Die Gemeindetruhe

Die Einführung der Gemeindetruhe sei den Kommunalbehörden aller

Weltstädte ans Herz gelegt. Nicht etwa, daß diese Empfehlung meinem

ausgeprägten Lokalpatriotismus oder irgend einem anderen Gefühle

entspringen würde. Persönliche Beziehungen verknüpfen mich mit der

Gemeindetruhe nicht. Ich kann auch aus eigenem nichts über das Innere

dieses hermetisch verschlossenen Verkehrsmittels sagen. Aber es ist ganz

hübsch. So sagt mein Freund Franta Cuček, der in der Gemeindetruhe

geboren wurde, schon oft in ihr nach Hause gefahren ist und auch

mutmaßlich einst mittels dieses Vehikels in die „Pathologie“ geschafft

werden wird. Der kennt das „Etui“, wie er es in dem Tonfall der

tschechisch-französischen Verbrüderung ausspricht, in- und auswendig.

Von weitem und um die Ecke erkennt er, welche Nummer jene Truhe hat, die

da herangerasselt kommt, um irgend einen Gast unseres Stammlokales nach

Hause zu befördern. Ohne je den Zettel zu betrachten, der an der

Rückseite des Korbes baumelt und eine rote Ziffer — die Wagennummer —

trägt.

Daß Franta Cuček die Lenker des Gefährtes kennt, ist ganz natürlich.

Er steht mit allen auf Du und Du und sein „Serbus“ wird von dem

menschlichen Zweigespann mit gleicher Herzlichkeit erwidert. Aber diese

private Freundschaft hat natürlich nicht etwa zur Folge, daß Franta den

Lenkern bei der Ausübung ihrer Berufspflicht irgendwelche

Erleichterungen gewähren würde. Dienst ist Dienst. Es ist ein schöner

Zug im Leben Frantas, daß er einmal einem dieser Automedonten, dem Jaro

Roztopil, mit dem er selbst treu befreundet war, das linke Auge

ausgeschlagen hat, als dieser ihn in den Korb zu betten versuchte.

Trotzdem das linke Auge für jeden Menschen im Sommer nur eine unnötige

Mehrbelastung des Körpergewichtes darstellt, trotzdem das linke Auge zum

ehrsamen Gewerbe des Gemeindetruhenwärters nicht unbedingt erforderlich

ist und trotzdem Jaro Roztopil anläßlich dieser in Ausübung der

Berufspflicht erlittenen Wunde aus dem Stadtsäckel ein Schmerzensgeld

erhalten hat, lassen es seither die beiden Truhenmänner nicht mehr auf

die Betätigung von Frantas Unparteilichkeit im Dienste ankommen. Sobald

sie an den Ort kommen, auf welchen man sie begehrt, und sehen, daß

Franta Cuček zu ihrem Passagiere auserkoren ist, dann eilen sie mit

unheimlicher Schnelligkeit auf ihn zu und umklammern aus einem nicht in

die Augen springenden Grunde seine vier Gliedmaßen mit gußeiserner

Gewalt. Der eine hält Frantas rechten Arm und den rechten Fuß, dem

anderen ist die ehrenvolle Aufgabe zugewiesen, mit den linken Gliedmaßen

ein Gleiches zu tun. Oh, Franta Cuček wehrt sich noch immer nach

Leibeskräften, aber es hilft ihm nicht mehr viel. Er fällt, wie einst

Cäsar von Brutus Hand, von den Händen seiner Freunde. Er fällt in die

Truhe, ohne daß er im Kampfe mit seinen Widersachern siegreich geblieben

wäre. Sein einziger Erfolg ist höchstens, daß er manchmal einen Fuß aus

der Umklammerung der beiden befreit und einem von diesen durch einen

Tritt die Uniform beschmutzt hat.

Ach, die Uniform der Gemeindetruhenwärter! Wer kennte sie nicht, diese

Livree: Die fesche Bluse aus blauweißer Leinwand, der nur im Winter

durch ein einfaches braungestricktes Cachenez verhüllte Hals, die hohen

Kanonenstiefel und die Eishackerhosen, die Ledermütze von

undefinierbarer Farbe mit dem blechernen Wappen der königlichen

Hauptstadt darauf — gibt es etwas Einfacheres, etwas Schöneres? Ist das

nicht schöner als der blaue Frack, den man in Wien vor kurzem als

Festkleidung für die Magistratsfunktionäre bestimmt hat?

Übrigens sei erwähnt, daß die Chauffeure der Gemeindetruhe ihre Uniform

in Ehren tragen. Ihre Aufgabe ist schwer, aber sie erfüllen sie gut.

Nicht nur dann, wenn sie ihren Passagieren à la Franta beim Einsteigen

in die Karosserie behilflich sind, sondern auch beim Entladen des

Korbes. Dieses Entladen ist, da die Seitenwände des Korbes nicht

heruntergeklappt werden können, sondern fix sind, nicht so einfach, als

sich ein Laie auf dem Gebiete des modernen Verkehrswesens denken würde.

Aber das Problem wird dennoch auf findige Weise gelöst. Indem man die

Truhe zu einem Tobogan umwertet. Wenn nämlich die Truhe an ihrem

Endziele, dem Hof des Arrestgebäudes angelangt ist, so wird sie derart

aufgestellt, daß der Korb windschief auf den Rädern ruht und die Füße

des Etui-Inhaltes nach unten zu gerichtet sind. Nun klappen die aurigae

den Deckel auf, heben die Beine ihres Pflegebefohlenen in die Höhe und

schieben dessen Rumpf längs der schiefen Ebene so weit hinab, bis die

Beine des Passagiers über die untere Wand des Korbes ragen. Dann tritt

man auf die Füße des Korbinsassen, diese senken sich zu Boden, und der

Passagier steht vertikal auf Mutter Erde. Ein sichernder Druck auf den

Rücken hindert ihn an dem Rückfall in das Vehikel.

In noch zarterer Weise ist man jenen Passagieren beim Aussteigen

behilflich, deren Reiseziel nicht der Hof des Polizeigefangenhauses,

sondern der Flur des Krankenhauses ist. Denn auch solche gibt es. Wenn

jemand auf der Straße überfahren wird und mit gebrochenem Schenkel

daliegt, wenn jemand von Krämpfen oder von Blutsturz befallen wird, so

holt ihn, wenn ihn nicht inzwischen der Teufel geholt hat, nach sehr

geraumer Zeit die Gemeindetruhe ab und führt ihn ins Spital, wo er in

den meisten Fällen noch lebend ankommt. Das ist das einzige, was Franta

Cuček gegen die Gemeindetruhe einzuwenden hat. Das ist auch wirklich

ein Mißbrauch dieses Vehikels. Wie kommen jene Leute, die Zeit und Geld

für Alkohol geopfert und sich so mühselig das Anrecht auf die

unentgeltliche Beförderung in diesem städtischen Fahrzeuge erworben

haben, dazu, dieses Recht mit jedem ixbeliebigen auf der Straße ganz

unabsichtlich und ganz zufällig erkrankten Menschen zu teilen? Geradezu

unappetitlich ist das! Aber das ist der einzige Fehler des Etuis und

dieser Fehler vermag die Liebe Cučeks zu seinem Fahrzeug nicht zu

erschüttern. Und wenn er auch immer wieder von seinen Ausflügen per

Schub nach Prag zurückbefördert wird — er empfindet es nicht

unangenehm. Denn Prag ist die angestammte Heimat der Gemeindetruhe.

Ja, anderswo gibt es so etwas nicht. Man läßt zwar auch in anderen

Städten die Leichen, die Bierleichen und die prosaisch Erkrankten nicht

unbemerkt bis zu ihrer Auferstehung auf der Straße liegen. Aber in den

anderen Weltstädten gibt es Räderbahren, bei denen die beiden Holme

verschiebbar und die Füße der Bahre (nicht, wie in Prag, die des

Kranken) umgeklappt werden können. Die Bahre dieser Transportmittel

ausländischer Provenienz wird am Endziel der Reise einfach vom

Rädergestell abgehoben — ein ungeheurer Nachteil, weil die Prager

Entlade-Prozedur „System Rutschbahn“ dadurch unmöglich wird. Auch

besitzen die auswärtigen Bahnen keinen Deckel, sondern ein zum Abknöpfen

eingerichtetes Plantuch, das dem Kranken das Hinausblicken auf die

Straße gestattet, aber es den Passanten verwehrt, das Gesicht des

Patienten zu sehen. Daß dies eine Verletzung der Gleichberechtigung ist,

liegt klar auf der Hand. Aber was kann man auch von einer Truhe

verlangen, die keine Truhe ist!

Es gibt eben nur ein Prag, es gibt eben nur eine Gattung von

Gemeindetruhen. Nur schade, daß es nur den breiteren Volksschichten

möglich ist, dieses ebenso vornehme, wie praktische Straßenfahrzeug zu

benützen. Warum könnte man nicht die Droschken und Fiaker durch

Gemeindetruhen erster und zweiter Güte ersetzen? Sogar zu Gummiradlern

könnte man die Gemeindetruhen umgestalten. Auf dem Josefsplatze stehen

die Automobildroschken unbenützt. Würde man hier nicht auf dieser Stelle

(vor dem Repräsentationshaus) einen Standplatz für Gemeindetruhen mit

mehr Erfolg errichten können? Ich glaube nicht, daß ein Einheimischer

oder ein zufälliger Fremder der Versuchung widerstehen könnte, wenn ihm

aus dem Munde von Etui-Chauffeuren die einladenden Rufe entgegenschallen

würden: „Gemeindetruhe gefällig?“, „Fahr’n m’r Euer Gnad’n?“ und

„Einsteigen, meine Herrschaften, einsteigen!“

Aus Prager Gassen und Nächten · 第 2 / 37 题