runden Spiegel, der auf

der Kommode stand. Obgleich die verschlafene, kurzsichtige, ziemlich

kahlköpfige Gestalt, die ihm der Spiegel zurückwarf, einen so

unbedeutenden Eindruck machte, daß sie auf den ersten Blick entschieden

niemandes ausschließliche Aufmerksamkeit fesseln konnte, so war doch ihr

Besitzer mit alledem, was er im Spiegel erblickte, anscheinend völlig

zufrieden. »Na, das wäre eine böse Geschichte,« sagte Herr Goljadkin

halblaut, »das wäre eine böse Geschichte, wenn heute an mir etwas nicht

in Ordnung wäre, wenn z. B. irgendetwas schlecht aussähe, ich einen

störenden Pickel bekäme oder sonst eine Unannehmlichkeit passierte;

vorläufig indes ist es nicht übel; vorläufig geht alles gut.« Sehr

erfreut darüber, daß alles gut ging, stellte Herr Goljadkin den Spiegel

auf seinen früheren Platz; er selbst aber lief, trotzdem er barfuß war

und noch das Kostüm trug, in dem er sich schlafen zu legen pflegte, zum

Fenster hin und begann höchlichst interessiert mit den Augen etwas auf

dem Hofe zu suchen, auf den die Fenster seiner Wohnung hinausgingen.

Anscheinend befriedigte auch das, was er auf dem Hofe erblickte, ihn

vollkommen; denn sein Gesicht erglänzte von einem selbstzufriedenen

Lächeln. Nachdem er dann einen Blick hinter die Scheidewand in das

Kämmerchen seines Dieners Petruschka geworfen und sich überzeugt hatte,

daß Petruschka nicht darin war, ging er auf den Fußspitzen an den Tisch,

schloß an demselben eine Schublade auf, wühlte in dem hintersten Winkel

dieser Schublade umher, zog endlich aus alten, vergilbten Papieren und

allerlei Kram eine grüne, abgegriffene Brieftasche heraus, öffnete sie

behutsam und blickte vorsichtig und mit Genuß in die abgelegenste,

verborgenste Tasche derselben hinein. Wahrscheinlich schaute das

Päckchen grünlicher, grauer, bläulicher, rötlicher und sonstiger bunter

Banknoten Herrn Goljadkin ebenfalls sehr freundlich und ermutigend an:

mit strahlendem Gesichte legte er die geöffnete Brieftasche vor sich auf

den Tisch und rieb sich zum Zeichen des größten Vergnügens kräftig die

Hände. Endlich nahm er es heraus, sein entzückendes Päckchen Banknoten,

und begann, zum hundertsten Male seit dem vorigen Tage, die Scheine

durchzuzählen, wobei er einen jeden sorgsam zwischen dem Daumen und dem

Zeigefinger rieb. »Siebenhundertfünfzig Rubel!« flüsterte er zuletzt.

»Siebenhundertfünfzig Rubel ... eine tüchtige Summe! Das ist ein

hübsches Sümmchen,« fuhr er mit zitternder, durch das Gefühl der Freude

ein wenig gedämpfter Stimme fort, indem er das Päckchen in den Händen

zusammendrückte und bedeutsam lächelte. »Das ist ein hübsches Sümmchen!

Das muß jeder für ein hübsches Sümmchen halten! Jetzt möchte ich den

Menschen sehen, für den das eine unbedeutende Summe wäre! Mit einer

solchen Summe kann ein Mensch es weit bringen ...«

»Aber, was hat denn das zu bedeuten?« dachte Herr Goljadkin. »Wo ist

denn Petruschka?« Noch immer dasselbe Kostüm beibehaltend, blickte er

zum zweiten Male hinter die Scheidewand. Petruschka war dort wieder

nicht vorhanden; nur ein Samowar, der da auf dem Fußboden stand, ärgerte

sich, erboste sich und kam außer sich, indem er jeden Augenblick

überzukochen drohte und hitzig und schnell in seiner sonderbaren Sprache

schnarrend und lispelnd etwas zu Herrn Goljadkin sagte, wahrscheinlich

etwa dies: »Nehmt mich doch hin, liebe Leute; ich bin ja vollständig

fertig und bereit.«

»Hol ihn der Teufel!« dachte Herr Goljadkin. »Dieser faule Patron kann

einen schließlich wütend machen; wo mag er sich wieder herumtreiben?« In

gerechter Entrüstung begab er sich in das Vorzimmer, das aus einem

kleinen Korridor bestand, an dessen Ende eine Tür nach dem Flur führte,

und erblickte seinen Diener, umgeben von einem großen Haufen anderer

Diener, Hausgenossen und sonstigen Volkes, das sich hinzugefunden hatte.

Petruschka erzählte etwas, die andern hörten zu. Weder der Gegenstand

der Erzählung noch die Erzählung selbst schienen Herrn Goljadkin zu

gefallen. Er rief sofort Petruschka zu sich und kehrte sehr mißvergnügt,

ja empört in sein Zimmer zurück. »Dieser Racker ist imstande, für einen

Groschen einen Menschen zu verraten, und am ehesten seinen Herrn,«

dachte er im stillen; »und er hat mich auch verraten, jedenfalls hat er

mich verraten; darauf möchte ich wetten, daß er mich für eine Kopeke

verraten hat. Nun, wie ist es?«

»Die Livree ist gekommen, Herr!«

»Zieh sie an und komm her!«

Nachdem Petruschka die Livree angezogen hatte, trat er, dumm lächelnd,

in das Zimmer seines Herrn. Er trug nun eine grüne, stark abgenutzte

Bedientenlivree mit ausgefaserten goldenen Tressen, die anscheinend für

jemand angefertigt war, der eine ganze Elle größer war als Petruschka.

In der Hand hielt er einen gleichfalls mit Tressen besetzten und mit

grünen Federn geschmückten Hut, und an der Hüfte hing ihm ein

Hirschfänger in lederner Scheide.

Zur Vervollständigung des Bildes war Petruschka zufolge seiner

Lieblingsgewohnheit, zu Hause immer im Negligé herumzulaufen, auch jetzt

barfuß. Herr Goljadkin musterte Petruschka von allen Seiten und schien

zufrieden zu sein. Die Livree war augenscheinlich aus irgendwelchem

feierlichen Anlaß geliehen. Bemerkenswert war noch, daß während der

Musterung Petruschka seinen Herrn mit seltsamer Spannung anblickte und

mit besonderer Neugier alle Bewegungen desselben verfolgte, was Herrn

Goljadkin äußerst verlegen machte.

»Nun, und der Wagen?«

»Der Wagen ist auch gekommen.«

»Auf den ganzen Tag?«

»Ja, auf den ganzen Tag. Fünfundzwanzig Rubel.«

»Sind auch die Stiefel gekommen?«

»Jawohl.«

»Tölpel! Kannst du nicht sagen: >Jawohl, Herr!<? Gib sie her!« Nachdem

Herr Goljadkin seiner Freude darüber Ausdruck gegeben hatte, daß die

Stiefel gut paßten, befahl er, ihm Tee, Waschwasser und das Rasierzeug

zu bringen. Er rasierte und wusch sich sehr sorgfältig, schlürfte hastig

seinen Tee und schickte sich dann an, große Toilette zu machen: er zog

fast ganz neue Beinkleider an, dann ein Chemisett mit Messingknöpfchen

und eine Weste mit sehr hellen, hübschen Blümchen; um den Hals band er

sich ein buntseidenes Halstuch, und zuletzt legte er einen ebenfalls

fast neuen, sorgsam abgebürsteten Uniformrock an. Nachdem er sich so

angekleidet hatte, betrachtete er mehrmals liebevoll seine Stiefel, hob

alle Augenblicke bald den einen, bald den andern Fuß in die Höhe,

bewunderte die Fasson und flüsterte immer etwas vor sich hin, indem er

ab und zu seinem eigenen Ich mit einer ausdrucksvollen Grimasse

zublinkte. Übrigens mußte Herr Goljadkin wohl an diesem Morgen äußerst

zerstreut sein, da er fast gar nicht bemerkte, wie Petruschka, der ihm

beim Ankleiden behilflich war, über ihn lächelte und grinste. Als Herr

Goljadkin endlich alles Erforderliche in Ordnung gebracht hatte und

vollständig angekleidet war, steckte er seine Brieftasche ein, warf noch

einen bewundernden Blick auf Petruschka, der sich die Stiefel angezogen

hatte und somit ebenfalls völlig bereit war, und lief, nachdem er sich

überzeugt hatte, daß alles ausgeführt und zu weiterem Warten kein Grund

sei, eilig und geschäftig mit etwas Herzklopfen seine Treppe hinunter.

Eine himmelblaue Mietskutsche mit einer Art von Wappen fuhr mit starkem

Gepolter an der Haustür vor. Petruschka wechselte mit dem Kutscher und

einigen Gaffern verständnisvolle Blicke, half seinem Herrn beim

Einsteigen in den Wagen, rief mit gekünstelter Stimme, nur mit Mühe ein

albernes Lachen unterdrückend, dem Kutscher »Vorwärts!« zu, sprang auf

das hinten befindliche Wagenbrett, und lärmend und polternd, klirrend

und rasselnd rollte die blaue Kutsche in der Richtung nach dem

Newski-Prospekte davon. Kaum hatte sie den Torweg passiert, als Herr

Goljadkin sich kräftig die Hände rieb und in ein leises, unhörbares

Gelächter ausbrach, wie ein zur Heiterkeit veranlagter Mensch, dem es

gelungen ist, einen prächtigen Streich auszuführen, über den er nun das

allergrößte Vergnügen empfindet. Übrigens machte sogleich nach dem

Heiterkeitsausbruche das Gelächter einem eigentümlich sorgenvollen

Ausdruck auf Herrn Goljadkins Gesichte Platz. Obwohl das Wetter feucht

und unfreundlich war, hatte er doch beide Wagenfenster herabgelassen,

blickte eifrig rechts und links nach den Passanten und nahm sofort eine

vornehme, würdevolle Miene an, sowie er bemerkte, daß ihn jemand ansah.

An der Einmündung der Liteinaja-Straße in den Newski-Prospekt fuhr er

infolge einer sehr unangenehmen Empfindung zusammen, runzelte die Stirn

wie ein armer Teufel, dem jemand zufällig auf die Hühneraugen getreten

hat, und drückte sich eilig, ja sogar ängstlich in die dunkelste Ecke

seiner Kutsche. Der Grund war, daß er zweien seiner Kollegen begegnete,

zwei jungen Beamten derselben Behörde, bei der er selbst angestellt war.

Die Beamten waren, wie es Herrn Goljadkin schien, ihrerseits ebenfalls

äußerst erstaunt, ihrem Kollegen in dieser Weise zu begegnen; einer von

ihnen zeigte sogar mit dem Finger nach Herrn Goljadkin. Diesem schien es

sogar, daß der andere ihn laut bei seinem Namen rief, was

selbstverständlich auf der Straße sehr unpassend war. Unser Held

versteckte sich und gab keine Antwort. »Was sind das für dumme Jungen!«

räsonierte er für sich. »Na, was ist denn dabei Sonderbares? Es fährt

jemand in einer Kutsche; es wird wohl eine Nötigung dazu vorliegen, nun,

da hat er sich eben eine Kutsche genommen. Sie sind einfach Plebs! Ich

kenne sie hinlänglich; dumme Jungen sind es, die noch ihre Prügel

bekommen müßten! Sie können weiter nichts als mit ihrem Gehalte Adler

oder Schrift spielen und sich Gott weiß wo herumtreiben; das ist ihr

Element. Ich müßte mal ein ernstes Wort mit ihnen allen reden; nur ...«

Herr Goljadkin beendete den angefangenen Satz nicht und wurde starr. Ein

Paar mutiger Kasanscher Pferde, die an eine elegante Equipage gespannt

und Herrn Goljadkin sehr wohlbekannt waren, überholte schnell auf der

rechten Seite seine Mietskutsche. Der Herr, der in der Equipage saß,

erblickte zufällig Herrn Goljadkins Gesicht, welcher ziemlich

unvorsichtig seinen Kopf aus dem Wagenfenster heraussteckte; auch er war

anscheinend über eine so unerwartete Begegnung äußerst erstaunt, bog

sich heraus, soweit er nur konnte, und blickte höchst neugierig und

interessiert in die Wagenecke, in der unser Held sich schleunigst

versteckt hatte. Der Herr in der Equipage war Andrei Filippowitsch,

Abteilungschef bei derselben Behörde, zu welcher auch Herr Goljadkin in

der Stellung eines Gehilfen seines Tischvorstehers gehörte. Als Herr

Goljadkin sah, daß Andrei Filippowitsch ihn genau erkannt hatte, ihn mit

großen Augen ansah und es unmöglich war, sich zu verstecken, wurde er

rot bis über die Ohren. »Soll ich mich verbeugen oder nicht? Etwas sagen

oder nicht? Gestehen oder nicht?« dachte unser Held in unbeschreiblicher

Verlegenheit; »oder soll ich tun, als ob ich es nicht wäre, sondern

irgendein anderer, der mir außerordentlich ähnlich sieht, und ein

Gesicht machen, als ob es mich nichts anginge? Ich bin es wirklich

nicht, ich bin es nicht; damit Punktum!« sagte Herr Goljadkin, während

er seinen Hut vor Andrei Filippowitsch abnahm und die Augen nicht von

ihm verwandte. »Ich, ich weiß von nichts,« flüsterte er mit Anstrengung,

»ich weiß schlechterdings von nichts; ich bin es gar nicht, ich bin es

nicht; damit Punktum!« Bald aber hatte die Equipage seine Mietskutsche

überholt, und die magnetische Wirkung der Blicke seines Vorgesetzten

hörte auf. Jedoch war er immer noch rot, lächelte und murmelte etwas vor

sich hin ... »Es war eine Dummheit von mir, daß ich nichts gesagt habe,«

dachte er zuletzt; »ich hätte einfach dreist und mit anständiger

Offenherzigkeit sagen sollen: >So und so, Andrei Filippowitsch; ich bin

ebenfalls zum Diner eingeladen; das ist die ganze Sache!<« Dann fiel ihm

plötzlich ein, daß er sich blamiert habe, und unser Held wurde feuerrot,

zog finster die Brauen zusammen und richtete einen schrecklichen,

herausfordernden Blick nach der einen Vorderecke des Wagens, einen

Blick, als wollte er alle seine Feinde auf einmal in Asche verwandeln.

Endlich zog er, einer plötzlichen Eingebung folgend, an der Schnur, die

an den Ellbogen des Kutschers festgebunden war, ließ den Wagen halten

und befahl dem Kutscher, nach der Liteinaja-Straße zurückzufahren. Die

Sache war die, daß Herr Goljadkin die dringende Nötigung verspürte,

wahrscheinlich zu seiner eigenen Beruhigung seinem Arzte Krestjan

Iwanowitsch eine sehr interessante Mitteilung zu machen. Und obgleich er

mit Krestjan Iwanowitsch erst seit kurzer Zeit bekannt war, indem er ihn

nämlich erst einmal in der vorigen Woche wegen gewisser Beschwerden

besucht hatte, so steht doch ein Arzt, wie man zu sagen pflegt, auf

gleicher Stufe mit einem Beichtvater: es wäre dumm, ihm etwas zu

verheimlichen, und er seinerseits hat die Pflicht, seinen Patienten

ordentlich kennen zu lernen. »Wird mein Besuch übrigens auch passend

sein?« fuhr unser Held fort, während er bei der Auffahrt eines

fünfstöckigen Hauses in der Liteinaja-Straße, wo er seinen Wagen hatte

halten lassen, ausstieg; »wird mein Besuch auch passend sein? Wird er

auch anständig sein? Werde ich ihm auch nicht ungelegen kommen? Aber,

was ist dabei?« fuhr er fort, während er die Treppe hinaufstieg, Atem

schöpfte und das Herzklopfen zu hemmen suchte, das sich bei ihm immer

auf fremden Treppen einzustellen pflegte; »was ist dabei? Ich komme ja

wegen meines Leidens; daran ist nichts Tadelnswertes zu finden ... Es

wäre eine Dummheit, etwas verbergen zu wollen. Und ich werde so tun, als

ob ich keinen besonderen Grund hätte, sondern nur so gelegentlich

herankäme, weil ich gerade vorbeigekommen wäre ... Er wird schon

einsehen, daß das alles so in der Ordnung ist.«

Unter solchen Überlegungen war Herr Goljadkin zur zweiten Etage

hinaufgestiegen und blieb vor der mit Nummer Fünf bezeichneten Wohnung

stehen, an deren Tür ein hübsches Messingschild angebracht war mit der

Aufschrift:

Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,

Doktor der Medizin und Chirurgie.

Während er dort stand, beeilte sich unser Held, seinem Gesichte einen

vornehmen, ungenierten, dabei aber doch liebenswürdigen Ausdruck zu

geben, und schickte sich an, die Klingel zu ziehen. Eben in dem

Augenblicke, als er sich dazu anschickte, überlegte er noch schnell und

rechtzeitig, daß es doch wohl besser wäre, den Besuch bis morgen zu

verschieben, da vorläufig noch keine eigentliche Nötigung dazu vorliege.

Aber da Herr Goljadkin auf einmal Schritte auf der Treppe hörte, so

änderte er seinen neuen Entschluß unverzüglich wieder und klingelte,

übrigens mit sehr entschlossener Miene, vor Krestjan Iwanowitschs Tür.

2. Kapitel

Der Doktor der Medizin und Chirurgie Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,

ein sehr gesunder, wiewohl schon bejahrter Mann, mit dichten, bereits

ergrauenden Augenbrauen und starkem, schwarzem Backenbarte, mit

ausdrucksvollem, funkelndem Blick, durch den allein schon er alle

Krankheiten vertreiben zu können schien, und endlich auch mit einem

hohen Orden, saß an diesem Morgen in seinem Arbeitszimmer auf seinem

behaglichen Lehnstuhl, trank den Kaffee, den ihm seine Frau eigenhändig

gebracht hatte, rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit

Rezepte für seine Patienten. Nachdem er zuletzt einem alten Herrn, der

an Hämorrhoiden litt, ein Tränkchen verschrieben und den Leidenden zu

einer Seitentür begleitet hatte, setzte sich Krestjan Iwanowitsch in

Erwartung des nächstfolgenden Besuches wieder hin. Da trat Herr

Goljadkin ein.

Krestjan Iwanowitsch hatte, wie es schien, weder erwartet noch

gewünscht, Herrn Goljadkin bei sich zu sehen; denn sein Gesicht

verfinsterte sich auf einmal für einen Augenblick und nahm unwillkürlich

einen sonderbaren, ja, man kann sagen, unzufriedenen Ausdruck an. Herr

Goljadkin seinerseits pflegte, wenn er sich in seinen eigenen

Angelegenheiten an jemand wandte, fast immer zur unrechten Zeit zu

kommen und dann in Verwirrung zu geraten, und so ging es ihm auch jetzt.

Da er sich auf den ersten Satz, der für ihn in solchen Fällen stets

einen Stein des Anstoßes bildete, nicht vorbereitet hatte, so wurde er

gewaltig verlegen, murmelte etwas, was wie eine Entschuldigung klang,

und da er nicht wußte, was er weiter tun sollte, nahm er einen Stuhl und

setzte sich. Aber nun fiel ihm ein, daß er sich hingesetzt habe, ohne

dazu aufgefordert zu sein; er wurde sich sofort der Unanständigkeit

seines Benehmens bewußt und beeilte sich, seinen Verstoß gegen die

gesellschaftliche Form und den guten Ton dadurch wieder gutzumachen, daß

er sich von dem ohne Aufforderung eingenommenen Platze eiligst wieder

erhob. Dann kam er unklar zu dem Bewußtsein und zu der Erkenntnis, daß

er zwei Dummheiten mit einem Mal gemacht habe, und so entschloß er sich

denn ohne zu zaudern zu einer dritten; d. h. er versuchte eine

Entschuldigung vorzubringen, murmelte lächelnd etwas, errötete, wurde

verlegen, machte eine ausdrucksvolle Pause und setzte sich schließlich

endgültig hin, ohne wieder aufzustehen, sicherte sich aber für jeden

Fall durch eben jenen herausfordernden Blick, der die außerordentliche

Kraft besaß, in Gedanken alle Feinde Herrn Goljadkins in Asche zu

verwandeln und zu vernichten. Außerdem brachte dieser Blick Herrn

Goljadkins Unabhängigkeit vollkommen zum Ausdruck, d. h. er sagte klar

und deutlich, daß Herr Goljadkin sich um nichts kümmere, daß er so

selbständig sei wie alle andern Leute und sich in gesicherter Stellung

befinde. Krestjan Iwanowitsch hustete, räusperte sich, anscheinend zum

Zeichen seiner Billigung und Zustimmung zu alledem, und richtete einen

prüfenden, fragenden Blick auf Herrn Goljadkin.

»Krestjan Iwanowitsch,« begann Herr Goljadkin lächelnd, »ich bin

gekommen, um Sie zum zweiten Male zu belästigen, und erlaube mir jetzt,

Sie zum zweiten Male um Nachsicht zu bitten ...« Es machte Herrn

Goljadkin offenbar Schwierigkeit, die richtigen Worte zu finden.

»Hm ... ja!« erwiderte Krestjan Iwanowitsch, indem er einen Rauchstrom

aus dem Munde gehen ließ und die Zigarre auf den Tisch legte. »Aber Sie

müssen sich an meine Vorschrift halten; ich habe Ihnen gesagt, daß Ihre

Kur in einer Änderung Ihrer Lebensgewohnheiten bestehen muß ... Also Sie

müssen sich Zerstreuung machen, Freunde und Bekannte besuchen; auch ein

Fläschchen Wein sollten Sie sich manchmal gönnen; Sie müssen sich zu

heiterer Gesellschaft halten.«

Herr Goljadkin beeilte sich, immer noch lächelnd, zu bemerken, es

scheine ihm, daß er ein Mensch sei wie alle Menschen; er lebe in seiner

Häuslichkeit und habe seine Zerstreuungen wie alle Leute ... natürlich

könne er ins Theater gehen, da er, wie andere Menschen, die

erforderlichen Mittel besitze; den Tag über sei er im Dienst, abends

aber bei sich zu Hause; es fehle ihm eigentlich gar nichts; er bemerkte

sogar beiläufig, er lebe seines Erachtens nicht schlechter als andere;

er habe eine eigene Wohnung und habe schließlich seinen Petruschka. Hier

stockte Herr Goljadkin.

»Hm! Nein, eine solche Lebensweise ist nicht das Richtige, und ich

wollte Sie nach etwas ganz anderem fragen. Es wäre mir interessant zu

hören, ob Sie ein großer Freund heiterer Gesellschaft sind und Ihr Leben

heiter genießen ... Also führen Sie jetzt ein melancholisches oder ein

heiteres Leben?«

»Krestjan Iwanowitsch, ich ...«

»Hm! ... Ich meine,« unterbrach ihn der Arzt, »Sie müssen Ihr ganzes

Leben von Grund aus umändern und in gewissem Sinne Ihren Charakter

umgestalten.« (Krestjan Iwanowitsch legte einen starken Ton auf das Wort

»umgestalten« und hielt mit sehr bedeutsamer Miene einen Augenblick

inne.) »Sie dürfen einem heiteren Leben nicht abgeneigt sein, müssen

Theater und Klubs besuchen und sich ab und zu eine Flasche Wein

zuwenden. Zu Hause zu sitzen, das taugt nichts, und für Sie ist das

höchst verderblich.«

»Krestjan Iwanowitsch, ich liebe die Stille,« erwiderte Herr Goljadkin,

indem er dem Arzte einen bedeutsamen Blick zuwarf und offenbar nach

Worten zum passendsten Ausdruck seiner Gedanken suchte. »In meiner

Wohnung befindet sich niemand als ich und Petruschka ... ich will sagen:

mein Diener, Krestjan Iwanowitsch. Ich will sagen, Krestjan Iwanowitsch,

daß ich meinen eigenen Weg gehe, meinen besonderen Weg, Krestjan

Iwanowitsch. Ich lebe so für mich und bin, wie ich meinen möchte, von

niemandem abhängig. Ich gehe auch spazieren, Krestjan Iwanowitsch.«

»Wie? ... Ja! Nun, jetzt spazieren zu gehen ist gerade kein Vergnügen;

es ist sehr unfreundliches Wetter.«

»Jawohl, Krestjan Iwanowitsch. Obwohl ich ein friedlicher Mensch bin,

Krestjan Iwanowitsch, wie ich wohl schon die Ehre hatte Ihnen zu

bemerken, so hat mein Lebensweg doch seine besondere Richtung, Krestjan

Iwanowitsch. Es gibt mancherlei Lebenswege ... Ich will ... ich will

damit sagen, Krestjan Iwanowitsch ... Entschuldigen Sie, Krestjan

Iwanowitsch, ich verstehe es nicht, mich gewandt auszudrücken ...«

»Hm! ... Sie wollen sagen ...«

»Ich will sagen, Sie möchten es entschuldigen, Krestjan Iwanowitsch, daß

ich meines Erachtens es nicht verstehe, mich gewandt auszudrücken,«

sagte Herr Goljadkin in etwas gekränktem Tone und ein wenig verwirrt und

verlegen. »In dieser Hinsicht, Krestjan Iwanowitsch, bin ich nicht so

wie andere Leute,« fügte er mit einem eigenartigen Lächeln hinzu; »ich

verstehe es nicht, viel zu reden, und habe es nicht gelernt, meiner

Ausdrucksweise Anmut und Schönheit zu verleihen. Dafür wirke ich,

Krestjan Iwanowitsch; dafür, Krestjan Iwanowitsch, wirke ich.«

»Hm! ... Wie meinen Sie das ... daß Sie wirken?« fragte Krestjan

Iwanowitsch. Darauf trat für eine Weile Stillschweigen ein. Der Arzt

blickte Herrn Goljadkin in einer seltsamen mißtrauischen Art an. Herr

Goljadkin schielte seinerseits ebenfalls recht mißtrauisch nach dem

Arzte hin.

»Was mich betrifft, Krestjan Iwanowitsch,« fuhr Herr Goljadkin, etwas

gereizt und befremdet durch Krestjan Iwanowitschs hartnäckige

Schweigsamkeit, in dem früheren Tone fort, »was mich betrifft, Krestjan

Iwanowitsch, so liebe ich die Ruhe und nicht das Geräusch der Welt. Dort

bei jenen Menschen, ich meine in der großen Welt, Krestjan Iwanowitsch,

da muß man es verstehen, mit seinen Stiefeln das Parkett zu polieren

...« (hier scharrte Herr Goljadkin ein wenig mit dem Fuße auf dem

Fußboden); »dort wird das verlangt, und Wortspiele werden auch verlangt

... und man muß es verstehen, parfümierte Komplimente zu drechseln ...

solche Dinge werden da verlangt. Aber ich habe so etwas nicht gelernt,

Krestjan Iwanowitsch; all diese Finessen habe ich nicht gelernt; dazu

habe ich keine Zeit gehabt. Ich bin ein schlichter, einfacher Mensch und

habe von äußerem Glanze nichts an mir. Auf diesem Gebiete, Krestjan

Iwanowitsch, lege ich die Waffen nieder; ich strecke die Waffen, in

diesem Sinne gesagt.« All dies sagte Herr Goljadkin selbstverständlich

mit einer Miene, die deutlich zu verstehen gab, daß unser Held es ganz

und gar nicht bedauerte, auf diesem Gebiete die Waffen strecken zu

müssen und diese Finessen nicht gelernt zu haben, sondern ganz im

Gegenteil darauf stolz war. Krestjan Iwanowitsch blickte, während er ihm

zuhörte, mit einer sehr unangenehmen Grimasse zu Boden und schien irgend

etwas in der Zukunft vorauszusehen. Auf Herrn Goljadkins Tirade folgte

ein ziemlich langes, bedeutsames Stillschweigen.

»Sie sind, wie es scheint, von Ihrem Gegenstande ein wenig abgekommen,«

sagte Krestjan Iwanowitsch endlich halblaut. »Ich muß Ihnen gestehen,

ich habe Sie nicht ganz verstehen können.«

»Ich verstehe es nicht, mich gewandt auszudrücken, Krestjan Iwanowitsch;

ich hatte schon die Ehre, Ihnen mitzuteilen, Krestjan Iwanowitsch, daß

ich es nicht verstehe, mich gewandt auszudrücken,« sagte Herr Goljadkin,

diesmal in scharfem, entschiedenem Tone.

»Hm! ...«

»Krestjan Iwanowitsch!« begann Herr Goljadkin wieder leise, aber

nachdrücklich; seine Stimme hatte zum Teil etwas Triumphierendes; nach

jedem Satze hielt er inne. »Krestjan Iwanowitsch! Als ich hier eintrat,

begann ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich das früher Gesagte

und erbitte mir wieder für eine kleine Weile Ihre freundliche Nachsicht.

Ich habe keinen Anlaß, Ihnen etwas zu verbergen, Krestjan Iwanowitsch.

Ich bin ein unbedeutender Mensch, das wissen Sie selbst; aber zu meinem

Glücke bedaure ich es nicht, daß ich ein unbedeutender Mensch bin. Im

Gegenteil, Krestjan Iwanowitsch; um alles zu sagen, ich bin sogar stolz

darauf, daß ich kein großer Mann, sondern nur ein unbedeutender Mensch

bin. Ich bin kein Intrigant; auch darauf bin ich stolz. Ich wirke nicht

im geheimen, sondern öffentlich, ohne Hinterlist, und obgleich ich

meinerseits schaden könnte und es sehr wohl könnte und sogar weiß, wem

ich etwas antun könnte und wie, so mag ich mich doch mit dergleichen

nicht beschmutzen, Krestjan Iwanowitsch, und wasche in dieser Hinsicht

meine Hände in Unschuld. In dieser Hinsicht, sage ich, wasche ich sie in

Unschuld, Krestjan Iwanowitsch!« Herr Goljadkin machte für einen

Augenblick eine ausdrucksvolle Pause; er hatte mit einer milden

Begeisterung gesprochen.

»Ich gehe geradeaus, offen und ohne Schleichwege, Krestjan Iwanowitsch,«

fuhr unser Held fort; »denn ich verachte alles hinterhältige Wesen und

überlasse es anderen. Ich suche nicht diejenigen herabzusetzen, die

vielleicht edler sind als ich und Sie ... d. h. ich will sagen >als

ich<, Krestjan Iwanowitsch; ich wollte nicht sagen >als ich und Sie<.

Versteckte Andeutungen liebe ich nicht; elende Heuchelei kann ich nicht

leiden; Verleumdung und Klatsch verabscheue ich. Eine Maske trage ich

nur auf dem Maskenball und laufe nicht mit ihr alle Tage vor den Leuten

umher. Ich frage Sie nur, Krestjan Iwanowitsch, wie würden Sie sich an

Ihrem Feinde rächen, an Ihrem schlimmsten Feinde, an dem, den Sie dafür

ansähen?« schloß Herr Goljadkin und richtete einen herausfordernden

Blick auf Krestjan Iwanowitsch.

Obgleich Herr Goljadkin dies alles mit großer Bestimmtheit, Deutlichkeit

und Zuversichtlichkeit sprach, seine Worte abwog und auf ihre sichere

Wirkung rechnete, so sah er Krestjan Iwanowitsch jetzt doch mit Unruhe,

mit großer Unruhe, mit äußerster Unruhe an. Jetzt war er ganz Auge und

wartete schüchtern und mit ärgerlicher, beklommener Ungeduld auf

Krestjan Iwanowitschs Antwort. Aber zu Herrn Goljadkins Erstaunen und

völliger Überraschung murmelte Krestjan Iwanowitsch nur etwas vor sich

hin, rückte dann seinen Stuhl an den Tisch heran und bemerkte ihm

ziemlich trocken, wiewohl höflich, ungefähr folgendes: seine Zeit sei

kostbar; er habe ihn nicht ganz verstanden; übrigens sei er bereit, ihm

nach Kräften, so gut er könne, zu dienen; aber auf alles Weitere, was

nicht in sein Fach schlage, könne er nicht eingehen. Dann nahm er eine

Feder, zog sich einen Bogen Papier heran, schnitt von ihm ein Stück in

dem Format ab, wie es die Ärzte gebrauchen, und erklärte, er wolle ihm

sofort eine angemessene Arznei verschreiben.

»Nein, das ist nicht erforderlich, Krestjan Iwanowitsch! Nein, das ist

durchaus nicht erforderlich!« sagte Herr Goljadkin, indem er sich von

seinem Platze erhob und Krestjan Iwanowitsch an den rechten Arm faßte.

»Das ist absolut nicht nötig, Krestjan Iwanowitsch!«

Aber während Herr Goljadkin dies alles sagte, ging mit ihm eine seltsame

Veränderung vor. Seine grauen Augen bekamen einen sonderbaren Glanz;

seine Lippen fingen an zu zittern; alle Muskeln und Züge seines Gesichts

bewegten und verschoben sich. Er selbst zitterte am ganzen Leibe.

Nachdem er seinem ersten Impulse gefolgt war und dem Arzte den Arm

festgehalten hatte, stand Herr Goljadkin jetzt unbeweglich da, wie wenn

er kein Selbstvertrauen besäße und für seine weiteren Handlungen auf

eine Eingebung wartete.

Nun spielte sich ein recht seltsamer Auftritt ab.

Etwas betroffen, schien Krestjan Iwanowitsch einen Augenblick an seinem

Lehnstuhl angewachsen zu sein und blickte starr mit weit geöffneten

Augen Herrn Goljadkin an, der ihn in gleicher Weise anschaute. Endlich

stand Krestjan Iwanowitsch auf, wobei er sich ein wenig an dem

Aufschlage von Herrn Goljadkins Uniform festhielt. Einige Sekunden lang

standen sie so einander unbeweglich gegenüber, ohne die Augen

voneinander abzuwenden. Dann aber erfolgte in höchst seltsamer Weise

eine zweite Bewegung Herrn Goljadkins. Seine Lippen fingen an zu zucken,

das Kinn begann zu hüpfen, und unser Held brach ganz unerwartet in

Tränen aus. Schluchzend, mit dem Kopfe nickend, mit der rechten Hand

sich gegen die Brust schlagend und mit der linken ebenfalls den

Aufschlag von Krestjan Iwanowitschs Hausrock anfassend, wollte er etwas

sagen, unverzüglich eine Erklärung geben, vermochte aber kein Wort

herauszubringen. Endlich kam Krestjan Iwanowitsch von seinem Erstaunen

wieder zu sich.

»Hören Sie auf, beruhigen Sie sich, setzen Sie sich!« sagte er, indem er

sich bemühte, Herrn Goljadkin dahin zu bringen, daß er auf einem

Lehnstuhl Platz nahm.

»Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe Feinde, ich habe

boshafte Feinde, die geschworen haben, mich zugrunde zu richten ...«

antwortete Herr Goljadkin ängstlich flüsternd.

»Lassen Sie es gut sein, lassen Sie es gut sein! Ach was, Feinde! An

Feinde darf man nicht denken! Das darf man durchaus nicht! Setzen Sie

sich, setzen Sie sich!« fuhr Krestjan Iwanowitsch fort und erreichte es

schließlich, daß Herr Goljadkin sich auf den Lehnstuhl setzte.

Als Herr Goljadkin endlich zum Sitzen gekommen war, verwandte er kein

Auge von Krestjan Iwanowitsch. Dieser begann mit höchst unzufriedener

Miene von einer Ecke seines Arbeitszimmers nach der andern zu gehen. Es

folgte ein langes Stillschweigen.

»Ich bin Ihnen dankbar, Krestjan Iwanowitsch, sehr dankbar und empfinde

tief alles, was Sie jetzt für mich getan haben. Bis zum Grabe werde ich

Ihre Freundlichkeit nicht vergessen, Krestjan Iwanowitsch,« sagte Herr

Goljadkin endlich und stand mit gramvoller Miene vom Stuhle auf.

»Lassen Sie es gut sein, lassen Sie es gut sein! Ich sage Ihnen: lassen

Sie es gut sein!« erwiderte Krestjan Iwanowitsch ziemlich streng auf

Herrn Goljadkins exaltierte Worte und brachte ihn noch einmal dazu, sich

hinzusetzen.

»Also, was haben Sie eigentlich? Erzählen Sie mir, was Sie jetzt für

eine Unannehmlichkeit haben, und von was für Feinden Sie sprechen,« fuhr

Krestjan Iwanowitsch fort. »Was ist Ihnen denn begegnet?«

»Nein, Krestjan Iwanowitsch, wir wollen das jetzt lieber lassen,«

versetzte Herr Goljadkin und schlug die Augen nieder. »Wir wollen das

alles lieber auf eine andere Zeit verschieben, Krestjan Iwanowitsch, auf

eine günstigere Zeit, wenn alles an den Tag kommen und die Maske manchen

Leuten vom Gesichte fallen und dies und das an den Tag kommen wird.

Jetzt aber, vorläufig selbstverständlich, nach allem, was zwischen uns

geschehen ist ... Da werden Sie selbst sagen müssen, Krestjan

Iwanowitsch ... Erlauben Sie mir, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen,

Krestjan Iwanowitsch,« sagte Herr Goljadkin, erhob sich diesmal mit

ernster Entschlossenheit von seinem Platze und griff nach seinem Hute.

»Nun ... wie Sie wollen ... hm ...« (Es folgte ein Stillschweigen, das

wohl eine Minute dauerte.) »Ich meinerseits bin, wie Sie wissen, bereit,

alles zu tun, was in meiner Macht steht ... und wünsche Ihnen aufrichtig

alles Gute.«

»Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie; ich verstehe

Sie jetzt vollkommen ... In jedem Falle bitte ich Sie zu entschuldigen,

daß ich Sie gestört habe, Krestjan Iwanowitsch.«

»Hm ... nein, ich hatte es anders gemeint. Aber wie es Ihnen beliebt.

Mit der Medizin fahren Sie fort, wie bisher ...«

»Mit der Medizin werde ich nach Ihrer Weisung fortfahren, Krestjan

Iwanowitsch; ich werde damit fortfahren und sie aus derselben Apotheke

entnehmen ... Heutzutage ist auch der Apothekerberuf etwas sehr Hohes

und Großes, Krestjan Iwanowitsch ...«

»Wieso? In welchem Sinne meinen Sie das?«

»Im ganz gewöhnlichen Sinne, Krestjan Iwanowitsch. Ich will sagen, daß

sich heutzutage die Verhältnisse so gestaltet haben ...«

»Hm ...«

»Und daß jeder dumme Junge, auch ohne Apotheker zu sein, jetzt vor

ordentlichen Leuten die Nase hoch trägt.«

»Hm! Wie ist denn das zu verstehen?«

»Ich rede von einem gewissen Menschen, Krestjan Iwanowitsch ... von

einem gemeinsamen Bekannten von uns, sagen wir mal z. B. von Wladimir

Semjonowitsch ...«

»Ach so! ...«

»Ja, Krestjan Iwanowitsch; und ich kenne gewisse Leute, Krestjan

Iwanowitsch, die auf die öffentliche Meinung nicht so viel Wert legen,

daß sie auch manchmal die Wahrheit sagen sollten.«

»Ach so ... Wie denn das?«

»Nun, ganz einfach so (übrigens gehört das nicht zur Sache): sie

verstehen es, manchmal ein Ei mit Sauce zu servieren.«

»Was? Was zu servieren?«

»Ein Ei mit Sauce, Krestjan Iwanowitsch; das ist eine russische

Redensart. Sie verstehen es z. B. manchmal, jemandem zur rechten Zeit zu

gratulieren. Solche Leute gibt es, Krestjan Iwanowitsch.«

»Zu gratulieren?«

»Jawohl, zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch; wie es neulich einer

meiner nächsten Bekannten gemacht hat! ...«

»Einer Ihrer nächsten Bekannten ... ach so! Wie ist denn das

zugegangen?« fragte Krestjan Iwanowitsch, der Herrn Goljadkin aufmerksam

anblickte.

»Ja, einer meiner nächsten Bekannten gratulierte einem andern sehr nahen

Bekannten von mir, der sogar mein Freund, ja, wie man sich ausdrückt,

mein Busenfreund ist, zum Avancement, zur Erlangung des Assessorgrades.

Das kam ihm gerade sehr gelegen. >Ich freue mich von ganzem Herzen über

die Gelegenheit,< sagte er, >Ihnen meinen Glückwunsch darbringen zu

können, Wladimir Semjonowitsch, meinen aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrem

Avancement. Und ich freue mich um so mehr, da heutzutage, wie jedermann

weiß, die alten Hexen, die einem Übles anwünschen konnten, ausgerottet

sind.<« Hier nickte Herr Goljadkin schlau mit dem Kopfe und blickte, die

Augen zusammenkneifend, Krestjan Iwanowitsch an ...

»Hm! Also das hat er gesagt ...«

»Das hat er gesagt, Krestjan Iwanowitsch, das hat er gesagt, und dabei

blickte er Andrei Filippowitsch, den Onkel unseres teuren Wladimir

Semjonowitsch, an. Aber was kümmert mich das, daß er Assessor geworden

ist, Krestjan Iwanowitsch? Was kümmert das mich? Er will heiraten,

obwohl ihm, mit Erlaubnis zu sagen, die Milch noch nicht auf den Lippen

getrocknet ist. Das habe ich denn auch gesagt. >So ist das,< habe ich

gesagt, >Wladimir Semjonowitsch!< Nun habe ich aber alles gesagt;

gestatten Sie mir, mich zu entfernen.«

»Hm ...«

»Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich sage, gestatten Sie mir jetzt, mich zu

entfernen. Aber um zwei Sperlinge mit einem Stein tot zu werfen, wandte

ich mich, nachdem ich den jungen Mann mit seinen alten Hexen abgeführt

hatte, an Klara Olsufjewna (die Geschichte spielte vorgestern bei Olsufi

Iwanowitsch, und sie hatte soeben ein gefühlvolles Lied gesungen) und

sagte: >Sie haben ein gefühlvolles Lied gesungen; aber Ihre Zuhörer

haben kein reines Herz.< Das war eine deutliche Anspielung, verstehen

Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch; damit spielte ich deutlich darauf an,

daß man es jetzt nicht auf sie absieht, sondern weiterliegende Ziele

verfolgt ...«

»Aha! Nun, und was tat er darauf?« »Er machte ein Gesicht, als hätte er

in eine Zitrone gebissen, Krestjan Iwanowitsch, wie man zu sagen

pflegt.«

»Hm ...«

»Jawohl, Krestjan Iwanowitsch. Ich sprach auch mit dem Alten selbst.

>Olsufi Iwanowitsch,< sagte ich, >ich weiß, wie sehr ich Ihnen

verpflichtet bin; ich verstehe vollkommen die Wohltaten zu schätzen, mit

denen Sie mich fast seit meiner Kindheit überhäuft haben. Aber machen

Sie die Augen auf,< sagte ich, >Olsufi Iwanowitsch! Passen Sie auf! Ich

selbst handle ehrenhaft und offen, Olsufi Iwanowitsch.<«

»Sehen Sie mal an!«

»Jawohl, Krestjan Iwanowitsch. So ist das!«

»Und was sagte er darauf?«

»Ja, was sagte er, Krestjan Iwanowitsch! Er kaute so etwas zurecht; dies

und das, und >ich kenne dich,< und daß Seine Exzellenz seine Freude

daran habe, jemandem Gutes zu erweisen, -- und nun kam er ins Salbaldern

hinein ... Was ist da auch zu erwarten? Er ist vor Alter ja schon ganz

wacklig geworden, wie man zu sagen pflegt.«

»Aha! Also so steht das jetzt!«

»Ja, Krestjan Iwanowitsch; so steht es mit uns allen! Er ist ein

schnurriger alter Mann: er sieht schon in seinen Sarg hinein und riecht

nach Weihrauch, wie man zu sagen pflegt; aber wenn irgendein

Weibergewäsch aufkommt, dann hört er darauf hin; da ist er mit

Notwendigkeit dabei ...«

»Weibergewäsch sagten Sie?«

»Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben ein Weibergewäsch aufgebracht. Auch

unser Bär und sein Neffe, unser teurer Freund, haben ihre Hände dabei im

Spiele gehabt; sie haben mit den Weibern unter einer Decke gesteckt und

die Sache zusammengebraut. Was glauben Sie: sie haben geplant, einen

Menschen zu ermorden! ...«

»Einen Menschen zu ermorden?«

»Jawohl, Krestjan Iwanowitsch, einen Menschen zu ermorden, im geistigen

Sinne einen Menschen zu ermorden. Sie sprengten aus ... ich rede immer

von einem nahen Bekannten von mir ...«

Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopfe.

»Sie sprengten über ihn ein Gerücht aus ... Ich gestehe Ihnen, Krestjan

Iwanowitsch, ich schäme mich ordentlich, davon zu reden.«

»Hm! ...«

»Sie sprengten ein Gerücht aus, er habe bereits ein schriftliches

Heiratsversprechen gegeben und sei bereits der Bräutigam einer anderen

... Und was meinen Sie, Krestjan Iwanowitsch, wessen Bräutigam?«

»Ich bin gespannt.«

»Der Bräutigam einer Speisewirtin, einer unwürdigen Deutschen, bei der

er zu Mittag aß; statt der Bezahlung seiner Schulden habe er ihr seine

Hand angeboten.«

»Das sagen sie?«

»Sollten Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch? Eine Deutsche, eine

gemeine, widerwärtige, schamlose Deutsche, Karolina Iwanowna, wenn Sie

sie kennen ...«

»Ich muß gestehen, ich für meine Person ...«

»Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie und habe

meinerseits die gleiche Empfindung ...«

»Sagen Sie mir, bitte, wo wohnen Sie jetzt?«

»Wo ich jetzt wohne, Krestjan Iwanowitsch?«

»Ja ... ich möchte ... Sie wohnten ja wohl früher ...«

»Ja freilich, ich wohnte, Krestjan Iwanowitsch, ich wohnte, ich wohnte

auch früher! Wie soll ich denn nicht gewohnt haben!« antwortete Herr

Goljadkin und begleitete seine Worte mit einem kurzen Lachen; er

verblüffte Krestjan Iwanowitsch ein wenig durch seine Antwort.

»Nein, das haben Sie falsch aufgefaßt; ich wollte meinerseits ...«

»Ich wollte ebenfalls meinerseits, Krestjan Iwanowitsch, ich wollte

ebenfalls,« fuhr Herr Goljadkin lachend fort. »Aber ich habe bei Ihnen

schon viel zu lange gesessen, Krestjan Iwanowitsch. Ich hoffe, Sie

erlauben mir jetzt, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen ...«

»Hm! ...«

»Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich verstehe Sie jetzt

völlig,« sagte unser Held und nahm vor Krestjan Iwanowitsch eine etwas

theatralische Stellung an. »Also erlauben Sie, daß ich Ihnen einen guten

Morgen wünsche ...«

Hier machte unser Held einen Scharrfuß und verließ das Zimmer, in

welchem Krestjan Iwanowitsch höchlichst erstaunt zurückblieb. Während

Herr Goljadkin die Treppe des Arztes hinabstieg, lächelte er und rieb

sich vergnügt die Hände. Als er vor der Haustür die frische Luft

einatmete und sich in Freiheit fühlte, war er wirklich nahe daran, sich

für den glücklichsten aller Sterblichen zu halten und sich nun

geradeswegs nach seinem Bureau zu begeben -- da fuhr auf einmal rasselnd

eine Kutsche vor: er sah sie an, und alles fiel ihm wieder ein.

Petruschka öffnete schon den Schlag. Ein sonderbares und außerordentlich

unangenehmes Gefühl bemächtigte sich Herrn Goljadkins völlig. Er

errötete sogar für einen Augenblick. Es war ihm, als ob er einen Stich

bekäme. Er wollte schon seinen Fuß auf den Wagentritt setzen, als er

sich auf einmal umdrehte und nach Krestjan Iwanowitschs Fenstern

blickte. Richtig! Krestjan Iwanowitsch stand am Fenster, strich sich mit

der rechten Hand den Backenbart glatt und schaute sehr neugierig auf

unsern Helden herab.

»Dieser Doktor ist dumm,« dachte Herr Goljadkin, sich in seinem Wagen

verbergend, »schrecklich dumm. Er mag vielleicht seine Kranken gut

kurieren können; aber trotzdem ist er dumm wie ein Stück Holz.« Herr

Goljadkin setzte sich hin, Petruschka rief: »Vorwärts!« und der Wagen

rollte wieder nach dem Newski-Prospekt hin.

3. Kapitel

Dieser ganze Vormittag verging für Herrn Goljadkin in mühevoller

Tätigkeit. Als er auf den Newski-Prospekt gekommen war, ließ unser Held

beim Kaufhofe halten. Er sprang aus dem Wagen, lief, von Petruschka

begleitet, unter die Bogengänge und ging geradeswegs in einen Laden mit

Gold- und Silberwaren hinein. Schon an Herrn Goljadkins Miene war zu

ersehen, daß er alle Hände voll zu tun hatte und sich vor seinen vielen

Geschäften nicht zu retten und zu helfen wußte. Nachdem er sich mit dem

Kaufmann über den mehr als fünfzehnhundert Rubel betragenden Preis eines

vollständigen Diner- und Teeservices geeinigt, ein phantastisch

geformtes Zigarrenetui und ein vollständiges silbernes Rasiernecessaire

auf dieselbe Summe heruntergehandelt und sich endlich die Preise für

noch einige in ihrer Art nützliche und hübsche Gegenstände hatte angeben

lassen, schloß Herr Goljadkin damit, daß er versprach, morgen bestimmt

wieder mit heranzukommen oder vielleicht sogar heute noch die

erstandenen Sachen abholen zu lassen, sich die Nummer des Ladens

notierte, die eifrige Bitte des Kaufmanns um eine Anzahlung aufmerksam

anhörte und das Versprechen gab, rechtzeitig auch eine Anzahlung zu

leisten. Hierauf verabschiedete er sich eilig von dem verwunderten

Kaufmann und ging, von einem ganzen Schwarm von Kommis begleitet, die

Reihe der Läden entlang, wobei er sich alle Augenblicke nach Petruschka

umsah und eifrig nach einem neuen Laden Ausschau hielt. Im Vorbeigehen

trat er in ein Wechselgeschäft ein und wechselte alle seine großen

Scheine in kleine um, und obwohl er bei dem Umwechseln verlor, so hatte

er dafür doch eine Menge kleiner Scheine bekommen, und seine Brieftasche

war erheblich dicker geworden, was ihm anscheinend großes Vergnügen

machte. Endlich machte er in einem Geschäfte mit allerlei Damenartikeln

halt. Nachdem er wieder für eine beträchtliche Summe Waren erstanden

hatte, versprach Herr Goljadkin auch hier dem Kaufmann, unfehlbar wieder

heranzukommen, ließ sich die Nummer des Ladens angeben und erklärte auf

die Frage nach einer Anzahlung wieder, er werde zur rechten Zeit auch

eine Anzahlung machen. Darauf besuchte er noch einige Läden, handelte in

allen, ließ sich von allerlei Gegenständen die Preise sagen, stritt sich

manchmal lange mit den Kaufleuten herum, ging aus einem Laden hinaus, um

dann dreimal wieder zurückzukehren, -- mit einem Worte: er entwickelte

eine außerordentliche Tätigkeit. Aus dem Kaufhofe begab sich unser Held

in ein bekanntes Möbelmagazin, wo er Möbel für sechs Zimmer erhandelte,

einen modernen, höchst eigenartigen Damentoilettentisch im allerneuesten

Geschmack bewunderte und dem Kaufmann versicherte, er werde bestimmt

alles abholen lassen, worauf er das Magazin verließ, nach seiner

Gewohnheit mit dem Versprechen einer Anzahlung; dann fuhr er noch

hierhin und dahin und feilschte um dieses und jenes. Mit einem Worte:

seine mühsamen Geschäfte schienen gar kein Ende zu nehmen. Schließlich

schien Herr Goljadkin selbst dieser ganzen Tätigkeit recht überdrüssig

zu werden. Es begannen ihn sogar Gott weiß bei welcher Gelegenheit ohne

rechten Anlaß Gewissensbisse zu quälen. Um keinen Preis hätte er jetzt

z. B. mit Andrei Filippowitsch oder auch nur mit Krestjan Iwanowitsch

zusammentreffen mögen. Endlich schlug die Stadtuhr drei Uhr nachmittags.

Als Herr Goljadkin sich nach Beendigung seiner Einkäufe in den Wagen

setzte, hatte er von allen Erwerbungen dieses Tages in Wirklichkeit nur

ein Paar Handschuhe und ein Fläschchen Parfüm für anderthalb Rubel bei

sich. Da es für Herrn Goljadkin noch sehr früh war, so befahl er seinem

Kutscher bei einem bekannten Restaurant auf dem Newski-Prospekt zu

halten, das er bisher nur vom Hörensagen kannte, und stieg aus, um einen

Bissen zu essen, sich zu erholen und die richtige Zeit abzuwarten.

Er aß nur so viel, wie eben jemand ißt, der ein üppiges Diner in

Aussicht hat, zu dem er eingeladen ist, das heißt, er genoß eine

Kleinigkeit, um, wie man sich ausdrückt, das Würmchen zu töten, und

trank ein Glas Schnaps dazu; dann setzte sich Herr Goljadkin in einen

Lehnstuhl und griff, bescheiden um sich blickend, nach einer mageren

russischen Zeitung. Nachdem er ein paar Zeilen gelesen hatte, stand er

auf, sah in den Spiegel, brachte seinen Anzug in Ordnung und strich sich

das Haar glatt; hierauf ging er zum Fenster und sah zu, ob auch sein

Wagen da sei ... dann setzte er sich wieder auf seinen Platz und nahm

von neuem die Zeitung zur Hand. Man konnte bemerken, daß sich unser Held

in großer Aufregung befand. Er blickte nach der Uhr, sah, daß es erst

ein Viertel auf vier war und er folglich noch geraume Zeit zu warten

hatte, überlegte dabei, daß es unpassend sei, so dazusitzen, und ließ

sich daher Schokolade geben, obgleich er im Augenblick keinen großen

Appetit darauf hatte. Nachdem er die Schokolade ausgetrunken und bemerkt

hatte, daß die Zeit ein wenig vorgerückt war, ging er zum Büfett, um zu

bezahlen. Auf einmal schlug ihn jemand auf die Schulter.

Der Doppelgänger · 第 1 / 17 段