"Freilich", erwiderte er, indem er sich in dem Schatten einer großen Eiche
ausstreckte. "Das übrige ist nun deine Sach! Halt nur das Sprüchlein
fest und verred dich nicht dabei!"-So ging sie denn allein über den weiten
Rasen und unter den himmelhohen Bäumen dahin, und bald sag der
Zurückbleibende nichts mehr von ihr. Sie aber schritt weiter und weiter
durch die Einsamkeit. Bald hörten die Baumgruppen auf, und der Boden
senkte sich. Sie erkannte wohl, daß sie in dem ausgetrockneten Bette
eines Gewässers ging; weißer Sand und Kiesel bedeckten den Boden,
dazwischen lagen tote Fische und blinkten mit ihren Silberschuppen in der
Sonne. In der Mitte des Beckens sah sie einen grauen fremdartigen Vogel
stehen; er schien ihr einem Reiher ähnlich zu sein, doch war er von
solcher Größe, daß sein Kopf, wenn er ihn aufrichtete, über den eines
Menschen hinwegragen mußte; jetzt hatte er den langen Hals zwischen den
Flügel zurückgelegt und schien zu schlafen. Maren fürchtete sich. Außer
dem regungslosen unheimlichen Vogel war kein lebendes Wesen sichtbar,
nicht einmal das Schwirren einer Fliege unterbrach hier die Stille; wie
ein Entsetzen lag das Schweigen über diesem Orte. Einen Augenblick trieb
sie die Angst, nach ihrem Geliebten zu rufen, aber sie wagte es wiederum
nicht; denn den Laut ihrer eignen Stimme in dieser Öde zu hören, dünkte
sie noch schauerlicher als alles andre.
So richtete sie denn ihre Augen fest in die Ferne, so sich wieder dichte
Baumgruppen über den Boden zu erheben schienen, und schritt weiter, ohne
rechts oder links zu sehen. Der große Vogel rührte sich nicht, als sie
mit leisem Tritt an ihm vorüberging, nur für einen Augenblick blitzte es
schwarz unter der weißen Augenhaut hervor.--Sie atmete auf.--Nachdem sie
noch eine weite Strecke hingeschritten, verengte sich das Seebett zu der
Rinne eines mäßigen Baches, der unter einer breiten Lindengruppe
durchführte. Das Geäst dieser mächtigen Bäume war so dicht, daß
ungeachtet des mangelhaften Laubes kein Sonnenstrahl hindurchdrang. Maren
ging in dieser Rinne weiter; die plötzliche Kühle um sie her, das hohe
dunkle Gewölk der Wipfel über ihr; es schien ihr fast, als gehe sie durch
eine Kirche. Plötzlich aber wurden ihre Augen von einem blenden Licht
getroffen; die Bäume hörten auf, und vor ihr erhob sich ein graues Gestein,
auf das die grellste Sonne niederbrannte.
Maren selbst stand in einem leeren sandigen Becken, in welches sonst ein
Wasserfall über die Felsen hinabgestürzt sein mochte, der dann unterhalb
durch die Rinne seinen Abfluß in den jetzt verdunsteten See gehabt hatte.
Sie suchte mit den Augen, wo wohl der Weg zwischen den Klippen
hinaufführte. Plötzlich aber schrak sie zusammen. Denn das dort auf der
halben Höhe des Absturzes konnte nicht zum Gestein gehören; wenn es auch
ebenso grau war und starr wie dieses in der regungslosen Luft lag, so
erkannte sie doch bald, daß es ein Gewand sei, welches in Falten eine
ruhende Gestalt bedeckte.--Mit verhaltenem Atem stieg sie näher. Da sah
sie es deutlich; es war eine schöne mächtige Frauengestalt. Der Kopf lag
tief aufs Gestein zurückgesunken; die blonden Haare, die bis zur Hüfte
hinabflossen, waren voll Staub und dürren Laubes. Maren betrachtete sie
aufmerksam. Sie muß sehr schön gewesen sein, dachte sie, ehe diese Wangen
so schlaff und diese Augen so eingesunken waren. Ach, und wie bleich ihre
Lippen sind! Ob es denn wohl die Regentrude sein mag?--Aber die da
schläft nicht; das ist eine Tote! Oh, es ist entsetzlich einsam hier!
Das kräftige Mädchen hatte sich indessen bald gefaßt. Sie trat ganz dicht
herzu, und niederkniend und zu ihr hinabgebeugt, legte sie ihre frischen
Lippen an das marmorblasse Ohr der Ruhenden. Dann, all ihren Mut
zusammennehmend, sprach sie laut und deutlich:
"Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzt über die Felder!"
Da rang sich ein tiefer klagender Laut aus dem bleichen Munde hervor; doch
das Mädchen sprach immer stärker und eindringlicher:
"Nimm dich in acht!
Eh du erwacht,
Holt dich die Mutter
Heim in der Nacht!"
Da rauschte es sanft durch die Wipfel der Bäume, und in der Ferne donnerte
es leise wie von einem Gewitter. Zugleich aber und, wie es schien, von
jenseits des Gesteins kommend, durchschnitt ein greller Ton die Luft, wie
der Wutschrei eines bösen Tieres. Als Maren emporsah, stand die Gestalt
der Trude hoch aufgerichtet vor ihr. "Was willst du?" fragte sie.
"Ach, Frau Trude", antwortete das Mädchen noch immer kniend. "Ihr habt so
grausam lang geschlafen, daß alles Laub und alle Kreatur verschmachten
will!"
Die Trude sah sie mit weit aufgerissenen Augen an, als mühe sie sich, aus
schweren Träumen zu kommen.