Kapitel I

Am zweiten Februar des Jahres 1733, am Lichtmeßabend, peitschte der

stürmische Westwind ein dickwirbelndes Schneetreiben durch die Gassen

von Berchtesgaden. An den Häusern waren alle Flurtüren versperrt,

alle Fensterläden geschlossen. Obwohl die Polizeistunde noch nicht

geschlagen hatte, war auf der Marktgasse kein Mensch mehr zu sehen.

Das dunkle Häuserschweigen in dem weißen Gewirbel hatte trotz allem

Lärm des Sturmwindes etwas Friedliches. Dieser Friede erzählte von

sorglosen Menschen in gemütlichen Stuben. Eine grauenvolle Lüge! In

Erregung, in Zorn und Sehnsucht pochten hinter den verriegelten Türen

Hunderte von verstörten Herzen. Zwischen den stillen Wänden wohnte

die Ratlosigkeit neben Haß und Angst, feiges Mißtrauen neben dem Mut,

duldende Stärke neben der hämischen Bosheit, nicht immer geschieden

durch Tür und Mauer. Kampf und Erbitterung schwelte, wie zwischen

Nachbar und Nachbar, auch zwischen Mann und Weib, zwischen Bruder und

Schwester, zwischen Vater und Sohn.

An allem Fürchterlichen, das sich einsperrte in die Stuben, brauste der

wirbelnde Schnee vorüber.

Auf den Türmen des Stiftes und der Franziskanerkirche schlugen die

Glocken im Sturm die neunte Stunde. Unter dem Rauschen des Windes

war es ein milder Hall. Wie eine warme Gottesstimme sprach er zu dem

frierenden Leben, das nur lauschte auf den eigenen Zorn und die eigene

Sehnsucht. Dann wieder die stumme Gassentrauer unter dem wehenden

Flockenfall.

Aus dem Häusergewinkel, das die nördliche Stiftsmauer umzog, kämpfte

sich ein schwarzgekleideter Mensch heraus, den Kopf mit der Pelzkappe

gegen den Wind geschoben, die Arme unter dem Radmantel. Immer dicht

an den Häusern hin und rasch in eine Gasse. Ein Pfiff, wie der

Schlag einer Amsel. An einem schmalen Steingebäude, das sich von den

Nachbarhäusern auffällig unterschied, öffnete sich die Tür ein bißchen

und eine greise Stimme fragte im Hausdunkel: »Hochwürden?«

»Komm!« Auch diese Stimme klang nimmer jung.

Eine kleine Mannsgestalt in zottigem Fuchspelz mit dicker Kapuze

huschte aus dem Haus und schloß die Türe, die von innen verriegelt

wurde. Wortlos, der Kleine neben dem anderen, der groß und hager war,

schritten die beiden quer über das Ende der Marktgasse, vorüber am

neuen Pflegeramt, vorüber an den Stallungen des alten Leuthauses. In

der halb bebauten Straße, die zur Franziskanerkirche führte, traten sie

in einen mit hohen Bretterplanken umzäunten Garten. Auch hier öffnete

sich die Haustür wie von selbst. Aus der Finsternis des Flures sprach

eine Mädchenstimme: »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter

Marie!«

Der Kleine im Fuchspelz antwortete zaghaft: »Von nun an bis in

Ewigkeit, Amen!« Und der andere sagte, als er in das Dunkel hineintrat:

»Schau nur, Luisa, wie gut du den Bekenntnisgruß zu brauchen weißt!«

Seine Stimme hatte einen heiteren Ton: »Jetzt hast du wieder dreißig

Wochen Ablaß gut! Tust du denn in deinem jungen Leben des Bösen so

viel, daß du deine künftige Fegfeuerzeit so fleißig verkürzen mußt?«

»Hochwürden, ich mag das nit, wenn Ihr so redet!« Das junge Mädchen

verriegelte die Haustür. »Ein geweihter Priester sollt ernst nehmen,

was heilig ist.«

»Luisichen! Oft wohnt von allem Ernst der tiefste hinter einem

hilfreichen Lachen.«

Der Kleine hatte den Pelz abgelegt. Jetzt nahm auch der Geistliche den

Mantel herunter, und da quoll ein Lichtschein auf, als hätte Luisa die

Blechmaske an einer Blendlaterne gehoben. Der helle Strahl überglänzte

die beiden Männer. Der Kleine trug das Berchtesgadnische Bürgerkleid

mit der Bundhose über den weißen Strümpfen und mit dem braunen

Faltenkittel, über dessen Kragen sich die weiße Hemdkrause herauslegte.

Ein scharf geschnittener Judenkopf mit blassem Gesicht. Der Spitzbart

so weiß wie die hohe Stirn. Unter dem Lederkäppchen quollen graue

Locken heraus. Zwei stille, heißglänzende Augen. Das war der aus

Salzburg nach Berchtesgaden zugesiedelte Arzt und Handelsmann Simeon

Lewitter, der vor fünfzehn Jahren bei einem Judenkrawall das Weib und

seine zwei Kinder verloren und in der Verstörtheit dieser Gräuelnacht

die Taufe empfangen hatte. Für die Bauern galt er noch immer als

der Jud, genoß aber als Leibarzt des Fürstpropstes zu Berchtesgaden

leidliche Sicherheit. Nur die Trauer seiner Augen erzählte von den

Schmerzen einer vergangenen Zeit. Der schmale Mund unter dem weißen

Barte hatte das Lächeln einer steingewordenen Geduld.

Neben diesem scheuen Greise sah der katholische Priester, der seit

sieben Jahren emeritierte Stiftspfarrer Ludwig, fast wie heitere Jugend

aus, die sich als Alter vermummte. Schon ein bißchen gebeugt, war

doch in seinem sehnigen Körper noch lebhafte Beweglichkeit. Er machte

auch eine gute Figur in dem geflügelten Schwarzrock mit den weißen

Bäffchen, in der seidenen Bundhose mit Strümpfen und Schnallenschuhen.

Den geschnörkelten Lockenbau, der bei den Herren Mode geworden,

verschmähte er. Glattsträhnig hingen die aschfarbenen Haare um das

rasierte Gesicht, in dessen Fältchen ein Spiel von freundlicher

Spottlust zwinkerte. Er hatte zwei braune haarborstige Warzen, die

halb entstellend wirkten und halb wie eine drollige Parodie auf die

Schönheitspflästerchen der vornehmen Damen waren: eine kleine auf

dem linken Nasenflügel, auf der rechten Wange eine große, die sich

sonderbar verschob, so oft der Pfarrer lachte. Wenn er ernst war, bekam

sein Gesicht durch diese Warzen etwas Grausames und Hexenmeisterhaftes.

Das verschwand aber gleich, sobald seine Augen heiter wurden, diese

hellblauen Augen, die im Gesicht des Siebzigjährigen noch wie die Augen

eines lebensgläubigen Jünglings glänzten.

»Luisichen?« fragte er munter. »Warum beleuchtest du mich so scharf?

Magst du nit lieber dich selber illuminieren? Zum Erquicken unserer

müden Männerseelen?« Lachend nahm er die Blendlaterne aus Luisas Hand

und richtete den Lichtkegel auf ihr Gesicht.

Eine Achtzehnjährige von herber Schönheit, über ihr Alter gereift

in einer Zeit, in der die Redlichen ein härteres Leben hatten als

die Gewissenlosen. Braunblonde Zöpfe lagen gleich einem schweren

Seilgeflecht um die Stirne. Der Mund war wie ein strenges

Siegel dieses jungen, schon geprüften Lebens und zeigte doch das

Rot einer Kirsche, die reifen will. In den dunklen Augen war

ein fast ekstatischer Glanz. Oder kam das vom Widerschein des

blendenden Lichtstrahls? Der zeigte auch das rote, mit Silberblumen

bestickte Mieder, aus dem sich die weißen Glocken der Spitzenärmel

herausbauschten. Eine zarte Gestalt, in der sich das junge Weib zu

formen begann.

Auf der Wange des Pfarrers hüpfte die große Warze. »Luisichen? Hast

du dich für uns zwei Alten so wohlgefällig gemacht? Oder hat dein

schmucker Abend einem Jüngeren gegolten?«

In Unmut zog das Mädchen die Brauen zusammen: »Ob jung oder alt, das

frag ich nit. Mir gilt: getreu oder schlecht, Christ oder Gottesfeind.

Und heut am Morgen hab ich den heiligen Leib genossen. Da trag ich

mein bestes Gewand, bis ich schlafen geh. Man muß sich innen und außen

unterscheiden von den Gottlosen.«

Der Pfarrer blieb stumm. Aus seinen Augen sprach Erbarmen mit dieser

freudlosen, von aller Härte der Zeit gegeißelten Mädchenseele.

Droben ein Schritt. Licht fiel über die Stiege herunter. »Seid ihr's?«

fragte eine erregte Stimme. »Ich hab schon geforchten, ihr könntet

ausbleiben, wegen des schiechen Wetters.«

»Meister, da kennt Ihr uns schlecht.« Der Pfarrer lachte, nicht ganz so

froh, wie eine Minute früher. »Wir kommen zu unserem lieben Abend, da

kann es schneien oder lenzen, Mistgabeln oder Kapuziner regnen.«

Die beiden wurden droben von einem Fünfundvierzigjährigen empfangen,

der ähnlich gekleidet war wie Lewitter. Ein mähniger Kopf mit langem

Bart, dessen helles Braun schon Silberstriche hatte. Unter den

Brauenbogen fieberten zwei dunkle Augen mit dem Trauerblick einer

gequälten Menschenseele. Es waren die gleichen Augen, wie die Tochter

sie hatte, das einzige Kind des Bildhauers Nikolaus Zechmeister.

Die Nähe der Gäste ließ den Hausherrn aufatmen, als käme jetzt eine

bessere Stunde seines Lebens. Und es war ein seltsamer Gruß, den die

drei einander zuflüsterten: »Mensch bleiben!« Den Händedruck mußte

Meister Niklaus mit der Linken erledigen. Vor siebzehn Jahren hatte

man ihm zu Hallein die Schwurhand auf dem Block vom Arm geschlagen,

weil er gegen seinen Untertaneneid zwei evangelischen Inkulpaten,

hinter denen die Soldaten Gottes her waren, zur Flucht verholfen hatte.

Sein Weib war gestorben vom Schreck. Und das Kind hatte man dem der

Irrlehre Verdächtigen weggenommen und zu gutchristlicher Erziehung

in ein Kloster gegeben. Erst seit dem verwichenen Herbste war Luisa

wieder daheim -- als Wächterin des Vaters, um ihn zu behüten vor einem

Rückfall in den evangelischen Wahn.

Am rechten Arm trug Meister Niklaus in braunem Lederhandschuh eine

künstliche Holzhand, die er durch einen sinnreichen Mechanismus zur

Mithilfe bei seiner Arbeit belebt hatte. Zwölf Jahre lang, bis die

linke Hand sich zu schulen begann, war er seinem Beruf entzogen. Um

Arbeit zu haben, hatte er in dieser Zeit für die Schnitzereien der

Berchtesgadnischen Heimarbeiter ein Verlegergeschäft begründet, bei dem

er, ein wohlhabender Mann, für die Notstillung seiner Dienstgesellen

oft mehr verbrauchte, als er von ihrer Ware für sich selbst gewann.

Seit fünf Jahren gehörte Meister Niklaus wieder seiner Werkstätte,

in der sich Kunst und Handwerk miteinander verschwisterten. Aber so

fröhlich, wie er als junger Mann gewesen, wurde er nimmer. Und seit der

Heimkehr seiner Tochter schien er ernster, als er es je in der Zeit

seines Leidens war.

Während Lewitter in die helle Stube trat, rief Niklaus über das

Stiegengeländer hinunter: »Gelt, Luisa, bring uns nur gleich den warmen

Trunk!«

»Wohl, Vater!«

Der Meister blieb über das Geländer gebeugt, als hätte er Sehnsucht,

noch ein Wort seines Kindes zu hören. Da legte ihm Pfarrer Ludwig die

Hand auf die Schulter: »Niklaus? Wird's besser mit euch beiden?«

Das große Jagen · 第 6 / 98 题