Luisa stand mit geschlossenen Augen. »Begnadigt?«

»Er wird halt reumütig geworden sein, eurem Glück zulieb!« Ein heißes

Drängen kam in die Stimme der Sus. »Kindl, jetzt sei gescheit! Ich seh

doch, wie du vor Sehnsucht schier versterben mußt. Denk nit an Höll

oder Himmel, denk an dein Glück! Unter allem Heiligen ist Glück und

Freud das Heiligste in der Menschenseel.«

Noch immer zitterte Luisa in der Erschütterung, von der sie befallen

war. »Begnadigt? Das muß man der Mutter Agnes zu wissen tun.« Sie riß

sich aus den Armen der Sus und sprang zur Haustür hinaus, ohne Hut

und Tuch, in dem ziegelfarbenen Hauskleid, angetan mit der grünen

Spinnschürze. Wie wunderlich die Leute auf der Gasse sie ansahen,

das merkte sie nicht. Vor dem Leuthaus war, so gierig auch Luisas

Augen suchten, kein gesattelter Gaul und kein begnadigter Reiter

zu gewahren, nur die Schildwach vor der Tür und ein Schwarm von

Burschen, die in freudiger Erregung mit einander flüsterten. Wußten

die es auch schon, daß der Leupolt begnadigt war? Und zwei Herren

kamen feierlich zum Leuthaus gegangen, festlich gekleidet und frisch

gepudert, der Stiftsdekan mit dem abgemagerten, gichtisch knaxenden

Kanzler von Grusdorf. Beriefen die beiden den Leupolt zum Fürsten? Und

die leere Sänfte, die ihr in der Marktgasse begegnete, voraus zwei

Läufer, auf deren blauen Seidenkappen die Straußenfedern so zufriedene

Bewegungen machten? Holte die Sänfte den Leupolt? Zum Vergelt für

die ungerechten Leiden? In Luisa wurde alles zu einem Märchen, zu

einem Kindertraum, und war doch nichts anderes als der glühende,

sinnverwirrende Blutschauer eines liebenden Weibes. Sie war so ganz in

das Glück dieser Stunde verloren, daß sie eine Frau nicht erkannte, an

der sie doch sonst nicht blind vorüberging. Hatte dieser gnadenreiche

Tag alle Menschen so verdreht gemacht, wie Luisa war? Auch Mutter

Jesunder zappelte an dem Mädchen vorbei, als hätten ihre Augen das

Sehen verlernt. Was aus dem verstörten Runzelgesicht der Frau Apollonia

herausblinkerte, war keine Gnadenfreude. Sie machte in ihrer Sorge um

den leidenden Sohn einen Weg, den sie in ihrem Leben noch nie gegangen

war.

Die rätselvolle Seelenkrankheit, an welcher Jesunder litt, hatte

sich in der vergangenen Nacht zu einer schrecklichen Traumkrise

angewachsen. Die auf ewig verdammte Marta Haynacherin war ihm

erschienen als grauenhafte Feuergestalt, war an sein weißes Bett

getreten und hatte in fehlerfreiem Latein zu ihm gesprochen: »Gib

mir meine Kinder wieder, das schwarze und das weiße!« Unter kaltem

Angstschweiß hatte er geantwortet, ebenfalls im besten, ciceronischen

Idiom: »Ich habe sie nicht, ich möchte doch selber wissen, wo sie

sind.« Und die entsetzliche, unerbittliche Haynacherin: »Du hast sie,

gib sie mir wieder! Ich weiß, du verschlucktest sie, wie ein Wolf das

schwarze und weiße Lämmlein!« Etwas Ähnliches hatte er selbst schon

in Augenblicken geistiger Verwirrung höchst unmedizinisch vermutet,

wenn er auch angenommen hatte, daß das unzertrennliche Pärchen nur in

seinen Gehirnwindungen eingekapselt wäre, nicht in seinem Unterleib.

Verzweifelt schrie er, mit einer Stimme, die nicht traumhaft blieb,

sondern so laut wurde, daß man sie vernehmen konnte im ganzen Haus:

»So nimm sie dir, schneide sie mir aus dem Bauch heraus, ich muß es

dulden in christlicher Ergebung!« Das war der Moment gewesen, in dem

die Mutter Jesunder ungemein real, mit weißer Nachthaube und rotem

Unterrock bekleidet, in den mystischen Traumvorgang hereingesprungen

war. Zitternd und unter Tränen hatte der wachgewordene Sohn am Hals

der Mutter gehangen und jedes Bekenntnis verweigert. Erst im Verlauf

des Vormittages, noch immer in den schwülen Wöchnerkissen liegend,

hatte er soviel Tapferkeit gefunden, um seiner kummervollen Mutter

den lateinischen Traum ins Deutsche zu übersetzen. Frau Jesunder

rannte im ersten Schreck zum Bader. Der scheuerte sich ratlos

hinter den Ohren. Sie lief zum Stiftsphysikus. Der lachte in einer

Anwandlung von Gemütsroheit, sprach von _vaporibus obstinatis_ und

empfahl die schattenseitige Applizierung von lauwarmer Sole, sanft

gemildert durch Olivenöl. Unmöglich! Wie hätte sich Mutter Jesunder

ihrem hochwürdigsten Herrn Sohn gegenüber zur Anwendung solch einer

unpriesterlichen Maßregel entschließen können? Und da wußte sie

schließlich in ihrer Verzweiflung keine andere Hilfe mehr, nur diesen

von ihr noch nie betretenen, mit den glühenden Steinen christlicher

Vorwürfe gepflasterten Weg: zum getauften Juden Simeon Lewitter.

Als sie scheu in das enge Gässelchen hineinsurrte, erreichte Luisa in

entgegengesetzter Richtung das schattige Häusergewinkel hinter der

nördlichen Stiftsmauer. Vor der Hintertür von Pfarrer Ludwigs Wohnung

stockte für einen Augenblick ihr jagender Fuß. Einen Rat holen? Dieser

Gedanke, kaum geboren, war schon wieder verworfen. Das zitternde

Jubelklingen in ihrem Herzen? War das nicht von allen Ratgebern der

verläßlichste? Weiter mit wehendem Rock und fliegender Schürze! Auf der

Schwelle des Mälzmeisterhauses ein Stoßgebet und ohne Besinnen hinein

in die Stube. Wie freundlich diese schmucke, schimmerblanke Stube war!

Hinter dem weißgescheuerten Tisch, im sonnigen Herrgottswinkel, saß

Mutter Agnes und schneiderte. Die große Schere fiel ihr klappernd aus

der Hand.

»Mutter!« War das der Hilfeschrei einer versinkenden Menschenseele oder

der scheue, atemlose Jauchzer eines auferstandenen Herzens? »Mutter!

Mutter! Unser Leupi ist da!« Bevor Frau Agnes noch herauskam aus der

Bank, hing Luisa schon an ihren Hals geklammert. Eine Weile hielten

sich die beiden schweigend umschlungen, und man hörte in dieser Stille

das scharfe Tacken einer großen Pendeluhr. Das klang wie eine stählerne

Mahnung der unerbittlich schwindenden Zeit und sagte immer die gleiche,

befehlende Silbe: »Tu's! -- Tu's! -- Tu's! --« Die Mälzmeisterin fand

zwischen Weinen und Lachen zuerst die Sprache. »So red doch, Kind! Um

Christi Barmherzigkeit! Wo ist denn mein Bub?«

»Mit den Herren ist er eingeritten im Leuthaus. Und ist begnadigt vom

gütigen Fürsten.«

Aller Aufruhr in Mutter Agnes beschwichtigte sich. »Siehst du, Kind!

Hab ich's nit allweil gesagt!« Lächelnd hob sie die nassen Augen zu

dem mit Palmzweigen geschmückten Kreuz im Herrgottswinkel. »Auf den da

droben ist Verlaß! Tät der ganze Weltkäfig ein schecketes Narrenhaus

werden, beim Ewigen bleibt allweil der glashelle Verstand daheim.« Sie

fühlte, wie der schlanke Mädchenkörper in ihren Armen bebte. »Komm,

liebes Kind! Tu dich hersetzen zu mir! Und sag, wo hast du denn unseren

Buben gesehen? Beim Leuthaus drüben? Da ist er doch nimmer weit von

uns? Da muß er doch kommen? Bald!« Nun fuhr der Mälzmeisterin eine

Hausfrauensorge durch das Mutterglück. »O du heiliger Schnee, jetzt

kommt der Bub, und sein Stübl ist nit parat! Ist noch allweil, wie's

gewesen ist nach dem roten Tag. Das müssen wir richten. Komm, Kindl,

und hilf! Wir zwei, wir betten unseren Buben, daß er in seinem Nest

ein Träumen haben soll wie ein Schwalbenmänndl im Mai!« Sie lachte

aus fröhlichem Herzen. »Ach, Mädel, da brauchst du nit so sorgenvoll

dreingucken! Er tut's nit allein. Da kannst du dich verlassen drauf.

Aber flink, Weible, jetzt müssen wir schaffen!«

Schlüssel klapperten, Schubladen quieksten, Kastentüren flogen auf

und zu. Und immer dieses glückliche Stammeln und Schwatzen. Es blieb

aber doch in aller lachenden Freude noch immer ein leiser Sorgenklang.

Leupolt? Als ein Reumütiger heimkehrend zum fürstpröpstlichen Glauben?

Luisa konnte das hoffen, Mutter Agnes nicht. Während sie schaffte und

die Kissen schüttelte, wurde jedes Wort in ihr lebendig, das ihr Sohn

im Jägerkobel zu Bartholomä und da draußen im Buchenwald beim Haus des

Hiesel Schneck zu ihr gesprochen hatte. Die Sonne macht Tag um Tag

ihren Wandel durch, geht unter und morgen wieder auf. Der Leupi färbelt

nicht. Der bleibt, wie er war. Aber gekommen ist er doch! Ist frei! Und

da muß er doch auch begnadigt sein! Das freudige Wunder ist geschehen.

Wie? Der Herrgott wird's wissen. Es ist von aller unnötigen Arbeit

die dümmste: daß sich die verdrehten Menschen bei ihrem Seelengezappel

allweil den Kopf des Ewigen zerbrechen. Wie's Gott macht, ist es

wohlgetan. Allweil! Und um so größer und schöner sind seine treuen

Wunder, je minder so ein armseliger Menschenverstand sie begreift. Als

Mutter Agnes zu diesem Schlußgedanken kam, wurde ihr Lachen so frei,

daß auch Luisa immer froher und gläubiger wurde. In Leupis kleinem

Stübl lagen die Kissen frisch bezogen auf dem weißen Bett. Da fragte

Luisa mit glühendem Gesicht: »Meinst du nit, man tät ein paar Blümlen

finden?«

»Freilich, liebs Weible, spring nur! Draußen im Gärtl, wo viel

Sonn gewesen, da blüht schon was!« Während Luisa durch die Küche

davonhuschte, sprang die Mälzmeisterin in die Wohnstube hinüber, um

Weihwasser zu holen und die Kammer ihres heimkehrenden Buben zu segnen.

Schon hob sie die Hände, um das zinnerne Kesselchen vom Türpfosten

herunterzunehmen. Da sanken ihr die Arme wieder. »Er tät's nit haben

wollen. So darf ich's nit tun.« Den Kopf beugend, preßte sie das

Gesicht in die Hände. Ein Schatten glitt über das sonnige Fenster,

und auf der Pflasterung vor der Haustür klang ein fester Schritt.

Den kannte Mutter Agnes, wie die Sterne ihren Weg am Himmel kennen;

aber das freudige Erschrecken fuhr ihr so lähmend in alle Glieder,

daß sie nicht von der Stelle kam. War's eine Ewigkeit, war's eine

Sekunde -- Leupolt stand schon auf der Stubenschwelle, mit dem frohen

Lachen eines Glücklichen, brauchte keinen Hut herunterzunehmen, weil

er keinen hatte, riß die Mutter an sich und hielt sie umschlungen.

Erst weinte sich Frau Agnes an seiner Schulter tüchtig aus, um die

Unsicherheit ihres Glückes loszuwerden. Immer streichelte Leupolt ihr

grau gewordenes Haar, bis sie ruhiger wurde und fragen konnte: »Darfst

du jetzt bleiben? Daheim?«

»Den Abend und die Nacht. Ja, Mutter! Morgen muß ich bei meinem neuen

Herrn zum Dienst antreten.«

»Bei --« Die Sprache versagte ihr. »Dein neuer Herr? Wer ist das?«

»Der starke Helfer in unserer Not. Ach, Mutter, wie schön ist das

Leben, wenn es Trost und Hoffnung hat und einen graden, sauberen Weg.«

Sie wollte was sagen, mußte aber immer ihren Buben ansehen. So

aufrecht, mit so festem Gesicht und so leuchtenden Augen hatte sie ihn

noch nie gesehen. War das an ihres lieben Herrgotts schwerbegreiflichem

Wunder das Beste? Oder wußte der Leupi schon, daß sein Luisli im

Haus war? Jesus, das Luisli! Auf das kleine Weibl, das um die Blumen

gelaufen war, hatte die Mälzmeisterin ganz vergessen. Und da klingelte

draußen im Hausflur schon das winzige Schuhwerk über die Dielen. »Bub,

da ist wer!« stammelte Frau Agnes. »Tu dich gedulden einen Schnaufer

lang!« Sie glitt aus der Stube, zog die Türe hinter sich zu und haschte

auf der Kammerschwelle das Mädel. Zwischen den Händen hielt Luisa einen

rund und hübsch gebundenen Strauß von roten Aurikeln, der aussah wie

ein großer reifer Apfel mit festem Stiel. Dieser Vergleich mußte der

Mälzmeisterin eingefallen sein, weil sie sagte: »Komm, du Everl du

liebs, deine paradeisischen Blümlen sollen gleich an das Plätzl kommen,

für das der gescheite Herrgott sie erschaffen hat.« Zärtlich schob sie

das Mädel in die Stube, klinkte hurtig die Türe wieder zu und flüsterte

in einer wirbligen Mischung von Glück und Trauer: »Finden und hergeben!

Zwei Wörtlen! Und alles ist gesagt, was Freud einer Mutter heißt.« Von

der mütterlichen Klugheit sprach sie nicht, handelte aber doch nach

ihrem Gebot, drehte leis im Schloß der Stubentüre den Schlüssel um,

zog ihn ab und schob ihn in die Schürzentasche. »So!« Jetzt sollten

ihr die beiden nimmer aus der Stube kommen, bevor sie nicht eins

miteinander wären. Draußen im offenen Buchenwald an der bayrischen

Grenze, wo die Welt wohl einen Schlagbaum hat und doch nicht vernagelt

ist mit Brettern, da konnten zwei verrückte Menschenkinder rennen,

Gott weiß wohin. Zwischen vier festen Mauern mußten sie aushalten,

bis der gefrorene Verstand ihnen ausschlug zu verheißungsvollen

Frühlingsknospen.

Diese menschliche Logik war so fehlerlos, wie das Traumlatein des

Chorkaplans Jesunder. Dennoch hatte sie einen Haken. Vorerst, als die

Mälzmeisterin an der Türe lauschte, schien tiefster Friede in der Stube

zu herrschen. Man konnte nur hören, wie die alte Pendeluhr das mahnende

Knack und Tack der schmelzenden Zeit verkündete. Da war es für Mutter

Agnes eine ausgemachte Sache: die zwei jungen Leut mit ihren brennenden

Herzen hatten kürzeren Prozeß gemacht, als ihn der Landrichter

Halbundhalb mit Tinte, Streusandbüchse und zahllosen Überflüssigkeiten

zu machen pflegte, hatten sich herzhaft um den Hals genommen und hingen

Schnabel an Schnabel.

So war es nicht. Es war viel schöner. Luisa stand mit dem Rücken

gegen die heimtückisch verschlossene Tür gelehnt, ohne zu ahnen,

welche Gewalttätigkeit sich da vollzogen hatte, hielt den runden

Apfel der roten Aurikeln zwischen den fiebernden Händen und sah in

Glut, mit Bangen und doch in sehnsüchtigem Hoffen zu diesem stummen,

prachtvollen Menschen hinauf, den die Staubwolken der Reichenhaller

Straße bis über die Hüften so weiß überpulvert hatten, als hätte er

durch eine Mehlkiste springen müssen. Er stand ein paar Schritte vor

ihr, sah sie immer an und konnte nicht reden, konnte nur lächeln in

seiner Freude. Neben Gott und Ehre war sie ihm stets das Schönste des

Lebens gewesen; aber so reizvoll wie in dieser Stunde hatte er sie

noch nie gesehen, auch nicht im Hallturmer Buchenwald; da draußen war

die Pflicht zwischen ihr und ihm gestanden; jetzt stand das Glück bei

ihnen und übergoß für ihn die Geliebte mit einem Zauber ohnegleichen.

Ihr ziegelfarbenes Hauskleid brannte wie Mohn in der Sonne, und vor

der grünen Spinnschürze, an der noch viele glitzernde Fäden hingen,

flackerte beim Zittern ihrer Hände der rote Aurikelbuschen. Aber

schöner und feiner blühten noch die Farben ihrer selbst, der rosige

Bluthauch und die blaßblauen Adern ihres schlanken Halses, die Glut

auf ihren Wangen, die dunkle Tiefe der glänzenden Augen und der sanfte

Schimmer des reichen Haars. Es war in seinem dürstenden Blick: daß er

sie gern in der ersten Freude an sich gerissen hätte, um sie nimmer

zu lassen. Und die alte Pendeluhr, als wäre sie der Pfarrer Ludwig,

mahnte immer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Er überwand es. Luisa war ihm viel zu

lieb und zu kostbar, als daß er sie hätte berühren mögen mit seinen

verstaubten, von der Zügelschwärze beschmutzten Händen. Auch lag noch

immer zwischen ihnen ein tiefer Graben, den die Liebe erst überbrücken

mußte; doch er fühlte, daß das Glück der gegenwärtigen Stunde diese

Brücke bauen würde. »Deine Blumen, Luisli?« sagte er und deutete nur

ein bißchen mit der Hand. »Sind die für mich?«

In ihrer Verwirrung schien sie nicht recht zu wissen, welche Antwort

sie gab. Es war ein Wort, das den innersten Schatz ihres Herzens vor

ihm entschleierte. Mit glücklichen Augen zu ihm aufblickend, sagte sie:

»Für dich ist alles.«

Da nahm er die roten Blumen. »Vergeltsgott, du Meine! Daß ich nit lüg,

das weißt du. Deine Blumen, auch wenn sie dürr geworden, sollen mir

allweil das Beste sein, was der Frühling verschenken kann. Und komm!

Wir wissen, was wir einander gelten. Da wollen wir alles nach Pflicht

und Treu bereden.« Sie mußte sich am Tisch zu dem Fenster setzen, durch

das die Sonne hereinglänzte. Willig tat sie, was er haben wollte.

Er saß ihr gegenüber. An seinem Kittel wischte er den Staub und die

Riemenschwärze von den Fingern, wölbte zärtlich die Hände um Luisas

roten Blütenapfel, sah ihr in die Augen und beugte sich über die

Tischplatte zu ihr hinüber. »Schau, ich frag dich gleich mit dem ersten

Wörtl: Gehst du mit mir?«

Sie erschrak, daß ihr Gesicht sich veränderte. Dennoch war es nicht

mehr der gleiche verstörende Schreck, wie draußen im Hallturmer

Buchenwald. Was aus ihren erloschenen Worten herauszitterte, war mehr

Sorge als Angst: »Ach, Jesus! Gehst du denn wirklich?«

»Ja, Luisli! Von morgen den fünften Tag. Ich führ den ersten Zug. Das

sind die Ärmsten. Die führ ich. Unser Weg geht über Reichenhall, über

Ingolstadt, Bayreuth und Wittenberg hinunter ins Brandenburgische und

auf Ostpreußen zu.«

Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut heraus.

Leupolt sah, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten. Die roten Blumen

an seinen weißnarbigen Hals pressend, beugte er sich noch näher zu ihr

hin und flüsterte aus aller Glut seines Herzens: »Gehst du mit mir? Ich

mein', dein guter Vater tät uns das Glück nit wehren. Dich hat er lieb.

Kann sein, daß er hinzieht, wo wir hausen werden. Sorg mußt du nit

haben. Ich krieg einen Herrn, der mir gütig ist. Von Vater und Mutter

hab ich ein bißl was, versteh mich auf mein Sach und bin ein richtiger

Schaffer. Verschwören kann es der Redlichste nit, was kommt. Aber ich

trau mir's zu, daß ich dir und mir ein Glück bau, fest fürs Leben wie

eine eiserne Mauer. -- Luisli? Kommst du mit?«

Sie wehrte mit schwachen Händen und klagte: »Es geht nit, geht nit,

Leupi! Alles in mir ist dein. Und schelten kann ich es nimmer, daß du

da drüben bist. Aber hinüber zu dir?« Den Mut, ihn anzusehen, hatte

sie nicht. Sie sprach ins Leere hinaus. »Das wär' wider Gott und die

Seligkeit. Ich kann nit verlassen, was mir heilig und ewig ist.«

»Das müßt nit sein. Deswegen könnten wir allweil in Treu und Glück

miteinander leben. Mußt du nit schelten, was ich glaub, so will ich

allweil in Ehren halten, was dir heilig ist. Geh, schau mir doch ein

bißl in die Augen, Liebe! Ich tät mich viel leichter reden.« Er legte

seine Hand auf die ihre. »Kannst du es tun, so gibst du mir Leben und

Glück. Mußt du es wehren, so legst du mir das einschichtige Elend auf

Leib und Seel. Verzweifeln werd ich nit müssen. Bloß allweil dürsten

nach dir. Und im Dürsten muß ich mich ausstrecken, geh meinen graden

Weg und tu meine Pflicht als Mensch und Christ. Ich kann nit anders.

-- Luisli!« Hoffender Jubel klang aus diesem Namen. Er sah, wie ihre

heißen Augen sich ihm zuwandten und wie sie hingen an ihm. Und sah,

wie alles Wirre und Hilflose in ihrem lieben Gesicht sich zu mildern

und zu lösen begann. »Luisli? Meinst du nit, wir zwei, die uns so lieb

gewonnen, könnten für Tausend, die an der gleichen Irrnis leiden, ein

gutes Fürbild sein? Daß man nit hadern und streiten muß um Himmel und

Herrgott? Und daß man als deutsche Leut in Glück und Fried miteinander

hausen könnt? Herrgott bei Herrgott, Glauben bei Glauben und Herz neben

Herz.«

Zitternd faßte sie ihren Kopf mit den Händen, schüttelte immer das

stumme Nein und konnte doch mit ihrem Blick seine Augen nimmer lassen.

Ein Schwimmen und Gleiten kam ihr in die Sinne, ein Brausen und Klingen

war in ihren Ohren, in ihrem Blut. Sie verstand seine Worte nimmer,

hörte und fühlte nur die Zärtlichkeit und die zwingende Macht seiner

Stimme. Alle Sehnsuchtsbilder schlafloser Nächte wurden wach in ihr.

Was so rein und freudig in ihrem Herzen zu glühen begann? Konnte das

Sünde sein? Dürfte das in ihr lebendig werden, wenn nicht Gott es in

ihre Seele gegeben hätte, wie er den Aurikelblüten das leuchtende Blut,

dem Himmel das keusche Blau und der Sonne die linde Frühlingswärme

gab? Dieser Glaube wuchs ihr fest in die Seele, immer ruhiger und

froher wurde sie, und je länger und tiefer sie in Leupolts glänzende

Augen sah, um so heißer fühlte sie, daß sie das grausame Nein nimmer

sagen konnte.

Bei aller Redlichkeit war Leupolt doch auch ein guter, flinkschauender

Jäger. Gleich merkte er den erlösenden Umschwung, der sich in Luisa

vollzog, huschte mit glückseligem Auflachen zu ihr hinüber, saß an

ihrer Seite, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Sie

wehrte sich nimmer, drängte sich aufatmend an seine Brust und schmiegte

unter frohem Lächeln die Wange an seinen Hals. Er neigte in seiner

brennenden Freude schon das Gesicht, um sie zu küssen. Und immer sagte

die Uhr an der Mauer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Aber der alte Räderkasten

kannte den jungen Leupolt nicht. Der war zu gewissenhaft. Dem hatte die

Neumondnacht ein eisernes Wort ins Leben gegossen: Pflicht! »Schau,

Luisli,« sagte er an ihrem Ohr, »ich spür doch, wie sich alles in dir

zum Guten wendet. Nehmen darf ich dich nit, du mußt dich geben, frei

und unberedet! Luisli? Gehst du mit mir?«

Schon wollte sie nicken, schon hob sie die Arme zu seinem Hals. Da

fiel ihr plötzlich etwas Steinernes in das erblassende Gesicht. Und

erschrocken starrten ihre erweiterten Augen auf eine schreckliche Sache

-- auf diese unerbittliche Uhr an der weißen Mauer. So freundlich klang

ihre tackende Stimme und war doch ein höhnender Mord an dem blühenden

Glück dieser Stunde. Nicht wie der hilfreiche Pfarrer Ludwig war diese

Uhr. Sie war wie der Chorkaplan Jesunder, der eine gläubige Seele bei

schönem Orgelrauschen hinausgestoßen hatte aus dem Gotteshaus.

Ein altes Meisterstück. Geschaffen von einem grüblerischen Handwerker,

dem Gedanken unter dem Haardach wuchsen. Der hatte sich gesagt:

»Die laufende Zeit ist Gottes Kind, der sein Geschöpf bewacht in

jeder Sekunde und die schwachen Menschen mit jedem Pendelschlag vor

dem Bösen warnt und sie ermahnt zum Guten.« Aus solchem Gedanken

hatte der geschickte Mann diese verhängnisvolle Uhr geschaffen. Ein

silbernes Zifferblatt mit geschnörkelten Zeigern. Über dem Kreis

der Stundenzahlen wachte das Auge Gottes, nicht gemalt, sondern

plastisch und lebendig. Inmitten eines von Flammen umloderten Dreiecks

funkelte das dunkle Auge mit weißen Winkeln. Durch einen unsichtbaren

Mechanismus -- wie die ewige Vorsehung unter Schleiern waltet -- war

das ruhelose Auge mit dem Pendelgang verbunden. Tackte der Pendel hin

und her, so glitt das wachende Auge her und hin. Sah es nach rechts,

so war es freundlich, und seitwärts aus dem Uhrgehäuse hob sich mit

winkendem Palmzweig ein weißbeschwingter Engel hervor. Sah es nach

links, so war es zornig, und ein schwarzgeflügelter Teufel fischte mit

dem Höllenzagel nach einer ewig verdammten Seele.

Leupolt, ungeduldig auf eine Antwort harrend, fragte in Herzlichkeit:

»Luisli? Gehst du mit mir?«

Das Weiße des gleitenden Auges flimmerte zornig nach links, und der

Höllische kicherte boshaft: »Tu's!«

Wie eine Fiebernde stammelte Luisa: »Ich kann's nit sagen. Das muß ich

erst mit Gott bereden in der Kirch.«

Freundlich glänzte das dunkle Auge nach rechts, und der unschuldweiße

Engel mahnte: »Tu's!«

»Mein alles bist du! Mein Glück und Leben! Du kannst mich doch nit

verlassen? Schau mir doch in die Augen! Nimm mich um den Hals! Gelt ja,

du bleibst die Meine?«

Bevor der huschende Warnerblick das Weiße schrecklich nach links

hin drehen und der ewige Widersacher alles Menschenglückes die

scheinheilige Verführungssilbe schmunzeln konnte, riß sich Luisa mit

erloschenem Schrei aus Leupolts Armen, kämpfte sich aus der Bank

heraus, deutete verstört auf das Auge Gottes und preßte zitternd das

Gesicht in die Hände. Die Uhr an der Mauer sagte: »Tu's!« Und Luisa

wußte nimmer, ob da der Engel oder der Höllische geredet hatte. Wie

eine Irrsinnige sprang sie zur Tür hinüber, fand sie verschlossen

und wurde von einem grauenvollen Entsetzen befallen. Als Leupolt,

bleich und bestürzt, dem Mädel nachgesprungen kam, stieß ihn Luisa

mit den Fäusten von sich, tastete nach der Klinke, riß und rüttelte

an der Tür und fing zu schreien an wie ein angstvolles Kind in den

Gichtern. Mit Leupolts stammelnden Worten mischte sich draußen im Flur

das erschrockene Klagen der Mutter Agnes. Der Schlüssel klapperte

im Schloß, die Tür sprang auf, und Luisa jagte an der ratlosen

Mälzmeisterin vorüber, durch den Flur, hinaus in die Sonne.

»Bub? Herr Jesus, was ist denn da?«

»Ich weiß nit, Mutter, was da geschehen ist. Weiß nur, mein Glück und

Leben und alles ist in Scherben!«

Diesen von Gram zerdrückten Schrei konnte Luisa noch hören. Ein

verständiges Besinnen schien sie zu überkommen, weil sie die

fürchterliche Uhr nimmer sah. Aber da klang das verführerische

Teufelskichern, so nah, als wär' es versteckt in ihren Zöpfen: »Tu's!«

Die Hände über die Ohren pressend, huschte sie in ihrem ziegelroten

Kleid wie eine wehende Flamme hinüber zum Stiftshof und dem Tor der

Kirche zu.

Das war gerade der Augenblick, in welchem Simeon Lewitter, nach

gründlicher Untersuchung der ciceronischen Traumzustände des

Chorkaplans Jesunder, sehr nachdenklich heraustrat aus der Pfarrei.

Er sah das Mädel vorüberflattern und in der Kirche verschwinden. »Was

ist nur da schon wieder? Mir scheint, die ganze Welt hat scheckige

Zwillingskinder im Gehirn.« Seufzend täppelte er seiner heiligen

Kinderstube zu, kehrte wieder um, spähte zu den Fenstern seines

langen Freundes Ludwig hinauf und trat nach einigem Zögern in das

Gerichtsgebäude.

Die vier überflüssigen Buchstaben waren sehr beschäftigt und verzogen

sich zu einer mißtrauischen Grimasse, als Lewitter schüchtern sagte:

»Ich hätt ein Wörtl zu reden. Unter vier Augen.« Er mußte erst noch

beifügen, daß es sich um Leben und Verstand eines wackeren Mannes

handle, ehe Doktor Halbundhalb sich entschließen konnte, seine

Gehirnlatwerge vom Formaljustiziarischen loszureißen, den Schreiber

aus der Stube zu schicken und sich einzulassen auf eine sekrete

Konversation.

»Also?«

Lewitter faßte sich kurz: seit dem Verschwinden des Haynacher'schen

Zwillingspärchens aus der Armeseelenkammer wäre der Chorkaplan von

Wahnvorstellungen befallen, die seinen Verstand bedrohen. Jetzt bilde

er sich ein --

»Mir schon bekannt!« unterbrach der Allwissende unter der mehligen

Roßhaarperücke. »Zuerst die sinnlose Annahme, daß Pfarrer Ludwig der

Schuldige wäre -- eine Hypothese, die sich bei aller Plausibilität als

verfehlt _in nuce_ erwies -- und nun dieser neue beklagenswerte Wahn!

Der Mann erbarmt mich. Hoffentlich findet Ihr ein rettendes Remedium?«

»Es gibt nur ein einziges. Man muß dem Jesunder über den Verbleib des

Pärleins die Wahrheit mitteilen.«

»Ausgeschlossen!« sagte der Landrichter mit Energie und mit einer das

Thema erledigenden Handbewegung.

Lewitter schmunzelte, kaum merklich. »Ist denn die Wahrheit Euer

Gestreng bekannt?«

Der Landrichter schob den Hals der Gerechtigkeit lang aus der Krause

heraus. Wie der Himmel dunstet, wenn er in unmutige Laune gerät, so

senkte sich aus den weißen Lockenschnecken ein nebliger Niederschlag.

»Vermutet Ihr, daß es jemals eine Wahrheit gab, die ich *nicht*

erforschte?«

»Da dürft Ihr sie dem armen Jesunder nit vorenthalten. Seid barmherzig,

Herr!«

»Unmöglich.«

»Dann sitzt der leidende Chorkaplan an Pfingsten im Narrenturm. Das

wird für die Regierung kein erquicklicher Fürgang sein. Und könnte

traurige Folgen haben. Der Bevölkerung dürfte das wie eine offenkundige

Gottesstraf erscheinen, und es wär nit undenkbar, daß es zu neuem

Aufruhr kommt, der die Exulantenliste wieder um viele hundert Namen

vermehrt. Was wird der Allergnädigste Herr da sagen? Und mir, Gestreng,

wird es nit zu verübeln sein, daß ich mich dem Fürsten gegenüber

salvieren muß, nachdem mein nützlicher Rat das verdiente Gehör nit

gefunden hat.«

Herr Willibald Hringghh, einem folgenschweren Dilemma gegenübergestellt

und in Erinnerung der Standrede seines Allergnädigsten, begann vor

Aufregung und Ratlosigkeit so heftig zu transpirieren, daß seine

niedere Stirn wie übersät erschien mit zahllosen Glassplitterchen.

Gerade, um seinem Allergnädigsten eine schmerzende Unerquicklichkeit zu

ersparen, hatte er unter heftigen Seelenkämpfen mit seinem Amtsgewissen

jede weitere Untersuchung in Sachen des an der Armenseelenkammer

begangenen Raubes niedergeschlagen. Es war ihm vor Wochen ein Gerede

zu Ohren gekommen. Dem hatte er mit wahrheitsschädlicher Emsigkeit

nachgeforscht und hatte einen Zeugen eruiert, der unter Eid bekundete:

er wäre in der Mirakelnacht am Gottesacker vorbeigekommen und

hätte deutlich gesehen, daß ein junger schlanker Mensch in einem

hellfarbigen, gebänderten und gemäschelten Herrenmantel hurtig mit

einer Schaufel ein Loch in den Boden grübe; dabei hätte der Zeuge

sich nur gedacht, daß wohl einer von den lustigen Domizellaren wieder

einmal einen übermütigen Streich verüben möchte; mehr wisse er nicht.

Schon vierundzwanzig Stunden nach der Streubesandung dieses Protokolles

wußte Willibald, der Wahrheitsforscher, wesentlich mehr und hatte

den geheimnisvollen Totengräber verläßlich ausgeforscht: den Grafen

Tige. Mit justiziarischer Schlingensicherheit war nachzuweisen, daß

-- nicht in der zweiten, wohl aber in der ersten Kapitelnacht, es lag

hier einer von jenen häufigen Irrtümern vor, wie sie einem Zeugen bei

Zeitbestimmungen leicht zu widerfahren pflegen -- daß der leichtsinnige

und frivole Junker in jener Nacht das Bett seiner Domizellarenstube

nicht berührt, nach anzunehmender Friedhofsschändung die restlichen

Nachtstunden in den innersten Gemächern der allergnädigsten Aurore

de Neuenstein verbracht und so den Leichenschmack gewissenlos in das

Freudengärtlein des vertrauensseligen Landesfürsten transferiert

hatte. Durch diesen Sachbefund war nicht nur die fleckenlose Unschuld

des widersinnig verdächtigten Pfarrers zur Evidenz erwiesen; es

hatte sich auch die betrübsame Angelegenheit für die vier zu Tod

erschrockenen Entbehrlichkeitslettern in eine _res sacra_ verwandelt,

vor der die Gerechtigkeit ihre Augen doppelt verbinden mußte. Und

drum hatte das >getreue Justizkamel< den für die Herzensruhe des

Landesfürsten gefährlichen Akt mit submissester Ergebenheit in dem

durch Riegel und Vorhangschlösser gesicherten Geheimarchiv seiner

Kanzlei verschwinden lassen. Wie hätte man nun dem verrückten Jesunder,

der sogar seine Träume hinausbrüllte in die Welt, solch eine delikate

Wahrheit anvertrauen dürfen? »Unmöglich!« Aber diese neue Gefahr nun!

Gottesstrafe, Aufruhr, Wachstum der Exulantenliste und Verderb des

ganzen, bisher so glücklich geratenen Bekehrungswerkes! In dieser

desperaten Lage fand der schwitzende Wahrheitsgräber keinen anderen

Ausweg, als sich dem klugen Simeon Lewitter ohne Rückhalt zu eröffnen.

»Freilich,« nickte Simmi unter leisem Lächeln, »*das* kann man dem

armen Jesunder nit preisgeben!«

»Was aber soll man tun?«

»Man wird -- die Wahrheit in allen Ehren -- zur Rettung des

beklagenswerten Mannes einen barmherzigen Schwindel ersinnen müssen.«

»Glaubt Ihr damit zu reüssieren?«

»Vielleicht. Wenn Euer Gestreng mir hilfreich beistehen wollen?«

»Mit Freuden!« Die weißen Perückenschnecken des Landrichters machten,

weil die vier Überflüssigen einen tiefen Atemzug der Erleichterung aus

sich herausbliesen, eine sonderbare Nickbewegung. »Seid meines Dankes

gewiß für alle Fälle. Und weil wir schon von getrübten Gehirnen reden

-- habt Ihr nicht in letzter Zeit dem Christl Haynacher Eure Beachtung

als Arzt gewidmet?«

»Warum?« fragte Lewitter ernst.

»Der gute Mann scheint völlig schwachsinnig geworden zu sein. Wir

sorgen uns um seinen katholischen Deszendenten. Auch Muckenfüßl ist der

Meinung, daß man da einschreiten müßte. Bald.«

»Euer Gestreng!« Simeons Brauen zogen sich hart zusammen. »Da muß ich

auf das Eindringlichste abraten. Ich bitt Euch, laßt diesen Mann in

Fried! Der Haynacher ist bei vollem Verstand --«

Eine erledigende Handbewegung unterbrach den Arzt. »Diesmal irrt Ihr

Euch, mein guter Lewitter!« Und lächelnd trug Herr Willibald seinen

weiß überlöckelten Unverstand zur Tür hinüber, um den beurlaubten

Schreiber herbeizurufen für weitere Mißhandlung der irdischen

Gerechtigkeit.

Schweigend verließ Lewitter die mufflige Pfründenstube der Frau

Justitia. Draußen in der Sonne sah er seinen langen Freund mit wehenden

Rockflügeln herüberkommen vom Mälzmeisterhaus, ein heiteres Lachen

auf dem zwinkernden Warzengesicht. »Mein gescheiter Simmi!« Lustig

legte der Pfarrer seinen Arm um die Schultern Lewitters. »Jetzt rat

einmal, warum von heut auf morgen ein liebes junges Menschenglück zu

Berchtesgaden in Scherben gehen soll?«

Simeon fragte nur mit den Augen. Und der Pfarrer lachte: »Weil vor

anno Towak ein Nürnberger Uhrmacher ein geschickter Kampl, aber ein

gottslästerlicher Hornochs gewesen ist!« Der weitere Gedankenaustausch

der beiden Freunde wurde gestört durch einen feierlichen Staatsakt, der

sich vor ihren Augen im großen Stiftshofe vollzog. Die Trommeln der

Torwache rasselten, daß man an Krieg und Schlachten hätte denken mögen.

Zwischen einem Spalier von präsentierenden Musketieren, denen unter dem

Dreispitz bolzensteif der Zopf hervorstach, sah man hinter den Läufern

mit ihren baumelnden Straußenfedern eine lindgeschaukelte Sänfte

gleiten. Durch ihr blitzblankes Fenster gewahrte man einen würdevollen

Herrn in goldstrotzender Gesandtengala und neben ihm einen kleinen,

bescheiden uniformierten jungen Offizier mit neugierigem Spitzgesicht.

Das große Jagen · 第 84 / 98 题