[63] Sollte es nicht vielleicht die Furcht gewesen sein, daß die
Beamten sein Treiben in den Bergen von Daffina verrieten?
Am Morgen des Verhandlungstages befand ich mich mit den anderen Soldaten
auf dem Hof, als der Wachtmeister aus Tropea erschien. Er sah mich und
die Soldaten durchdringend an, ging dann auf den Abtritt und sah uns
wieder an.
Man führte mich in das Gerichtsgebäude, das neben dem Gefängnis lag; ich
nahm auf der Anklagebank Platz, der Staatsanwalt, in seine große
schwarze Toga gekleidet, sah mich an und ein spöttisches Lächeln
umspielte seine krummen Lippen.
Die Richter nahmen ihre Plätze ein; der Vorsitzende war der Oberst vom
8. Infanterie-Regiment; mein Verteidiger sah mich mit thränenfeuchtem
Blick an.
Der Präsident sagte:
»Stehen Sie auf, M... und sagen Sie uns, weshalb Sie der Aufforderung,
zum Regiment zurückzukehren, nicht Folge geleistet haben.«
»Erlauchter Herr Präsident, mein gnädiger Herr Richter! Sie haben einen
unglücklichen Menschen vor sich, der vierzehn lange Jahre hindurch vom
Geschick grausam verfolgt worden ist, vierzehn entsetzliche Jahre lang
hat meine Seele keine Ruhe gefunden; beim Zivil bin ich zu sechs Jahren
Gefängnis verurteilt, die ich in düsteren Kerkermauern unter schwersten
Entbehrungen verbracht habe -- als Soldat bin ich in Florenz aus
nichtigen Gründen zu drei Jahren Arrest verurteilt, und in dem
Pandämonium zu Savona habe ich sie abgebüßt und mein Leben dadurch um
zwanzig Jahre verkürzt.
In Salerno wurde ich unschuldig verurteilt, unschuldig in Gott, wegen
der Schändlichkeit eines Korporals und der Blindheit der Richter, und
unschuldig, ja unschuldig, meine Herren, sperrt man mich ein langes Jahr
in eine entsetzliche Festung.
Der ehrenwerte Herr Staatsanwalt weiß, daß ich die Wahrheit sage, er
kann es bezeugen, daß ich unschuldig war, er hat selbst die Verurteilung
des Korporals Alfonso S... beantragt, wegen Verleumdung und falscher
Aussage wider mich. Der Herr Staatsanwalt kennt meine schmerzensreichen
Abenteuer; er war bei allen meinen Verurteilungen zugegen, und ich habe
wie ein wrackes Schiff, das den schäumenden Wogen überlassen ist,
titanenhaft kämpfen müssen, um nicht unterzugehen. Was wollen Sie jetzt
noch, weshalb verfolgt mich die unerbittliche Schärfe des Gesetzes?
Wollen Sie mein erbärmliches Leben?
Nehmen Sie es, meine Herren, nehmen Sie es hin; ich gebe es Ihnen,
nehmen Sie mich ganz, diesen Haufen von Knochen, an dem das Unglück sein
Werk gethan, die Seele, die ...«
»Genug, M..., genug! Beruhigen Sie sich, wir sind nicht von Stein«,
unterbrach mich der Präsident gerührt.
Meine glühenden Worte hatten Bresche gelegt in den Herzen der Richter,
das zahlreich anwesende Publikum weinte, mein Spiel war gewonnen.
Meine Vorstrafen wurden verlesen, aber mehr als alles schmerzte mich das
Führungszeugnis, das mir der Hauptmann, Alessandro Ter... ausstellte.
+Er sei verflucht!+
Der Wachtmeister der Karabinieri wurde aufgerufen und gefragt:
»Kennen Sie den Soldaten M...?«
»Ja, Herr Präsident.«
»Wissen Sie, weshalb er desertierte?«
»Meines Erachtens, Herr Präsident, ist M... kein Deserteur.«
»Wieso?«
»Weil er von seiner Vaterstadt bis nach Catanzaro sechs Tage gebraucht
hat.«
»Wie? Sechs Tage?« rief der Präsident aus, »und er sagt selbst, daß er
drei Tage gebraucht hat.«
»Wenn er die Eisenbahn benutzt hätte, aber diese Linie soll erst gebaut
werden.«
Er steckte die Hand in die Tasche seines Rockes und holte ein Blatt
heraus, das er dem Präsidenten mit den Worten reichte:
»Hier ist meine Reiseroute, ich habe sechs Etappen von Tropea nach
Catanzaro markiert.«
Der Präsident sah die Karte an, dann wandte er sich an mich und sagte:
»M..., erinnern Sie sich, wieviel Tage Sie gebraucht haben?«
»Genau nicht.«
»Dann sagen Sie das, und sagen Sie nicht, daß Sie drei Tage gebraucht
haben.«
Damit wurde die Anklage wegen Desertion hinfällig. Der Präsident sagte
noch, wie meine soziale Stellung in meiner Heimat sei, was für eine
Meinung er von mir habe und der Ehrenmann sagte:
»Seine Landsleute beklagen ihn und nennen ihn einen Unglücklichen, vom
Schicksal nur zu sehr Heimgesuchten!«
+Gott segne ihn!+
Der Staatsanwalt sprach bewegliche Worte zu meinen Gunsten, weil er die
Ungerechtigkeit, die er mir vor dem Kriegsgericht zu Palermo angethan
hatte, wieder gutmachen wollte, und er schloß damit, daß er seine
Anklage nicht aufrecht erhalten könne.
Mein Anwalt sagte bewegt:
»Es ist unnötig, daß ich spreche; mein Client hat unsere Herzen gerührt
und ich empfehle ihn Ihrer Güte und Gnade.«
Der Gerichtshof zog sich zurück, der Staatsanwalt näherte sich der
Schranke der Anklagebank und sagte:
»Heute verdienen Sie das Jahr von Palermo.«
»Das Jahr ist verloren.«
»Sie werden freigesprochen werden.«
»Ich habe nichts verbrochen.«
»Nehmen Sie sich in Zukunft in Acht.«
»Wohl möglich!«
Der Gerichtshof trat wieder ein, ringsum herrschte das größte Schweigen;
meine Freisprechung wurde durch den Mund des Präsidenten verkündet.
Laute Hoch- und Bravorufe ertönten aus dem Publikum, ich sprang über die
Schranken, eilte auf meinen Verteidiger zu und gab ihm einen lauten
glühenden Kuß auf die Hand, und hätten die Umstände es erlaubt, so hätte
ich dasselbe dem edlen Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea, dem Herrn
+Luigi Scr...+ gethan; die Hochrufe und das Beifallklatschen ertönten
von neuem, und so schloß das rührende Schauspiel.
Ein Jahr.
Ich kam zur Kompagnie zurück, meine Unglücksgefährten umarmten mich,
aber der Kommandant schmähte mich heftig und sagte:
»Haben Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... vergessen?«
+Er sei tausend Mal verflucht!+
Ein Befehl der Strafabteilung im Kriegsministerium verurteilte mich zu
der harten Strafe von sechzig Tagen Wasser und Brot in Ketten.
Ich mußte mich fügen, man schloß mich in eine dunkle Zelle und legte mir
schwere Ketten um die Hand-und Fußgelenke, ich glaube keine Feder und
keine Phantasie vermag meinen Zustand zu schildern und ich überlasse es
dem gütigen Leser, je nach seiner Einbildungskraft sich eine Vorstellung
davon zu machen. Wiederholt wurde ich krank, und der Stabsarzt, ein
Landsmann von mir, sagte:
»Es ist nichts, trinken Sie ein Glas Meerwasser, der Sergeant wird
aufpassen, daß es geschieht, und es wird Ihnen gut bekommen« -- aber
Gott, der allgerechte Richter vergalt ihm diese Schändlichkeit nach
seinem eigenen Rezept.
Es war im Monat Juli des Jahres 1881, der schändliche Stabsarzt begab
sich an die Seeküste, um seine verfluchte Seele zu erfrischen; zwei
Fährleute, die mit ihrem Boot in der Nähe waren, fragten, ob sie ihn
begleiten sollten, wenn er hinausschwimmen wolle, er lehnte es ab, die
Schiffer zogen sich in eine Strohhütte zurück und schliefen ein.
Es war gegen Mittag, der Lieutenant zog sich aus, setzte sich einen
großen Strohhut auf und glitt über das Wasser; die Schiffer wachten auf
und sahen den Strohhut auf dem Wasser, sie dachten, der Lieutenant muß
viel Hitze haben, denn es dauerte eine Stunde und er kam nicht heraus;
endlich fahren sie mit ihrem Boot an den Strohhut heran, der aber
hinwegtrieb; einer streckt nun die Hand aus und ergreift den Hut -- der
Lieutenant war verschwunden. Die Schiffer begaben sich nach dem Kasino
und erzählten den Vorfall.
Alle Soldaten, Offiziere, Chargierten begaben sich nach der Küste und
stellten sich am Ufer auf, und warteten, ob der Lieutenant den Wogen
entsteigen wird, wie einst Venus dem Meeresschaum. Fünf Tage und fünf
Nächte dauerte das, der Kommandant fuhr nach Venedig und hielt Vortrag,
darauf wurde die ganze Bucht mit Schiffen aller Art nach dem elenden
kleinen Lieutenant abgesucht und endlich am siebenten Tage wurde er zehn
Kilometer von der Küste aufgefischt -- unförmig, ein ekler Haufen, ohne
Augen.
Er wurde auf dem Lido begraben; als die Soldaten an seinem Grab
vorbeigingen, spuckte jeder aus und sandte ihm einen Fluch in die
geweihte Erde nach, dem Stabsarzt Ger..., der Seewasser zu verschreiben
liebte.
+Er sei verflucht!+
Mein Arrest ging zu Ende, meine Kameraden nahmen mich unter die Arme und
schafften mich nach dem Lazarett in Venedig, ich litt am Skorbut -- zwei
Monate lang blieb ich dort.
Kaum war ich wieder in der Kompagnie, als der Oberst mich zu zwanzig
Tagen Arrest bei Wasser und Brot verurteilte, aber der Hauptmann Ter...
behielt mich dreißig Tage in Arrest, damit ich mich stets an ihn
erinnere, den charmanten Hahnrei Alessandro Ter...
+Er sei verflucht!+
Ich fügte mich und ging in Arrest, sogleich kam der Hauptmann, schimpfte
und schmähte mich und sagte hohnlachend:
»Sie leben hier wie ein Fürst, Sie werden dick und fett wie ein Schwein,
ich werde darüber nachdenken, wie ich Sie hier immer behalten kann.«
Soll ich die Quälereien erzählen, die er mich erdulden ließ? So hört!
Als ich eines Nachts auf Wache stand, nähert sich eine Gestalt, die
Laternen verlöschen, ein heftiger Sturm schien die Kaserne in ihren
Grundfesten erschüttern zu wollen.
»Wer da?« rufe ich.
»Ronde!« antwortet die Gestalt.
»Sie dürfen nicht näher kommen, ich muß Sie erst dem dienstthuenden
Offizier melden.«
»Schweigen Sie, ich bin es, ich kann passieren.«
»Ich kenne Sie nicht, zurück!«
Er ging, am andern Morgen wurde ich zu dreißig Tagen Wasser und Brot
verurteilt.
Warum?
Weil ich meine Pflicht gethan hatte.
Wer war die Gestalt?
Der Hauptmann Alessandro Ter...
+Er sei tausend Mal verflucht!+
+Weiter!+
Eines Tages war ich in der Kaserne konsigniert, ich wußte es nicht, ich
ging aus und als ich zurückkam, sagt mir ein Sergeant:
»Sie kommen in Arrest.«
Ich war zu zwanzig Tagen bei Wasser und Brot verurteilt, auf Befehl des
Hauptmanns Alessandro Ter...
+Er sei tausend Mal verflucht!+
+Weiter!+
Eines Sonntags war Inspektion, wir standen paarweise auf dem Hof, auf
Kommando mußten die Tornister heruntergenommen werden, und der Hauptmann
durchsuchte alles auf das genaueste.
Als der Schinder mir gegenüber stand, nahm er mir die Mütze ab, um zu
sehen, ob das Futter sauber war, dann ließ er mich die Ärmel
zurückschlagen und der Teufel wollte, daß die Naht des Futters ein wenig
aufgetrennt war.
»Weshalb ist das nicht genäht?« sagte er.
»Ich habe es nicht gesehen, Herr Hauptmann.«
»Faule Ausreden; ich werde dafür sorgen, daß Sie es sehen, und Sie
werden mir dankbar sein. Sergeant,« sagte er, sich an einen Chargierten
wendend, »führen Sie ihn in Arrest, dort werden seine Augen schärfer.«
Er verurteilte mich zu vierzehn Tagen bei Wasser und Brod, und täglich
kam er in meine Zelle und sagte:
»Wie es scheint, Sie sehen schon besser, bin ich nicht ein guter
Augenarzt! Wenn Sie einmal wieder nicht sehen können, dann wenden Sie
sich an Ihren Hauptmann Alessandro Ter...«
+Er sei tausend Mal verflucht!+
+Weiter!+
Eines Morgens werde ich krank, ich hatte Fieber und der Arzt verschrieb
mir etwas und ordnete zwei Tage Ruhe an.
Der Hauptmann hob diese Anordnung auf und schickte mich fünfundzwanzig
Tage in Arrest bei Wasser und Brot, indem er sagte, ich hätte das Fieber
selbst herbeigeführt, um vom Dienst dispensiert zu werden.
Er besuchte mich im Arrest und sagte:
»Statt der zwei Tage Ruhe, habe ich Ihnen fünfundzwanzig bewilligt, ich
hoffe Sie werden mir dankbar sein.«
+Er sei tausend Mal verflucht!+
Ich würde nie fertig werden, wenn ich alle die ungerechten, grausamen
Sachen aufzählen wollte, die mir der verfluchte Schinder, der +große
Hahnrei Hauptmann Alessandro Ter...+ und seine schändlichen Trabanten
auferlegt haben.
+Sie seien tausend Mal verflucht!+
Schluß.
Nach sovielen Jahren der Leiden und nachdem ich so lange titanisch
gekämpft hatte, wurde ich verabschiedet, und an dem Tage, wo ich für
immer die elende Behausung verlassen sollte, die mich gefangen hielt, da
weitete sich mein Herz; an dem Tage, da ich die eiserne Disziplin
abstreifte und das elende Leben ein Ende hatte, wo ich in stiller
Ergebung die Bedrückung der Vorgesetzten hatte ertragen müssen -- in
jener Stunde des Jubels, in jenem Augenblick, wo ich die Unglücklichen,
die Kranken und Schmachtenden verlassen mußte, da wieder schnürte sich
meine Brust zusammen, ein Schluchzen entrang sich meinem Munde, ich
umarmte meine Leidensgefährten zum letzten Mal und ging von dannen, ohne
den heißen Strom meiner Thränen zurückhalten zu können.
Zwei Empfindungen kämpften in mir; der Schmerz, die Unglücklichen
verlassen zu müssen und die Sehnsucht, meine Angehörigen wieder zu
umarmen.
Ich sollte die Scholle wieder sehen, wo ich als Kind mit meinen
Altersgenossen gespielt hatte, und ein leuchtender Stern ging mir auf,
die Erfüllung lang gehegter Hoffnungen verkündend. +Lebe wohl, Lido!
Lebewohl, du fruchtbare Küste der Königin der Meere.+ Du allein kennst
all die Unthaten, die uns heimgesucht, dir allein, dem Pandämonium der
Schande und Schmach sende ich meinen letzten Gruß, der deinen Opfern
Trost bringen möge!
O +Serraglio+ (die Kaserne der ersten Strafkompagnie), wo ich meinen
Namen in Blut niedergeschrieben habe, ich grüße Dich! Möge in deine
düstern Höhlen, wo das Eisen des Despotismus die Fäden des Lebens im
Frühling der Jahre und in der Blüte jugendlicher Hoffnungen
zerschneidet, eines Tages auch der Ruf der Freiheit denen ertönen, die
unter der Schändlichkeit dulden!
Lebt wohl, ihr belaubten Haine, die ihr gegrünt habt und verwelkt seid
wie meine Schmerzen, lebt wohl ihr Felder, die ich mit meinen Thränen
betaute.
Leb' wohl, du trübe Woge der Adria; wie oft hast du im schäumenden
Strudel deiner ewigen Fluten meine Thränen, das Echo meiner Leiden,
hinabgezogen! Ich grüße dich, unseliges Gestade!... Und wenn mir eine
Erinnerung in die Seele geprägt ist, so wird es die von der Qual sein,
welche ich erlitt unter der drückenden Herrschaft der Tyrannen und der
blutdürstigen Hyäne, des Hauptmanns Alessandro Ter... --
+Er sei tausend Mal verflucht!+ --
Unter der Herrschaft eines Despoten, der Italiens Volk knechtet, daß die
blumige Erde rot von Blut und feuchten Thränen wird, jene Erde, welche
die Wiege der Künste und Wissenschaften sein sollte, die immer wieder
unter dem Zepter der Gemeinen gebeugt und dem Gelüst nach feilem Ruhme
geopfert wurde.