Frau Agnes und Luisa sagten das gleiche Wort: »Ich kann nit essen.«

»Das muß man können.« Der Pfarrer legte den beiden die Arme um die

Schultern. »Ach, ihr Weiberleutlen! Ob Freud oder Weh, allweil hängt

ihr zuerst den Magen an den Bindfaden.«

Niklaus stand noch immer auf der Straße, spähte zum Toten Mann hinauf

und wieder hinüber gegen die Büsche, hinter denen der Musketier mit dem

sonderbaren Bart verschwunden war. Nun ging der Meister zur Herberg

hinüber. Da kam die Sus gelaufen, mit großgeöffneten Sorgenaugen:

»Meister? Was ist das für ein Wörtl gewesen? Daß es wühlt in jedem?«

Den Kopf beugend, fragte er in Trauer: »Verstehst du das nit?« Eine

Weile stand sie unbeweglich, dann nickte sie stumm. Ganz leis wurde

seine Stimme. »Wenn's so kommen müßt? Was tätst du, Sus?«

Mit einem Lächeln, aus dem alle treue Tiefe ihres aufgeopferten Lebens

herausglänzte, sagte sie: »Bleibt der Meister, so bleib ich. Geht der

Meister, so geh ich.«

An den beiden surrte ein junger Bub vorbei. Der sprang hinüber zum

Schneckenhäusl. Nach einer Weile brachte er die Botschaft: »Der Jäger

Raurisser ist nit daheim, ist droben am Berg. Am Nachmittag, hat die

Schneckin gesagt, gegen die vierte Stund muß er heimkommen.« Das

wurde nun eine qualvolle Zeit des Wartens. Alle paar Minuten guckte

Frau Agnes nach der Sonnenuhr, die über der Herbergstür an der Mauer

war. »Heut muß die Sonn langsamer laufen, wie sonst.« Noch ehe der

Schattenstrich hinrückte gegen die Vier, verlor die Mälzmeisterin ihre

letzte Geduld. Sie umklammerte die heiße Hand des Mädchens. »Komm!

Jetzt springen wir ihm entgegen, den Berg hinauf, und schreien uns

die Seelen aus dem Hals. Darf der Kuckuck schreien im Frühling, warum

sollen die Menschen nit schreien dürfen?« Sie riß das wortlose Mädchen

mit sich fort. Zum Haus des Hiesel Schneck hinüber war es nicht weit.

In dem engen Wiesentälchen konnte man den Weg nicht verfehlen. Auch

war der Pfad gut ausgetreten von den Schneckischen Nagelflößen. Drei

schwarze Ziegen trotteten mit kleinen Bimmelschellen und klunkernden

Eutern über den Weg, man hörte die müde Stimme des Schneckenweibls

locken, und durch die Stauden schimmerte in der Sonne die alte

Balkenmauer.

Ein erstickter Laut. Mutter Agnes fing an allen Gliedern zu zittern

an. »Mein Bub! Da kommt er!« Nun ein leises Betteln: »Kindl? Gelt?

Das erste Wörtl tust du der Mutter lassen!« Nur nicken konnte Luisa

und sprang in den knospenden Buchenwald hinein. Mutter Agnes, immer

fröhlicher atmend, hing mit leuchtendem Blick an der festen Gestalt

des Sohnes, den das Gewirr der Stauden noch umschleierte. Er war ohne

Waffe, trug den Bergsack auf dem Rücken, den langen Griesstecken in

der Faust. Gleich sah die Mutter: der ist gesund, gesünder als je!

Huschend glitt vor ihren Gedanken ein Bild vorüber: der Marktplatz

zu Berchtesgaden, der Brunnen mit den Musketieren, das erregte

Menschengewühl und der Blutende am Holz der Unehr.

Leupolt, langsamer schreitend, blickte nicht auf den Pfad, sah und

lauschte immer gegen den Hallturm hinüber. Und plötzlich sprang er auf

die Stauden zu, wandte sich gegen die bayrische Grenze und verschwand

hinter brechendem Gezweig.

»Leupi!« schrie die Mutter mit erdrosseltem Laut.

Ein Rauschen im Gebüsch. Nun tauchte er aus den Stauden heraus, Schreck

und Hoffnung in den Augen. Ein heißer, glückseliger Schrei: »Herr

Jesus! Mutter!« Hätte sie es noch nie gewußt, wie er hing an ihr, mit

jeder Faser seines Lebens, mit jedem Blutstropfen seines Herzens,

so hätte ihr's dieser Schrei gesagt, dieses glückliche Aufglänzen

seiner Augen. Lachend wie ein Kind, stieß er den Griesstecken in den

Wiesgrund, warf das Hütl dazu und sprang ihr entgegen: »Mutter! Mutter!

Mutter!« Verstummend riß er sie an sich, und sie hing an seinen Hals

geklammert, in Freude stöhnend unter dem Druck seiner stählernen Arme.

Nicht weit von den beiden stand eine Zitternde im Schatten des Waldes

und preßte das Gesicht in die Hände. Noch in keiner träumenden

Sonnenstunde, noch in keinem Blutschauer ihres jungen Leibes, in keiner

von den schlaflosen, mit wirrem Gebet durchstammelten Nächten hatte sie

so brennend den Durst nach dem Augenblick empfunden, in dem seine Arme

sie umklammern würden, wie er jetzt die Mutter umschlungen hielt.

Er hob das Gesicht. Weil die Haube seiner Mutter zurückgefallen war

in den Nacken, sah er das graugewordene Haar. Schweigend küßte er den

entfärbten Scheitel, preßte die Mutter noch fester an sich, erschrak --

und fragte: »Hab ich dir weh getan?«

Mit feuchten Augen lachte sie an ihm hinauf. »Das ist doch einer

Mutter liebste Freud, wenn sie merkt, wie stark ihre Buben sind. Jetzt

ist mir's mit blauen Flecken auf den Leib geschrieben, wie gesund du

wieder bist.« Sie sah die weiße Narbe an seinem Hals und strich mit den

Fingerspitzen drüber. »Du, das ist schön geheilt.«

Er nickte. »Was du mir geschickt hast von ihr, ist wie ein Wunder

gewesen. Sag ihr ein Vergeltsgott von mir! Sag ihr: mir ist gewesen wie

einem Baum, wenn ihm der Frühling die Eisrind forthaucht! Mutter, wie

lebt sie? Wann hast du sie das letztmal gesehen?«

Das große Jagen · 第 70 / 98 题