Aber eben kam noch Mutter Stine aus dem Hause und steckte ihrem Sohne ein
mit Met gefülltes Fläschchen in die Tasche. "Der ist noch von der Urahne",
sagte sie, "sie tat allezeit sehr geheim und kostbar damit, der wird euch
gut tun in der Hitze!"
Dann gingen sie im Morgenschein die stille Dorfstraße hinab, und die Witwe
stand noch lange und schaute nach der Richtung, wo die jungen kräftigen
Gestalten verschwunden waren.
Der Weg der beiden führte hinter der Dorfmark über eine weite Heide.
Danach kamen sie in den großen Wald. Aber die Blätter des Waldes lagen
meist verdorrt am Boden, so daß die Sonne überall hindurchblitzte; sie
wurden fast geblendet von den wechselnden Lichtern.--Als sie eine geraume
Zeit zwischen den hohen Stämmen der Eichen und Buchen fortgeschritten
waren, faßte das Mädchen die Hand des jungen Mannes.
"Was hast du, Maren?" fragte er.
"Ich hörte unsre Dorfuhr schlagen, Andrees."
"Ja, mir war es auch so."
"Es muß sechs Uhr sein!" sagte sie wieder. "Wer kocht denn dem Vater nur
sein Warmbier? Die Mägde sind alle auf dem Felde."
"Ich weiß nicht, Maren, aber das hilft nun doch weiter nicht!"
"Nein", sagte sie, "das hilft nun weiter nicht. Aber weißt du denn auch
noch unser Sprüchlein?"
"Freilich, Maren!
"Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!"
Und als er einen Augenblick zögerte, sagte sie rasch:
"Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzet über die Felder!"
"Oh", rief sie, "wie brannte die Sonne!"
"Ja", sagte Andrees und rieb sich die Wange, "es hat auch mir ordentlich
einen Stich gegeben."
Endlich kamen sie aus dem Walde, und dort, ein paar Schritte vor ihnen,
stand auch schon der alte Weidenbaum. Der mächtige Stamm war ganz gehöhlt,
und das Dunkel, das darin herrschte, schien tief in den Abgrund der Erde
zu führen. Andrees stieg zuerst allein hinab, währen Maren sich auf die
Höhlung des Baumes lehnte und ihm nachzublicken suchte. Aber bald sah sie
nichts mehr von ihm, nur das Geräusch des Hinabsteigens schlug noch an ihr
Ohr. Ihr begann angst zu werden, oben um sie her war es so einsam, und
von unten hörte sie endlich auch keinen Laut mehr. Sie steckte den Kopf
tief in die Höhlung und rief: "Andrees, Andrees!" Aber es blieb alles
still, und noch einmal rief sie: "Andrees!"--Da nach einiger Zeit war es
ihr, als höre sie es von unten wieder heraufkommen, und allmählich
erkannte sie auch die Stimme des jungen Mannes, der ihren Namen rief, und
faßte seine Hand, die er ihr entgegenstreckte. "Es führt eine Treppe
hinab", sagte er, "aber sie ist steil und ausgebröckelt, und wer weiß, wie
tief nach unten zu der Abgrund ist!"
Maren erschrak. "Fürchte dich nicht", sagte er, "ich trage dich; ich habe
einen sichern Fuß." Dann hob er das schlanke Mädchen auf seine breite
Schulter; und als sie die Arme fest um seinen Hals gelegt hatte, stieg er
behutsam mit ihr in die Tiefe. Dichte Finsternis umgab sie; aber Maren
atmete doch auf, während sie so Stufe um Stufe wie in einem gewundenen
Schneckengange hinabgetragen wurde; denn es war kühl hier im Innern der
Erde. Kein Laut von oben drang zu ihnen herab; nur einmal hörten sie
dumpf aus der Ferne die unterirdischen Wasser brausen, die vergeblich zum
Lichte emporarbeiteten.
"Was war das?" flüsterte das Mädchen.
"Ich weiß nicht, Maren."
"Aber hat's denn noch kein Ende?"
"Es scheint fast nicht."
"Wenn dich der Kobold nur nicht betrogen hat!"
"Ich denke nicht, Maren."
So stiegen sie tiefer und tiefer. Endlich spürten sie wieder den Schimmer
des Sonnenlichts unter sich, das mit jedem Tritt leuchtender wurde;
zugleich aber drang auch eine erstickende Hitze zu ihnen herauf.
Als sie von der untersten Stufe ins Freie traten, sahen sie eine gänzlich
unbekannte Gegend vor sich. Maren sah befremdet umher. "Die Sonne
scheint aber doch dieselbe zu sein!" sagte sie endlich.
"Kälter ist sie wenigstens nicht", meinte Andrees, indem er das Mädchen
zur Erde hob.
Von dem Platze, wo sie sich befanden, auf einem breiten Steindamm, lief
eine Allee von alten Weiden in die Ferne hinaus. Sie bedachten sich nicht
lange, sondern gingen, als sei ihnen der Weg gewiesen, zwischen den Reihen
der Bäume entlang. Wenn sie nach der einen oder andern Seite blickten, so
sahen sie in ein ödes, unabsehbares Tiefland, das so von aller Art von
Rinnen und Vertiefungen zerrissen war, als bestehe es nur aus einem
endlosen Gewirre verlassener See- und Strombetten. Dies schien auch
dadurch bestätigt zu werden, daß ein beklemmender Dunst, wie von
vertrocknetem Schilf, die Luft erfüllte. Dabei lagerte zwischen den
Schatten der einzeln stehenden Bäume eine solche Glut, daß es den beiden
Wanderern war, als sähen sie kleine weiße Flammen über den staubigen Weg
dahinfliegen. Andrees mußte an die Flocken aus dem Feuerbarte des Kobolds
denken. Einmal war es ihm sogar, als sähe er zwei dunkle Augenringe in
dem grellen Sonnenschein; dann wieder glaubte er deutlich neben sich das
tolle Springen der kleinen Spindelbeine zu hören. Bald war es links, bald
rechts an seiner Seite. Wenn er sich aber wandte, vermochte er nichts zu
sehen; nur die glutheiße Luft zitterte flirrend und blendend vor seinen
Augen. Ja, dachte er, indem er des Mädchens Hand erfaßte und beide mühsam
vorwärts schritten, sauer machst du's uns, aber recht behältst du heute
nicht!
Weiter und weiter gingen sie, der eine nur auf das immer schwerere Atmen
des andern hörend. Der einförmige Weg schien kein Ende zu nehmen; neben
ihnen unaufhörlich die grauen, halb entblätterten Weiden, seitwärts hüben
und drüben unter ihnen die unheimlich dunstende Niederung.
Plötzlich blieb Maren stehen und lehnte sich mit geschlossenen Augen an
den Stamm einer Weide. "Ich kann nicht weiter", murmelte sie; "die Luft
ist lauter Feuer."
Da gedachte Andrees des Metfläschchens, das sie bis dahin unberührt
gelassen hatten.--Als er den Stöpsel abgezogen, verbreitete sich ein Duft,
als seien die Tausende von Blumen noch einmal zur Blüte auferstanden, aus
deren Kelchen vor vielleicht mehr als hundert Jahren die Bienen den Honig
zu diesem Tranke zusammengetragen hatten. Kaum hatten die Lippen des
Mädchens den Rand der Flasche berührt, so schlug sie schon die Augen auf.
"Oh", rief sie, "auf welcher schönen Wiese sind wir denn?"
"Auf keiner Wiese, Maren; aber trink nur, es wird dich stärken!"
Als sie getrunken hatte, richtete sie sich auf und schaute mit hellen
Augen um sich her. "Trink auch einmal, Andrees", sagte sie; "ein
Frauenzimmer ist doch nur ein elendiglich Geschöpf!"
"Aber das ist ein echter Tropfen!" rief Andrees, nachdem er auch gekostet
hatte. "Mag der Himmel wissen, woraus die Uhrahne den gebraut hat!"
Dann gingen sie gestärkt und lustig plaudernd weiter. Nach einer Weile
aber blieb das Mädchen wieder stehen. "Was hast du, Maren?" fragte
Andrees.
"Oh, nichts, ich dachte nur--"
"Was denn, Maren?"
"Siehst du, Andrees! Mein Vater hat noch sein halbes Heu draußen auf den
Wiesen; und ich gehe da aus und will Regen machen!"
"Dein Vater ist ein reicher Mann, Maren; aber wir andern haben unser
Fetzchen Heu schon längst in der Scheuer und unsre Frucht noch alle auf
den dürren Halmen."
"Ja, ja, Andrees, du hast wohl recht; man muß auch an die andern denken!"
Im stillen bei sich selber aber setzte sie später hinzu: Maren, Maren,
mach dir keine Flausen vor; du tust ja doch alles nur von wegen deinem
Schatz!
So waren sie wieder eine Zeitlang fortgegangen, als das Mädchen plötzlich
rief: "Was ist denn das? Wo sind wir denn? Das ist ja ein großer,
ungeheurer Garten!"
Und wirklich waren sie, ohne zu wissen wie, aus der einförmigen
Weidenallee in einen großen Park gelangt. Aus der weiten, jetzt freilich
versengten Rasenfläche erhoben sich überall Gruppen hoher prachtvoller
Bäume. Zwar war ihr Laub zum Teil abgefallen oder hing dürr und schlaff
an den Zweigen, aber der kühne Bau ihrer Äste strebte noch in den Himmel,
und die mächtigen Wurzeln griffen noch weit über die Erde hinaus. Eine
Fülle von Blumen, wie die beiden sie nie zuvor gesehen, bedeckte hie und
da den Boden; aber alle diese Blumen waren welk und düftelos und schienen
mitten in der höchsten Blüte von der tödlichen Glut getroffen zu sein.
"Wir sind am rechten Orte, denk ich!" sagte Andrees.