In den Schneekrystallen funkelte der Mondschein mit farbigen Blitzen.
Lewitter stellte keine Frage, als der Pfarrer wieder an seiner Seite
war. Wortlos wanderten die beiden gegen den Markt hinüber und kamen an
einem neuen, zierlichen Bau vorbei, der hinter hoher Mauer in einem
Garten stand. Ein feiner, zirpender Spinettklang war zu vernehmen.
»Hörst du?« flüsterte Pfarrer Ludwig. »Die Allergnädigste ist noch
munter.«
Simeon schwieg.
Als sie an der Mauer vorüber waren, murrte der Pfarrer: »Hast
du beim Tor die frischen Fußstapfen im Schnee gesehen? Süße
Mitternachtsfährten! Und der Allergnädigste trägt die Unkosten.
_Maîtresse en titre_ heißen sie das in der fürnehmen Welt. Es gibt
keine Ferkelei, für die man jetzt nit einen parisischen Namen findet,
der allen Lebensdreck in eine höfische Fineß verwandelt. Wer's
von den Herren nit mitmacht, glaubt nit Fürst zu sein. Er wär ein
Minderwertiger unter seinen Standesbrüdern, wenn er dem französischen
Hof nit alles nachschustert: die Sittenverderbnis, das Schuldenmachen,
die Karossen und Läufer, die Peruckenfasnacht, die gestutzte Gärtnerei,
den ganzen Jägerschwindel _à la mode_ und das >Große Jagen< auf die
haufenweis zusammengehetzte Kreatur -- Mensch oder Vieh!« Der Pfarrer
verstummte nicht, obwohl ihn Simeon beschwichtigend am Mantel zupfte.
»Ach, Bruder, die Zeit ist ein übles Kehrichtfaß voll Heuchelei und
Sinnenbrodel, voll Grausamkeit und verwesenden Dingen. Man sollt die
ganze Schweinerei verbrennen, um aus der Asche was Neues wachsen zu
lassen. Ob der Mann schon geboren ist, der das fertig bringt auf dem
deutschen Acker?«
Lewitter atmete auf, weil der andere schwieg, und machte flinkere
Schritte.
Ein bißchen lachend, zürnte der Pfarrer: »Allweil bist du wie eine
Maus. So scheu, so flink, so lautlos.«
Simeons Stimme war wie ein Hauch. »Der Schnee verschärft jeden Laut.
Und wie stiller eine Mauer ist, um so offener sind ihre Ohren.«
»Recht hast du! Siebzig Jahr! Und noch allweil bin ich der gleiche
Hammelskopf, der sich die Hörner nit abgestoßen hat.«
Sie gingen in der Marktgasse schweigend an der Häuserzeile entlang,
die im schwarzen Mondschatten lag. Außerhalb des Dunkels funkelte der
Schnee im bleichen Licht, und die weißen Mauern der anderen Häuserseite
sahen unter den dicken Winterkappen aus wie blasse Riesengesichter mit
vielen finsteren Augen. Bei der Gasse, wo die Wege der beiden sich
schieden, reichten sie einander die Hände. Jeder flüsterte die zwei
gleichen Worte: »Mensch bleiben!« Dann der Pfarrer: »Das wird mich nit
schlafen lassen heut.«
»Die Sorg um den Niklaus?«
»Auch. Und was du uns fürgelesen hast.«