»Es wandern die Unsichtbaren.«
Die beiden folgten der Straße. Da faßte der Pfarrer den Arm des
Freundes und deutete über eine verschneite Wiese hinaus. »Dort! Siehst
du's?«
Etwas Wunderliches war zu sehen: ein im Mondschein gleitender
Menschenschatten, ohne daß man einen Menschen sah.
Rasch watete Pfarrer Ludwig in die Wiese hinaus und stand vor einer
Gestalt, die bis zu den Füßen in Leinwand gekleidet war, so weiß wie
der Schnee, über dem Kopf eine Kapuze mit Löchern für die Augen, in
denen es funkelte gleich geschliffenen Gläsern. »Wer bist du?« Keine
Antwort. Der Pfarrer lachte ein bißchen. »Ich bin nit gefährlich. Nur
neugierig wie Kinder und alte Leut. Gehst du zum Toten Mann? Oder
kommst du von ihm?« Keine Antwort. Nur das Strömen eines schweren
Atems. »Leupolt? Bist du's?«
»Wohl.«
»Was suchst du noch?«
»In Sorg bin ich gewesen. Um den Meister. Jetzt weiß ich, wer bei ihm
gewesen ist. Da bin ich ledig aller Sorg.«
»Heut hast du ihm viel zulieb getan. Wie hast du wissen können, daß die
Soldaten Gottes bei ihm einkehren?«
»Der Vater hat's heimgebracht vom Pflegeramt und hat mit der Mutter
geredet. Ich hab's gehört.«
»So? Und da bist du weggesprungen über Vater und Mutter! Und hast dem
anderen geholfen? Warum?«
»Weil ich's tun hab müssen.«
»Als sein Bruder in Gott? Gelt, ja? Und sonst aus keinem anderen
Grund!« Wieder lachte der Pfarrer. »Geh schlafen, lieber Bub! Die
Gefahr ist vorbei. Steig nur nit gar zu fleißig auf den Toten Mann!
Dir vergönn ich ein lebendiges Glück. Will auch helfen dazu, so gut
ich's versteh. Zwei Herrgötter sollen dich hüten, der deine und der
meine. Doppelt genäht hält allweil besser.« Der Pfarrer stapfte durch
den Schnee zur Straße zurück. Als er das Gesicht wandte, sah er keine
Gestalt mehr, nur noch den unbeweglichen Menschenschatten.