Aus Prager
Gassen und Nächten.
Von
Egon Erwin Kisch.
Umschlagszeichnung
von Karl Kostial.
.. 2. Auflage ..
1912.
Verlag von A. Haase, Prag,
Wien, Leipzig.
Die in diesem Buche enthaltenen Skizzen
wurden größtenteils 1910 und 1911 geschrieben.
Übersetzungsrecht vorbehalten.
Vom Autor erschien ferner:
Vom Blütenzweig der Jugend Leipzig 1902.
Der freche Franz und andere Geschichten Berlin 1906.
K. u. k. Hofbuchdrucker A. Haase, Prag.
Der Clamsche Garten 1
Die Gemeindetruhe 6
Verzehrungssteuer 10
Floßfahrt 14
Gäste der Polizei 23
Café Kandelaber 27
Geschichten vom Brückenkreuzer 31
Der Chef der Prager Detektivs 35
Der Mann mit der Straßenspritze 39
Eine Nacht im Asyl für Obdachlose 43
Das Lied vom Kanonier Jaburek 52
Die Erlaubnis zum Fußballspiel 56
Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister 59
Razzia 65
Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin 71
Theatervorstellung der Korrigenden 75
Das Märchen vom Mistwagen 80
Weihnachtsmarkt 84
Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde 89
Prager Ziehung 93
Die Irren 101
Volksküchen 106
Ein tadelnder Ballbericht 111
Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus 115
Die Verhaftung 125
Drehorgelspieler 130
Die Gifthütte 136
Karl May in Prag 141
Polizeimuseum 144
Unter Statisten 151
Der Dichter der Vagabunden 158
Arrestgebäude 166
Alt-Prager Mensurlokale 170
Prags Erwachen 175
In der Wärmestube 179
Der Clamsche Garten
Westend von Prag. Endstation der Elektrischen, die Smichow und
Koschiř durchquert.
Über dem Gittertor steht die Aufschrift „Klamovka“ mit so großen
Goldbuchstaben, daß jeder erkennen müßte, die hohe, von blütenschweren
Bäumen überdachte Mauer umschließe keine öffentlichen Anlagen, keinen
Privatpark. Es ist offenbar ein Wirtshausschild, das dringlich zum
Eingange lädt. Aber das Tor ist versperrt, und keine Klingel ist
vorhanden, die einen öffnenden Pförtner herbeizurufen vermöchte. Und
selbst wenn man in der abzweigenden Weißbergstraße das offenstehende
Seitentürchen entdecken, durch dieses eintreten und die Stiegen zum
Garten hinaufschreiten würde, so müßte man umkehren, denn ein Zettel
verwehrt strenge dem Fremden den Eintritt. Der abweisende Inhalt des
kleinen Zettels auf dem Seitentor kontrastiert mit der einladenden
Aufschrift der großen Tafel auf dem Haupttor. Sodaß man doch in Zweifel
gerät, ob hier ein Wirtshausgarten oder ein Herrschaftspark sei.
Beides oder keines von beiden. Früher haben Grafen und Gräfinnen hier im
Clamschen Garten auf schattigen Kieswegen lustwandelt. Aber später wurde
der gräfliche Park an einen bürgerlichen Gastwirt verkauft, und der
baute in der Mitte des Gartens ein Gasthaus mit einem Tanzsaal.
Nun aber wird hier auch nicht mehr getanzt. Seit heuer. Noch im vorigen
Jahr war die „Klamovka“ am Sonntag nachmittag ein Wallfahrtsort der
Dienstmädchen, der Burschen und Mädchen aus dem Volke, und oben im Saale
wurden bis spät in den Abend Quadrillen und Walzer getanzt, besonders
schlürfend der Sechsschrittwalzer, der im Volksmund „Na šest“ heißt,
dessen charakteristisches Merkzeichen die langgezogenen, langsamen
Schritte bei der Linksdrehung sind, und bei dem man in erheuchelter oder
echter Verzückung die Augen zu schließen hat. In den Pausen aber gingen
die Liebespaare, sich umschlungen haltend, hinunter in den Garten, in
dem die hohen Christusakazien, die duftenden Syringensträucher, die
schattigen Kastanienbäume, die silberglänzenden Rotbuchen, die dichten
Ahornsträucher und die verzweigten Hagedornbüsche in Blüte standen. Wenn
auch die Blütenpracht von den Liebespaaren wohl kaum eines Blickes
gewürdigt worden ist — der Einfluß des Milieus muß doch im
Unterbewußtsein seinen Nachhall geweckt haben, dem Frühling der Herzen
muß es doch inmitten des Frühlings der Natur am wohlsten gewesen sein.
Sonst wären die jungen Leute doch in nähere Sonntagstanzlokale gezogen,
wie in das Weinberger Bräuhaus, in das Gasthaus „Na Slovanech“ auf dem
Karlsplatz, wo der Wirtsgarten nur aus paar verkrüppelten Bäumen
besteht. Doch dort war’s nie so voll wie in der „Klamovka“.
Zwölf Jahre tanzte man hier. Am Anfang schien es, als wolle sich das
entlegene Tanzlokal nicht einbürgern, und der alte Hlavaček, der für
den Ankauf des Gartens und für die Aufführung des Wirtshausbaues sein
Vermögen verwendet hatte, schoß sich aus Verzweiflung eine Revolverkugel
ins Herz. Sein Sohn aber hatte mehr Glück und allsonntäglich war es voll
im Clamschen Garten.
Vor zwei Jahren aber haben die Barmherzigen Brüder den herrlichen Garten
gekauft, um in ihrem menschenfreundlichen Wirken keine Stockung
eintreten zu lassen, falls ihr jetziges Spitalsgebäude in der Josefstadt
als Opfer der Assanierung fallen würde. Von heuer ab bleibt das Gasthaus
unvermietet und das Gartentor steht geschlossen. So werden die
Nachfolger der Liebespaare, die sich hier im Garten ihrer Jugend
freuten, die bleichen Kranken sein, die humpelnd oder in Rollwägelchen
wehmütig den Glanz der Blumen betrachten und den Duft der Blüten atmen
werden. Es kann sein, daß vielleicht einmal ein alter Patient oder ein
krankes Mütterchen, den Garten betretend, schwermütig lächeln werden,
weil sie in diesem Garten, der nun ihr Krankenasyl sein soll, in der
schönsten Zeit ihres Lebens viel geweilt haben und seither nicht mehr.
So wird ihnen doppelt wehe ums Herz sein. Aber das Gefühl wird kein
bedauerndes sein. Denn auf der „Klamovka“ ging es nicht ausschweifend
zu, wie z. B. in einer unmittelbar benachbarten Gartenwirtschaft, welche
heuer als Erbe der „Klamovka“ die Koschiřer Jugend übernommen hat und
auf deren Usancen ein Mordprozeß des vergangenen Jahres ein böses Licht
warf. Auf der „Klamovka“ gab es nie eine „parta“, wie die Platten im
Prager Vorstadtjargon heißen. Hier hatte fast jedes Mädchen bloß einen
ständigen Tänzer, den Liebhaber. Wenn der gewechselt wurde, gab es
stumme Katastrophen.
So hat beispielsweise einmal ein Artillerie-Freiwilliger hier Unheil
angerichtet. Der hatte richtig kalkuliert, daß seine schmucke Uniform
ihm hier ein siegendes Liebesglück verschaffen müsse, und war in den
Clamschen Garten gefahren. Sein Eintritt in den Saal war eine Sensation.
Hierher, wo schon die Uniform eines Infanterie-Pferdewärters auf die
unbefangenen Mädchenherzen elektrisierend einwirkte, kam ein
Einjährig-Freiwilliger mit tadellosem Scheitel, blanken Lackkanonen,
silbernen Salonsporen, hellblauen Kammgarnhosen, dunkelbraunem
Waffenrock mit dem verschnürten Schützenzeichen und einem
vorschriftswidrigen Flitterstern auf dem feuerroten Kragen! Er kam in
den Saal und musterte die Paare kritischen Blickes. Dann wählte er sich
ein Mädel zum Tanz, ein Mädel, dem die Stammgäste prophezeiten, daß es
gar bald von der blonden Jarmila den von allen angestrebten Titel
„Hvězda Klamovky“, des Sterns des Clamschen Gartens, erben werde. Er
tanzte, tanzte wieder, und der junge Monteur, der bis zur Stunde der
Liebhaber der Kleinen gewesen war, der tanzte nicht. Der saß in dem
Saalteile, der durch Säulen vom Tanzsaale geschieden und für die
Biertische reserviert war. Als es 8 Uhr und gerade eine Tanzpause war,
ging er zu dem Mädel, das mit dem goldstrotzenden Galan promenierte.
„Komm’ nach Hause, Božena.“
„Ich will nicht.“
„Ich muß doch um 9 Uhr im Elektrizitätswerk sein. Sonst wirft man mich
hinaus.“
„Dann wird man dich eben hinauswerfen.“
„Du weißt doch, daß mein Vater beim Bürgermeister war, damit ich die
Stelle bekomme.“
„Ich halte dich nicht. Du kannst ja gehen.“
Den letzten Satz sprach sie schon davontanzend, denn die Musik hatte das
tschechische Volkslied begonnen, das an zwei blaue Augen die Frage
richtet, warum sie voll Tränen seien. Der Monteur empfindet das
Schmerzliche des letzten Satzes doppelt schmerzlich, weil es im Arme des
anderen gesagt worden ist. Er fühlt, daß das Mädel, indem sie ihn
abwies, dem anderen eine Liebeserklärung gemacht hat. Fühlt, daß sich
jetzt die zwei fester aneinander schmiegen und vielleicht über ihn, den
heimgeschickten Dritten lächeln. Der Bursch geht zu seinem Platz zurück
und ist blaß.
Allein fortgehen kann er nicht, trotzdem die Božena das behauptet
hat. Sonst geht das Mädel mit dem Kanonier nach Hause, und dann lächeln
die zwei nicht mehr, sondern sie lachen. Noch mehr Leute, die Stammgäste
der „Klamovka“ würden alle lachen über „křen“, den Wurzen, der ein
Mädel zum Tanz führt, damit dieses mit einem anderen nach Hause gehen
könne. So bleibt der junge Monteur sitzen bis 9 Uhr (die Stunde, zu der
er bei der Kontrolluhr im Elektrizitätswerk sein soll) längst vorbei
ist. Er sitzt blaß beim Bier und möchte sichs nicht anmerken lassen, wie
sehr ihm die Musik in das Herz schneidet, die seinem Mädel zum Tanz mit
einem anderen aufspielt. So wiederholt er sich die Worte, die ihm ein
Freund im Vorbeigehen tröstend zugerufen: „Was liegt an einem Mädel!“
Spät abend geht er mit der Božka nach Hause. Er weiß gar wohl, daß
sie sich für morgen ein Stelldichein mit dem Freiwilligen verabredet
hat, er weiß gar wohl, daß jetzt alles aus ist. Er hat aber wenigstens
die Blamage verhütet, er begleitet wenigstens das Mädel nach Hause, mit
dem er gekommen war. Mag es ihn immerhin seine Stellung gekostet haben!
Es war zum letztenmale, daß er mit Božka heimging. Es war zum
letztenmale, daß er auf der „Klamovka“ getanzt hat. Auch wenn das breite
Gittertor nicht verschlossen wäre, würde er nicht mehr hingehen. Er
verkehrt jetzt in anderen Lokalen. Fast täglich mit einem anderen Mädel.
Und wenn jetzt jemand seine Begleiterin verlangend mustert, dann muntert
er sie noch auf, den Blick zu erwidern. Er hat auch gar nichts dagegen,
wenn sie jetzt mit jemandem den ganzen Abend tanzt, ja selbst wenn sie
dann mit dem anderen nach Hause geht. Er fürchtet nicht mehr, als
„křen“ zu gelten. Er will nur Geld haben. „Was liegt an einem Mädel!“
Das Wort, mit dem er sich damals zu trösten versuchte, ist seine
Lebensmaxime geworden ...
Eine Pointe hat die Geschichte nicht. Es sei denn, man wollte es
vielleicht als Pointe ansehen, daß an manchen Abenden auch die Božka
(die ginge übrigens heute auch nicht mehr auf die „Klamovka“) zu seiner
Klientel zählt. Der Artillerie-Freiwillige tanzt aber schon lange nicht
mehr mit ihr.
Das war so einer von den kleinen Romanen, die im Clamschen Garten
begonnen haben. Sie stehen nirgends verzeichnet und jeder der Besucher
kannte nur einen solchen Roman. Und wenn man die Sehenswürdigkeit des
Gartens zeigt, so weist man auf das „Himmelchen“, einen runden,
entzückenden Kapellenbau, durch dessen sternförmige Öffnungen in der
Wölbung das Himmelslicht strahlt, so zeigt man den hübschen Eselsstall,
so zeigt man den aus Stein gemeißelten Pferdetrog, der auf einem mit
einem steinernen Zaumzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal für
des Grafen Clam-Gallas Schlachtroß „Cassil“ darstellt, so zeigt man den
Platz, auf dem Prinz Wilhelm von Auersperg an einem Maitage vor
vierunddreißig Jahren im Duell sein Leben ließ. Aber man zeigt nicht die
Sträucher, in denen mancher junge Mensch seinen Liebesgram ausgeweint
hat, man zeigt nicht die Stelle, von der aus der blasse Monteur seinem
davontanzenden Liebesglück nachblickte.