Der andere schüttelte den Kopf. »Sie glaubt nit, daß ich glaub.«

Der Pfarrer bekam das grausame Gesicht. »Viel Ding im Leben hab ich

verstanden. Eins versteh ich nimmer: wie der Herrgott es dulden kann,

daß man in seinem Namen die Seelen der Menschen frieren macht? Kann

sein, daß Gott sein heißt: in alle Ewigkeit für uns Menschen ein Rätsel

bleiben.«

Ein bitteres Lächeln zuckte um den Mund des Meisters: »Hätt mein Mädel

das gehört, so tät sie nach dem Klosterbüchl ausrechnen, wieviel

Jahrhundert Fegfeuer das wieder kostet.«

Die beiden traten in die Stube. Als die Tür geschlossen war, legte

Pfarrer Ludwig herzlich den Arm um die Schultern des Hausherrn: »Du?«

Wenn die drei allein waren, duzten sie einander. »Glaubst du, daß ich

die Menschen kenn?«

»Aus dem Beichtstuhl hast du tief hinuntergeschaut in ihre Seelen.«

»Noch tiefer in der Sonn, die ich außerhalb der Kirch gefunden. Und ich

sag dir das voraus: in deinem Mädel wird das rechte Leben noch blühen,

wie am Johannistag die Rosen in deinem Garten.«

»Gott soll's geben!«

»Was für einer?« Die große Warze tänzelte. »Der meinige, der deinige,

der seinige?« Bei diesem letzten Worte deutete Pfarrer Ludwig auf

Lewitter, der die Brust an den warmen Kachelofen preßte und dieses

Kunstwerk des hilfreichen Menschengeistes mit den Armen umschlang,

schauernd vom Gassenfrost, frierend in der Kälte seines alten, einsamen

Lebens.

Unter dem reichbesteckten Kerzenrade stand auf rundem Tisch ein

Schachbrett und daneben ein Körbchen mit den geschnitzten Beinfiguren.

Während der Meister das Spiel zu stellen begann, warf er lauschend

einen Blick zur Tür und fragte flüsternd: »Hast du Botschaft aus

Salzburg?«

Der Pfarrer nickte. »Seit das große Jagen begonnen hat, sind's nach der

letzten Zählung dreißig Tausend und sieben Hundert, die man aus dem

Land getrieben.«

»Ist das nit Irrsinn?« stammelte Niklaus.

»Nein, Bruder!« Die große Warze kam in Bewegung. »Wie mehr man die Zahl

der Fresser mindert in einem Land, um so fetter werden die Erben. Das

ist die fromme Rechnung unserer Zeit. Wie länger ich das mit anseh, um

so lustiger macht es mich.«

»Mensch! Wie kann man das heiter nehmen?«

»Anders tät man den üblen Brocken nit schlucken. Die Zeit ist

so schaudervoll, daß man sie nur als eine Narretei des Lebens

beschauen kann. Wollt einer sie ernst nehmen, so müßt er an der

Menschheit verzweifeln. Wie mehr man lacht über ein böses Ding, um so

ungefährlicher wird es.«

»Still!« mahnte Lewitter. »Das liebe Mädel kommt.« In seiner Art, zu

sprechen, war kein jüdischer Klang. Er sprach, wie Herren reden, die

unter Bauern wohnen. Hastig trat er auf den Tisch zu, stellte die

letzten Schachfiguren und sagte: »Heut seid ihr beide am Spiel. Da hab

ich für euch einen Anfang ausgesonnen --«

Luisa trat in die Stube. Auf einer Zinnplatte brachte sie drei Becher,

in denen der Würzwein dampfte.

»So! Und so!« sagte Lewitter. Er machte von jeder Seite des Spiels fünf

Züge. »Wie gefällt euch das?«

Das große Jagen · 第 7 / 98 题